TDDL 2013 – Hannah Dübgen, Roman Ehrlich, Benjamin Maack, Nikola Anna Mehlhorn

Pathos-Prosa

Die Dra­ma­ti­ke­rin Han­nah Düb­gen kam auf Ein­la­dung von Ju­ri Stei­ner nach Kla­gen­furt. In ih­rem Vi­deo gab sie ers­te Hin­wei­se auf ih­ren Text. Sie sucht un­ge­wohn­te Zu­gän­ge zum Ge­wohn­ten. Ihr be­vor­zug­tes The­ma sind Men­schen und Schick­sa­le, die ihr fremd sind. So in­ter­es­siert sie be­son­ders, wie Blin­de die Welt wahr­neh­men.

Die­ser An­kün­di­gung folg­te der Text „Schat­ten­li­der“. Er schil­dert die in­ne­re Kon­flik­te der Mut­ter ei­nes blind ge­bo­re­nen Kin­des und der Um­gang der Fa­mi­lie mit dem Ver­hal­ten der An­de­ren. In er­wart­ba­ren, kli­schee­haf­ten Sze­nen zeigt sich viel Be­trof­fen­heit. Der Text setzt mit dem Schock der Mut­ter ein als die Fehl­bil­dung ei­nen Tag nach der Ge­burt wie zu­fäl­lig ent­deckt wird. Die­ser sach­li­che Feh­ler, je­der Ge­burts­hel­fer wür­de wohl so­fort er­ken­nen, was dem Neu­ge­bo­re­nen fehlt, hat mich ge­stört. Ein un­zu­läs­si­ger Ver­such das Pa­thos ei­ner grie­chi­sche Tra­gö­die zu er­zeu­gen.

Hu­bert Win­kels woll­te den Ap­plaus des Pu­bli­kums nicht fort­set­zen. Der Text sei nicht ge­lun­gen und man­che Me­ta­pher zu­dem feh­ler­haft. Die­sen Ein­druck be­stä­tig­te Mei­ke Feß­mann. Po­si­tiv be­ur­teil­te sie die ho­he Sen­si­bi­li­tät, die al­ler­dings ab­gra­send aus­fal­le. Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler war ge­rührt, wäh­rend für Da­nie­la Strigl die Gren­ze über­schrit­ten wur­de. Mei­ner Mei­nung tref­fend stell­te Spin­nen fest, daß die Wirk­lich­keit für den Text zu­ge­rich­tet wur­de. Es sei ein­fach un­mög­lich, daß bei ei­nem Neu­ge­bo­re­nen das Feh­len der Aug­äp­fel über­se­hen wer­de. Der Text schil­de­re ei­ne mo­der­ne Idyl­le, in der die Ka­ta­stro­phen wie in ei­nem Park ab­ge­schrit­ten wer­den. Paul Jandl blieb un­ent­schie­den, wie er die­sen Text über ei­ne exis­ten­ti­el­le Si­tua­ti­on be­ur­tei­len sol­le. Ju­ri Stei­ner hin­ge­gen fand die Ge­scheh­nis­se sehr au­then­tisch. Er schil­der­te wie er die­sen Text aus über 200 Ein­sen­dun­gen aus­wähl­te, weil er ihn be­trof­fen mach­te und an­ge­rührt ha­be.

Gott im Elektromarkt

Ro­man Ehr­lich als zwei­ter Au­tor des Vor­mit­tags ei­nen Aus­zug aus sei­nem Ro­man „Das kal­te Jahr“, der be­reits am Diens­tag bei Du­mont er­schei­nen wird. Er ist der Kan­di­dat von Paul Jandl.

In sei­ner Dys­to­pie schil­dert Ehr­lich ei­ne er­kal­te­te Welt. Ih­re Be­woh­ner kämp­fen mit Schnee­mas­sen und käl­ter wer­den­den Tem­pe­ra­tu­ren. Die Ur­sa­che für die­se Ka­ta­stro­phe ist un­klar. Ri­chard, das an­schei­nend ein­zi­ge Kind in die­ser apo­ka­lyp­ti­schen Ge­sell­schaft, lebt mit dem Er­zäh­ler in des­sen El­tern­haus und bas­telt ei­ne Bom­be.

Feß­mann re­agier­te rat­los, sie er­ken­ne zwar die Dys­to­pie, aber nicht wor­auf sie hin­aus­lau­fe. An Leif Randts „Schim­mern­der Dunst über Co­by Coun­try“ fühl­te sich Win­kels er­in­nert. Doch dies­mal han­de­le es sich um ei­ne dunk­le, düs­te­re Dys­to­pie, die ge­schickt und klug sei und ihn über­zeu­ge. Auch Strigl ge­fiel die an­ge­neh­me Apo­ka­lyp­se mit Bom­ben­bau, in der sich et­was zu­sam­men­braue. Kel­ler er­kann­te den Vul­kan­aus­bruch als Me­ta­pher für den gan­zen Ro­man. Jandl, der ein­la­den­de Ju­ror, er­läu­ter­te das post­apo­ka­lyp­ti­sche Sze­na­rio. Das Kind sei ein De­mi­urg, der an Werk­stü­cken ar­bei­te, um die Welt wie­der her­zu­stel­len. So muss sich Gott ge­fühlt ha­ben, als er den Elek­tro­fach­markt be­trat. Strigl sah das Kind eher als Be­dro­hung denn als De­mi­urg. Laut Spin­nen ho­le Ehr­lich das Bes­te als ei­nem tri­via­len Gen­re her­aus. Dar­auf re­agier­te Jandl emp­find­lich. Er mo­nier­te, daß der Text über ei­nen La­den­dieb hoch ge­pimpt wur­de, wäh­rend sei­ne Kol­le­gen Ehr­lichs Text run­ter­re­den. Stei­ners stell­te in sei­ner Schluss­be­mer­kung her­aus, ihm sei vor al­lem die Un­ter­schei­dung zwi­schen ana­lo­ger und rea­ler Welt auf­ge­fal­len.

Kerbtiernerd und ein Tampon als Atombombe

Ben­ja­min Maack hin­ter­fragt in sei­nem Vi­deo iro­nisch die Funk­ti­on die­ses Vor­stel­lungs­ri­tu­als, und be­kennt of­fen sei­nen Wunsch ge­win­nen zu wol­len. Das könn­te dem Kan­di­dat von Win­kels auch ge­lin­gen. Sei­ne Ge­schich­te ei­nes zwölf­jäh­ri­gen In­sek­ten­for­schers stellt sehr gut die in­ne­ren Kon­flik­te auf der Schwel­le zur Pu­ber­tät dar. Mich konn­ten so­wohl Set­ting wie Stil über­zeu­gen.

Stei­ner las dar­in ei­nen trau­ri­gen Text über Dr. Ma­bu­ses Kind­heit. Spin­nen kri­ti­sier­te den päd­ago­gi­schen Er­klär­drang des Va­ters. Kel­ler war sich nicht si­cher, ob der skur­ri­le Text ge­lun­gen sei. Als aus­ge­zeich­net ge­mach­te Tra­gi­ko­mö­die ei­nes Her­an­wach­sen­den be­zeich­ne­te ihn Feß­mann. Jo wol­le Kat­rin mit Kä­fern ver­füh­ren. Dies griff Win­kels auf und er­klär­te die Kä­fer zum Freud­schen Über­gangs­ob­jekt. Auch Jandl war be­geis­tert, der Text sei wun­der­bar ge­macht und ge­le­sen, er sum­me so­zu­sa­gen vor sich hin. Sei­ne Kol­le­gen wies er dar­auf hin, daß das Kind gar nicht so aus der Welt sei. Strigl er­in­ner­te an das Mo­tiv des In­sek­ten­for­schers als aso­zia­len Typ. Auch sie schätz­te den Prot­ago­nis­ten als schwer­erzieh­bar ein. Jandl ent­geg­ne­te, Jo sei le­dig­lich ein Kerb­tier­nerd, wäh­rend Spin­nen ei­ne Pu­ber­täts­psy­cho­se kon­sta­tier­te. Die Schluss­be­mer­kung lag bei Win­kels, er sprach vom Tam­pon als Atom­bom­be.

Teebeutelweisheiten

Als letz­te Kan­di­da­tin des Wett­be­werbs las Ni­ko­la An­na Mehl­horn. Mit ih­rem Text „Re­qui­em der Vier­zig­jäh­ri­gen“ kam sie auf Ein­la­dung Ju­ri Stei­ners nach Kla­gen­furt. Ihr Vi­deo­por­trät be­gann mit Or­gel­übun­gen und en­de­te in ei­ner Le­se­lis­te.

Der Text ent­spricht dem Ti­tel. Ei­ne er­folg­lo­se Mu­si­ke­rin ver­küm­mert im Mut­ter­da­sein. Sie rächt sich an der Lieb­lo­sig­keit des Man­nes durch die Zu­be­rei­tung von Re­gen­wür­mern, da ver­schwin­det plötz­lich das Kind. Der ein­zi­ge Trost liegt in den Weis­hei­ten der Tee­beu­tel.

Feß­mann stell­te fest, auch die­ser Text be­fas­se sich mit ei­nem Zeit­al­ter der ver­lo­re­nen Un­schuld. Er sei ver­un­glückt, da er sich nicht ent­schei­den kön­ne, ob er von In­di­vi­du­en oder vom All­ge­mei­nen er­zäh­len wol­le. Sein Ni­veau sei das der Tee­beu­tel­sprü­che. Kel­ler ver­nahm nach der Or­gel­mu­sik auch im Text ei­nen ho­hen Ton. Ihr ge­fiel die Ra­che durch Ko­chen. Strigl lei­te­te ih­ren Ver­riss mit den wah­ren Wor­ten „Manch­mal ist zu­viel Mu­sik“ ein. Die Spa­ghet­ti hor­ro­ri re­gen­wur­mi zei­gen nicht nur schlech­tes La­tein, al­les sei nicht auf­ge­gan­gen. Der Text lang­wei­le sich mit sich selbst, ur­teil­te Jandl über die Tee­beu­tel­pro­sa. Stei­ner ver­glich mit Pe­trow­ska­ja und Bo­ris Vi­an und be­schwor den sur­rea­lis­ti­schen Ton, der ins Un­ter­be­wuß­te ab­stei­ge. Spin­nen hin­ge­gen sah sich au­ßer­stan­de ein Ret­tungs­netz auf­zu­span­nen. Den Ge­gen­stand fän­de er hoch­in­ter­ess­sant, aber nicht gut um­ge­setzt. Win­kels ver­zich­te­te auf ein State­ment und brach­te das Elend zum vor­zei­ti­gen En­de.

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