Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leopold Federmair, literarischer Übersetzter und seit 2006 in Hiroshima lebend, eröffnete den Nachmittag des letzten Tages mit dem Text „Aki”. Vorgeschlagen wurde der Kandidat von Daniela Strigl. Federmair verblüffte durch die Ankündigung den mittleren Absatz auf Seite neun auszulassen. Weisungsgemäß habe ich mich des Lesens enthalten. Es gab schon genug fruchtige Geschlechtsteile in diesem pubertären Aknetext, der mich bei jeder Nahaufnahme zu einem Blick auf Federmairs Gesicht zwang. Bob Dylan hat’s nicht leichter gemacht. Während der Juryrunde filmte Federmair diese mit einer kleinen Digitalkamera. Das wirkte auf mich wie verschämtes Fanverhalten. Sollte es eine provokative Performance werden, wäre ein großer Camcorder doch viel wirkungsvoller gewesen.

Also eine weitere Coming-of-Age-Geschichte, beginnt Winkels, betont einfach.

Nicht gelungen, findet sie Meike Feßmann, weil sie durch die Maske einer weiblichen Erzählerin geschildert werde. Diese Tarnfigur, die die Geschichte sprenge, könne nicht über männliches Körperwissen verfügen.

Auf die Kellersche Nacherzählung folgte die Frage nach dem Erzählmotiv der Figur. Verschiedenes funktioniere nicht so ganz, aber die Sprache mit ihren poetischen Beschreibungen und wunderbaren Passagen gefällt Keller gut. Sie zweifelt allerdings, ob das zu einer Kellnerin passe.

Spinnen verbietet, Genderprobleme bei Erzählerstimmen anzumelden und erinnert sich an die irren Typen bei Kerouac und in seiner Jugend.

Dass es durchaus erzählende Kellnerinnen gebe, die dies sogar sehr interessant könnten, darüber klärt Daniela Strigl auf. Ihr gefällt die vergiftete Nostalgie dieser Geschichte, die so schlecht rieche und stark über die sinnliche Ebene arbeitete.

Feßmann argumentiert abermals mit dem unlogischen Körperwissen.

Dies sei, so Jandl, die Geschichte eines Spannungsabfalls, traurig und mit zu wenig Dramatik.

Caduff spricht endlich den performativen Akt des Autors an. Sie gesteht sich eine neutrale Haltung zu, da sie anfangs von einer japanischen Geschichte ausging, und diese Fehlinterpretation nicht mehr aus dem Kopf bekäme.

Wieder einmal holt Spinnen weit aus bevor er zum Text kam. Die letzten Zeilen gefallen ihm gut, sie bersten vor Bedeutung, im übrigen Text hingegen gebe es zu viele Leerstellen.

Strigl wendet ein, dies suggeriere den mündlichen Erzählton der Figur, was auch die vielen Redundanzen zeigen.

Nach Jandl sei der junge Mann nicht mit Talent, sondern mit Akne geschlagen. Das sei kein Irrer-Typen-Text, wie Spinnen meine, er spiele im Provinzmilieu, weit weg von Kerouac.

Feßmann konstatiert, diese Kindheitsgeschichte reiße alle nicht vom Hocker. Sie hatte, aufgrund der Auslandserfahrung des Autors, etwas ganz erwartet, ähnlich sei es ihr bei Moster ergangen. Die etwas abgestandenen heimatlichen Erinnerungen finde sie langweilig.

Daraufhin kritisiert Strigl, Feßmann wolle erklären, was sich der Autor gedacht habe. Außerdem sei eine stickige japanische Kindheit kaum interessanter als eine stickige österreichische Provinzkindheit.

Mit Geplauder schloss Spinnen die Diskussion.

Isabella Feimer beendete als Kandidatin von Corinna Caduff den Wettbewerb. Ihr Text „Abgetrennt“ erzählt vom Liebeskummer einer Frau.

Winkels eröffnet die Diskussion mit der aufmunternden Kritik, dies hätte ein guter Text werden können. Ihm schien die Dramatik in der Beziehung jedoch zu stark instrumentalisiert. Die hörige Frau identifiziere sich mit dem kopflosen Huhn. Vieles könne subtiler sein.

Meike Feßmann interpretiert den Text anders. Dies sei die Geschichte eines unnötigen Abschieds einer neurotischen Frau. Die Frau lebe eigentlich in einer glücklichen Beziehung, fürchte aber verlassen zu werden, und trenne sich deshalb.

Caduff führt den Deutungsreigen fort, die Frau sei schon verlassen worden. Sie spreche von der Verletzung heraus in das Ende hinein. Der Text sei ein Brief oder eine Retrorede.

Keller lobt die konzeptuelle Klarheit, dadurch wisse sie, was erzählt wird und warum. Trotzdem finde sie die Geschichte nicht besonders berührend, die Abhängigkeit habe sie nicht wahrgenommen.

Danieal Strigl findet das von Winkels eingeführte Attribut „hörig“ durchaus passend. Ihr Hauptproblem sei, daß der Text zu viel Gefühl zeige, der Vortrag habe dies noch betont, und damit eher geschadet. Außerdem gesteht sie ihre Allergie gegen die immer wieder auftauchenden Hühnerkopfabtrennungsgeschichten in der Literatur. Es sei auch keine glückliche Idee, die Geliebte mit einem kopflosen Huhn gleich zu setzen.

Jandl kritisiert den Text als klebrige Schlagerpoesie.

Caduff erklärt, die Ich-Erzählerin suche ihre Ich-Stimme, die sie erst in der Poesie der Schlusses wiedergewinne.

Nachfrage Jandls, ob sie gelesen habe, um welche Poesie es sich handele.

Winkels bezeichnet es als Masochismus-Poesie.

Keller hat keine Poesie gefunden und bittet um Hinweise.

Spinnen dankt Strigl wegen der Hühner-Allergie und gab zum Schluss der diesjährigen Lesungen Jandl einmal recht, auch wenn er mit der harten Form der Formulierung nicht einverstanden sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach einer sehr bierphilosophischen Filmvorstellung eröffnete Matthias Nawrat den Vormittag des dritten Wettbewerbtages. Der Kandidat von Hildegard Elisabeth Keller las den Text „Unternehmer“. Ich-Erzählerin ist die pubertierende Tochter eines Elektroschrottausschlachtungsfamilienunternehmens im südlichen Schwarzwald. Zunächst schildert Nawrat die prekären, lebensgefährlichen Zustände dieser Arbeit mit vielen metallurgischen Details, dann konzentriert sich der Text auf die frühsexuellen Körpererfahrungen seiner Figur.

Strigl interpretiert diese merkwürdige Familie, die ein Kleinunternehmen der speziellen Art betreibe, als Parodie auf das Familienidyll. Elemente des Schelmenromans entdecke sie, wenn selbst existentielle Niederlagen glorifiziert werden. Gleichzeitig sei es eine Pubertätsgeschichte. Sie würdigte die besondere Sprache dieses süßschmerzhaften Textes, der ihr gefalle.

Auch Jandl wertet den Text positiv. Die Sprache sei zart, der Text originell, er könne ans Herz gehen.

Allen bisherigen positiven Urteilen kann Spinnen folgen. Er fragt nach, ob es sich um einen abgeschlossenen Text handele. Denn die Darstellung der schlichten seltsam behüteten Welt von kaputten Dingen schwenke unvermittelt in eine sehr schlichte Pubertätsgeschichte.

Winkels bestätigte diesen Eindruck. Er empfand Uneinheitlichkeit, der Text sei verrutscht und zu disparat.

Keller ergreift das Wort um ihren beiden Kollegen auf die Sprünge zu helfen. (Publikumsapplaus) Es ginge um die Rolle des Mädchens innerhalb der Familie, die für dieses Unternehmen als Firmensprecherin fungiere. Sie identifiziere sich so stark mit dieser Aufgabe, daß sie auch die technisierte Sprache übernehme. Diese Kinderperspektive werde fast bis zum Ende durchgehalten. Erst die Liebe öffne ihr ein Fenster aus der Trostlosigkeit. Vergleich mit John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen.

Schwierigkeiten, die Ebenen auszuloten, hat Corinna Caduff. Sie bekennt chemische Orientierungslosigkeit, die sie durch Google zu beheben suchte. Toll fand sie die affirmative Erzählperspektive der Tochter. Sprachlich sei der Text sehr interessant, nicht zuletzt, weil der Autor einen Lehrgang in Biel belegt habe. Sie begrüße jeden Autor, der sich einer literarischen Ausbildung unterziehe.

Meike Feßmann hat in dem Text eine moderne Variante von Hänsel und Gretel entdeckt. Sie widerspricht der Parodieinterpretation Strigls. Als literarische Parallele sieht sie eine ins märchenhaft gewandelte Agota Kristof.

Strigl weist darauf hin, daß diese Familie, die eine Gesundheitsgefährdung ihrer Mitglieder hinnimmt, keinesfalls realistisch gemeint sein könne. Ihr gefalle dieser Humor.

Paul Jandl kritisiert Feßmanns Kristof-Vergleich. Auch Kellers Interpretationen missfallen ihm.

Spinnen kritisiert zum Ende der Diskussion noch ein mal, daß die Geschichte der Favela-Familie mit Kempowski-Sprüchen nicht weiter geführt wird, sondern in eine Pubertätsgeschichte übergeht.

Matthias Senkel stellte mit „Aufzeichnungen aus der Kuranstalt“ die noch fehlende Literaturbetriebssatire dieses Wettbewerbs zur Diskussion. Nominiert wurde er von Paul Jandl.

Hubert Winkels gefällt die kluge und witzige Geschichte. Die Literaturbetrieb-Satire der klassischen Art sei wie ein Möbiusband konstruiert. Alles, was Außenwelt sein könnte, könnte auch in der Anstalt geschrieben worden sein. So entstehe die Endlosschleife, in der Realität und Phantasie abwechseln. Der Protokollstil jedoch hat Winkels auf Dauer ein wenig verdrossen. Er räumt allerdings ein, daß die starre Sprache der Preis sei, damit die Satire funktioniere.

Dies sei die typische Klagenfurt-Schreibgeschichte, so Feßmann. Sie vermisse allerdings den guten Sprachstil. Da der Sprachwitz fehle, sei die Geschichte langweilig.

Hingegen hätte Caduff gerne mehr von Senkel gehört, aber in einem 200-seitigen Roman. In der Idee liege ganz viel Potential.

Jandl erklärt, daß der Protokollstil Mittel der Satire sei. Dies mache den Witz erst deutlich. Geschildet werde ein paranormaler Literaturbetrieb.

Meike Feßmann glaubt, Reinhard Lettau hätte eine solche Geschichte besser geschrieben.

Jandl verwehrt sich über Reinhard Lettau zu sprechen. Der Stil habe seine Berechtigung, sei eben nur sehr subtil.

Feßmann wirft ein, er sei sprachlich arm. Caduff unterstützt sie, Jandl habe eine ganz andere Lesart.

Strigl beendet den Disput mit der Frage, warum sie immer mehr von den Autoren wollten als deren Texte beinhalten. Dieser sei sehr raffiniert gemacht. Die Sprache könne man dem Text nicht vorwerfen. Sie räumt ein, daß die Geschichte allerdings etwas an Fahrt verliere.

Der Text schenkt Keller viele Aha-Effekte, ihr gefällt, daß er immer wieder eine neue Richtung einschlug.

Intention der Geschichte sei es, die Künstlichkeit von Literatur sichtbar zu machen und ein Nachdenken über diese auszulösen, so Jandl.

Spinnen hob zum Schlusswort an, indem er sich wieder einmal mit allen Äußerungen einverstanden erklärte. Er liebe zwar Texte über Schaffensnöte nicht, da sie seine eigene Situation wiederspiegeln, lese sie aber aus Berufsinteresse dennoch. Es folgt ein langer Vergleich mit einer Zirkusvorstellung, den Jandl mit der Aussage „Ihr Interesse an Intelligenz ist mir geläufig“ beendete.

Bis morgen die Preisträger gekürt werden, lohnt sich ein Blick auf die Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Lisa Kränzler, die von Hubert Winkels vorgeschlagene Kandidatin eröffnete die Lesung am Nachmittag. Sie überzeugte durch einen souveränen Vortrag, indem sie die verschiedenen Handlungsebenen alleine durch die Modulation ihrer Stimme zu unterscheiden wusste. Auch sprachlich befindet sich der Text auf höchstem Niveau. Dies passt allerdings meiner Ansicht nach nicht zur Ich-Erzählerin dieser Geschichte. Es handelt sich um ein Mädchen im Kindergartenalter, das sich wohl kaum so eloquent und reflexionsreich äußern kann, wie eine Kandidatin im Bachmann-Wettbewerb. Dass dieses Kind im Alter zwischen drei und sechs auch noch sein sexuelles Erwachen erlebt, macht die ganze Sache für mich umso unglaubwürdiger. Schade, hätte die Autorin die Protagonistin nur um wenige Jahre älter gewählt, so daß wir vielleicht einer Fünftklässlerin oder einer frühreifen Grundschülerin folgen würden, wäre diese Geschichte preisverdächtig.

Doch dies ist meine Meinung, die Jury äußerte Folgendes.

Spinnen eröffnet die Diskussion mit der Erkenntnis, daß keiner von uns in die Kindheit zurückkehren könne. Manche Schriftsteller schaffen es, daß kindliche Bewußtsein in ihrem Werken darzustellen. Aber es stünde nun mal nicht mehr zur Verfügung.  Er lobt die große sprachliche Souveränität des Textes, die Sätze haben die Aura des Perfekten. Dies seien Mittel, über die man allerdings erst verfüge, wenn die Kindheit vorbei sei.

Als böse Mädchengeschichte über Missbrauch und frühe Sexualisierung, in der vor allem auch der von den Medien ausgehende Missbrauch deutlich werde, deutet Meike Feßmann den Text. Er sei literarisch gut gemacht und sehr unheimlich.

Caduff hegt gespaltene Gefühle, da sie eine große Diskrepanz zwischen Sprache und Inhalt sieht. Die Sprache sei durchgearbeitet, sehr präzise und reflexionsgesättigt. Natürlich sei auch dieses Thema sehr diskursiv.

Auch Keller verweist auf die Schwierigkeit des Textes das kindliche Bewußtsein glaubwürdig abzubilden. Es werden Spiele zwar so dargestellt, als sei die Figur ein Kind, beschrieben werden sie jedoch aus der Erwachsenenperspektive. Als Beispiel nannte sie die Lösungsmittel des Eddingstiftes.

Von der erotischen Verzückung angetan zeigt sich Daniela Strigl. Ihr gefällt, daß Namen und Orte als austauschbar dargestellt wurden. Allerdings hat der Text sie nicht an allen Stellen überzeugt. So scheine das „Du“ unvermutet aufzutauchen.

Winkels wendet ein, daß „Du“ tauche auf als der Figur klar werde, daß sie verliebt sei. Er sei auch ganz hin und weg gewesen von dem Text, es habe ihn in den Sessel gedrückt. Die Diskrepanz zwischen kindlicher Figur und Sprache dürfe man einem literarischen Text nicht vorwerfen.

Im weiteren wird ein wenig über die verschiedenen Tiere gesprochen, bis Feßmann, zu Recht finde ich, einwirft, die Tiere verwandelten sich in diesem Text alle in Sexualobjekte.

Zum Schluss lobt Jandl das hohe ästhetische Reflexionsniveau, was über dem des Vormittags liege. Thema des Textes sei das Changieren zwischen Zärtlichkeit und Gewalt. Ein sprachlich intensiv durchgearbeiteter Text.

Simon Froehling las mit „Ich werde dich finden“ den Auszug aus einem Roman, der die medizinisch-technischen und die ethisch-religiösen Hintergründe einer Organspende zum Thema hat. Er ist der Kandidat von Corinna Caduff.

Nachdem Keller ihre Version des Textes nacherzählt hat, gesteht die Religionswissenschaftlerin, sie teile die Faszination für Figuren, die aus dem Jenseits sprechen.

Strigl bedauert, daß der Autor sich nicht an sein eigenes Storylehrbuch gehalten habe, und zitiert: „Das Erzählen von Storys ist die schöpferische Demonstration von Wahrheit. Eine Story ist der lebendige Beweis einer Idee, die Umwandlung einer Idee in Handlung.“ Der Text diskutiere die Transplantationsphilosophie, beantworte jedoch die interessanten Fragen nicht befriedigend. Eigentlich sei es eine biedere, hausbackene und vorhersagbare Philosophie. Strigl verweist auf: Sabine Gruber, Über Nacht.

Hubert Winkels stört die bräsige Schilderung des Nierenpatienten im Krankenhaus.

Paul Jandl amüsiert sich über die erzählende Niere und kritisiert bei dieser „Seelenwanderung qua Niere“ sei die Seele bereits ausgetrieben. Krankenhaustechnische Dinge werden im Überfluss genannt und die kitschige Grabszene mache es auch nicht besser.

Spinnen greift das Stichwort Transplantationsphilosophie wieder auf und überlegt, was E.T.A. Hoffmann wohl daraus gemacht hätte. Der Text zeige die metaphysische Herausforderung der Organspende.

Für Meike Feßmann funktioniert der Text leidlich gut. Ihr Literaturhinweis: Slavenka Drakulic, Leben spenden.

Jetzt steuert auch Winkels einen Titel bei: David Wagner, Für neue Leben, wofür der Autor stante pede seinen Dank twittert (sprichdaskind).

Die Textmentorin Corinna Caduff begrüßt leicht angesäuert die zusammengetragene Literatursammlung der Kollegen. Dann kritisiert sie selbst ihren Kandidaten, in dem sie ihren Lieblingseinwand, das Thema sei sehr diskursiv, einwirft. Aber die phantasmatische Beziehung zum verstorbenen Spender sei die literarische Aufgabe, der sich der Text gestellt habe.

Mir hat der Text nicht gefallen, zuviel Krankenhausprosa, fast schon Arztroman. Irritiert hat mich außerdem, daß der Autor ganz anders aussah als auf seinen Fotos, zugegeben besser, aber fast schon zu schön. Typberatung? Und dann dieser Anker auf der Innenseite des Unterarms, zum Glück trug er kein blaugestreiftes Hemd. Ja, gut, man muss sich davon freimachen und sollte auch die Vorstellungsvideos besser nicht beachten. Einen Literaturhinweis möchte ich nicht beisteuern.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Mahlke, Travnicek, Martynova

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt – Zweiter Vormittag, 6.7.2012

Inger-Maria Mahlke eröffnete mit der Lesung ihres sehr eindringlichen Textes den zweiten Tag des Bewerbs. Vorgeschlagen wurde die Kandidatin von Burkhard Spinnen. Im vorgestellten Romanausschnitt erzählt die Protagonistin in der Du-Form von ihrem Sohn Lukas, den sie verlassen will, von ihrem Job im Back-Shop und der neuen Karriere als Domina. Der Text nimmt mich sofort gefangen. Es stellt sich ein ähnliches Gefühl ein wie bei der Haderlap-Lesung im letzten Jahr. Für mich ist Inger-Maria Mahlke die Favoritin auf den Bachmannpreis.

Als erste Stimme der Jury meldet sich Hildegard Keller zu Wort. Nachdem sie ihre Version des Textes erklärte, sprach sie von Ein- und Auspeitscherei und störte sich sehr an dem „Du“. Die Autorin scheue sich ins Innere zu gehen. Keller vermisste ein Herz in der Geschichte.

Diese gefiel Hubert Winkels hingegen sehr gut. Besonders die Nahaufnahmen der verschiedenen Welten, sei es Back-Shop, Mutterwelt oder Sadowelt beeindruckten ihn. Einiges bleibe jedoch unklar, so die Beweggründe der Frau, ihren Sohn zu verlassen.

Spinnen macht darauf aufmerksam, daß es sich ja nur um einen Ausschnitt aus einem größeren Text handele. Die Frau tue Unsägliches und ringe darum.

Caduff widerspricht Kellers Suche nach dem Herzen. Der Text zeige nur die Oberfläche, wolle keine Reflexion und keine Psychologie. Sie findet ihn ganz toll. Eine freudlose Existenz in Kälte und Ausweglosigkeit, die von Mahlke gnadenlos konsequent dargestellt werde.

Meike Feßmann eröffnet die „Du“-Interpretation. Sie bezeichnet es als sozialtherapeutische Ansprache, die Kontrolle beabsichtigt. Sie findet den Text sprachlich öde.

Spinnen widerspricht, das „Du“ sei notwendig, um in dieser Situation am Leben zu bleiben.

Strigl, die im „Du“ eine Selbstansprache sieht, empfindet den Text wohltuend, da er dem Leser nichts aufdränge, nichts erkläre. Er funktioniere nur mit diesem „Du“ und er überrasche auf mehreren Ebenen.

Auch Jandl widerspricht Feßmanns Du-Deutung. Dies sei kein Ikea-Du, es sei moralisch bedingt.

Caduff führt die ökonomischen Verhältnisse an, die dieses „Du“ darstelle, sie wiederspricht Strigls Selbstansprache-Interpretation.

Die weitere Du-Debatte liefert ein Karl-Marx-Du von Spinnen und Kellers Web-Cam-Du. Feßmann erweitert ihre Kritik an dem Text durch den Vorwurf von Klischees und Ungereimtheiten. Sie bleibt aber die Einzige in der Runde, der diese Lesung nicht gefallen hat.

Als zweite Kandidatin des Tages trat die von Winkels nominierte Cornelia Travnicek auf. Ihr Text „Junge Hunde“ erzählt vom Abschied einer jungen Frau von ihrer Kindheit, die zugleich ein Abschied von Eltern, Haustieren und Heimat ist. Der Grund ist allerdings kein Umzug, sondern der Tod. Gleich zu Beginn stirbt der Hund Bagheera. Diese Dschungelbuchnamen, es taucht ein weiterer Hund namens Baloo auf, veranlasste mich zu einer überflüssigen Grübelei über die Namensfindung von Haustieren, die mich leider vom konzentrierten Zuhören ablenkte. Kurze Zeit später merkte ich, daß ich nicht mehr reinkam. Der Text ist mir fad.

Ganz anders ergeht es Meike Feßmann, sie zeigt großen Respekt für den warmen Pragmatismus der Geschichte, in der die Tiere endlich einfach Tiere bleiben dürfen. (Mit Dschungelbuchnamen?)

Strigl findet ihn sympatisch, vor allem, weil sie einst den Dackel „Mowgli“ besaß. (Schlimm ist das österreichischer Humor?)

Caduff bemängelt die Sprache, sie habe sich ihr als Kunstraum nicht erschlossen. Der Text habe Potential, müsse aber überarbeitet werden. Das eingebaute Märchen beurteilt sie als interessante Versuchsanlage.

Hubert Winkels endlich erklärt die Psychologie hinter der Dschungelbuchmetapher. Ernst sei wie Mowgli adoptiert. (Mowgli war doch der Dackel von Daniela Strigl.)

Paul Jandl ist nicht klar, wo im Text der Hund begraben liege. Er findet die Sprache banal und simpel und kann die tiefen Geheimnisse des Textes nicht finden.

Hubert Winkels deckt sie für ihn auf. Der Vater sei abtransportiert, die Mutter tot, das Haus werde verkauft und der Hund auch schon verstorben.

Jandl ist mit der Erklärung nicht zufrieden, die Geschichte bilde ein Kindheitskontinuum ab, das der Literatur nicht nützlich sein muss.

Hier greift Hildegard Keller zur Verteidigung ein. Die mangelnde Tiefe sei Programm, sie passe zum Lebensplauderton. Außerdem gebe es hier und da eine schöne Metapher.

Auch Feßmann tritt für Travnicek ein. Sie kritisiert ihre Kollegen, die Spracharbeit nur dann wahrnehmen würden, wenn sie markant wäre. Der Text lasse sich sehr wohl mythologisch und ikonographisch lesen (Dschungelbuch!).

Spinnen scheint sich am liebsten eines Kommentars zu enthalten. Er könne allem, was gesagt wurde, zustimmen. Der Text habe ihn nicht beunruhigt. Worauf Winkels fragt, ob Literatur denn heute noch beunruhigen müsse.

Die aus Russland stammende Olga Martynova las den Text „Ich werde sagen „Hi““. Vorgeschlagen wurde sie von Paul Jandl. Sie schildert die Erlebnisse und Beobachtungen des Jugendlichen Moritz, der sich zögerlich verliebt und sich Gedanken über das seltsame Verhalten der Erwachsenen macht. Endlich mal ein amüsanter Text, der mit ungewöhnlichen Settings und Figuren spielt und voll subtiler Ironie steckt.

Winkels gefällt der Text sehr gut. Er findet es schön, wie Moritz durch die Zeiten mäandert. Dies sei harmonisch und elegant dargestellt.

Strigl erfreut der hintersinnige, lakonisch-anarchische Witz. Sie erinnert an den vermeintlich harmlosen Holunderblütengeruch. Die Anhäufung des Verbs „sagte“ sei eindeutig ein Stilmittel.

Auch Feßmann bewertet den Text positiv, er sei souverän und luftig erzählt. Moritz beobachte wie ein Spion das Eheleben von Onkel und Tante, was sie an die Figur von Stichmann erinnere.

Jandl verspürt durch den Text die erotische Aufladung des kleinen Städtchens. Die Geschichte zeige die Lust am Schreiben in verschiedenen Varianten.

Caduff, die vorab würdigt, daß die russische Autorin, die Deutsch nicht als Muttersprache besitze, an dem Wettbewerb teilnehme. Sie lobt die erfrischende Sprache und  findet die Geschichte außerordentlich witzig, was sich ihr erst durch den Vortrag erschlossen habe. Sie kritisiert jedoch die Verwendung von Versatzstücken.

Strigl stellt daraufhin zur Frage, ob wir einen Text anders lesen, wenn er von einem Autor mit ausländischen Wurzeln verfasst worden sei. Sie erklärt, der Text stehe in slawischer Tradition und erinnere sie an den leicht skurrilen tschechischen Witz.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Stichmann, Hassinger

5.7.2012 — Der Nachmittag des ersten Wettbewerbtages

Es lasen Andreas Stichmann, nominiert von Meike Feßmann, und die von Daniela Strigl vorgeschlagene Autorin Sabine Hassinger.

Andreas Stichmann, der am Leipziger Literaturinstitut studierte, erzählt in seinem Text „Der Einsteiger“ von einem Einbrecher, der zum teilnehmenden Beobachter wird.

Eine schöne Geschichte, wie Hubert Winkels findet, mit Thrillerelementen versetzt. Ob die Figur das Geschehen wirklich erlebt oder nur imaginiert bleibe offen. (Anscheinend möchte er sich nicht mehr dem Vorwurf aussetzten, einen surrealen Text nicht erkannt zu haben.) Winkels findet viel Gefallen an der Geschichte und bewundert den präzisen Einsatz der Grammatik, um das Erinnern der Figur an ihre Vergangenheit und die gleichzeitige Zukunftsphantasie miteinander zu verknüpfen.

Paul Jandl weist seinem Eindruck den Kurztitel „ Einschleichdieb ins bürgerliche Glück“ zu, seiner Meinung nach sei es ein schöner, stimmiger und stichhaltig erzählter Text.

Dem Lob schließt sich Keller an, mit der Einschränkung, daß sich der Handlungsimpuls verflüssige. Dadurch gewinne die Figur kein Profil, man komme ihr nicht nahe.

Eine temporeiche Erzählung mit interessanten Stellen, die sie jedoch kaum weiter beschäftigen wird, wertet Caduff.

Daniela Strigl hingegen fühlt sich an Hans-Christian Andersen erinnert, an seine Bewunderung der warmen Stube, und überlegt, ob es sich nur um einen Tagtraum handele. (s.o. surreal)

Die Einfachheit täusche, erklärt Feßmann, die Mentorin des Textes, die realistische Situation des Einbruchs vermische sich mit den Wunschträumen der Figur (surreale Drohung). Daraufhin entwickelte sich eine Diskussion zwischen Jandl, Strigl und Caduff, in der Jandl den schönen Schein anführt, Caduff die übergenerationelle Frage im gesamtgesellschaftlichen Kontext aufruft und Strigl den Text als haarscharf an der Klischeeidylle vorbei phantasiert bezeichnet.

Burkhard Spinnen ordnet Stichmanns Text als klassisch vampiristisch ein, da der Protagonist sich die Identität der Anderen aneigne. Derartige Texte habe er jedoch schon so viele gelesen, daß ihm die Besonderheit dieses Werks unklar bleibe.

Mein Favorit ist der Text nicht, er lässt mich ziemlich kalt.

Zum Abschluss des Nachmittags las Sabine Hassinger, die als Bildhauerin und Musiktherapeutin in der Psychiatrie arbeitete. Ihren Introfilm hat sie selbst gestaltet, auffallend waren die vielen seltsam skurrilen Papierbasteleien. Ebenso seltsam wirkte der Text „Die Taten und Laute des Tages“, der einem Drama gleich mit der Besetzungsliste der Figuren beginnt. Dass dies ein schwieriger Text werden wird, war klar. Daniela Strigl hat die Autorin vorgeschlagen, mich erinnerte der Text an Rabinowichs Erdfresserin vom letzten Jahr. Als er online war, versuchte ich mit zu lesen, was mich allerdings noch mehr verwirrte, da die Interpunktion wohl eine Hassingerische war. Frauen, ein toter Vater, Knochen in Schachteln mit Sand, mehr kam nicht bei mir an. Auch im Publikum machte sich Unruhe breit. Als die Lesung beendet war, drängten sich nicht wie sonst die Juroren zu Wort, sondern ein zögerliches Zaudern breitete sich aus. Jeder schien jedem gerne den Vortritt lassen zu wollen.

Hubert Winkels geht ritterlich als erster ins Turnier und gesteht sein Problem mit dem Text. Besonders die Personalpronomen haben ihn so genervt, daß er sich ihm nicht entspannt hingeben konnte.

Keller erinnert an die Vita der Autorin, an ihre Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik. Sie gehe anders mit der Sprache um, verlasse die Ebene der Semantik, erzeuge keinen Konsens. Als Sprechpartitur sei der schwer zugängliche Text geeignet.

Der Text sei kompliziert, so Strigl, und müsse eben mehrmals gelesen werden. Er handle von Glück und Unglück, eine Art Totenbuch, eine Krankengeschichte im Irrenhaus. Sie habe über die Interpretation nicht mit der Autorin gesprochen.

Meike Feßmann versucht dem Publikum vor Ort und draußen den Inhalt zu entschlüsseln. Erklärt den etwas zerrupften Ton mit der ständigen Zwischenrederei der Mutter. Die Kalauer empfindet sie als störend.

Corinne Caduff begrüßt es zwar einen sprachexperimentellen Text im Wettbewerb zu haben, aber sie hat keine Lust dazu. Das Lesen sei zu zeitaufwendig. Ob Derartiges noch zeitgemäß sei? Oder sei der Text gar ein Angriff auf das aktuelle Timemanagement?

Dieses Frage weist Jandl zurück. Es sei ein schöner poetischer Text, ‑Winkels möchte gerne die Poetik erklärt haben‑, bei dem nicht alles verstanden werden muss. Man könne ihn lesen wie einen Rohrschachtest.

Burkhard Spinnen weist daraufhin, daß jeder literarische Text eine Anstrengung erfordere.

Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.

Damit ist der erste Tag sehr anstrengend zu Ende gegangen. Einen potentiellen Preisträger habe ich noch nicht verspürt und bin gespannt auf morgen.

Bachmannpreis 2012 –TDDL ‑Moster, Ramnek, Richner

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Der 36. Bachmannpreis 2012

Der erste Lesevormittag ist beendet. Es lasen Stefan Moster, nominiert von Burkhard Spinnen, Hugo Ramnek, der Kandidat von Hildegard Keller sowie Mirjam Richner, die Meike Feßmann vorgeschlagen hatte.

Stefan Moster, der seit 10 Jahren in Finnland lebt und laut Intro schreibt, um die Welt zu verstehen, liest einen Text mit dem Titel „Der Hund von Saloniki“, der verschiedene Erzählebenen durch vielfältige Verweise miteinander verknüpft. Die Erinnerung an einen Kampf mit einem Hund, den der Protagonist als Achtzehnjähriger auf seiner ersten Reise nach Griechenland erlebte und eigentlich schon vergessen glaubte, taucht nach Jahrzehnten wieder auf. Auslöser ist die Beobachtung in Istanbul, dort werfen Männer zu ihrer Belustigung Hunde ins Wasser. Seiner Tochter, die ihn begleitet, tischt er eine kindische Erklärung für dieses Tun auf. Die Zuhörerin vermutete, daß die Tochter noch recht klein sei, und billigt so die Notlüge. Kurze Zeit später stellt sich heraus, daß sie bereits sechzehn Jahre alt ist. Zwischen diese beiden Erzählstränge schiebt sich ein Trampen nach Griechenland mit allen denkbaren Hindernissen.

Die Jury ist frisch und sehr diskussionsbereit. Winkels lobt den Text Mosters als schöne Eröffnung der Bachmanntage. Er empfindet ihn ruhig und gleichzeitig intensiv, er biete zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten für den Leser. Trotz der sehr guten Konstruktion mit vielen Verknotungen der Erzählebenen, scheint er ihm ein wenig gleichförmig. Winkels deutet ihn als Meditation über Erinnern und Vergessen am Beispiel eines existentiellen Ereignisses.

Keller verweist auf die literaturgeschichtliche Dimension des Hundemotivs. Ihr gefällt die Verzahnung der einzelnen Geschichten. Moster sei das Wiederfinden der Erinnerung sehr schön gelungen, indem er eine stark realistisch erzählte Ebene als Traum eingeschoben habe. Später ergänzt sie, daß sich die Bewusstseinsebenen der verschiedenen Figuren kaum unterscheiden würden.

Auch Caduff würdigt den Hund als literarisches Motiv, ebenso die feine und eindringliche Wortwahl. Die Trampergeschichte im Mittelteil klingt ihr jedoch zu sehr nach Freud und Leid der Interrailgeneration.

Die Sprache Mosters hat auch Daniela Strigl beeindruckt. Sie greift als Beispiel den „Hund der sich traurig trollte“ auf. Allerdings verspürt sie eine gewisse Harmlosigkeit und stört sich auf der realen Ebene an der nicht eintretenden Tollwutangst nach dem Biss. Auch sie betont ihr Verständnis des Hundesymbols, das sie psychoanalytisch als unheimliches Tier des Eros interpretiert.

Zur Verteidigung des Textes verwirft Spinnen zunächst die Gegenargumente. Der Text sei nicht harmlos, sondern von subtilem erzählerischen Aufwand. Er zeichne sich durch die Gleichzeitigkeit von Reflexion und Erleben aus. Spinnen plaudert ein wenig aus dem eigenen biographischen Nähkästchen, und schließt mit dem Fazit, dies sei ein unendlich melancholisch, trauriger Text.

Meike Feßmann sieht vor allem die sprachlichen Qualitäten des Textes, der allerdings inhaltlich des Guten zu viel wolle. Auch ihr fällt auf, daß die Tochter wie ein Kleinkind behandelt wird. Ihr missfiel das Hundemotiv, wie ihr der gesamte Text symbolisch zu überfrachtet sei.

Motivische Auslegeware“ urteilt Jandl, der Autor hätte sich reichlich am Motivvorrat der Literatur bedient und diese, wie am Beispiel Hund zu sehen sei, existenzialistisch hochgejubelt. Das Vergessen des Hundebisses hält er für unglaubwürdig, die zurückbleibende Narbe hätte die Figur doch stets an das Ereignis erinnern müssen. Die mangelnde Differenzierung der Erzählstimmen ist in seinen Augen ein weiterer Kritikpunkt.

Ziemlich aufgebracht wirft ihm Spinnen die Strenge eines „stalinistischen Zollbeamten“ vor, was Jandl zu dem amüsanten Konter veranlasst, Spinnen hätte sein Urteil über den Text „aufgrund eigener biographischer Erfahrung pathetisch aufgepimt“.

Vielleicht geht es mir ja ähnlich wie Spinnen? Jedenfalls war Mosters Text, trotz einiger Kritikpunkte in der Erzähllogik, für mich der angenehmste des heutigen Tages. Insgesamt ist es eine stringent und spannend erzählte Geschichte. Besonders eindrucksvoll schildert Moster den Kampf mit dem Hund. Angst und Ekel auf Seiten des jungen Mannes sind ebenso gut nachvollziehbar, wie Schmerz und Elend des Hundes.

Es folgte der aus Kärnten stammende und in Zürich lebende und unterrichtende Hugo Ramnek. Sein Text „Kettenkarussell“ wurde von Hildegard Keller vorgeschlagen und schildert drei Tage eines ländlichen Jahrmarktes, im Text als Wiesenmarkt bezeichnet. Handlungsort ist das Grenzgebiet zwischen Slowenien und Kärnten. In den Erinnerungen eines Jugendlichen an diesen Festrausch spielen die ethnischen und sozialen Konflikte der Bewohner eine erhebliche Rolle. Die Geschichte endet mit einer pathetischen Karussellphantasie, sich über alle Grenzen hinweg heben zu können.

Winkels, der thematisch eine Ähnlichkeit mit der Anlage des Textes von Moster erkennt, ist vom Sprachstil Ramneks, der in kurzen Sätzen und Exklamationen den Inhalt dieses Jahrmarkttreibens transportiert, angetan. Allerdings gebe der Autor manchmal zu viel Gas und neige zu Übertreibungen. Besonders das Symbol der sexuellen Erregung, die Kellerechse,  werde zu oft wiederholt. Zudem stelle Ramnek die sozialen Unterschiede in dieser ethnisch zweigeteilten Welt zu drastisch und massiv dar.

Auch Strigl findet die Kellerechse zu dick aufgetragen. Hingegen sei der Ausnahmezustand des Wiesenmarkts sehr gut in sprachliche Bilder umgesetzt. Schaukeln, Kreiseln und Rausch würden auch in der Sprachrhythmik gespiegelt.

Corinna Caduff fragt, was Literatur zum stark diskursiven Thema Heimat und Fremde noch beitragen kann. Sie sucht nach dem Anliegen, dieses ihrer Meinung nach symbolisch überstrapazierten Textes.

Jandl interpretiert die Kellerechse nicht nur als sexuelles Symbol. Der ganze Text sei für ihn ein literarischer Rummel, voller Enthusiasmierungen, alles drehe und bewege sich.

Gespalten in ihrem Urteil ist Meike Feßmann. Einerseits besitze der Text schöne Bilder und Ausdrücke, andererseits erzeuge der starke Symbolcharakter einen paradoxen Effekt. Die Sexualität springe einem geradezu an jeder Stelle ins Gesicht.

Spinnen konstatiert, dies sei ein Text, der schön sein wolle, und er hege Vorbehalte gegen eine derartige Intention. Zu viele barocke Wortschöpfungen, laute und vielstimmige Bilder, die manchmal ins Klischee abdriften, stören ihn. Dem Kunstwerk als sprachimpressionistisches Gebilde zeuge er jedoch Respekt und Anerkennung.

Eher expressionistisch als barock wirkt auf Keller dieser Text. Seine Besonderheit sei die  Rhythmik, die sehr gut in der heutigen Performance zum Ausdruck gekommen sei. Sie betrachtet ihn als poetische Suche nach der Kindheit. Sie erinnert sich an ihre eigenen kindlichen Jahrmarkterlebnisse und schaut durch Ramnecks Sätze „aus der Vogelperspektive auf den Jahrmarkt“.

Für mich war es kein nostalgischer Jahrmarktsgang, eher ein sehr rustikales Erlebnis, bei dem plötzlich die Grenze zwischen zwei penibel getrennten Sphären verwischt. In der Sprache war es mir allerdings zu derb.

Die letzte Lesung am Vormittag bestritt die junge Mirjam Richner. Die Kandidatin wurde von Meike Feßmann vorgeschlagen. Der Vorstellungsfilm verrät ihre Neigung Träume und Gedichte in ihre Prosa einzubauen, was sich an ihrem Text mit dem Titel „Bettlägerige Geheimnisse“ deutlich ablesen lässt. Er erzählt die dramatische Geschichte zweier junger Frauen und Lehrerkolleginnen, die versuchen sich aus einem von einer Lawine verschütteten Haus zu befreien.

Gewisse Nöte mit dem Text“ meldet Daniela Strigl. Sie hat gravierende Glaubwürdigkeitsprobleme mit dem Erzählvorgang und findet den Text nicht geglückt.

Winkels hinterfragt, ob es sich tatsächlich um ein reales Lawinenunglück handele. Ununterbrochen würden innere Vorgänge dargestellt.

Als Text eines Wahns wertet Jandl das Vorgetragene. Dass die Lawine lediglich Einbildung sei, verrieten die vielen Selbstauskünfte der Figur. Einerseits könne ein solcher Text alles erzählen und das tue er auch. Andererseits müsse Wahnsinn in der Literatur auch wieder vernünftig werden und das tue er nicht. Jandl fragt, was von Text übrig bleibe.

Caduff bezeichnet den Text als Hin- und Hergeweine im Hanni-und-Nanni-Stil, der auf ein ernstes Thema appliziert sei. Die Sprache sei salopp, lapidar, Mainstream säuselnd. Sie versteht die Funktion der Gedichte nicht und rät Richner, deren Aussage besser in die Prosa zu integrieren.

Laut Keller beinhaltet der Text einen unerhörten, wuchernden Reichtum, sei aber „irgendwo auf dem Weg“. Sie empfiehlt eine Beratung und übernimmt diese gleich selbst, wenn sie über die Beziehung zwischen Autoren und ihren Figuren doziert.

Da ergreift Feßmann die Verteidigung mit der Eröffnung, dieses sei ein surrealer Text, was keiner ihrer Vorredner erkannt habe. Damit dürfe die Autorin alles, jede Kritik an unlogischer Handlung sei obsolet. Es entwickelt sich ein kleiner Disput zwischen Feßmann, Strigl und Jandl, den letzterer mit „ich mach’s mal surreal, dann darf ich alles, geht nicht“ beendet.

Die kurze Zeit, die Spinnen vor dem Beginn der Mittagspause bleibt, nutzt er zur Sympathiebekundung für die girlyhafte Junglehreralltagsrealität mit surrealen Gedankengängen.

Ich empfand den Text als sehr temporeich. Beim Inhalt sollte man unbedingt das Alter der 1988 geborenen Autorin und damit sicherlich auch das der Zielgruppe berücksichtigen. Die angerissenen philosophisch-ethischen Diskussionen scheinen mir in der Hinsicht angemessen.

Das war mein Rückblick auf den Vormittag, alle Zitate nach bestem Wissen und Hören, also ohne Gewähr.

Die Jury bilden in diesem Jahr Corina Caduff, Paul Jandl, Hildegard Elisabeth Keller, Meike Feßmann, Burkhard Spinnen, Clarissa Stadler, Daniela Strigl und Hubert Winkels. Eine schöne Rangliste hat die Sopranisse parat.

Von allen bisherigen Lesungen ist ein Video abrufbar.

3sat überträgt Lesungen und Diskussionen live:

5. Juli: 10.15 bis 15.15 Uhr

6. Juli: 10.15 bis 15.15 Uhr

7. Juli: 9.45 bis 14 .00 Uhr

8. Juli: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preisverleihung

Mit der Snippy-App gibt es die Smartphonvariante.