Verena Keßler schreibt in „Gym“ über den zwanghaften Ehrgeiz einer Frau
„Es war nur eine Phase, sagte ich mir. Es würde alles besser werden, wenn ich mein Ziel erreicht hätte. Wenn ich da wäre, wo ich hingehörte. Wenn ich gezeigt hätte, dass ich nicht nur gut war. Sondern die Beste.“
Zugegeben, weder der Titel noch das Cover dieses Romans haben mich angesprochen. An einem Gym gehe ich höchstens vorbei und wundere mich über die Leute auf den Laufbändern, die egal wie schnell sie rennen nicht vom Fleck kommen, sondern hinter den Glasscheiben bleiben. Und doch war ich nach wenigen Sätzen mittendrin in Verena Keßlers „Gym“, einem „Palast aus glänzenden Oberflächen.“
Dort arbeitet die namenlose Ich-Erzählerin, eine Frau in den Dreißigern, die, wie der Prolog offenbart, bald die Mechanismen der Branche durchblickt. Sie steht hinter dem Tresen zwischen Shakes mit Namen wie „Muscle-Hustle“ oder „Sixpack on the Beach“ und schnell wird klar, daß sie dort hoffnungslos unterfordert ist. „Es erstaunte mich selbst, wie schnell ich in diese passive Haltung hineingefunden hatte, wie leicht es mir fiel, all die Dinge zu ignorieren, die man verbessern könnte — Arbeitsabläufe, Preisgestaltung, Kurspläne. Wann immer mir dazu ein Gedanke kam, schob ich ihn einfach beiseite und erinnerte mich daran, dass so etwas von mir nicht erwartet wurde. Ich war nur eine gewöhnliche Mitarbeiterin, nichts weiter.“
Diese Hoch- oder vielmehr Tiefstaplerin hat ein Geheimnis. Es ist nicht nur die Lüge, vor kurzem entbunden zu haben, mit der sie ihren fitnessfernen Körper kaschiert und den Job ergattert. Manchmal erinnerte sie sich „an früher, als ich meine Kaffeetassen nach Feierabend einfach in die Büroküche gestellt hatte. Nicht in den Geschirrspüler, sondern auf die Arbeitsfläche. Wir alle hatten das so gemacht, hätten nie einen Finger gekrümmt für etwas, das nicht als billable hour eingetragen werden konnte.“
Je tiefer man durch Keßlers temporeiches wie subtil ironisches Erzählen in dieses Gym, das man doch eigentlich gar nicht betreten wollte, hineingezogen wird, umso mehr offenbart sich „High-Performer“ weiterlesen
