Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher

Schöne Wörter, schöne Sätze” — Das verborgene Wort von Ulla Hahn

Wie es ist die Lie­be zur Spra­che in ei­nem bil­dungs­fer­nen El­tern­haus zu fin­den und durch­zu­set­zen und sich in den fünf­zi­ger Jah­ren von Ar­bei­ter­mi­lieu und ka­tho­li­schem Pro­vin­zia­lis­mus zu eman­zi­pie­ren, zeigt Ul­la Hahn ein­drucks­voll in ih­rem Ro­man Das ver­bor­ge­ne Wort. In die­sem ers­ten Teil ei­ner Tri­lo­gie, er­le­ben wir die be­we­gend emo­tio­na­le Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Hil­de­gard Palm, dem wort- und satz­be­geis­ter­ten Mäd­chen, das in frü­her Kind­heit durch die Phan­ta­sie des Groß­va­ters die trös­ten­de Kraft von Buch- und Wut­stei­nen ent­deckt. In der ge­gen den Wil­len der El­tern durch­ge­setz­ten Re­al­schu­le lernt Hil­de­gard die Li­te­ra­tur der Klas­si­ker lie­ben. In de­ren Spra­che fin­det sie oft neue Hoff­nung nach den Schlä­gen des Va­ters. Die Pas­sa­gen im rhei­ni­schen Dia­lekt, der von Fa­mi­lie und Nach­barn, aber im­mer we­ni­ger von Hil­de­gard ge­spro­chen wird, de­mons­trie­ren gleich­zei­tig die Kluft zwi­schen Hil­de­gard und ih­rer Um­ge­bung aber auch ih­re Be­frei­ung aus der En­ge. Hil­la, wie sich die Her­an­wach­sen­de nun in be­wuss­ter Dis­tink­ti­on nennt, tritt zu­neh­mend selbst­be­wusst auf. Un­ge­rech­tig­kei­ten löst sie gleich­sam wie ei­ne Jean­ne d’Arc des Wor­tes mit Zi­ta­ten aus den Klas­si­kern oder durch ih­re Re­de­ge­wandt­heit. Pri­vat al­ler­dings droht ihr oft ein Schei­tern. Ei­ne sich an­bah­nen­de ers­te Lie­be über­win­det nicht die Gren­ze zwi­schen den ver­schie­de­nen Mi­lieus. Der ver­wei­ger­te Über­gang auf das Gym­na­si­um und die an­statt des­sen zu ab­sol­vie­ren­de Bü­ro­leh­re treibt sie in die All­tags­öd­nis. Die­se und vor al­lem vor die Angst ab­zu­stump­fen und den Be­zug zu den „schö­nen Wor­ten“ zu ver­lie­ren, be­täubt sie im Al­ko­hol. Vor dem Ab­sturz ret­tet sie der Be­rufs­schul­leh­rer, ge­mein­sam mit ei­nem Kol­le­gen und dem Pfar­rer setzt er Hil­las wei­te­re Schul­kar­rie­re durch.

Es han­delt sich um ei­nen Ro­man mit au­to­bio­g­ra­hi­schem An­teil. Wie groß die­ser nun tat­säch­lich sei, in­wie­weit Don­dorf mit Mon­heim, dem rea­len Ge­burts­ort Hahns, ver­gleich­bar sei, ob die In­itia­len der Prot­ago­nis­tin auf die mit der Au­to­rin be­freun­de­te Ly­ri­ke­rin Hil­de Do­min hin­wei­sen, ist mü­ßig zu fra­gen. Ein we­nig Auf­schluss gibt ein In­ter­view mit der Au­to­rin.

Die ge­schil­der­ten Er­leb­nis­se bil­den sehr gut den Muff und Pro­vin­zia­lis­mus der Fünf­zi­ger Jah­re ab. Der Kampf der klei­nen Leu­te um ih­re Exis­tenz in ei­ner von Klatsch und Tratsch und der kirch­li­chen Ob­rig­keit ge­gän­gel­ten Dorf­ge­sell­schaft.

Trotz des Dia­lekts ist die Ge­schich­te nicht an den Hand­lungs­ort ge­bun­den, sie hät­te sich so oder ähn­lich auch im ho­hen Nor­den oder im tie­fen Schwarz­wald ab­spie­len kön­nen.

Ein er­grei­fen­der, gut ge­schrie­be­ner Schmö­ker, der in un­se­rem Le­se­kreis durch­weg po­si­ti­ven An­klang fand, wenn auch nicht al­le die köl­sche Spra­che so pro­blem­los fan­den wie ich.

Wem al­so die­se Zun­gen­fer­tig­keit nicht durch die Groß­el­tern ver­traut ist, der fin­det Hil­fe im Wör­ter­buch oder An­lei­tung im Sprach­füh­rer.

Wer das wei­te­re Le­ben von Hil­la ver­fol­gen möch­te, der grei­fe zu Auf­bruch, dem zwei­ten Teil von Ul­la Hahns Tri­lo­gie.

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