TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?

Eine Nachlese

Alles ist eine Frage der Sprache“, der Satz Ingeborg Bachmanns fiel häufig beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb und er leitete auch die Abstimmung am Sonntagvormittag ein. Moderator Christian Ankowitch zitierte allerdings auch einen Satz aus Feridun Zaimoglus Eröffnungsrede, dessen Aussage „wir stehen bei den Verlassenen“ im Hinblick auf die Preisvergabe fast programmatisch scheint.

Mich hat das Spektakel sehr überrascht. Ich war erstaunt, daß interessante Texte dieses Jahrgangs auf der Shortlist fehlten. Dort fanden sich die Autoren Bov Bjerg, Joshua Groß und die Autorinnen Özlem Özgül Dündar, Raphaela Edelbauer, Ally Klein, Tanja Maljartschuk und Anna Stern. Letztere war eine unverständliche Wahl. Die vehemente Kritik an ihrem Text während der Jurydiskussion erwies sich schließlich sogar bei der Abstimmung nicht als Hindernis. Sie erhielt für „Warten auf Ava“ den 3sat-Preis, selbst  sehr überrascht, wie ihre verblüffte Miene zeigte. Das Erstaunen war verständlich „TddL ’18 — Well-made Wettbewerb?“ weiterlesen

TDDL 2015 — Frisches und Neues beim Bachman-Wettbewerb

Die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Von den Begleitveranstaltungen des diesjährigen Literatur-Wettkampfs in Klagenfurt sticht unter den lustig legendären ein ernsthafter hervor. Es ist der von Peter Hamm geleitete Abend am 27.6. im Klagenfurter Musil-Institut. Er widmet sich der Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze. Ausschnitte des 1980 von Hamm konzipierten Films „Der ich unter Menschen nicht leben kann. Auf der Suche nach Ingeborg Bachmann“ werden an diesem Abend zu sehen sein. Katharina Schmölzer und Kai Möller lesen aus dem Briefwechsel.

Eine Woche später, am 2. Juli, beginnt der Hauptteil des Bewerbs. Comme il faut treten auch diesmal frische Autoren an, ebenso neu ist die Zusammensetzung der Jury. Nachdem im vorletzten Jahr TDDL 2015 — Frisches und Neues beim Bachman-Wettbewerb“ weiterlesen

TDDL 2014 – Katharina Gericke, Tex Rubinowitz, Georg Petz

Bachmannpreis 3. Tag — Drei mal Liebe und eine wohlgefüllte Arche

bachmann14Da ich gestern vor lauter Twitter-Zirkus beinahe den ersten Eklat verpasst hätte, wollte ich mich am diesem Vormittag etwas zurückhalten. Der Vorsatz wurde durch keinen unterirdischen Text torpediert. Anders als im letzten Jahr trat diese Kategorie nicht auf, selbst die tibetanische Totenmeditation war meilenweit von der letztjährigen Teebeutelprosa entfernt.

Nachdem der Moderator Christian Ankowitsch dem Publikum mit einem literarischen Schuhlöffel in die Blecharena verhalf, begann Katharina Gericke die erste Lesung. Sie ist die Kandidatin Burkhard Spinnens. Gericke, die als Dramaturgin schon auf einigen Bühnen arbeitete, lebt in Berlin, wo auch ihr Videoporträt spielt. Die Reportage zeigte ihr Engagement für ein Theaterprojekt in Moabit. Obwohl ich diese Introfilme eher als Zeitverschwendung sehe, fand ich diesen angenehm und TDDL 2014 – Katharina Gericke, Tex Rubinowitz, Georg Petz“ weiterlesen

TDDL 2014 — Roman Marchel, Kerstin Preiwuß, Tobias Sommer, Gertraud Klemm, Olga Flor

Arche Ingeborg

bachmann14Das diesjährige Wettlesen begann mit einem Kandidaten eines neuen Jurors. Roman Marchel, der Schriftsteller aus dem Waldviertel wurde von Arno Dusini, dem Professor aus Wien, geladen. Schon Marchels Videoporträt vermittelte eine melancholische Stimmung, die sich im Text fortsetzte. Dieser erzählt die Geschichte einer alten Frau, die mit dem Leiden ihres im Sterben liegenden Mannes überfordert ist und ihm schließlich mit eigener Hand ein Ende bereitet. Kurioserweise haben wir gerade gestern in unserem Literaturkreis über Michele Murgias Roman Accabadora gesprochen, der ein ähnliches Thema behandelt. Allerdings längst nicht so virtuos wie Marchel, der um das Ereignis ein feines Gewebe von Erinnerungen spinnt. Mich hat der Text, den ich in der Mittagspause nochmals gelesen habe, sehr beeindruckt. Lediglich einige Austriazismen wie „ausgetrocknetes Tuch“ haben mich etwas gestört.

Winkels, der als erster Juror spricht, äußerte als einziger Kritik. Ihm missfielen TDDL 2014 — Roman Marchel, Kerstin Preiwuß, Tobias Sommer, Gertraud Klemm, Olga Flor“ weiterlesen

Bachmannpreis – TDDL 2014

Lesen, Lauschen, Labnge Reden

bachmann14Heute Abend werden die 38. Tage der Deutschen Literatur mit einer Rede Maja Haderlaps, der Preisträgerin von 2011, eröffnet. Zum Wettbewerb am Wörthersee zu Ehren der in Klagenfurt geborenen Autorin Ingeborg Bachmann treten folgende 14 Schriftsteller an: Michael Fehr, Olga Flor, Romana Ganzoni, Katharina Gericke, Anne-Kathrin Heier, Gertraud Klemm, Karen Köhler (ist erkrankt und kann leider nicht teilnehmen), Roman Marchel, Georg Petz, Birgit Pölzl, Kerstin Preiwuß, Tex Rubinowitz, Tobias Sommer und Senthuran Varatharajah. Informationen über Biographie und Werk bietet die Seite des Bachmannwettberbs.

Für mich sind dies neue Namen, auch wenn acht der zwölf Autoren schon lange weit über Dreissig sind. Alleine die Österreicherin Olga Flor ist mir durch ihren Roman „Kollateralschaden“ bekannt, der 2008 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Eine Entdeckung, die mich sofort neugierig „Bachmannpreis – TDDL 2014“ weiterlesen

TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja

Fruchtschale mit Humorwurst

Nach den ersten beiden Autoren des heutigen Tages habe ich mich wieder nach gestern gesehnt. Spielte Spinnen mit dem Gedanken der Publikumsbesänftigung als er Zè do Rock einlud? Der Münchner aus Brasilien mit deutsch-litauischen Wurzeln präsentierte sich bereits im Video als Comedian, der von bürgerlichen Ponyfrisurenträgerinnen aus der bayrischen Provinz fröhlich beklatscht wurde. Auch das Saalpublikum ließ sich hinreißen, wahrscheinlich gab es Freibier. Bei mir stellte sich weder Interesse noch Lachlust ein, das empfohlene Mitlesen vergrößerte nur die Verständnisprobleme. Ich frage mich, TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja“ weiterlesen

Bachmannpreis 2012 — Rückschau

Kleine Kritik der Kritik

Der Wettbewerb ist vorbei, gewonnen hat ihn Olga Martynova mit ihrem Text „Ich werde sagen: Hi“. Weitere Preise gingen an Nawrat, Kränzler und Mahlke. Travnicek erhielt den Publikumspreis, was wenig überraschte.

Ebenso wenig überraschen konnten einige Mitglieder der Kritikerrunde, sie neigten zu den immer gleichen Aussagen und Verhaltensmustern. So kristallisierten sich bereits am Nachmittag des ersten Tages spezifische Reaktionen der einzelnen Jurymitglieder heraus. Corina Caduff bemühte gerne das Argument der Diskursivität. Sie hinterfragte die Themenstellung der Texte und ob Literatur dazu noch etwas beitragen könne. Sollte man dann das literarische Schreiben nicht ganz aufgeben, und sich auf Sprachexperimente verlegen, wie sie in diesem Jahr Hassinger einreichte? Dazu hat aber auch Caduff weder Zeit noch Lust. Lieblingswort: „diskursiv“.

Hildegard Elisabeth Keller präsentierte sich und ihren Zuhörern meist eine kleine Nacherzählung des Gehörten. Anstatt Verständnis erzeugte dies bei  mir eher das Gefühl hilflos dem Redeschwall einer Lehrerin ausgeliefert zu sein. Treffenstes Wort: „Lebensplauderton“.

Burkhard Spinnen führte viel Gerede zunächst in seine eigene Vergangenheit bevor er zum Kern der Sache gelangte. Wenn überhaupt. Einige Male zögerte er seine Meinung zu äußern  oder erinnerte weise daran, daß jeder literarische Text Anstrengung erfordere. Lieblingssatz: „Ich kann allem zustimmen, was bisher gesagt wurde.“

Die anderen Mitglieder verblüfften durchaus, so Meike Feßmann mit ihren sozialtherapeutischen Interpretationsansätzen und den Verweisen auf Surreales. Kritischstes Wort: „Du“

Hubert Winkels erklärte mit einem interpretatorischen Pfauenrad die Inflation wilder Hundenamen. Literaturwissenschaftlichste Analyse: „Kontrafaktur des Dschungelbuchs“

Daniela Strigl und Paul Jandl hörte ich am liebsten zu, weil sie begründet und klar ihre Meinung äußerten. Jandl gebührt der Preis für die amüsantesten Kurzkritiken und Strigl für ihren Dackel Mowgli und die Hühnerkopfabtrennungsallergie. Diese Beiden müssen auf jeden Fall bleiben, falls es im kommenden Jahr Änderungen in der Juryzusammensetzung geben sollte.

Auch Änderungen am Reglement würde ich begrüßen. Warum können die Texte nicht einige Stunden vor der Lesung online gestellt werden? So hätten Autoren und Zuhörer der Sprachexperimente größeres Verständnis.

Die Vorstellungsfilme der Autoren wirken meist peinlich und aus der Not geboren. Die beabsichtigte Aussagekraft ist eher gering. Können sich die Autoren überhaupt damit identifizieren? Ein gutes Interview wäre eine Alternative.

Eine kleine Reform würde auch der Juryabstimmung nicht schaden. Bisher zieht sie sich umständlich in die Länge, weil jeder Juror zunächst für seine(n) eigenen Kandidaten stimmt. Wäre es nicht besser diese Option auszuschließen?

Ich erwarte gespannt das nächste Jahr und hoffe, daß dieses Literaturereignis weiterhin live übertragen wird.

Bis dahin kann man sich auf folgenden Blogs noch mal der besten TDDL-Momente 2012 erinnern:

Die Büchersäufer

Denkding

Johannes Steinberg

Literaturcafe

Vorspeisenplatte

walk-the-lines

Zeilenkino

Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leopold Federmair, literarischer Übersetzter und seit 2006 in Hiroshima lebend, eröffnete den Nachmittag des letzten Tages mit dem Text „Aki”. Vorgeschlagen wurde der Kandidat von Daniela Strigl. Federmair verblüffte durch die Ankündigung den mittleren Absatz auf Seite neun auszulassen. Weisungsgemäß habe ich mich des Lesens enthalten. Es gab schon genug fruchtige Geschlechtsteile in diesem pubertären Aknetext, der mich bei jeder Nahaufnahme zu einem Blick auf Federmairs Gesicht zwang. Bob Dylan hat’s nicht leichter gemacht. Während der Juryrunde filmte Federmair diese mit einer kleinen Digitalkamera. Das wirkte auf mich wie verschämtes Fanverhalten. Sollte es eine provokative Performance werden, wäre ein großer Camcorder doch viel wirkungsvoller gewesen.

Also eine weitere Coming-of-Age-Geschichte, beginnt Winkels, betont einfach.

Nicht gelungen, findet sie Meike Feßmann, weil sie durch die Maske einer weiblichen Erzählerin geschildert werde. Diese Tarnfigur, die die Geschichte sprenge, könne nicht über männliches Körperwissen verfügen.

Auf die Kellersche Nacherzählung folgte die Frage nach dem Erzählmotiv der Figur. Verschiedenes funktioniere nicht so ganz, aber die Sprache mit ihren poetischen Beschreibungen und wunderbaren Passagen gefällt Keller gut. Sie zweifelt allerdings, ob das zu einer Kellnerin passe.

Spinnen verbietet, Genderprobleme bei Erzählerstimmen anzumelden und erinnert sich an die irren Typen bei Kerouac und in seiner Jugend.

Dass es durchaus erzählende Kellnerinnen gebe, die dies sogar sehr interessant könnten, darüber klärt Daniela Strigl auf. Ihr gefällt die vergiftete Nostalgie dieser Geschichte, die so schlecht rieche und stark über die sinnliche Ebene arbeitete.

Feßmann argumentiert abermals mit dem unlogischen Körperwissen.

Dies sei, so Jandl, die Geschichte eines Spannungsabfalls, traurig und mit zu wenig Dramatik.

Caduff spricht endlich den performativen Akt des Autors an. Sie gesteht sich eine neutrale Haltung zu, da sie anfangs von einer japanischen Geschichte ausging, und diese Fehlinterpretation nicht mehr aus dem Kopf bekäme.

Wieder einmal holt Spinnen weit aus bevor er zum Text kam. Die letzten Zeilen gefallen ihm gut, sie bersten vor Bedeutung, im übrigen Text hingegen gebe es zu viele Leerstellen.

Strigl wendet ein, dies suggeriere den mündlichen Erzählton der Figur, was auch die vielen Redundanzen zeigen.

Nach Jandl sei der junge Mann nicht mit Talent, sondern mit Akne geschlagen. Das sei kein Irrer-Typen-Text, wie Spinnen meine, er spiele im Provinzmilieu, weit weg von Kerouac.

Feßmann konstatiert, diese Kindheitsgeschichte reiße alle nicht vom Hocker. Sie hatte, aufgrund der Auslandserfahrung des Autors, etwas ganz erwartet, ähnlich sei es ihr bei Moster ergangen. Die etwas abgestandenen heimatlichen Erinnerungen finde sie langweilig.

Daraufhin kritisiert Strigl, Feßmann wolle erklären, was sich der Autor gedacht habe. Außerdem sei eine stickige japanische Kindheit kaum interessanter als eine stickige österreichische Provinzkindheit.

Mit Geplauder schloss Spinnen die Diskussion.

Isabella Feimer beendete als Kandidatin von Corinna Caduff den Wettbewerb. Ihr Text „Abgetrennt“ erzählt vom Liebeskummer einer Frau.

Winkels eröffnet die Diskussion mit der aufmunternden Kritik, dies hätte ein guter Text werden können. Ihm schien die Dramatik in der Beziehung jedoch zu stark instrumentalisiert. Die hörige Frau identifiziere sich mit dem kopflosen Huhn. Vieles könne subtiler sein.

Meike Feßmann interpretiert den Text anders. Dies sei die Geschichte eines unnötigen Abschieds einer neurotischen Frau. Die Frau lebe eigentlich in einer glücklichen Beziehung, fürchte aber verlassen zu werden, und trenne sich deshalb.

Caduff führt den Deutungsreigen fort, die Frau sei schon verlassen worden. Sie spreche von der Verletzung heraus in das Ende hinein. Der Text sei ein Brief oder eine Retrorede.

Keller lobt die konzeptuelle Klarheit, dadurch wisse sie, was erzählt wird und warum. Trotzdem finde sie die Geschichte nicht besonders berührend, die Abhängigkeit habe sie nicht wahrgenommen.

Danieal Strigl findet das von Winkels eingeführte Attribut „hörig“ durchaus passend. Ihr Hauptproblem sei, daß der Text zu viel Gefühl zeige, der Vortrag habe dies noch betont, und damit eher geschadet. Außerdem gesteht sie ihre Allergie gegen die immer wieder auftauchenden Hühnerkopfabtrennungsgeschichten in der Literatur. Es sei auch keine glückliche Idee, die Geliebte mit einem kopflosen Huhn gleich zu setzen.

Jandl kritisiert den Text als klebrige Schlagerpoesie.

Caduff erklärt, die Ich-Erzählerin suche ihre Ich-Stimme, die sie erst in der Poesie der Schlusses wiedergewinne.

Nachfrage Jandls, ob sie gelesen habe, um welche Poesie es sich handele.

Winkels bezeichnet es als Masochismus-Poesie.

Keller hat keine Poesie gefunden und bittet um Hinweise.

Spinnen dankt Strigl wegen der Hühner-Allergie und gab zum Schluss der diesjährigen Lesungen Jandl einmal recht, auch wenn er mit der harten Form der Formulierung nicht einverstanden sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach einer sehr bierphilosophischen Filmvorstellung eröffnete Matthias Nawrat den Vormittag des dritten Wettbewerbtages. Der Kandidat von Hildegard Elisabeth Keller las den Text „Unternehmer“. Ich-Erzählerin ist die pubertierende Tochter eines Elektroschrottausschlachtungsfamilienunternehmens im südlichen Schwarzwald. Zunächst schildert Nawrat die prekären, lebensgefährlichen Zustände dieser Arbeit mit vielen metallurgischen Details, dann konzentriert sich der Text auf die frühsexuellen Körpererfahrungen seiner Figur.

Strigl interpretiert diese merkwürdige Familie, die ein Kleinunternehmen der speziellen Art betreibe, als Parodie auf das Familienidyll. Elemente des Schelmenromans entdecke sie, wenn selbst existentielle Niederlagen glorifiziert werden. Gleichzeitig sei es eine Pubertätsgeschichte. Sie würdigte die besondere Sprache dieses süßschmerzhaften Textes, der ihr gefalle.

Auch Jandl wertet den Text positiv. Die Sprache sei zart, der Text originell, er könne ans Herz gehen.

Allen bisherigen positiven Urteilen kann Spinnen folgen. Er fragt nach, ob es sich um einen abgeschlossenen Text handele. Denn die Darstellung der schlichten seltsam behüteten Welt von kaputten Dingen schwenke unvermittelt in eine sehr schlichte Pubertätsgeschichte.

Winkels bestätigte diesen Eindruck. Er empfand Uneinheitlichkeit, der Text sei verrutscht und zu disparat.

Keller ergreift das Wort um ihren beiden Kollegen auf die Sprünge zu helfen. (Publikumsapplaus) Es ginge um die Rolle des Mädchens innerhalb der Familie, die für dieses Unternehmen als Firmensprecherin fungiere. Sie identifiziere sich so stark mit dieser Aufgabe, daß sie auch die technisierte Sprache übernehme. Diese Kinderperspektive werde fast bis zum Ende durchgehalten. Erst die Liebe öffne ihr ein Fenster aus der Trostlosigkeit. Vergleich mit John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen.

Schwierigkeiten, die Ebenen auszuloten, hat Corinna Caduff. Sie bekennt chemische Orientierungslosigkeit, die sie durch Google zu beheben suchte. Toll fand sie die affirmative Erzählperspektive der Tochter. Sprachlich sei der Text sehr interessant, nicht zuletzt, weil der Autor einen Lehrgang in Biel belegt habe. Sie begrüße jeden Autor, der sich einer literarischen Ausbildung unterziehe.

Meike Feßmann hat in dem Text eine moderne Variante von Hänsel und Gretel entdeckt. Sie widerspricht der Parodieinterpretation Strigls. Als literarische Parallele sieht sie eine ins märchenhaft gewandelte Agota Kristof.

Strigl weist darauf hin, daß diese Familie, die eine Gesundheitsgefährdung ihrer Mitglieder hinnimmt, keinesfalls realistisch gemeint sein könne. Ihr gefalle dieser Humor.

Paul Jandl kritisiert Feßmanns Kristof-Vergleich. Auch Kellers Interpretationen missfallen ihm.

Spinnen kritisiert zum Ende der Diskussion noch ein mal, daß die Geschichte der Favela-Familie mit Kempowski-Sprüchen nicht weiter geführt wird, sondern in eine Pubertätsgeschichte übergeht.

Matthias Senkel stellte mit „Aufzeichnungen aus der Kuranstalt“ die noch fehlende Literaturbetriebssatire dieses Wettbewerbs zur Diskussion. Nominiert wurde er von Paul Jandl.

Hubert Winkels gefällt die kluge und witzige Geschichte. Die Literaturbetrieb-Satire der klassischen Art sei wie ein Möbiusband konstruiert. Alles, was Außenwelt sein könnte, könnte auch in der Anstalt geschrieben worden sein. So entstehe die Endlosschleife, in der Realität und Phantasie abwechseln. Der Protokollstil jedoch hat Winkels auf Dauer ein wenig verdrossen. Er räumt allerdings ein, daß die starre Sprache der Preis sei, damit die Satire funktioniere.

Dies sei die typische Klagenfurt-Schreibgeschichte, so Feßmann. Sie vermisse allerdings den guten Sprachstil. Da der Sprachwitz fehle, sei die Geschichte langweilig.

Hingegen hätte Caduff gerne mehr von Senkel gehört, aber in einem 200-seitigen Roman. In der Idee liege ganz viel Potential.

Jandl erklärt, daß der Protokollstil Mittel der Satire sei. Dies mache den Witz erst deutlich. Geschildet werde ein paranormaler Literaturbetrieb.

Meike Feßmann glaubt, Reinhard Lettau hätte eine solche Geschichte besser geschrieben.

Jandl verwehrt sich über Reinhard Lettau zu sprechen. Der Stil habe seine Berechtigung, sei eben nur sehr subtil.

Feßmann wirft ein, er sei sprachlich arm. Caduff unterstützt sie, Jandl habe eine ganz andere Lesart.

Strigl beendet den Disput mit der Frage, warum sie immer mehr von den Autoren wollten als deren Texte beinhalten. Dieser sei sehr raffiniert gemacht. Die Sprache könne man dem Text nicht vorwerfen. Sie räumt ein, daß die Geschichte allerdings etwas an Fahrt verliere.

Der Text schenkt Keller viele Aha-Effekte, ihr gefällt, daß er immer wieder eine neue Richtung einschlug.

Intention der Geschichte sei es, die Künstlichkeit von Literatur sichtbar zu machen und ein Nachdenken über diese auszulösen, so Jandl.

Spinnen hob zum Schlusswort an, indem er sich wieder einmal mit allen Äußerungen einverstanden erklärte. Er liebe zwar Texte über Schaffensnöte nicht, da sie seine eigene Situation wiederspiegeln, lese sie aber aus Berufsinteresse dennoch. Es folgt ein langer Vergleich mit einer Zirkusvorstellung, den Jandl mit der Aussage „Ihr Interesse an Intelligenz ist mir geläufig“ beendete.

Bis morgen die Preisträger gekürt werden, lohnt sich ein Blick auf die Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Lisa Kränzler, die von Hubert Winkels vorgeschlagene Kandidatin eröffnete die Lesung am Nachmittag. Sie überzeugte durch einen souveränen Vortrag, indem sie die verschiedenen Handlungsebenen alleine durch die Modulation ihrer Stimme zu unterscheiden wusste. Auch sprachlich befindet sich der Text auf höchstem Niveau. Dies passt allerdings meiner Ansicht nach nicht zur Ich-Erzählerin dieser Geschichte. Es handelt sich um ein Mädchen im Kindergartenalter, das sich wohl kaum so eloquent und reflexionsreich äußern kann, wie eine Kandidatin im Bachmann-Wettbewerb. Dass dieses Kind im Alter zwischen drei und sechs auch noch sein sexuelles Erwachen erlebt, macht die ganze Sache für mich umso unglaubwürdiger. Schade, hätte die Autorin die Protagonistin nur um wenige Jahre älter gewählt, so daß wir vielleicht einer Fünftklässlerin oder einer frühreifen Grundschülerin folgen würden, wäre diese Geschichte preisverdächtig.

Doch dies ist meine Meinung, die Jury äußerte Folgendes.

Spinnen eröffnet die Diskussion mit der Erkenntnis, daß keiner von uns in die Kindheit zurückkehren könne. Manche Schriftsteller schaffen es, daß kindliche Bewußtsein in ihrem Werken darzustellen. Aber es stünde nun mal nicht mehr zur Verfügung.  Er lobt die große sprachliche Souveränität des Textes, die Sätze haben die Aura des Perfekten. Dies seien Mittel, über die man allerdings erst verfüge, wenn die Kindheit vorbei sei.

Als böse Mädchengeschichte über Missbrauch und frühe Sexualisierung, in der vor allem auch der von den Medien ausgehende Missbrauch deutlich werde, deutet Meike Feßmann den Text. Er sei literarisch gut gemacht und sehr unheimlich.

Caduff hegt gespaltene Gefühle, da sie eine große Diskrepanz zwischen Sprache und Inhalt sieht. Die Sprache sei durchgearbeitet, sehr präzise und reflexionsgesättigt. Natürlich sei auch dieses Thema sehr diskursiv.

Auch Keller verweist auf die Schwierigkeit des Textes das kindliche Bewußtsein glaubwürdig abzubilden. Es werden Spiele zwar so dargestellt, als sei die Figur ein Kind, beschrieben werden sie jedoch aus der Erwachsenenperspektive. Als Beispiel nannte sie die Lösungsmittel des Eddingstiftes.

Von der erotischen Verzückung angetan zeigt sich Daniela Strigl. Ihr gefällt, daß Namen und Orte als austauschbar dargestellt wurden. Allerdings hat der Text sie nicht an allen Stellen überzeugt. So scheine das „Du“ unvermutet aufzutauchen.

Winkels wendet ein, daß „Du“ tauche auf als der Figur klar werde, daß sie verliebt sei. Er sei auch ganz hin und weg gewesen von dem Text, es habe ihn in den Sessel gedrückt. Die Diskrepanz zwischen kindlicher Figur und Sprache dürfe man einem literarischen Text nicht vorwerfen.

Im weiteren wird ein wenig über die verschiedenen Tiere gesprochen, bis Feßmann, zu Recht finde ich, einwirft, die Tiere verwandelten sich in diesem Text alle in Sexualobjekte.

Zum Schluss lobt Jandl das hohe ästhetische Reflexionsniveau, was über dem des Vormittags liege. Thema des Textes sei das Changieren zwischen Zärtlichkeit und Gewalt. Ein sprachlich intensiv durchgearbeiteter Text.

Simon Froehling las mit „Ich werde dich finden“ den Auszug aus einem Roman, der die medizinisch-technischen und die ethisch-religiösen Hintergründe einer Organspende zum Thema hat. Er ist der Kandidat von Corinna Caduff.

Nachdem Keller ihre Version des Textes nacherzählt hat, gesteht die Religionswissenschaftlerin, sie teile die Faszination für Figuren, die aus dem Jenseits sprechen.

Strigl bedauert, daß der Autor sich nicht an sein eigenes Storylehrbuch gehalten habe, und zitiert: „Das Erzählen von Storys ist die schöpferische Demonstration von Wahrheit. Eine Story ist der lebendige Beweis einer Idee, die Umwandlung einer Idee in Handlung.“ Der Text diskutiere die Transplantationsphilosophie, beantworte jedoch die interessanten Fragen nicht befriedigend. Eigentlich sei es eine biedere, hausbackene und vorhersagbare Philosophie. Strigl verweist auf: Sabine Gruber, Über Nacht.

Hubert Winkels stört die bräsige Schilderung des Nierenpatienten im Krankenhaus.

Paul Jandl amüsiert sich über die erzählende Niere und kritisiert bei dieser „Seelenwanderung qua Niere“ sei die Seele bereits ausgetrieben. Krankenhaustechnische Dinge werden im Überfluss genannt und die kitschige Grabszene mache es auch nicht besser.

Spinnen greift das Stichwort Transplantationsphilosophie wieder auf und überlegt, was E.T.A. Hoffmann wohl daraus gemacht hätte. Der Text zeige die metaphysische Herausforderung der Organspende.

Für Meike Feßmann funktioniert der Text leidlich gut. Ihr Literaturhinweis: Slavenka Drakulic, Leben spenden.

Jetzt steuert auch Winkels einen Titel bei: David Wagner, Für neue Leben, wofür der Autor stante pede seinen Dank twittert (sprichdaskind).

Die Textmentorin Corinna Caduff begrüßt leicht angesäuert die zusammengetragene Literatursammlung der Kollegen. Dann kritisiert sie selbst ihren Kandidaten, in dem sie ihren Lieblingseinwand, das Thema sei sehr diskursiv, einwirft. Aber die phantasmatische Beziehung zum verstorbenen Spender sei die literarische Aufgabe, der sich der Text gestellt habe.

Mir hat der Text nicht gefallen, zuviel Krankenhausprosa, fast schon Arztroman. Irritiert hat mich außerdem, daß der Autor ganz anders aussah als auf seinen Fotos, zugegeben besser, aber fast schon zu schön. Typberatung? Und dann dieser Anker auf der Innenseite des Unterarms, zum Glück trug er kein blaugestreiftes Hemd. Ja, gut, man muss sich davon freimachen und sollte auch die Vorstellungsvideos besser nicht beachten. Einen Literaturhinweis möchte ich nicht beisteuern.