Humus der Vergangenheit

Wie Erinnerungen gedeihen — Patrick Modianos „Gräser der Nacht“

modianoDu hast ei­ne kur­ze Zeit dei­nes Le­bens – ein­fach so in den Tag hin­ein, oh­ne dir Fra­gen zu stel­len – un­ter selt­sa­men Um­stän­den ge­lebt, um­ge­ben von eben­falls selt­sa­men Men­schen. Und erst viel spä­ter kannst du end­lich ver­ste­hen, was du er­lebt hast und wer die­se Men­schen aus dei­ner Um­ge­bung ei­gent­lich wa­ren, vor­aus­ge­setzt, man gibt dir end­lich die Mög­lich­keit, ei­ne ver­schlüs­sel­te Spra­che zu ent­wir­ren. Die meis­ten Leu­te sind nicht in die­ser La­ge: ih­re Er­in­ne­run­gen sind ein­fach, ge­rad­li­nig und ge­nü­gen sich selbst, und sie brau­chen auch nicht zig Jah­re, um sie zu er­hel­len.“

Die­sen Er­in­ne­rungs­pro­zess be­schreibt Pa­trick Mo­dia­no in sei­nem jüngs­ten Ro­man Grä­ser der Nacht. Doch nicht nur der Ich-Er­zäh­ler auch der Au­tor selbst sind Meis­ter des li­te­ra­ri­schen Er­in­nerns, wo­für der 1945 ge­bo­re­ne fran­zö­si­sche Ro­man­cier im zu­rück­lie­gen­den Jahr mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis ge­ehrt wur­de.

Sein zu­nächst na­men­lo­ser Held, des­sen Vor­na­me Jean sich erst spät of­fen­bart, rät­selt noch im­mer am Ver­schwin­den sei­ner eins­ti­gen Lie­be Dan­nie. Er be­tritt Or­te der Ver­gan­gen­heit und taucht durch sie in die zu­rück­lie­gen­de Zeit. Doch han­delt es sich an­ders als in Prousts Re­cher­che nicht um ei­ne Mé­moi­re in­vo­lon­taire, die sich un­er­war­tet bei ei­nem äs­the­ti­schen Er­leb­nis öff­net. Der Ver­such von Mo­dia­nos Prot­ago­nis­ten mit Hil­fe ei­nes schwar­zen No­tiz­buchs Licht in die Ver­gan­gen­heit zu brin­gen, lie­ße sich bes­ser als Mé­moi­re cher­chée be­zeich­nen. Was den­noch im Dun­keln bleibt und sich nicht mehr fin­den lässt, er­gänzt Jean im Traum. Mo­dia­no er­wei­tert so das Proust’sche Trio des Er­zäh­len­den, Han­deln­den und Er­in­nern­den Ichs, um ei­ne wei­te­re nar­ra­ti­ve Di­men­si­on, das Träu­men­de Ich.

Doch der Zu­gang zur Er­in­ne­rung ist dem Ich-Er­zäh­ler an­fangs ver­sperrt. „Leb­los wie ein aus­ge­stopf­ter Hund“ schei­nen ihm die Or­te von da­mals. In der sur­rea­len Stim­mung des spä­ten Sonn­tag­nach­mit­tags ge­lingt es ihm schließ­lich doch durch ei­ne Bre­sche in der Zeit zu schlüp­fen. Der An­blick ei­ner Fas­sa­de, ei­ner be­stimm­ten Adres­se, lässt ihn an Paul Chas­ta­gnier den­ken, den Be­sit­zer ei­nes ro­ten Sim­ca, des­sen Ge­ruch er ima­gi­niert und der ihm das Ver­gan­ge­ne öff­net. Jetzt ist er wie­der bei Dan­nie, der ge­heim­nis­vol­len jun­gen Frau, mit der er da­mals ver­liebt we­ni­ge Wo­chen ver­brach­te. Zu­gleich mit ihr er­scheint auch ein klei­ner Kreis von Män­nern aus dem Ho­tel Unic, zu de­nen auch Chas­ta­gnier zähl­te und der Ma­rok­ka­ner Ag­ha­mou­ri. Jean fühl­te sich un­wohl in ih­rer Ge­gen­wart, doch lag da­mals in Pa­ris nicht „über­all ei­ne Be­dro­hung in der Luft und gab dem Le­ben ei­ne be­son­de­re Far­be“?

Da­mals in den Sech­zi­gern wirk­te das Stre­ben nach De­mo­kra­tie und Frei­heit, die un­ge­lös­ten post­ko­lo­nia­len Kon­flik­te Al­ge­ri­ens und Ma­rok­kos bis ins Zen­trum der eins­ti­gen Ko­lo­ni­al­macht Frank­reich. Jean fragt sich, ob Ag­ha­mou­ri, der zu­nächst im ma­rok­ka­ni­schen Pa­vil­lon der Cité uni­ver­si­taire leb­te, wirk­lich ein Stu­dent sei. Wie Dan­nie zog er dann ins Ho­tel Unic. War­um warnt ihn der Ma­rok­ka­ner vor Chas­ta­gnier und sei­nen Freun­den? War­um be­rich­tet er ihm von Dan­nies fal­schem Pass? Sind sie doch ein Paar, fragt sich Jean. Doch Ag­ha­mou­ri er­zählt ihm auch von sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern, die in ei­ner klei­nen Woh­nung in Pa­ris le­ben. Au­ßer­dem sind ihm, was Jean Ver­trau­en fas­sen läßt, Bau­de­lai­re und des­sen Ge­lieb­te Jean­ne Du­val nicht un­be­kannt. His­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten über die Jean zu schrei­ben be­ab­sich­tigt, auch zu ih­nen fin­den sich No­ti­zen im schwar­zen Heft.

Die­se Auf­zeich­nun­gen des jun­gen Schrift­stel­lers ent­hal­ten nicht nur die Na­men der Stra­ßen und Plät­ze, die er jetzt wie­der ab­schrei­tet, nicht nur Na­men und De­tails der frü­he­ren Be­kann­ten, son­dern auch Re­cher­chen zu ei­nem Ro­man. Das un­voll­ende­te Ma­nu­skript ist je­doch ver­lo­ren, lie­gen ge­las­se­nen beim letz­ten Be­such in ei­nem Land­haus, des­sen Schlüs­sel Dan­nie durch mys­te­riö­se Um­stän­de be­saß. Manch­mal träumt Jean da­von, daß der Be­sit­zer die­ses Hau­ses ihm das Ma­nu­skript zu­rück­sen­de.

Viel­leicht wür­de der Text ihm hel­fen, das Rät­sel um Dan­nie zu lö­sen? Ihr Ver­schwin­den ver­wirrt ihn heu­te noch. Auch wenn sei­ne Vor­la­dung zum Ver­hör und die Din­ge, die er auf dem Kom­mis­sa­ri­at von Lang­lais er­fuhr, ihm zeig­ten, daß er Dan­nie nie wirk­lich ge­kannt hat­te. Dar­an än­dert sich nichts als Lang­lais ihm Jahr­zehn­te spä­ter die Ak­te über­lässt.

Zwi­schen Jeans Be­geg­nung mit Dan­nie kurz nach 1965 — Eli­sa­beth Edl, die Über­set­ze­rin, ver­weist in ih­rem Nach­wort auf die Af­fä­re Ben Bar­ka – und dem Sonn­tag­nach­mit­tag, an dem sich für Jean ei­ne Bre­sche in der Zeit öff­net – lie­gen mehr als 40 Jah­re, wor­auf wie ne­ben­bei ein iPho­ne deu­tet. Zu den un­ter­schied­li­chen Ebe­nen in der Zeit kom­po­niert Mo­dia­no die ver­schie­de­nen Wei­sen des Er­in­nerns. Viel­leicht deu­tet auch der Ti­tel des Ro­mans „Grä­ser der Nacht“ dar­auf, wie die Er­in­ne­rung im Traum oder in der Schlaf­lo­sig­keit des nachts auf dem Hu­mus des Ver­gan­ge­nen ge­deiht?

Auf in­ten­si­ve und span­nen­de Wei­se lässt Mo­dia­no sei­ne Le­ser an die­ser Er­in­ne­rungs­ar­beit teil­ha­ben. Dank der Über­set­zung von Eli­sa­beth Edl sind die­se Emp­fin­dun­gen auch für deut­sche Le­ser er­fahr­bar.

Ja, manch­mal ist das Le­ben ein­tö­nig und all­täg­lich, wie heu­te, da ich die­se Sei­ten schrei­be, um Flucht­li­ni­en zu fin­den und zu ent­wei­chen, durch Bre­schen in der Zeit.“

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Ei­nen er­hel­len­den Ein­blick in Mo­dia­nos Er­in­nern und Er­zäh­len bie­tet Lo­thar Strucks Es­say in Glanz und Elend.

Patrick Modiano, Gräser der Nacht, übers. v. E. Edl, Hanser Verlag, 1. Aufl. 2014
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