TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja

Fruchtschale mit Humorwurst

Nach den ersten beiden Autoren des heutigen Tages habe ich mich wieder nach gestern gesehnt. Spielte Spinnen mit dem Gedanken der Publikumsbesänftigung als er Zè do Rock einlud? Der Münchner aus Brasilien mit deutsch-litauischen Wurzeln präsentierte sich bereits im Video als Comedian, der von bürgerlichen Ponyfrisurenträgerinnen aus der bayrischen Provinz fröhlich beklatscht wurde. Auch das Saalpublikum ließ sich hinreißen, wahrscheinlich gab es Freibier. Bei mir stellte sich weder Interesse noch Lachlust ein, das empfohlene Mitlesen vergrößerte nur die Verständnisprobleme. Ich frage mich,die Jury auf einen Text eines deutschen Atzes reagiert hätte? Hier war nichts anderes als politisch korrekte Mildheit und Verständnis zu erwarten.

Keller offenbarte das Offensichtliche, daß der Autor sich natürlich nicht nur sprachlich dümmer stelle als er sei und sicher super Hochdeutsch spreche. (Auch Cindy oder Atze laufen nicht immer rosa und mit Perücke herum, auch sie sind Kunstfiguren.) Frau Keller dachte aber an Kerkeling. War der etwa mit einem Kapitel seiner Pilgerschnurre bei Bachmann? Als synkretistischen Schwank schätzte Winkels die Chose ein, sie habe ihn allerdings nach einer halben Stunde erschöpft. Die eigenwillige Rechtschreibung der Suada würde Strigl gerne einer sprachwissenschaftlichen Betrachtung unterziehen. Hingegen bekam Feßmann schon vom Lesen Halsschmerzen trotzdem habe sie sich auf den Vortrag des wunderbar anarchischen Durcheinanders gefreut. Eine Satire im ursprünglichen Wortsinne sei es, also eine Satura, eine Fruchtschale, zu diesem Vergleich steigerte sich Steiner, und bekannte sich zu seinem sprachlichen Minderwertigkeitskomplex. Ist das Fishing for Compliments, übertrieben politisch korrekt oder meinte er es tatsächlich ernst? Weder Schweizerdeutsch noch das Österreichische haben irgendetwas mit dieser „Sprache“ zu tun. Dazu fällt mir noch Feridun Zaimoglu ein mit seiner Kanak Sprak, aber das ist inhaltlich auf einer anderen Ebene. Zaimoglu war schon mal bei Bachmann. Steiner vergleicht Zè do Rock sogar mit Hugo Ball. Wenigstens kann der dies nicht hören. Feßmann erwiderte, Ball sei ein Poet gewesen und habe deshalb die kurze Form bevorzugt. Der lange Vortrag hatte wohl doch ihren Ohren zugesetzt. Die von den Vorrednern gelobte anarchische Fülle wies Winkels zurück. Er bezeichnete das Gehörte als einfachen Humor voller Klischees. Und auch Jandl nannte es ein Humorstück, aus dem man sich, wie bei der Wurst, ein beliebiges Stück heraus schneiden könne. Er warnte davor, den Inhalt hoch zu interpretieren und entschuldigte sich ironisch für seine Humorlosigkeit. Im erstarrten Lachpublikum fand sich immerhin ein Klatscher. Spinnen dozierte über die Kluft zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit und evozierte halbtolerante Agnostiker im religiösen Tollhaus. Daniela Strigl stellte der Jury die Grundsatzfrage. „Was ist Literatur?“ Sie toleriere Kunstsprachen, wie die von Wolf Haas, mahnte aber, darunter solle man nicht gehen.

Blumenschürzenhölle mit Nasenwarzen

Die nächste Autorin, Cordula Simon, wurde von Daniela Strigl eingeladen. Sie stammt aus Graz, lebt und studiert aber in Odessa. Einer Stadt, so das Video, der Hunde, Stromausfälle und Wasserknappheit. Sie las unter dem Titel „Ostrov Mogila“ einen Auszug aus ihrem zweiten Roman, den sie vor der Lesung als bereits erschienen anpries. Ihre osteuropäische Märchenwelt mit Müttern, Groß- und Urgroßmüttern, voller Magie und Wölfen, und einem Lastwagen, der nie kommt, wird nicht mein Eskapismusziel. Auffällig im Vortrag war ein oft und übertrieben ausgestoßenes „Hachja“.

Auch Feßmann wurde nicht überzeugt von diesem gefakten Märchen, in dem alles böse und magisch sei. Die folkloristische Story erinnere sie in guten Momenten an Agota Kristof, sonst sei sie einfach Kitsch. Jandl monierte die Vortragsweise und fragte sich, ob noch jemand aus diesem Wald herausfinde. Winkels bewertete den Text als Bizarrerie. Steiner fühlte sich an Sofie Oksanen erinnert, es sei spannend wie die Protagonistin zur Schuld konditioniert werde. Strigl klärte auf, die Figur setze sich gegen das magische Denken zur Wehr, wie versuche zu fliehen, was ihr aber wohl nie gelingen werde. Sie verwies auf Freud, auf die Regression und prägte den schönen Begriff „Blumenschürzenhölle“. Spinnen und Keller waren nicht vom Text überzeugt. Das Schlusswort blieb bei Jandl, der behaarte Nasenwarzen wachsen sah.

Die Unmöglichkeit von Nähe

Heinz Helle kam ebenfalls auf Einladung von Daniela Strigl nach Klagenfurt. Seine Paargeschichte „Wir sind schön“ widmet sich der Unmöglichkeit von Nähe. Mich hat dieser Text bisher am stärksten beeindruckt. Unaufgeregt stellt er die existentielle Frage nach dem Gelingen von Beziehung. Sprache und Stil sind knapp, dennoch kunstfertig und in ihrem Minimalismus sehr ausdrucksstark. Dies würdigte Keller als reduzierte, fließende Kunstsprache während Winkels sich an den selbstreferentiellen Kommentaren der Figur störte. Text über einen morganatischen Fußballfan, waren Jandls Worte, den die Stimmung sehr anzog. Die wunderbaren Sätze und die gelungene Sprache überzeugten ihn. Feßmann charakterisierte den Protagonisten als unentschlossenen Mann, der seinen Platz suche. Auch Steiner empfand das Unvermögen zum guten Leben. Dies sei ein sehr intelligenter Text über Lieblosigkeit, so Spinnen, zudem gesellschaftskritisch. Das Politische erkannte auch Strigl, der Text beschreibe den Fluch des Individualismus im Massenzeitalter. Die Selbstkommentare illustrieren die Suche des Protagonisten nach Erklärungen. Die Sprache des Textes zeige sehr gelungen die gestörte Kommunikation in dieser Beziehung, bisweilen erinnere sie an die Sprache der Paartherapie. Winkels schließt ab mit der Bitte nicht zu stark zu psychologisieren, sondern beim Text zu bleiben.

Flötenkünstler

Philip Schönthaler spricht in seinem Videoporträt über seine Schreibmotivation und über Prägungen, denen der Mensch in der modernen Konsumwelt ausgesetzt ist. In „Ein Lied in allen Dingen“ porträtiert er einen jungen Star-Flötisten, der als Event vermarktet wird. Ähnlichkeiten mit David Garrett sind offensichtlich.

Dies erkannte auch die Jury. Dies sei die Geschichte eines Mannes, der zwischen Kunst und Kommerz zu verschwinden drohe, konstatierte Strigl. Die Feier des Technischen betone, daß der Protagonist nicht Herr seiner Entscheidungen sei. Das Ende gefiel ihr, es bliebe offen, ob ein Unfall oder ein Selbstmord geschehe. Allerdings irritierte sie, daß der Erzähler zuviel über den Protagonisten wisse. Eine postmoderne Künstlernovelle und die Nachbildung von David Garrett erkannte Feßmann, eine Aussage des Textes jedoch nicht. Jandl fand kein Gefallen daran. Ironisch suchte er die ästhetische Funktion der Langeweile und verweis auf sachliche Fehler. Ganz im Gegensatz dazu sprach Keller vom gelehrten Autor, ihr haben gerade die kleinen Exkurse gut gefallen. Auch formal sei die Geschichte stimmig. Als Hinrichtung eines missbrauchten Künstlers hat Steiner den Text gelesen, das Flötensolo in der Zugtoilette sei sozusagen die Henkersmahlzeit. Spinnen bezweifelte den Tod des Musikers, was eine breite Debatte nach sich zog.

Babuschkas Schildkröte

Als letzte Autorin des Tages las Katja Petrowskaja. Gebürtig in Kiew lebt sie heute in Berlin. Die Autorin wurde von Hildegard E. Keller eingeladen.

Ihre Geschichte „Vielleicht Esther“ erzählt vom Einmarsch der Deutschen Armee 1941 in Kiew und der Flucht der jüdischen Bevölkerung. Hauptperson ist die zurückgelassene Urgroßmutter und deren imaginiertes Schicksal. Petrowskaja nutzt Verweise der antiken Literatur, den Achillmythos der Ilias und das Schildkrötenparadox des Zenon, und schafft symbolaufgeladene Szenen.

Nach kurzem Lob Feßmanns, kritisierte Jandl, daß die oft allzu malerisch geschilderten Szenen nicht miteinander verbunden seien. Winkels hingegen fand die historische Geschichte sehr schön mit den poetologischen Motiven verknüpft. Dies sei der Autorin mit großer Leichtigkeit gelungen. Strigl bezeichnete die Passage mit dem Ficus als logisch falsch, aber poetisch stimmig. Die Bewegung der Babuschka auf den Tod zu sei sehr geglückt. Spinnen dozierte über die Auswirkungen des Weltkrieges, und die Aneignung von Geschichte durch die Nachgeborenen. Es sei ein sehr intelligenter Text. Keller freute sich über das Lob für ihre Autorin. Dem einzigen Kritiker teilte sie mit, daß der Text keineswegs aus Einzelteilen bestände, sondern die Elemente der Erzählgeschichte der Menschheit, Zenon, Sokrates, Babuschka, aufwerfe. Sie lobte die literarische Leichtigkeit. Darin stimmt Jandl ihr zwar zu, er störte sich dennoch an der erfundenen, erschossenen jüdischen Großmutter, was großen Widerspruch bei den anderen Jurymitgliedern auslöste. Nach einer längeren Debatte führte Strigl wieder zum eigentlichen Gegenstand, das Historische solle man beiseite lassen und den Text als solchen betrachten. Als ihrer Meinung nach herausragenden Satz zitierte sie: „…ich begriff, dass jeder eine Blöße haben muss, die Ferse, die Seele, der Tod,…“.

Vortrag wie die Diskussion endeten mit frenetischem Applaus des Publikums und einem einzelnen Bravorufer. Petrowskaja scheint sehr gute Chancen auf den Bachmannpreis zu haben.

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2 Responses to TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja

  1. Bernd Klavius sagt:

    Zitat: „Kel­ler offen­barte das Offen­sicht­li­che, daß der Autor sich natür­lich nicht nur sprach­lich düm­mer stelle als er sei und sicher super Hoch­deutsch spre­che. “

    Darin offenbart sich die ganze Peinlichkeit dieses Auftritts.

    Wer Zé do Rock kennt, weiß, dass er sich nicht dümmer stellt als er ist. Er ist nicht dumm, hat diesen „Dialekt“ aber erfunden, weil ihm richtiges Deutsch zu kompliziert ist. Auch nach mehr als 20 Jahren in Germania kann er keinen deutschen Text schreiben. Das tut seinem Humor keinen Abbruch, im Gegenteil, er lebt davon. Rätselhaft bleibt, wie Tage der deutschsprachigen Literatur davon profitieren könnten.

    Die einzige Erklärung – so sprachlich unbegabt wie er tut, kann er gar nicht sein, sonst säße er doch gar nicht hier – trifft es leider nicht.

    Einen reifen Witzeerzähler wie einen Zirkusbären durch eine Arena mit jugen Intellektuellen zu zerren, hat etwas Erniedrigendes. Für den Autor wie für den Bachmann Preis.

    • Atalante sagt:

      Mir war dieser „reife Witzeerzähler“ bisher unbekannt. Frau Keller vielleicht auch? So bin ich tatsächlich davon ausgegangen, daß er für seine Texte eine Kunstsprache kreiert hat. Also danke für den klärenden Kommentar.
      Einen Einwand hätte ich allerdings. Der Zirkusbär wird vielleicht durch die Arena gezerrt. Zè do Rock kam jedoch freiwillig. Er hat vielen gefallen und eine gute Chance auf den Publikumspreis.

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