TDDL 2014 — Roman Marchel, Kerstin Preiwuß, Tobias Sommer, Gertraud Klemm, Olga Flor

Arche Ingeborg

bachmann14Das dies­jäh­ri­ge Wett­le­sen be­gann mit ei­nem Kan­di­da­ten ei­nes neu­en Ju­rors. Ro­man Mar­chel, der Schrift­stel­ler aus dem Wald­vier­tel wur­de von Ar­no Du­s­i­ni, dem Pro­fes­sor aus Wien, ge­la­den. Schon Mar­chels Vi­deo­por­trät ver­mit­tel­te ei­ne me­lan­cho­li­sche Stim­mung, die sich im Text fort­setz­te. Die­ser er­zählt die Ge­schich­te ei­ner al­ten Frau, die mit dem Lei­den ih­res im Ster­ben lie­gen­den Man­nes über­for­dert ist und ihm schließ­lich mit ei­ge­ner Hand ein En­de be­rei­tet. Ku­rio­ser­wei­se ha­ben wir ge­ra­de ges­tern in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis über Mi­che­le Mur­gi­as Ro­man Ac­ca­ba­do­ra ge­spro­chen, der ein ähn­li­ches The­ma be­han­delt. Al­ler­dings längst nicht so vir­tu­os wie Mar­chel, der um das Er­eig­nis ein fei­nes Ge­we­be von Er­in­ne­run­gen spinnt. Mich hat der Text, den ich in der Mit­tags­pau­se noch­mals ge­le­sen ha­be, sehr be­ein­druckt. Le­dig­lich ei­ni­ge Aus­tria­zis­men wie „aus­ge­trock­ne­tes Tuch“ ha­ben mich et­was ge­stört.

Win­kels, der als ers­ter Ju­ror spricht, äu­ßer­te als ein­zi­ger Kri­tik. Ihm miss­fie­len die hand­werk­li­chen Män­gel und Un­ge­nau­ig­kei­ten. Feß­mann deu­te­te die von Win­kels mo­nier­ten Pas­sa­gen als er­leb­te Re­de. Strigl be­zeich­ne­te die­se Ge­schich­te um ei­ne „Fa­mi­lie mit ho­her Män­nersterb­lich­keit“ als „Un­der­state­ment­text“, der ihr ge­fal­le. Auch Hil­de­gard Kel­ler war von dem „stil­len, sehr dis­kre­ten Text“ be­trof­fen. Wäh­rend Stei­ner vor der Derb­heit der Frau­en­fi­gu­ren zu­rück schreck­te, sah Strigl in der Wit­wen­schaft ein neu­es Le­bens­mo­dell. Spin­nen stimm­te nach lan­gen Aus­füh­run­gen zur Män­nersterb­lich­keit Win­kels Ur­teil zu. Die­se bei­den Kri­ti­ker muß­ten sich dann al­ler­dings von ih­rem neu­en Kol­le­gen Du­s­i­ni über die viel­schich­ti­ge The­ma­tik und die dif­fi­zi­len li­te­ra­ri­schen Be­zie­hun­gen des Tex­tes in Kennt­nis set­zen las­sen.

Es folg­te die Leip­zi­ger Ly­ri­ke­rin Kers­tin Prei­wuß, die am Li­te­ra­tur­in­sti­tut die­ser Stadt stu­dier­te und lehr­te. Mei­ke Feß­mann hat­te sie für den Wett­be­werb no­mi­niert. Prei­wuß ers­ter Ro­man „Rest­wär­me“, aus dem sie ei­nen Aus­schnitt las, er­scheint im Ber­lin Ver­lag. Wäh­rend im Vor­gän­ger­text nur ei­ne Kat­ze und prä­his­to­ri­sche Pfer­de auf­tra­ten, ver­half Prei­wuß ei­ner gan­zen Me­na­ge­rie zum Le­ben und auch zum To­de. Es tre­ten auf, ein Hund, ei­ne Li­bel­le, un­zäh­li­ge Ner­ze wie Aa­le ver­schie­de­ner Aus­for­mun­gen. Mit vie­len De­tails führ­te die Au­to­rin in Auf­zucht und Tö­tung von Ner­zen ein. Sie weiß weit mehr als Wi­ki­pe­dia. Aber ich will es eher nicht wis­sen, ich will doch kein Nerz­far­mer wer­den. Die­se Zucht­fa­brik ist ein KZ und man ahnt ir­gend­ei­ne Na­zi­ver­gan­gen­heit lässt nicht lan­ge auf sich war­ten. Ich ha­be mich ir­gend­wann aus dem Text ver­ab­schie­det, er konn­te mich nicht ge­nug fes­seln. Auch bei der Ju­ry kam er nicht so gut an. Strigl emp­fand, daß die his­to­ri­sche Hy­po­thek nicht durch ein über­ra­schen­des li­te­ra­ri­sches Ele­ment ein­ge­löst wer­de. Dies sei das Na­tur­kund­li­che ent­geg­ne­te Feß­mann, die ih­re Kan­di­da­tin ver­tei­dig­te. Win­kels hin­ge­gen teil­te Stri­gls Be­den­ken, fand aber die Pas­sa­ge über die „durch­pul­sie­ren­de Ge­walt der Ner­ze“ sehr be­ein­dru­ckend. Kel­ler gab zu Be­den­ken, daß es sich ja nur um den Aus­schnitt ei­nes Ro­mans han­de­le. Du­s­i­ni spür­te wie­der­um li­te­ra­ri­sche Be­zü­ge auf, ihn er­in­ner­ten die Nerz­rü­den an Paul Cel­ans „Na­zi“-Rü­den. Sehr wohl­tu­end war da Kel­lers Mah­nung von der „Akro­ba­tik der Ex­ege­se“ in den „Echo­raum der Welt­li­te­ra­tur“ wie­der zum Text zu fin­den. Doch der scheint für den Wett­be­werb nicht mehr zu ret­ten. Win­kels An­sicht war „der Text ent­wer­te sich sel­ber“ und Stri­gls glaub­te „ihm nicht Gu­tes zu tun, wenn wir ge­nau hin­se­hen“, so die sehr har­ten Schluss­kri­ti­ken.

To­bi­as Som­mer, der Kan­di­dat Ju­ri Stei­ners, las als letz­ter in der heu­ti­gen Vor­mit­tags­run­de. Er hat be­reits Ge­dich­te und Kurz­ge­schich­ten ver­öf­fent­licht und ist im Brot­er­werb Fi­nanz­haupt­se­kre­tär. Ent­spre­chend spielt sein Text in ei­nem Fi­nanz­amt. Der Ich-Er­zäh­ler wird des Be­trugs be­schul­digt und muss vor dem Steu­er­prü­fer er­schei­nen. Das er­in­nert an Franz Kaf­ka, ist aber we­ni­ger span­nend zu le­sen. Die Ju­ro­ren wa­ren nicht über­zeugt, man­che plau­der­ten lie­ber von ih­ren ei­ge­nen Er­fah­run­gen mit dem Amt. Mich hat­te schon die Mit­tags­mü­dig­keit be­fal­len, der auch mein In­ter­es­se an der Dis­kus­si­on zum Op­fer fiel.

Den Nach­mit­tag er­öff­ne­te Ger­traud Klemm. Die stu­dier­te Bio­lo­gin aus Wien be­schäf­tigt sich li­te­ra­risch, wie Vi­deo­por­trät und ih­re Web­sei­te ver­ra­ten mit der Rol­le der Frau. Die noch im­mer nicht ein­ge­lös­te Gleich­be­rech­ti­gung ist auch Ge­gen­stand ih­res Tex­tes. Über­for­de­rung als Mut­ter ei­nes Klein­kinds und die Em­pö­rung über un­glei­che Be­las­tung in der Part­ner­schaft las­sen die Prot­ago­nis­tin nicht nur ihr Fa­mi­li­en­idyll, son­dern auch sich selbst in Fra­ge stel­len. Ei­ne durch­aus nach­voll­zieh­ba­re Si­tua­ti­on. Und doch möch­te ich von die­ser Mut­ter­tags­tris­tesse nichts le­sen. Nicht weil, wie Da­nie­la Strigl ganz zum En­de der Dis­kus­si­on be­merk­te, Klemm ein Welt­bild schil­de­re, was für den Le­ser nicht aus­zu­hal­ten sei, son­dern weil es ein­fach ei­ne viel zu oft er­zähl­te Ge­schich­te ist. Da­von gab es frü­her je­de Men­ge in Rei­hen, die bei­spiels­wei­se „Neue Frau“ be­nannt wur­den.

Die Kri­ti­ker hin­ge­gen schie­nen ganz an­ge­tan. Ar­no Du­s­i­ni be­wun­der­te, wie Klemm die Ag­gres­si­on ih­rer Prot­ago­nis­tin in der Auf­ein­an­der­häu­fung von Aus­sa­gen aus­drückt, „al­les wird zu­viel“. Sei­ne Ana­ly­se des Wor­tes „Schreiba­by­am­bu­lanz“ in die Be­stand­tei­le „Schrei“ und „Schreib“ emp­fin­de ich al­ler­dings über­in­ter­pre­tiert. Auch Feß­mann lob­te den Text, der das „Frus­tra­ti­ons­la­by­rinth der Klein­kin­der­zie­hung“ zei­ge. „Ra­di­kal, ba­nal“ und „kunst­voll rhyth­mi­siert“ lau­te­te das po­si­ti­ve Ur­teil Stri­gls wäh­rend Win­kels auf Je­li­nek und Bern­hard ver­wies. Über­ra­schend für mich präg­te Spin­nen die Be­wer­tung „Frau­en­zeit­schrifts­be­frei­ungs­auf­schrei­pro­sa“ und er­zähl­te dann von sei­nen ei­ge­nen Schreiba­bys. Ver­geb­lich ver­such­te er durch Tipps die Fort­pflan­zungs­ängs­te Ju­ri Stei­ners zu the­ra­pie­ren, der an­läss­lich der dar­ge­stell­ten Schre­cken vor wei­te­rer Fa­mi­li­en­pla­nung zu­rück­schreck­te.

Sol­che Pri­va­tis­si­ma mö­gen ja ganz lus­tig sein. Mich nervt die­ses Ab­schwei­fen schon bei mei­nem Li­te­ra­tur­kreis, aus dem in sol­chen Fäl­len ganz schnell ein Ge­sprächs­kreis wird. Von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern er­war­te ich erst recht, daß sie beim Text blei­ben.

Da­nie­la Strigl führ­te ih­re Kol­le­gen zu die­sem zu­rück. Sie rück­te Ger­trud Klemm al­ler­dings in die Nä­he ei­ner Mar­le­ne Haus­ho­fer, was ich nicht nach­voll­zie­hen konn­te.

Auch die Phy­si­ke­rin Ol­ga Flor drang tief ins In­ne­re der Mann-Frau-Be­zie­hung ein. Ein frü­he­res Lie­bes­paar trifft sich wie­der und frischt die Be­zie­hung in alt­be­währ­ter Art auf. Un­ter­wür­fi­ges Frau­en­ver­hal­ten, das die ge­wähl­ten Ge­schlech­ter­rol­len an na­tio­na­len Kon­flik­ten spie­gelt. Mich hat der Text der Kan­di­da­tin von Da­nie­la Strigl nicht über­zeugt. Ol­ga Flor ist üb­ri­gens zum zwei­ten Mal beim Bach­mann­wett­be­werb an­ge­tre­ten. Lei­der konn­te ich die Ju­ry­dis­kus­si­on nicht ganz ver­fol­gen, die Sen­de­zeit war zu En­de und der Live­stream funk­tio­nier­te auf mei­nem Rech­ner nicht. So ha­be ich die kla­ren Wor­te Du­si­nis ver­passt. Aus dem Get­wit­ter war zu ent­neh­men, daß er von „Wohl­stands­li­te­ra­tur“ sprach und dar­an zwei­felt, daß ein „Arschf*k“ Li­te­ra­tur aus­ma­che. Die ers­ten Wort­mel­dun­gen der Kri­ti­ker konn­te ich al­ler­dings noch er­ha­schen. Win­kels sprach nach an­fäng­li­chem Zö­gern da­von, daß dies ei­ne al­te Ge­schich­te sei, die je­der ken­ne. Strigl sin­nier­te über die Sym­bo­lik der Pla­ta­nen und ent­larv­te Anals*x als In­di­ka­tor für schwie­ri­ge Lie­bes­ge­schich­ten. Den Sät­zen Mei­ke Feß­manns konn­te ich nur zu­stim­men. Die Hel­din be­sit­ze ei­ne „ein­ge­bau­te Ma­schi­ne zur Selbst­züch­ti­gung“ und kri­ti­sie­re sich stän­dig selbst. Auch Kel­lers Ein­druck, daß Flors’ Text sich bruch­los an den von Ger­trud Klemm an­schlie­ße, konn­te ich mit Ab­stri­chen zu­stim­men. Es han­del­te sich in bei­den Fäl­len um die Art von Frau­en­li­te­ra­tur, die ich auch in den Acht­zi­ger­jah­ren ge­le­sen ha­be und ei­gent­lich für über­wun­den hielt.

Die Ar­che In­ge­borg hat­te am En­de des 1. Le­se­ta­ges für Pfer­de, Kat­ze, Hund, Li­bel­le, Ner­ze, Aa­le, Maul­wurf, Esel, Zos­se, zwei Wa­le, ei­ne Sprot­te und ei­nen klei­nen Fisch auf­ge­nom­men. Even­tu­ell er­hal­ten er­hal­ten sie am mor­gi­gen Frei­tag Ge­sell­schaft. Es le­sen von 10.00 bis 15.30 Uhr An­ne-Kath­rin Hei­er, Bir­git Pölzl, Sen­thu­ran Va­rat­ha­ra­jah, Mi­cha­el Fehr und Ro­ma­na Gan­zo­ni.

Klei­ne Lis­te der Kla­gen­furt-Kom­men­ta­to­ren (Ver­ges­se­ne bit­te Kom­men­tar nut­zen):

So­phies Li­te­ra­tu­ren

Do­ris walk-the-li­nes

Evas Li­te­ra­tur­ge­flüs­ter

Ge­dan­ken­trä­ger

li­te­ra­tur­und­feuil­le­ton

Kalt­mam­sell ser­viert auf Vor­pei­sen­plat­te

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2 Responses to TDDL 2014 — Roman Marchel, Kerstin Preiwuß, Tobias Sommer, Gertraud Klemm, Olga Flor

  1. Dana sagt:

    Hal­lo Ata­l­an­te,

    dan­ke für die­se un­ter­halt­sa­me und zu­gleich sehr in­for­ma­ti­ve Zu­sam­men­fas­sung.

    Ich ha­be es ges­tern ge­schafft, auch 2 Tex­te zu le­sen: den von Ro­man Mar­chel und den von Ger­traud Klemm.

    Bei­de ha­ben mir sehr gut ge­fal­len. Es mag auch da­mit zu­sam­men­hän­gen, dass ich die Frau­en­li­te­ra­tur der 80-er Jah­re ver­passt ha­be, bin da­mit noch nicht ge­sät­tigt. 🙂 Ob ich al­ler­dings ei­nen gan­zen Ro­man im Stil von Klemms Text le­sen kann / möch­te sei da­hin­ge­stellt. Er hat mir tat­säch­lich auch stark an Bern­hard er­in­nert (sie ist auch Ös­ter­rei­che­rin :-)), nur den hu­mor­vol­len Un­ter­ton ha­be ich ver­misst.

    So wie es aus­sieht, muss ich die an­de­ren Tex­te von ges­tern nicht nach­le­sen und kann mich auf die heu­ti­gen Über­ra­schun­gen freu­en. 🙂

    LG,
    Da­na

    • Atalante sagt:

      Hal­lo Da­na,
      ob Klemms Text in­halt­lich ge­fällt, hängt si­cher auch von der ei­ge­nen Si­tua­ti­on ab. Für mich hat­te er al­ler­dings auch li­te­ra­risch über­haupt nichts Über­ra­schen­des.
      Freund­li­che Grü­ße, Ata­l­an­te

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