Mit Heilandzack ins Aldilà

„Das Pfingstwunder“ – Sibylle Lewitscharoffs persönlich poetische Reise durch Dantes Jenseits

„Die Jenseitsverwirrung ist über mich gekommen in Form galoppierender Assoziationen.“

Als im September 2016 der sechste Roman der Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff erschien, zögerte ich ihn zu lesen, der Nominierung für den Deutschen Buchpreises zum Trotz und obwohl mich andere Werke der Schriftstellerin beeindruckt hatten. Einen Roman über die Divina Commedia zu lesen, das Werk mit dem Dante Alighieri nicht nur seine Epoche prägte, sondern bis heute die gesamte Sprache und Kultur Italiens, ohne dieses selbst zu kennen, schien mir wenig sinnvoll. Mit Kurt Flaschs übersetzter Prosaversion plante ich mich zu präparieren, doch eine Diskussion zwischen Lewitscharoff und Denis Scheck, die ich zufällig im Radio hörte, verführte mich „Das Pfingstwunder“ vorzuziehen. Es ist kein Roman, das wird schnell klar, eher ein persönlicher poetischer Commedia-Kommentar. Getarnt als Bericht des Dante-Experten Georg Elsheimer, der vor allem sich selbst darüber klar werden will, was sich Unglaubliches beim Dante-Kongresses zu Pfingsten 2013 im Saal der Malteser auf dem römischen Aventin ereignete.

Wieso wurde er als einziger Teilnehmer von diesem Pfingstwunder verschont oder besser verschmäht, wie Elsheimers es versteht? Das Vorkommnis ließ ihn staunend stehen, während seine 33 Kollegen, 3 Angestellte und sogar ein ungetaufter Jack-Russell die Himmelfahrt antraten. Seitdem „bewimmelt“ dies „sein Hirn“ und drängt ihn zu diesen Zeilen. Angelegt in 34 Kapiteln greift Elsheimer, der 34. Teilnehmer des Kongresses, die durch Dante vorgegebene Einteilung auf. Auf je 10 Seiten verrät er zunächst Persönliches, widmet sich weitgehend chronologisch einem Canto der Commedia, der wiederrum als Kongress-Beitrag zu einem der Dante-Experten führt. Von Dantes Dichtung schlägt der Erzähler eine Volte zur persönlichen Ebene und beleuchtet die Beziehungen. Es folgen Elsheimers Assoziationen zum jeweiligen Canto, in die Lewitscharoff Interpretationen real existierender Dante-Forscher einwebt. Somit bildet jedes Kapitel einen Kommentar zu einem Canto, unterbrochen durch Ansichten und Erinnerungen des Erzählers, eingebettet in eine Rahmenhandlung, die einem Rätsel auf die Spur kommen will.

Literatur, Geschichte und Rezeption mischen sich mit den Erfahrungen eines frustrierten Helden. Eine amüsant-krude Mischung, in der die Autorin, erkenntnis- wie worterfindungsreich und nicht zuletzt durch Kenny, das Kommentarhündchen, manch materie-immanente Sprödheit überwindet. Es ist besonders dieser Tonfall, der den Protagonisten Elsheimer oft hinter seine Erfinderin zurücktreten lässt. Ein literaturkritischer Fauxpas, der mir unterläuft und doch berechtigt scheint, klingen mir doch Lewitscharoffs Äußerungen zu ihrem Buch noch im Ohr. „Heilandzack“ entfährt es ihrem Elsheimer genauso wie ihr gern verwendetes „hochmögend“. Es finden sich weitere Parallelen. Wie Elsheimer ist Sibylle Lewitscharoff in Stuttgart aufgewachsen und begeisterte sich in der Jugend für Lenin und Trotzki. Beide lieben Rom. Wer nicht? Aber Lewitscharoff entdeckte dort 2013, während ihres Stipendiums in der Villa Massimo, den Saal der Malteser und beschloss ihn zum Ort ihres Pfingstwunders zu machen. Ob Elsheimer mit ihr auch seine Ansichten teilt, die sich keinesfalls nur auf Dante und seine Person beschränken, sondern ein vielfältiges Spektrum zwischen Kunst, Engagement für Flüchtlinge und amerikanischen Fernsehserien umfassen, kann nur die Autorin selbst beantworten. Eines ist allerdings offensichtlich, nach außen hin wirkt Sybille Lewitscharoff ganz anders als ihr „Unglücksvogel mit hängendem Kopf“.

Der blaublickend Hochgewachsene sieht seine ewige Außenseiterrolle bestätigt. Frustriert depressiv fühlt er seitdem seine „Körperhülle gekapert“, sein linkes Bein zittert „als würde es sich nach dem Ort aufmachen wollen, an dem (die) Kollegen inzwischen sind“. Als Professor am Romanistischen Seminar in Frankfurt hatte er für sein Opus Magnum die zahlreichen deutschen Übersetzungen der Commedia gesichtet, ebenso wie Lewitscharoff, die sich, so verriet sie im Gespräch mit Scheck, während ihres Aufenthaltes im Literarischen Colloquium Berlin, dem gleichen Unterfangen unterzog.

Derart gewappnet übernimmt sie in der Figur ihres Elsheimers die Rolle des Vergil und leitet den Leser durch Dantes Meisterwerk. Sie beginnt bei den Vorbildern der Jenseitsreise, führt durch berühmte Szenen wie Paolo e Francesca oder Ugolino vorbei am Wald der Selbstmörder, Luzifer im Eismeer, der Riege bestbenamster Teufel, darunter Grauseschwanz, Fletschkoller und Knickfittich sowie den Zentauren, Mischwesen aus „Mensch und Pferd, die sich verschwartet haben“. Lewitscharoff analysiert und rezitiert Dante-Übersetzer, u.a. Georg von Poppel, Stefan George, Rudolf Borchardt, Johann von Sachsen, und viele mehr, die der Anhang aufführt. Doch sie hinterfragt auch kritisch, beispielsweise die Diskrepanz zwischen Materie und Immaterialität, die immer dann auftritt, wenn die „Scheinleiber“ des Jenseits auf den Dante aus Fleisch und Blut treffen. Wie kann beispielsweise der Geist Vergils dem Menschen Dante beim Flug auf dem Drachen Halt geben? Eine Frage, die ungelöst bleibt, jedoch an vielen Exempeln aufgeworfen wird. Dies erscheint bisweilen ebenso  redundant, wie der immer gleiche Verweis auf die fehlenden da vorzeitig mit ihren Referenten davongeflogenen Kongress-Themen.

Spannend ist allerdings der stete Wechsel der Erzählebenen. Von der Berichtzeit springen wir zum Kongress in Rom, in diverse Vergangenheiten der Elsheimer’schen Biographie, zur Commedia und zu deren historischen Hintergrund. Dabei erlaubt sich Lewitscharoff auch weitgehendere Abschweifungen, ruft sich doch stets mit einem strengen „weiter im Text“ zur Vernunft.

Ich bereue es nicht diese „heilandzackige“ Einführung der Lektüre des Originals vorgezogen zu haben. Wer wie ich noch keine Zeit gefunden hat, sich anhand der zahlreichen Übersetzungen selbst auf die Reise in Dantes Aldilà zu begeben, dem hilft Lewitscharoffs Pfingstwunder.

Sibylle Lewitscharoff, Das Pfingstwunder, Suhrkamp, 1. Aufl. 2016
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gut zu lesen, Rezensionen und getaggt als , , , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

2 Responses to Mit Heilandzack ins Aldilà

  1. Eva Jancak sagt:

    Ein tolles Buch, hat mir gut gefallen, wäre fast mein letztjähriger Buchpreisfavorit gewesen
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/23/das-pfingstwunder/

  2. Atalante sagt:

    Das freut mich, liebe Eva Jancak, noch mehr hätte es mich gefreut zu hören, wieso und warum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*