High-Performer

Verena Keßler schreibt in „Gym“ über den zwanghaften Ehrgeiz einer Frau

Es war nur ei­ne Pha­se, sag­te ich mir. Es wür­de al­les bes­ser wer­den, wenn ich mein Ziel er­reicht hät­te. Wenn ich da wä­re, wo ich hin­ge­hör­te. Wenn ich ge­zeigt hät­te, dass ich nicht nur gut war. Son­dern die Beste.“

 Zu­ge­ge­ben, we­der der Ti­tel noch das Co­ver die­ses Ro­mans ha­ben mich an­ge­spro­chen. An ei­nem Gym ge­he ich höchs­tens vor­bei und wun­de­re mich über die Leu­te auf den Lauf­bän­dern, die egal wie schnell sie ren­nen nicht vom Fleck kom­men, son­dern hin­ter den Glas­schei­ben blei­ben. Und doch war ich nach we­ni­gen Sät­zen mit­ten­drin in Ve­re­na Keß­lers Gym, ei­nem „Pa­last aus glän­zen­den Oberflächen.“

Dort ar­bei­tet die na­men­lo­se Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne Frau in den Drei­ßi­gern, die, wie der Pro­log of­fen­bart, bald die Me­cha­nis­men der Bran­che durch­blickt. Sie steht hin­ter dem Tre­sen zwi­schen Shakes mit Na­men wie „Mus­cle-Hust­le“ oder „Six­pack on the Beach“ und schnell wird klar, daß sie dort hoff­nungs­los un­ter­for­dert ist. „Es er­staun­te mich selbst, wie schnell ich in die­se pas­si­ve Hal­tung hin­ein­ge­fun­den hat­te, wie leicht es mir fiel, all die Din­ge zu igno­rie­ren, die man ver­bes­sern könn­te — Ar­beits­ab­läu­fe, Preis­ge­stal­tung, Kurs­plä­ne. Wann im­mer mir da­zu ein Ge­dan­ke kam, schob ich ihn ein­fach bei­sei­te und er­in­ner­te mich dar­an, dass so et­was von mir nicht er­war­tet wur­de. Ich war nur ei­ne ge­wöhn­li­che Mit­ar­bei­te­rin, nichts weiter.“

Die­se Hoch- oder viel­mehr Tief­stap­le­rin hat ein Ge­heim­nis. Es ist nicht nur die Lü­ge, vor kur­zem ent­bun­den zu ha­ben, mit der sie ih­ren fit­ness­fer­nen Kör­per ka­schiert und den Job er­gat­tert. Manch­mal er­in­ner­te sie sich „an frü­her, als ich mei­ne Kaf­fee­tas­sen nach Fei­er­abend ein­fach in die Bü­ro­kü­che ge­stellt hat­te. Nicht in den Ge­schirr­spü­ler, son­dern auf die Ar­beits­flä­che. Wir al­le hat­ten das so ge­macht, hät­ten nie ei­nen Fin­ger ge­krümmt für et­was, das nicht als billable hour ein­ge­tra­gen wer­den konnte.“

Je tie­fer man durch Keß­lers tem­po­rei­ches wie sub­til iro­ni­sches Er­zäh­len in die­ses Gym, das man doch ei­gent­lich gar nicht be­tre­ten woll­te, hin­ein­ge­zo­gen wird, um­so mehr of­fen­bart sich „High-Per­for­mer“ weiterlesen

Gerade noch!

Claire Keegan erzählt in „Reichlich spät“ von einem Geizhals mit rigiden Ansichten

Das war ein Teil des Pro­blems: dass sie nicht hö­ren und gut die Hälf­te der Din­ge auf ih­re Wei­se tun wollte.“

Clai­re Kee­gans Er­zäh­lung „Reich­lich spät“ mag mit ih­ren 64 Sei­ten für ei­ne Mo­no­gra­phie et­was knapp be­mes­sen sein, li­te­ra­risch und emo­tio­nal hin­ge­gen ist sie be­ein­dru­ckend. Ganz und gar nicht pa­the­tisch, eher la­ko­nisch und mit hoch­psy­cho­lo­gi­scher Tie­fe er­zählt Kee­gan die Ge­schich­te ei­ner Be­zie­hung. Die Hand­lung spielt an ei­nem Som­mer­tag in Dub­lin, so­gar das Da­tum wird ge­nannt, der 29. Ju­li. War­um, of­fen­bart erst das Ende.

Der per­so­na­le Er­zäh­ler gibt die Sicht ei­nes Man­nes wie­der, Ca­thel, den wir im ers­ten der vier Ka­pi­tel als ver­drucks­ten und schlecht ge­klei­de­ten Bü­ro­an­ge­stell­ten ken­nen­ler­nen. Drau­ßen, so sein Blick aus dem Fens­ter, ge­nie­ßen die Men­schen den Som­mer. Doch Ca­thel be­arg­wöhnt die Freu­de der an­de­ren eben­so wie den blau­en Him­mel. Er nei­det den Kol­le­gen ih­ren gu­ten Ge­schmack für Gar­de­ro­be und hasst sich selbst we­gen ei­nes klei­nen Miss­ge­schicks am Com­pu­ter. Al­les Schö­ne scheint ihm fern. Ca­thel lei­det an ei­nem Ver­lust. „So vie­les im Le­ben ver­lief rei­bungs­los un­ge­ach­tet des Ge­wirrs mensch­li­cher Ent­täu­schung und des Wis­sens, das al­les ein­mal en­den muss.“ 

Wie es da­zu kam, er­zäh­len die bei­den fol­gen­den Ka­pi­tel in der Rück­schau. Auch die­se folgt aus­schließ­lich durch Ca­thel, dem männ­li­chen Part des Paa­res. Sa­bi­ne se­hen wir eben­falls nur durch sei­nen Blick, der je­doch, dank Kee­gans Kunst, so­viel mehr of­fen­bart, als der Prot­ago­nist sich „Ge­ra­de noch!“ weiterlesen