Landlust

Doris Knecht erzählt in Wald wie sich eine Stadtmaus zur Landmaus wandelt

U1_978-3-87134-769-6.inddDas Leben am Land ist nicht zärtlicher als das Leben in der Stadt. Die Menschen sind nicht netter zueinander, weil sie sich besser und länger kennen oder alle irgendwie miteinander verwandt sind. Die schöne Natur um sie herum macht sie nicht dankbar und weich, im Gegenteil.“

Als ich in der Vorschau des Rowohlt-Verlags den neuen Roman von Doris Knecht entdeckte, erinnerte mich nicht nur sein Titel „Wald“ sofort an das bekannte Buch einer anderen österreichischen Autorin, „Die Wand“ von Marlene Haushofer. Hier wie dort wird eine Frau auf sich selbst zurückgeworfen, auf ein einsames, bescheidenes Leben als Selbstversorgerin. Eine Hütte in der Natur dient auch dem Protagonisten eines anderen aktuellen und ebenfalls österreichischen Romans als Zuflucht, Erwin Uhrmanns „Ich bin die Zukunft“. In beiden Romanen spielt die Finanzkrise eine Rolle, doch während sie in Uhrmanns Dystopie globale Katastrophen begleitet, wirkt sie bei Knecht im Privaten.

Die Heldin Marian Malin macht in Mode bis sie die Lehman Brothers, ein unfähiger Bankberater und dumme Geschäfte in den Ruin stürzen. Ihr sattes Leben im LOHA-Luxus „Landlust“ weiterlesen

Blinde Brüder

Angharad Price besingt im Roman ihrer Familie das Walisische Idyll

priceMir war ein langes, an Erfahrung reiches Leben beschieden, es hat sich über das ganze zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Ich habe die Schläge des Unglücks zu spüren bekommen und die Liebkosungen des Glücks. Viele dunkle Stunden habe ich durchlebt. Aber immer wieder wurde es hell. Ich habe gelernt: Haben bedeutet Verlieren. Das ist der Preis.“

Dieses Resümee formuliert Rebecca Jones, die Ich-Erzählerin in Angharad Prices Roman, als sich ihr Leben seinem Ende nähert. In Tynybraich bei Maesglasau in einem Tal von Wales wurde sie 1905 als älteste Tochter eines Farmers geboren. Sie schildert das harte Leben in der Natur, besingt diese aber hymnisch. Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Jones, Vater Evan, Mutter Rebecca und die Kinder Rebecca, Robert, Gruffydd, William und Lewis, sowie deren Vor- und Nachfahren. Zu ihnen zählt auch die Autorin dieser Familienbiographie, Angharad Price. Sie ist die Großnichte der Erzählerin und Literaturwissenschaftlerin an der walisischen Universität Bangor. Ihren Roman, der in Wales ausgezeichnet wurde, nutzt sie als Streitschrift für die Kultur ihres Landes.

Dennoch ist es eine fiktive Familienchronik, die sie ihre Protagonistin in fünf Kapiteln „Blinde Brüder“ weiterlesen

Ein jeder hinkt für sich allein“

Tod und Trauma prägen Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“

SeethalerDer Tod gehört zum Leben wie der Schimmel zum Brot“, dieser Satz fällt im neuen Roman von Robert Seethaler, der laut Titel „Ein ganzes Leben“ schildern will. Ist dies überhaupt möglich auf 154 Seiten? Zumal die Ereignisse der von Seethaler gewählten Handlungszeit selbst das abgelegene Hochgebirgstal erreichen.

Dort verbringt Andreas Egger fast sein ganzes Leben. 1902 kam der Vierjährige nach dem Tod seiner Mutter, der Vater war längst abhanden gekommen, aus der Stadt in die Obhut seines Onkels. Der wohlhabende Bergbauer nahm ihn als heranwachsende billige Arbeitskraft auf, versorgte ihn mehr schlecht als recht und ließ an dem Kind seine sadistischen Neigungen aus. Die Misshandlungen, an die ihn sein hinkendes Bein immer erinnern wird, erträgt Egger so lange bis er stark genug ist sich zur Wehr zu setzten. Er verlässt den Hof, gerade 16 Jahre alt, bleibt aber im Dorf und verdingt sich als Hilfsknecht. Später findet er sein Auskommen beim Bergbahnbau. Als Ortskundiger erschließt er den unzugänglichen Fels. Mit 29 Jahren kann er sich ein kleines Grundstück am oberen Ortsrand leisten, wo er eine Hütte baut.

Es wundert, daß Egger in diesem Dorf bleibt, das ihn weder willkommen heißt noch aufnimmt. Sein karges Dasein hellt sich auf als er die Hilfskellnerin Marie heiratet. Doch eine Lawine nimmt Ein jeder hinkt für sich allein““ weiterlesen