Der Tennisballwecker des Zeitungsdompteurs

Existenzialistisches Grauen in Markus Orths’ neuem Roman „Die Tarnkappe

„Man ist in den Knast des Lebens geboren und tigert darin auf und ab, lebenslänglich, und wartet auf den Tag der Entlassung, den Tod, man wartet mit Schrecken darauf und mit Sehnsucht.“ (S. 100)

Auch Simon Bloch wartet nur noch darauf, daß ihm sein eigener Ziegel auf den Kopf fällt. Der 45-jährige, vor kurzem verwitwet und als Beschwerdebeschwichtiger tätig, hat bereits mit seinem Leben abgeschlossen. Als einziges Überraschungsmoment bleibt ihm die Reihenfolge der einzeln gefalteten Zeitungsblätter bei der morgendlichen Lektüre im Bus.

Vor etlichen Jahren bereits hatte er seinen Lebenstraum vom Filmkomponisten aufgegeben. Damals, bei der Beobachtung eines Paares, das in „ödester Mittelmäßigkeit“ bei Apfelsaftschorle und Kirsch-Bananensaft seinen Improvisationen in der Jazzkneipe Walfisch lauschte. Er fühlte sich entlarvt, erkannte die Aussichtslosigkeit seiner Träume und ergab sich einem geregelten Arbeitsleben als Angestellter. Mit seiner Frau Anna verband ihn eine vertraute Ehe mit regelmäßigen Gewohnheiten.

Als Anna von einem herabstürzenden Ziegel erschlagen wird, beschließt Simon sein eintöniges Leben im „selbst gewählten Käfig“ fortzusetzen. Das bürgerliche Leben in Gleichförmigkeit hat sich ihm übergestülpt. Es hat ihn bis zur Leblosigkeit gezähmt, der Tennisballwecker hat ausgedient.

Da trifft Simon eines Tages auf seinen Schulfreund Gregor, dessen mysteriöses Erscheinen in seiner Wohnung mit einem seltsamen Fund in Zusammenhang zu stehen scheint. Eine Tarnkappe, ekelhaft und widerlich stinkend, aber von enormer Attraktivität eröffnet Simon die Welt des Unsichtbaren. Der Alltag scheint endlich dem Abenteuer zu weichen.

„Die Tarnkappe“, so lautet der Titel des Romans, weshalb die Leserin zu Beginn mehr weiß als der Protagonist und genau dies weckt das „fette Schwein der Neugier“ (S.50). Diese anfängliche Spannung hält Orths auch im weiteren Verlauf aufrecht.

Ermöglicht Unsichtbarkeit tatsächlich uneingeschränkte Freiheit? Kann man so ungesehen alles tun und Menschen so nahe sein wie sonst nie?

Diese moderne Gruselgeschichte über die wundersame Kappe dient Orths als Folie für weit wichtigere Fragen. Existenzielle Fragen, die das Leben, seinen Sinn, Schuld und Tod berühren.

Können Orte der Erinnerung verschwinden, wenn man sie meidet, kann das dort Erlebte, das bereits Geschehene überhaupt vergessen werden?

Welchen Sinn hat Schmerz? Ist Einsamkeit schlimmer als Tod? Was ist Wahrheit? „Eine menschliche Kategorie, die vollkommen sinnlos ist“? (S. 179)

Wie entsteht das Selbstbild, determinieren die Anderen das Ich oder ist es autonom, unabhängig von jeder Spiegelung?

Derartige Überlegungen finden sich in den Reflektionen des Protagonisten. Die großen Fragen nach Verantwortung und Schuld inszeniert Orths als philosophischen Disput zwischen Gregor und Simon.

Ganz im Sinne Sartres verneint Gregor die Existenz von übergeordneten Insstanzen, an die Verantwortung abgegeben werden kann. Sich selbst bewusst zu sein bedeutet auch sich seiner Schuld bewusst zu sein.

Die Sprache Orths zeigt außergewöhnliche Bilder und Wortschöpfungen. Sie ist dynamisch in handlungsstarken spannenden Sequenzen, präzise und klar in Gedanken und Dialogen.

Ein klein wenig erstaunt der Textausschnitt auf der Rückseite des Covers. Derart aus dem Zusammenhang gerissen, ließe er auf einen Psychothriller schießen, als den das Buch in der Tat auch gelesen werden kann. Der Kontext zeigt jedoch eine Szene von höchster Empathie und Traurigkeit.

Ziemlich traurig war auch ein anderer Roman von Markus Orths. Sein Zimmermädchen winkt leicht herüber, als Simon sich kurzzeitig entschließt zu „Putzen, um nicht nachdenken zu müssen“ (S. 38). Auch diese Figur aus dem Vorgängerroman nahm bereits unbeobachtet am Leben der Anderen teil.

Ebenso drängt sich ein Vergleich mit einem anderen unlängst erschienenen Buch auf, „Das Leben der Wünsche“ von Thomas Glavinic. Wünscherfüllungsphantasien, Unsichtbarkeit, es scheint, daß Märchenmotive als Symbol menschlicher Wünsche im Kommen sind. Während Glavinics Wunschzauber ins Surreale führt, wählt Orths die Kappe um existenzialistische Fragen aufzuwerfen. Literatur als Vorlage zum Weiterdenken, mehr davon.

„Tarnkappe“ ist ein Buch, welches man nicht nur einmal lesen möchte. Das erste Mal liest man es mit Spannung, das nächste Mal verleitet es zum Philosophieren und beim übernächsten Mal könnte man die zahlreich zitierten Filmmusiken dazu hören. Es eignet sich für jede Diskussion, vor allem für die mit sich selbst. Schade, daß es nicht für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde. Meinen ganz persönlichen erhält Markus Orths für diesen Roman auf jeden Fall.

 

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