Kaffeeklatsch und Ku-Klux-Klan

Harper Lees wiederentdeckter Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter” erzählt vom Erwachsenwerden

9783421047199_CoverDie Höl­le war und wür­de, was Jean Loui­se be­traf, im­mer ein feu­ri­ger Pfuhl sein, des­sen Aus­ma­ße un­ge­fähr ge­nau­so groß wie May­comb, Ala­ba­ma, wa­ren und der von ei­ner fünf­zig Me­ter ho­hen Mau­er um­schlos­sen wur­de.(…)

Die Höl­le, das ist ewi­ges Ge­trennt­sein. Was hat­te sie bloß ge­tan, dass sie sich den Rest ih­res Le­ben (sic!) nach ih­nen se­hen muss­te, heim­li­che Ab­ste­cher in ei­ne lang zu­rück­lie­gen­de Zeit un­ter­nahm, aber kei­ne Rei­se in die Ge­gen­wart? Ich bin ihr Blut und ih­re Kno­chen, ich ha­be in die­ser Er­de ge­gra­ben, das hier ist mein zu­hau­se. Aber nein, ich bin nicht ihr Blut, und der Er­de ist es egal, wer in ihr gräbt, ich bin ei­ne Frem­de auf ei­ner Cock­tail­par­ty.

Har­per Lee wur­de durch ih­ren bis­lang ein­zi­gen, 1960 ver­öf­fent­lich­ten Ro­man Wer die Nach­ti­gall stört welt­be­rühmt. Dar­in kämpft der An­walt At­ti­cus Finch in ei­nem klei­nen Pro­vinz­ort in Ala­ba­ma ge­gen den Ras­sis­mus der Süd­staa­ten. Die­ses May­comb ist un­schwer mit Mon­ro­evil­le zu iden­ti­fi­zie­ren, wo Har­per Lee 1926 ge­bo­ren wur­de und heu­te noch lebt.

Den vor­lie­gen­den Ro­man „Ge­he hin, stel­le ei­nen Wäch­ter“ voll­ende­te Lee 1957, er ging dem ei­gent­li­chen De­büt der Au­to­rin vor­aus. Das Ma­nu­skript wur­de je­doch von ih­rer Lek­to­rin The­re­sa von Ho­hoff ab­ge­lehnt. Sie bat die Au­to­rin, sich auf die Rück­bli­cke ih­rer Prot­ago­nis­ten zu kon­zen­trie­ren und ei­nen neu­en Ro­man zu ver­fas­sen. Nur zu ver­ständ­lich, denn die­se Kind­heit bot star­ke Sze­nen, et­wa die ei­nes nach­ge­spiel­ten Got­tes­diens­tes, bei dem die Kin­der die Tau­fe in den mod­ri­gen Gold­fisch­tüm­pel der Nach­ba­rin ver­leg­ten und von Pfar­rer und Va­ter im Hin­ter­grund be­ob­ach­tet wer­den.

Im nun er­schie­ne­nen Ro­man ist aus der klei­nen Scout die 26-jäh­ri­ge Jean Loui­se ge­wor­den. Die Toch­ter des ge­rech­ten At­ti­cus lebt in New York und kehrt im Som­mer für zwei Ur­laubs­wo­chen nach May­comb zu­rück. Ihr ge­al­ter­ter Va­ter teilt sich mitt­ler­wei­le mit sei­ner Schwes­ter Alex­an­dra ein neu­es Heim. In sei­ne Kanz­lei hat er, nach dem plötz­li­chen Tod sei­nes Soh­nes Jem, Hen­ry auf­ge­nom­men. Ein Kin­der­freund der Ge­schwis­ter, von dem man in der „Nach­ti­gall“ we­ni­ger er­fährt als von Dill, ei­ner Tru­man Ca­po­tes nach­emp­fun­de­nen Fi­gur, der im neu­em Ro­man in Ita­li­en lebt.

Hen­ry oder Hank, wie Jean Loui­se ih­ren Freund nennt, in­sze­niert Lee nicht nur als Nach­fol­ger Finchs, son­dern auch als künf­ti­gen Ehe­mann von Jean Loui­se. Die­se sträubt sich zu­nächst da­ge­gen. Sie plant ei­ne an­de­re Zu­kunft, fern der Er­war­tungs­hal­tun­gen May­combs. Ihr ei­gen­wil­li­ger Wi­der­spruchs­geist führt zu flot­tem Schlag­ab­tausch, vor al­lem mit Hen­ry und Alex­an­dra, stets be­glei­tet von ei­nem in­ne­ren Mo­no­log voll poin­tier­ter Iro­nie.

Die Ab­na­be­lung von der Hei­mat und die Ver­än­de­rung in Jean Loui­se ver­deut­licht die Au­to­rin durch Ge­gen­satz­paa­re. Der Welt­stadt New York steht der Kaf­fee­klatsch des Pro­vinz­kaffs ge­gen­über. Aus At­ti­cus Finch, dem vi­ta­len Va­ter, wird ein ar­thri­ti­scher Al­ter. Er tauscht nach dem Ver­lust von Kin­dern und Kraft das Fa­mi­li­en­haus ge­gen ei­nen Al­ters­ru­he­sitz. Und die Be­mut­te­rung der warm­her­zi­gen Haus­häl­te­rin Cal­pur­nia weicht den Be­vor­mun­dungs­ver­su­chen Tan­te Alex­an­dras. Wenn Jean Loui­se am En­de die­sen Wan­del er­ken­nen muss, ist aus dem Ra­cker Scout end­gül­tig ei­ne jun­ge Frau ge­wor­den.

Doch da­vor steht der dra­ma­ti­sche Wen­de­punkt des Ro­mans. Er er­schüt­tert das Selbst­bild Jean Loui­ses, die bis da­hin voll­kom­men auf die Fi­gur des Va­ters fi­xiert war. Ort und An­lass sind wie bei ei­ner Ge­richts­sa­che akri­bisch no­tiert. An ei­nem Sonn­tag um14 Uhr 18 fin­det Jean Loui­se un­ter At­ti­cus’ Un­ter­la­gen ein ras­sis­ti­sches Pam­phlet des Ku-Klux-Klan. Auf­ge­wühlt stürmt sie zum Bür­ger­rat, ver­steckt sich in der glei­chen Lo­ge, von der sie einst At­ti­cus’ Kampf für das Ge­rech­te ver­folg­te, und sieht nun wie er beim Un­rech­ten mit­macht. Ne­ben ihm sitzt Hen­ry, den sie, das wird nun klar, nie­mals hei­ra­ten wird. Ohn­mäch­tig wankt sie zu­rück, nimmt noch ganz in der Er­in­ne­rung ver­haf­tet den frü­he­ren Weg. Aber dort wo sie ih­re ge­bor­ge­ne Kind­heit ver­bracht hat steht nun ei­ne Eis­die­le.

Nach ei­nem kur­zen Mo­ment der Schwä­che stellt sich Jean Loui­se der Kon­fron­ta­ti­on, die der bis da­hin span­nen­de Hand­lungs­ver­lauf er­war­ten lässt. Doch die­se und da­mit die letz­ten hun­dert Sei­ten fal­len ent­täu­schend aus. Drei gro­ße the­sen­las­ti­ge Dia­lo­ge die­nen Lee, um die ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Hin­ter­grün­de dar­zu­le­gen. Zu­nächst spricht Jean Loui­se mit Jack, dem in­tel­lek­tu­el­len Bru­der At­ti­cus’. In ei­nem so­kra­ti­schen Zwie­ge­spräch ver­mit­telt er die Ge­schich­te May­combs und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Zwän­ge. Sei­nen Bru­ders cha­rak­te­ri­siert er als stol­zen Tra­di­ti­ons­be­wah­rer, was sei­ne An­we­sen­heit beim Bür­ger­rat recht­fer­ti­ge. In der fol­gen­den Un­ter­re­dung mit Hen­ry kon­fron­tiert Jean Loui­se die­sen mit ih­rem Ent­schluss, ihn nie­mals zu hei­ra­ten. Hen­ry be­grün­det sei­ne An­we­sen­heit bei der Ras­sis­ten­ver­samm­lung mit sei­nem ge­rin­gen Sta­tus, er müs­se sich an­pas­sen um in May­comb be­stehen zu kön­nen. Hat Lee in die­sem zwei­ten Dia­log das so­zia­le Ge­fü­ge der Dorf­ge­mein­schaft er­läu­tert, so schließt sie die Va­ter-Toch­ter-De­bat­te an, um auf die Ei­gen­stän­dig­keit Ala­ba­mas zu ver­wei­sen. Die­se will man sich nicht durch Be­schlüs­se ei­ner fer­nen Re­gie­rung neh­men las­sen. May­comb ent­schei­de im­mer noch al­lei­ne, wie es „die Ne­ger“ be­han­deln will.

Die­se Ver­su­che, den Stein des An­sto­ßes zu um­ge­hen, sind nicht nur für Le­ser des 21. Jahr­hun­derts un­be­frie­di­gend. Auch sei­ne Haupt­fi­gur be­gehrt da­ge­gen auf und wird schließ­lich mit kör­per­li­cher Ge­walt zum Schwei­gen ge­bracht.

Für mich nimmt der Ro­man da­durch ein ku­rio­ses En­de, das noch da­zu of­fen bleibt. Jean Loui­se hält an ih­rer „Far­ben­blind­heit“ fest, al­ler­dings „ach­tet sie dies­mal dar­auf, sich nicht den Kopf zu sto­ßen“ an den May­com­ber Ver­hält­nis­sen.

Für die Ab­leh­nung des Ma­nu­skripts durch die Lek­to­rin mag die bri­san­te ras­sen­po­li­ti­sche Si­tua­ti­on der fünf­zi­ger Jah­re ver­ant­wort­lich sein. Oder wa­ren es doch die for­ma­len und in­halt­li­chen Schwach­stel­len des Ro­mans? Ne­ben klei­ne­ren sprach­li­chen, wie „lee­re Au­tos … par­ken“, fin­den sich auch in­halt­li­che, et­wa wenn Lee die Er­in­ne­rung an die Be­stat­tung des Bru­ders im un­pas­sen­den Scout-Ton wie­der­gibt oder die ge­lun­ge­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung von Po­si­tio­nen durch auf­ge­fä­del­te Ge­sprächs­fet­zen durch häu­fi­ge Wie­der­ho­lung stra­pa­ziert.

Bis auf die­se Ein­schrän­kun­gen ist Har­per Lees nun pu­bli­zier­ter Erst­ling ein span­nen­der Ro­man über ei­ne Hel­din, die stand­haft „far­ben­blind“ bleibt.

 

Harper Lee, Gehe hin, stelle einen Wächter; übers. v. Klaus Timmermann u. Ulrike Wasel, 1. Aufl. 2015, Deutsche Verlags-Anstalt
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