TDDL 2014 – Katharina Gericke, Tex Rubinowitz, Georg Petz

Bachmannpreis 3. Tag — Drei mal Liebe und eine wohlgefüllte Arche

bachmann14Da ich ges­tern vor lau­ter Twit­ter-Zir­kus bei­na­he den ers­ten Eklat ver­passt hät­te, woll­te ich mich am die­sem Vor­mit­tag et­was zu­rück­hal­ten. Der Vor­satz wur­de durch kei­nen un­ter­ir­di­schen Text tor­pe­diert. An­ders als im letz­ten Jahr trat die­se Ka­te­go­rie nicht auf, selbst die ti­be­ta­ni­sche To­ten­me­di­ta­ti­on war mei­len­weit von der letzt­jäh­ri­gen Tee­beu­tel­pro­sa ent­fernt.

Nach­dem der Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­ko­witsch dem Pu­bli­kum mit ei­nem li­te­ra­ri­schen Schuh­löf­fel in die Blech­are­na ver­half, be­gann Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke die ers­te Le­sung. Sie ist die Kan­di­da­tin Burk­hard Spin­nens. Ge­ri­cke, die als Dra­ma­tur­gin schon auf ei­ni­gen Büh­nen ar­bei­te­te, lebt in Ber­lin, wo auch ihr Vi­deo­por­trät spielt. Die Re­por­ta­ge zeig­te ihr En­ga­ge­ment für ein Thea­ter­pro­jekt in Moa­bit. Ob­wohl ich die­se In­tro­fil­me eher als Zeit­ver­schwen­dung se­he, fand ich die­sen an­ge­nehm und in­for­ma­tiv.

Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke er­zähl­te in bal­la­den­ar­ti­gen Ton von der An­nä­he­rung ei­nes äl­te­ren Paa­res, des­sen auf­kei­men­des In­ter­es­se für­ein­an­der an ei­nem frem­den Paar stran­det. Der Ti­tel „Down Down Down to the Queen of Chi­na­town“ ist ei­nem Song von Aman­da Lear ent­nom­men, was die Ju­ry als li­te­ra­ri­sche Re­fe­renz wür­dig­te.

Der Text wur­de von den Kri­ti­kern sehr gut auf­ge­nom­men, be­son­ders vom Vor­trag wa­ren sie an­ge­tan. Das ver­wun­der­te mich sehr. Nach der har­ten Kri­tik an Ro­ma­na Gan­zo­nis Vor­trags­stil, hat­te ich da­mit ge­rech­net, daß auch Ge­ri­ckes ges­ten­rei­ches De­kla­mie­ren miss­fal­len wür­de. Mit­nich­ten, Le­sung wie Text er­hiel­ten von gu­ter Lau­ne ge­sät­tig­tes Lob.

Da­nie­la Strigl hat­te die „Au­ßen­sei­ter­ge­schich­te“ mit gro­ßem Ver­gnü­gen ge­le­sen. Sie lob­te die Iro­nie und die „Blank­vers­herr­lich­keit“ der Spra­che. Win­kels ge­fiel wie die Au­to­rin den Ver­such über Lie­be zu spre­chen mit der Oper ver­schränkt. Auch Mei­ke Feß­mann zeig­te sich an­ge­tan von die­sem „schrä­gen Text“ über zwei Sprach­lo­se. Zu­gleich stell­te sie die Fra­ge, ob er Pa­thos, Kunst oder Di­let­tan­tis­mus sei. Wäh­rend das „klei­nes Zau­ber­stück über ei­ne Elen­de“ Kel­ler in ei­ne mitt­le­re La­ge des Ver­gnü­gens stimm­te.

Du­s­i­ni lob­te die sehr gut ge­bau­te Ver­schach­te­lung mit der Oper und sah dem Hund an, daß er der Di­vina Co­me­dia ent­sprun­gen war. Le­dig­lich die Jam­bi­sie­rung emp­fand er als über­zo­gen.

Spin­nens ge­wohnt lan­ge Re­de kreis­te um die „ro­man­ti­sche Iro­nie“.

Strigl wi­der­sprach den Vor­wür­fen Feß­manns und Du­si­nis und Hil­de­gard Kel­ler, die ich bei die­sem Bach­mann­wett­be­werb sehr schät­zen ge­lernt ha­be, bit­tet die Kol­le­gen nicht zu weit­schwei­fig zu in­ter­pre­tie­ren. Sie sprach vom Rü­den- und Höl­len­hund­alarm und rief da­mit Du­s­i­ni auf den Plan, der sich an­ge­spro­chen fühl­te.

Die Dis­kus­si­on en­de­te mit der mei­ner Mei­nung nach sehr be­rech­tig­ten Fra­ge Feß­manns, ob die Kol­le­gen den Text jetzt nicht hoch­ge­puscht hät­ten.

Bis auf ei­nen deut­schen Kö­ter und Rim­baud­sche Flie­gen gab es kei­nen Zu­wachs für Ar­che-In­ge­borg. Ob das ein In­diz ist?

Der von Han­no­ver nach Wien emi­grier­te Car­too­nist, Mu­si­ker und Schrift­stel­ler Tex Ru­bi­no­witz er­spar­te als Ein­zi­ger dem Pu­bli­kum das Vi­deo. Ihn führ­te in die­sem Jahr die Ein­la­dung Da­nie­la Stri­gls nach Kla­gen­furt, wo er zur Bach­mann­preis­sai­son fast zum In­ven­tar ge­hört. Auch dies­mal ist er ne­ben sei­ner Rol­le als Kan­di­dat für mu­si­ka­li­sche Abend­pro­gram­me zu­stän­dig. In sei­nem Text „Wir wa­ren nie­mals hier“ er­in­nert sich der Prot­ago­nist mit viel Selbst­iro­nie an ei­ne lan­ge zu­rück lie­gen­de we­nig ge­glück­te Be­zie­hung.

Win­kels zog ei­ne Par­al­le­le zum vor­her ge­hen­den Text. Der Au­tor schil­de­re sei­ne Lie­bes­ge­schich­te nicht in ei­ner Li­te­ra­tur- son­dern in der Um­gangs­spra­che, doch auch dies sei klug und schön.

Er­fri­schend oh­ne li­te­ra­ri­sche Be­deu­tungs­schwe­re“ lau­te­te Du­si­nis Lob für die­ses „sou­ve­rä­ne Stück Un­der­state­ment“.

Feß­mann war vom „selt­sa­men Miss­ver­hält­nis des Lie­bes­paars“ an­ge­tan, Kel­ler vom „Sex­ap­peal“ des la­ko­ni­schen Prot­ago­nis­ten.

Strigl stell­te her­aus, daß Ru­bi­no­witz, auf den „viel­leicht schon ös­ter­rei­chi­sche Tra­di­ti­on ab­ge­färbt“ ha­be, ei­nen ganz ei­ge­nen Ton be­sit­ze.

Spin­nen hat­te „nicht mehr viel hin­zu­zu­fü­gen“ bis auf ei­ne „klei­ne An­mer­kung“, der Au­tor ha­be „scheuß­lich ge­le­sen“, was von Strigl ve­he­ment mit „kon­ge­ni­al ge­le­sen“ wi­der­spro­chen wur­de.

Ich tei­le Spin­nens Mei­nung in die­sem Fall, die Le­sung war schnell und schlu­de­rig, was si­cher nicht be­wusst so ge­stal­tet wur­de. Die Ge­schich­te hat mich al­ler­dings als ein­zi­ge bis­her zum La­chen ge­bracht und in ih­rer Art an Sven Re­ge­ners „Herr Leh­mann“ er­in­nert. Ich tip­pe auf den Pu­bli­kums­preis, die Ju­ry hat sich ja auch ein­neh­men las­sen.

Zum Bach­mann­preis reicht es aber wohl nicht, zu­viel Ge­tier für die Ar­che-In­ge­borg, un­ter an­de­rem Ku­ckuck, Spatz, Huhn, Hecht, Ok­to­pus, Amei­se so­wie die ge­mei­ne Ge­büsch­kat­ze und die skur­ri­le Schul­ter­schlan­ge.

Der Gra­zer Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ge­org Petz hat­te als letz­ter Bach­mann-Vor­le­ser ei­ne un­gu­te Po­si­ti­on, wie sich er­wei­sen soll­te. Die Glücks­pil­len, die am Mor­gen die Ju­ry zu eu­pho­ri­schen Hö­hen­flü­gen sti­mu­lier­ten, hat­ten in ih­rer Wir­kung wohl nach­ge­las­sen. Den Kan­di­da­ten von Hil­de­gard Kel­ler ha­be ich lei­der nicht live er­lebt. Viel­leicht wä­re ich dann nicht so er­staunt über das teil­wei­se har­sche Ur­teil der Kri­ti­ker ge­we­sen. So ha­be ich, aus­ge­ruht und nicht durch vor­ran­ge­gan­ge­ne Le­sun­gen stra­pa­ziert, Vor­trag und Dis­kus­si­on im Nach­hin­ein ge­se­hen und mich ge­wun­dert.

Petz’ Vor­trags­stil, der un­ter den Ju­ro­ren dies­mal nicht zur De­bat­te stand, war an­ge­nehm zu­rück­hal­tend und im rich­ti­gen Tem­po. In „Mille­fleurs“ schil­dert er die Ri­va­li­tät zwei­er jun­ger Män­ner um die Lie­be ei­ner Frau. Durch die ver­schie­de­nen Na­tio­na­li­tä­ten und den Hand­lungs­ort an Kriegs­schau­plät­zen der Nor­man­die er­hält die Ge­schich­te Spie­ge­lung und gleich­zei­tig Kon­flikt­po­ten­ti­al.

Die Idee die­se Kon­kur­renz his­to­risch ein­zu­bet­ten ge­fiel Feß­mann, sprach­lich fand sie sie al­ler­dings nicht gut be­wäl­tigt. Die Bil­der sei­en „über­trie­ben blu­mig und bla­sig“.

Win­kels emp­fand Be­klem­mung an­ge­sichts der Be­geg­nung von in­di­vi­du­el­ler Ge­schich­te und Kriegs­ge­schich­te.

An die Blu­men­or­na­men­te spät­go­ti­scher Ta­pis­se­ri­en fühl­te sich Stei­ner er­in­nert, das zen­tra­le Mo­tiv des Tex­tes ver­schwin­de im Or­na­ment.

Kel­ler fand, daß Petz die „Ver­schach­te­lung der ver­schie­de­nen Ebe­nen sehr über­zeu­gend ge­löst“ ha­be. Aber auch Spin­nen kri­ti­sier­te, ihn stör­ten die vie­len Me­ta­phern. Au­ßer­dem sei der Kampf im Was­ser nicht prä­zi­se ge­nug dar­ge­stellt. Er woll­te ge­nau wis­sen, wer wo wen an­ge­fasst ha­be, was auch Feß­mann in­ter­es­sier­te.

Dies sei ei­ne „schwer­blü­ti­ge Ant­wort auf Ju­les und Jim“, so Strigl, aber zu viel Kunst­hand­werk. Gut ge­fiel ihr das „gu­te En­de“.

Du­s­i­ni äu­ßer­te sich un­zu­frie­den über Na­tio­na­lis­mus, Spra­che, Kör­per, Macht und Ero­ti­sie­rung.

Die ge­häuf­te, und wie ich fin­de auch über­zo­ge­nen Kri­tik, -war­um muss ein Kampf so dar­ge­stellt wer­den, daß er in al­len Ein­zel­hei­ten nach­voll­zieh­bar ist?-, ver­such­te Kel­ler den Um­stän­den zu­zu­schrei­ben. Dies sei die drit­te Lie­bes­ge­schich­te an die­sem Mor­gen und we­der ei­ne Pos­se noch ei­ne Par­odie, dar­in lie­ge das Pro­blem, wor­auf ein klei­ner Dis­put zwi­schen ihr und Feß­mann um die poe­ti­schen Mit­tel des Tex­tes auf­kam.

Da Petz un­ter sei­nen Blu­men auch meh­re­re As­tern ein­streu­te, rech­ne­te ich fest da­mit, daß we­nigs­tens ein Kri­ti­ker Gott­fried Benn her­bei­rau­nen wür­de. Das ge­schah nicht.

Mir hat die laut Kel­ler „gro­ße Me­di­ta­ti­on über die Na­tur mit viel Pa­thos“ gut ge­fal­len. Dank Petz hält auf der Ar­che Mee­res­fau­na Ein­zug, Aus­tern, Mies­mu­scheln, Ko­ral­len, See­ster­ne, Kra­ken, Krab­ben au­ßer­dem vie­le Vö­gel.

 

Sie­ger­pro­gno­se:

Die Ju­ry wird si­cher­lich Mi­cha­el Fehr, Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke, Ger­traud Klemm, Tex Ru­bi­no­witz und Sen­thu­ran Va­rat­ha­ra­jah als Preis­trä­ger wäh­len.

Mei­ne Fa­vo­ri­ten sind Ro­man Mar­chel, Sen­thu­ran Va­rat­ha­ra­jah, Tex Ru­bi­no­witz, Ge­org Petz und Ro­ma­na Gan­zo­ni.

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2 Responses to TDDL 2014 – Katharina Gericke, Tex Rubinowitz, Georg Petz

  1. Dana sagt:

    Hal­lo Ata­l­an­te,

    herz­li­chen Glück­wunsch und Hut ab! Dei­ne Pro­gno­se war 100% rich­tig!
    Ich hin­ke noch hin­ter­her, Frei­tag und Sams­tag konn­te ich den Wett­be­werb nicht ver­fol­gen. Mar­chel ge­hört aber auch für mich schon zum Fa­vo­ri­ten … und Ge­ri­cke auch 🙂

    LG und dan­ke noch­mals … für die gan­ze Zu­sam­men­stel­lung der Ar­che 🙂
    Da­na

    • Atalante sagt:

      Wenn man das Pu­bli­kum mit sei­nem Preis ein­be­zieht, dann hat­te ich wirk­lich nur Tref­fer. Lei­der muss ich sa­gen.

      Ich bin sehr da­für, künf­tig die Tex­te an­onym und von aus­ge­bil­de­ten Spre­chern vor­le­sen zu las­sen. Das wä­re in­ter­es­sant.

      Ich ha­be mir vor­ge­nom­men, die Tex­te mei­ner Fa­vo­ri­ten noch ein­mal aus­führ­lich hier zu ana­ly­sie­ren.

      Tja, die Ar­che, da ha­be ich viel­leicht das ein oder an­de­re Viech ver­ges­sen? 😉

      Herz­li­che Grü­ße und dan­ke für Dei­nen Kom­men­tar, Da­na.

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