Mit Heilandzack ins Aldilà

Das Pfingstwunder“ — Sibylle Lewitscharoffs persönlich poetische Reise durch Dantes Jenseits

Die Jen­seits­ver­wir­rung ist über mich ge­kom­men in Form ga­lop­pie­ren­der As­so­zia­tio­nen.“

Als im Sep­tem­ber 2016 der sechs­te Ro­man der Büch­ner­preis­trä­ge­rin Si­byl­le Le­wit­schar­off er­schien, zö­ger­te ich ihn zu le­sen, der No­mi­nie­rung für den Deut­schen Buch­prei­ses zum Trotz und ob­wohl mich an­de­re Wer­ke der Schrift­stel­le­rin be­ein­druckt hat­ten. Ei­nen Ro­man über die Di­vina Commedia zu le­sen, das Werk mit dem Dan­te Ali­ghie­ri nicht nur sei­ne Epo­che präg­te, son­dern bis heu­te die ge­sam­te Spra­che und Kul­tur Ita­li­ens, oh­ne die­ses selbst zu ken­nen, schien mir we­nig sinn­voll. Mit Kurt Flaschs über­setz­ter Pro­saver­si­on plan­te ich mich zu prä­pa­rie­ren, doch ei­ne Dis­kus­si­on zwi­schen Le­wit­schar­off und De­nis Scheck, die ich zu­fäl­lig im Ra­dio hör­te, ver­führ­te mich „Das Pfingst­wun­der“ vor­zu­zie­hen. Es ist kein Ro­man, das wird schnell klar, eher ein per­sön­li­cher poe­ti­scher Commedia-Kom­men­tar. Ge­tarnt als Be­richt des Dan­te-Ex­per­ten Ge­org Els­hei­mer, der vor al­lem sich selbst dar­über klar wer­den will, was sich Un­glaub­li­ches beim Dan­te-Kon­gres­ses zu Pfings­ten 2013 im Saal der Mal­te­ser auf dem rö­mi­schen Aven­tin er­eig­ne­te.

Wie­so wur­de er als ein­zi­ger Teil­neh­mer von die­sem Pfingst­wun­der ver­schont oder bes­ser „Mit Hei­land­zack ins Al­di­là“ wei­ter­le­sen

Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, wer­fen Sie noch ei­nen letz­ten Blick zu­rück, schau­en Sie nur, Dok­tor, da oben ha­ben wir Hy­per­bo­re­er ge­lebt, in azur­ner Ein­sam­keit, in Hö­hen, die kein Vo­gel je er­flog, auf dem Dach der kli­ni­schen Welt, um Er­lö­sung vom Ekel zu fin­den. Und ist es nicht schön, dass die­ses Dach zu­gleich auch schon das gan­ze Haus, par­don die gan­ze Welt war?“

Die­ser Satz, der ge­gen En­de fällt, for­mu­liert das Set­ting des Ro­mans. An ei­nem ent­ho­be­nen Ort, ei­ner als Well­ness-Ashram ge­tarn­ten psych­ia­tri­schen Kli­nik, le­ben Pa­ti­en­ten und Ärz­te in ei­gen­tüm­li­cher Sym­bio­se. Ab­ge­schot­tet von der üb­ri­gen Welt, so­fern sie noch exis­tiert, ver­brin­gen sie ih­re Ta­ge nach salut­o­ri­schen Maß­stä­ben. Yo­ga steht auf der Ta­ges­ord­nung ganz oben, die Lauf­bän­der im hell­ro­sa Am­bi­en­te ei­nes Okta­gons. Abends wird stil­voll ge­speist, tags­über be­ru­hi­gen sich die Be­treu­ten mit Rha­bar­ber-Opi­um, die Be­treu­er mit ei­ner Zi­ga­ret­te. Zwi­schen dem Sport, wird Stim­men­hö­ren oder Sex ver­ord­net. Falls es gar nicht mehr geht, be­gibt man sich zwecks In­spek­ti­on zum Kern­anatom oder di­rekt auf die letz­te Rei­se.

In die­ser Welt dok­tert Franz von Stern. Ganz auf sich al­lein ge­stellt ist er al­ler­dings nie. Sein ste­ter Be­glei­ter ist ein Re­fe­rent, Er­geb­nis ei­nes im­plan­tier­ten Über-Ichs, ein per­sön­li­cher Re­gu­la­tor, der den ge­ord­ne­ten Be­trieb durch­führt. Die­ser soll die Er­star­kung des al­ten Egos mit al­len sei­nen Er­in­ne­run­gen ver­hin­dern, wäh­rend Stern doch ge­ra­de dar­in her­um­wühlt um ei­nen gu­ten ers­ten Satz für den von der Kli­nik­lei­tung ge­for­der­ten Ei­gen­be­richt zu fin­den.

An­ge­li­ka Mei­er schil­dert in ih­rem zwei­ten Ro­man ei­ne Ge­sund­heits­dys­to­pie, de­ren Be­woh­ner nicht nur me­di­zi­nisch über­wacht und durch­leuch­tet wer­den. Dies un­ter­nimmt die pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin auf äu­ßerst an­re­gen­de Wei­se. Quer­ver­wei­se und Zi­ta­te aus al­len Be­rei­chen der Kul­tur­ge­schich­te for­dern den Le­ser und be­rei­ten gro­ßes Le­se­ver­gnü­gen.

Be­reits die Na­men der an­we­sen­den Göt­ter in Weiß amü­sie­ren. Wenn Dr. Tulp, „der bes­te Kern­anatom der kli­ni­schen Welt“, den Brust­korb zum Me­diator­check öff­net, fühlt man sich un­wei­ger­lich in die Haar­le­mer Ana­to­mie ver­setzt, die Rem­brandt einst ab­bil­de­te. Rem­brandts Tulp se­ziert ei­nen To­ten, auch die Kör­per un­ter dem Skal­pell von Mei­ers Tulp ha­ben kaum noch Le­ben in sich. Die ge­bro­che­nen Her­zen wur­den zwi­schen Där­me ge­bet­tet und durch ein Me­dia­tor-Sys­tem er­setzt.

Le­dig­lich bei Stern scheint die­ses nicht mehr rund zu lau­fen, er träumt so­gar sein frü­he­res Le­ben. Ver­stärkt wird dies durch die Be­geg­nung mit ei­ner neu­en, am­bu­lan­ten Pa­ti­en­tin, die er als sei­ne frü­he­re Frau er­kennt. Grund ih­rer Ein­wei­sung ist ei­ne aku­te man­geln­de Ge­sund­heits­ein­sicht und ein durch und durch sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem. Nach und nach wer­den auf dem Klinik­hü­gel wei­te­re Fa­mi­li­en­ban­de er­kenn­bar, Sohn, Groß­va­ter und Groß­mutter, die reins­te Idyl­le. Doch die­ser will Stern ent­flie­hen, weil sie eben nicht ge­lebt wer­den kann.

An­ge­li­ka Mei­ers Ro­man stellt für mich die kom­ple­xes­te Lek­tü­re seit lan­gem dar. In der An­la­ge ih­rer schi­zo­id an­mu­ten­den Fi­gur Stern er­gibt sich ei­ne dop­pel­te Er­zähl­per­spek­ti­ve. Mal be­rich­tet der Re­fe­rent, mal fühlt und er­in­nert der wah­re Stern. So ent­ste­hen  Rück­blen­den, in de­nen sich ver­meint­lich re­al Ge­sche­he­nes mit sur­re­al wir­ken­den Sze­nen ver­mischt. Mei­ers Spra­che ist geist­reich und fa­bel­haft for­mu­liert. Mit man­nig­fal­ti­gen Re­fe­ren­zen setzt sie ih­re Sa­ti­ren in ab­sur­des Licht. Dies for­dert und amü­siert zu­gleich. Kur­siv ge­setzt fin­den sich Zi­ta­te von Au­gus­ti­nus, der Bi­bel, Marx, Pusch­kin, Ril­ke und an­de­ren. Mit Ar­no Schmidt ka­lau­ert sie Goe­thes Ita­li­en­sehn­sucht zu Gen-ita­li­en. Ei­ne be­son­de­re Re­fe­renz er­weist die Au­torin Gott­fried Benn. Sie zi­tiert nicht nur vie­le sei­ner Wer­ke, sei­ner No­vel­le Ge­hir­ne schei­nen die hoch oben ge­le­ge­ne Kli­nik und der jun­ge Arzt ent­lehnt.

Mei­er ent­wi­ckelt in ih­rer Dys­to­pie ei­ne un­ge­heu­re Viel­falt an Hand­lungs- und Wort­ideen. Zwi­schen Hal­lo­d­rie­ge­dächt­nis und Him­mel­was­ser­blau ver­mischt sie irr­wit­zi­gen Me­di­zin­jar­gon mit The­ra­peu­ten­ge­fa­sel. Ein schö­ner Spott über den heil­brin­gen­den Ge­sund­heits­glau­ben und sei­ne Jün­ger. Er stößt je­doch im La­chen be­reits so bit­ter auf wie zu viel Opi­um-Rha­bar­ber-Saft. Die­ser galt üb­ri­gens an­no 1814 als Mit­tel ge­gen die Ruhr.  Dar­über kann man bei der Re­cher­che la­chen, vor­her, al­so wäh­rend des Le­sens lacht man laut und ga­ran­tiert über die Qual­len­pest der Aquagym­nas­tik und den am Be­cken­rand vor­tur­nen­den Arzt. Erst recht über Pfle­ger Pflü­gers Fuß­re­flex­zo­nen Fel­la­tio. So­wie schließ­lich und end­lich über die grün­schwarz tä­to­wier­ten schlan­gen­glei­chen Ar­me des Schlaf­for­schers und Wa­ch­of­fi­ziers Dr. Dan­ke­vicz, der sei­ne wah­re Be­ru­fung in der Phal­l­o­lo­gie fand.

Ei­ne klit­ze­klei­ne Kri­tik ha­be ich den­noch an die­sem Buch, wel­ches ich si­cher­lich noch ein­mal le­sen wer­de, da ich längst nicht al­les ver­stan­den ha­be. As­kle­pi­os, der grie­chi­sche Gott der Heil­kunst, und so­mit in die­sem Ro­man gut plat­ziert auf S. 32, be­saß zwar den Stab mit der Schlan­ge, ei­gent­lich war er ja selbst ei­ne, aber ganz be­stimmt wur­de er nicht mit sei­nen bei­den Söh­nen, die er nicht be­saß, von Schlan­gen er­würgt. Das war Lao­ko­on, den As­kle­pi­os hat Zeus blitz­schnell er­le­digt mit ei­nem Schlag.

An­ge­li­ka Mei­er, Heim­lich, heim­lich mich ver­giss, dia­pha­nes, Zü­rich, 1. Aufl. 2012
 

Vor­läu­fi­ges Ver­zeich­nis der Zi­ta­te