Die Sicht der kleinen Schwester

Ab jetzt ist Ruhe“ — Marion Braschs Roman ihrer fabelhaften Familie

Das ist ein Ro­man, ein so­ge­nann­ter bio­gra­phi­scher. Ei­ne Au­to­bio­gra­phie soll er par­tout nicht sein, ob­wohl die Au­torin Ma­ri­on Brasch von sich und ih­rer Fa­mi­lie er­zählt. War­um? Zu vie­le Aus­las­sun­gen, Un­ge­nau­ig­kei­ten, Phan­ta­sie? Viel­leicht, weil nicht al­le und al­les ex­akt be­nannt wur­de? Viel­leicht, weil man­che, der knapp Ver­klau­su­lier­ten noch le­ben und Un­ge­nau­es be­kla­gen könn­ten? Wohl kaum.

Der Ro­man, der sei­ne Haupt­fi­gur Ma­ri­on Brasch in chro­no­lo­gi­scher Fol­ge von ih­ren El­tern, ih­ren Brü­dern und na­tür­lich von sich selbst er­zäh­len lässt, liest sich wie die Ge­schich­te ei­ner Ju­gend in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern.

Nur fand die­se Ju­gend in der DDR statt, dort wur­de Ma­ri­on Brasch 1961 ge­bo­ren. Ih­re El­tern, über­zeug­te Kom­mu­nis­ten, die sich im Lon­do­ner Exil ken­nen­ge­lernt hat­ten, emi­grier­ten 1946 in die DDR. Der Va­ter Horst Brasch mach­te po­li­ti­sche Kar­rie­re als stell­ver­tre­ten­der Kul­tur­mi­nis­ter, wäh­rend sei­ne drei her­an­wach­sen­den Söh­ne im­mer stär­ker ge­gen das Re­gime der SED re­bel­lier­ten. Die um et­li­che Jah­re jün­ge­re Ma­ri­on Brasch schil­dert die­se kon­flikt­rei­che Fa­mi­li­en­ent­wick­lung aus der Sicht der klei­nen Schwes­ter. Fast über die gan­ze Län­ge des Buchs spricht ein Kind, ei­ne Ju­gend­li­che, ei­ne jun­ge Er­wach­se­ne. Über Po­li­tik oder das Le­ben in der DDR wird folg­lich kaum re­flek­tiert. Eben­so we­nig ste­hen die Be­weg­grün­de des Va­ters, des­sen po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen im Vor­der­grund. Über die Brü­der, Tho­mas Brasch, den Schrift­stel­ler und Re­gis­seur, den Schau­spie­ler Klaus Brasch und den Dra­ma­ti­ker Pe­ter Brasch, die sie nicht beim Na­men nennt, son­dern als äl­te­rer, mitt­le­rer und jün­ge­rer Bru­der be­zeich­net, er­fah­ren wir nicht mehr als be­reits be­kannt. Im Vor­der­grund steht die Ent­wick­lung der jun­gen Frau, ih­re Pu­ber­tät, der Tod der Mut­ter und das Zu­sam­men­le­ben mit dem Va­ter nach­dem die Brü­der aus­ge­zo­gen wa­ren. Der Al­ko­hol- und Dro­gen­kon­sum der drei Künst­ler­brü­der nimmt im Buch grö­ße­ren Raum ein als po­li­ti­sche Ein­stel­lung oder be­ruf­li­che Er­fol­ge. Auch die Frau­en der Brü­der wer­den mit kind­li­chem Blick ge­schil­dert. Die Schau­spie­le­rin mit den wun­der­schö­nen, tie­fen Au­gen, die mit war­men Ar­men und ei­ner kind­li­chen Stim­me, die hel­le Tän­ze­rin und die mit vie­len dunk­len Lo­cken und schö­nem Ge­sicht, sie tau­chen nur am Ran­de auf. Die flüch­ti­gen Be­schrei­bun­gen, de­nen ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung fehlt, ma­chen sie aus­tausch­bar. Eben­so wie die vie­len Lieb­schaf­ten der jun­gen Prot­ago­nis­tin, de­ren En­de stets auf die glei­che Wei­se er­zählt wird. „Als das Jahr zu En­de ging, lie­ßen wir uns los.”

Ma­ri­on Braschs Ju­gend war kei­ne be­lie­bi­ge Ju­gend in den letz­ten Jahr­zehn­ten des letz­ten Jahr­hun­derts, kei­ne Ju­gend ist dies je. Aber sie war tra­gisch, denn das Schick­sal be­stimm­te sie zur Ein­zi­gen noch Le­ben­den ih­rer Fa­mi­lie.

Ih­re Schil­de­run­gen glei­chen ta­ge­buch­ar­ti­gen Er­in­ne­run­gen, sie mö­gen der Auf­ar­bei­tung die­nen, aber es fehlt an Tie­fe. Sie en­den da, wo man ger­ne mehr ge­wusst hät­te. Un­ver­ständ­lich wirkt die Be­zeich­nung Ro­man. In ei­nem In­ter­view be­zeich­net die Ra­dio­jour­na­lis­tin Ma­ri­on Brasch ih­re Angst vor der feh­len­den Ob­jek­ti­vi­tät als Grund kei­ne Bio­gra­phie ge­wagt zu ha­ben. Als ob ei­ne Au­to­bio­gra­phie ei­ne ob­jek­ti­ve An­ge­le­gen­heit wä­re. Mehr Sub­jek­ti­vi­tät hin­ge­gen hät­te nicht ge­scha­det, ein we­nig da­von fin­det man in ih­rem Web­log, der Bil­der und Na­men der im Buch er­wähn­ten Freun­de und Künst­ler nach­lie­fert.

Ein leicht les­ba­rer Ro­man, der mich ent­fernt an die Bü­cher der von mir sehr ge­schätz­ten ös­ter­rei­chi­schen Au­torin Chris­ti­ne Nöst­lin­ger er­in­nert. Viel­leicht ist es aber auch die­ser Sound des Deutsch­pops, der in Sät­zen mit­schwingt wie „Wir lieb­ten uns im Dun­keln und dann ver­lieb­ten wir uns im Hel­len“ oder „Al­les war gut, bis es nicht mehr gut war“ und den Le­ser in die Zeit der Acht­zi­ger ver­setzt. Da der Gret­chen Sack­mei­er-Ho­ri­zont kaum über­schrit­ten wird, eig­net sich der Ro­man auch sehr gut als Lek­tü­re für Ju­gend­li­che.

 

Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zu­ge­ge­ben we­der Sport­fi­schen noch Rad­ren­nen zäh­len zu den mich en­thu­si­as­mie­ren­den Be­schäf­ti­gun­gen, den­noch ha­be ich „Fi­sche füt­tern“ des ita­lie­ni­schen Au­tors Fa­bio Ge­no­ve­si ger­ne ge­le­sen. Auch die­ser Ro­man wid­met sich dem Lieb­lings­the­ma der dies­jäh­ri­gen Li­te­ra­tur, dem Er­wach­sen­wer­den.

Die gan­ze Ebe­ne ist von Ka­nä­len durch­zo­gen, Was­ser­grä­ben, die al­le mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie füh­ren mehr oder we­ni­ger das­sel­be Was­ser, sind schnur­ge­ra­de, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Da­zwi­schen die Fel­der, auf de­nen nichts Grü­nes wächst. Tat­säch­lich spre­chen man­che von den „Ka­nä­len”, an­de­re vom „Ka­nal”. Wenn man je­des Teil­stück für sich nimmt, sind es vie­le, aber von oben be­trach­tet ist es ein rie­si­ges dunk­les Netz, das wie ein schwar­zes Git­ter über dem Ort und der Land­schaft liegt.“

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem klei­nen Dorf in der von Ka­nä­len durch­zo­ge­nen Ebe­ne na­he Pi­sa. Ge­no­ve­si nennt sei­nen fik­ti­ven Hand­lungs­ort Muglio­ne, was wie er auf sei­nem Blog er­läu­tert mit Mur­meln, Brum­men, Rau­schen über­setzt wer­den kann. Muglio­ne exis­tiert al­so nicht, aber zahl­lo­se Or­te, die ihr Schick­sal mit ihm tei­len. Sie ha­ben we­der ih­ren Be­woh­nern noch Tou­ris­ten viel zu bie­ten, aber trotz­dem ei­nen spe­zi­el­len Reiz. Si­cher hat mir die­se Ge­schich­te auch ge­fal­len, weil ich das Buch in ei­nem ganz ähn­li­chen ita­lie­ni­schen Pro­vinz­nest ge­le­sen ha­be. Wäh­rend al­ler­dings dort noch zwei Bars als dörf­li­che Treff­punk­te dien­ten, so muss­te die ein­zi­ge Bar Muglio­nes schlie­ßen. Der Be­sit­zer war auf der Wild­schwein­jagd ver­un­glückt. Ein Trau­er­fall, be­son­ders für sei­ne vor­wie­gend äl­te­ren Stamm­kun­den. Sie fin­den je­doch bald ei­nen Er­satz­treff­punkt auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort hat vor kur­zem un­ter der Lei­tung von Ti­zia­na der Ju­gend­treff er­öff­net. Ti­zia­na ist nach dem En­de ih­res Stu­di­ums in ih­ren Ort zu­rück­ge­kehrt, sie möch­te et­was für ihn tun und vor al­lem den Ju­gend­li­chen ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben. Zu die­sen zählt der 19-jäh­ri­ge Fio­ren­zo und wie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen denkt er gar nicht dar­an den Ju­gend­treff zu be­tre­ten. Er trifft sich lie­ber mit den Jungs sei­ner Band, Me­tal De­vas­ta­ti­on. Ge­mein­sam träu­men sie vom gro­ßen Durch­bruch auf dem kom­men­den Rock­fes­ti­val in Pon­te­de­ra. Die rea­len Din­ge des Le­bens, Schu­le und Fa­mi­lie schei­nen Fio­ren­zo ab­han­den ge­kom­men. Vor al­lem die Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter, mit dem er seit dem Tod der Mut­ter al­lei­ne aus­kom­men muss. Die­ser be­sitzt den ein­zi­gen An­gel­la­den  in Muglio­ne, das Ma­gic Fi­shing. Sei­ne zwei­te Lei­den­schaft ge­hört dem Rad­sport. Als Ju­gend­trai­ner gilt sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit dem vier­zehn­jäh­ri­gen Mir­ko aus dem Mo­li­se. Un­ter skur­ri­len Um­stän­den hat­te er ihn dort ent­deckt und für sei­nen Ver­ein an­ge­wor­ben. Mir­ko wohnt nun in Fio­ren­zos Zim­mer, das die­ser un­ter Pro­test ge­gen das Hin­ter­zim­mer im Ma­gic Fi­shing ge­tauscht hat. Dort schläft er auf Sä­cken vol­ler Fisch­kö­der und träumt von der Zu­kunft.

Ich lag mit of­fe­nen Au­gen im Dun­keln, und es wur­de im­mer lau­ter. Zum Glück fing ab und zu der Kühl­schrank an zu brum­men, oder ein Au­to fuhr vor­bei und über­tön­te es kurz. Aber dann kam es wie­der, ein gleich­för­mi­ges Rau­schen, ver­mischt mit ei­nem leich­ten Krat­zen. Mil­lio­nen Wür­mer und Mil­li­ar­den Füß­chen schar­ren die gan­ze Nacht im Dun­keln in ih­ren klei­nen Kis­ten und su­chen nach ei­nem Aus­weg, den es nicht gibt.“

Was wie der un­spek­ta­ku­lä­re All­tag ei­ner Dorf­ju­gend klingt baut Ge­no­ve­si zu ei­ner span­nen­den Ge­schich­te aus, der es al­ler­dings nicht an nach­denk­li­chen Mo­men­ten fehlt. Er über­rascht mit un­er­war­te­ten Wen­dun­gen und amü­siert mit skur­ri­len De­tails. Wir er­fah­ren, wie die nächt­li­chen Ge­räu­sche von Fisch­fut­ter zu Ge­dan­ken an den To­de füh­ren kön­nen oder ge­fälsch­te Por­no­bil­der zu ei­nem Auf­trag für den Va­ti­kan. In sprit­zi­gen Dia­lo­gen ver­mag Ge­no­ve­si auf sehr ita­lie­ni­sche Art mit Iro­nie und Ge­fühl Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten sei­ner Fi­gu­ren zu schil­dern. Er be­glei­tet sie auf ih­rer Su­che nach den Din­gen, die sie wirk­lich tun möch­ten, selbst­be­stimmt oh­ne die Er­war­tun­gen der an­de­ren er­fül­len zu müs­sen.

Wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che The­men wie Mi­gra­ti­on, Spit­zen­sport und Jour­na­lis­mus wer­den kri­tisch an­ge­spro­chen. Ei­nen gro­ßen Raum nimmt die sehr le­ben­dig er­zähl­te Er­fah­rung der ers­ten Lie­be und Se­xua­li­tät ein.

Aber dies ist nicht nur ein Ro­man­zo di For­ma­zio­ne, der die Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der jun­gen Ge­nera­ti­on auf­greift. Ge­no­ve­si zeigt in ihm sei­ne Lie­be zur Hei­mat und sei­ne Lei­den­schaf­ten. Das Ge­dicht Der Re­gen im Pi­ni­en­hain des ita­lie­ni­schen Li­te­ra­ten Ga­brie­le D’Annunzio wird durch Fio­ren­zos In­ter­pre­ta­ti­on zum Lie­bes­bo­ten und kul­mi­niert in ei­ner ge­träum­ten Pro­phe­tie.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel Esche vi­ve, Le­ben­de Kö­der. Die spie­len ganz kon­kret als Schlaf­stät­te im Ma­gic Fi­shing, aber auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ei­ne Rol­le. Doch ich will nicht zu viel ver­ra­ten.

Der Au­tor Fa­bio Ge­no­ve­si, der in sei­nem Blog Esche vi­ve viel von sich und sei­nem Buch be­rich­tet, macht sei­ne Pas­sio­nen zu den Ge­gen­stän­den des Ro­mans. Er schreibt nicht nur Bü­cher und Thea­ter­stü­cke, son­dern auch für Mu­sik­jour­na­le. Au­ßer­dem ist er  Sport­ang­ler, Rad­sport­trai­ner und in­ter­es­siert sich für Hor­ror­fil­me.

Er kennt sich al­so aus mit den The­men des Le­bens.

Ein Un­ter­hal­tungs­ro­man mit Sub­stanz und viel Ita­lia­ni­tà, in dem nicht nur Ju­gend­li­che noch et­was ler­nen kön­nen.

Fa­bio Ge­no­ve­si, Fi­sche füt­tern (Esche vi­ve), über. v. Ri­ta Seuß u. Wal­ter Kög­ler, Lüb­be, 1. Aufl. 2012