Proust — Hoffnungshölle

Ach, Gilberte!

Unser Glaube, daß ein Wesen an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, dem gegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann.“

Als Marcel Gilberte kennen lernt, wünscht er sich nichts sehnlicher als auch von Swann akzeptiert und in den Kreis der Personen aufgenommen zu werden, die von ihm und Odette empfangen werden. Dies gelingt ihm recht bald. Die Swanns sind sogar derart von ihm beeindruckt, daß sie einen positiven Einfluss auf ihre Tochter erhoffen. Je inniger sich jedoch dieses von Bewunderung und Vertrauen geprägte Verhältnis entwickelt, um so mehr distanziert sich Gilberte von ihrem Verehrer. Vielleicht fand sie es wie heutige Pubertierende einfach uncool von einem Jungen umschwärmt zu werden, der sich formidabel mit den Eltern versteht, von denen man sich doch gerade zu emanzipieren versucht?

Auf jeden Fall leidet man mit Marcel. Doch zunächst ist man zusammen mit ihm verliebt. Bei der ersten Einladung zum Tee verspürt man eine derartige Aufregung, daß das Gehirn wie „Proust — Hoffnungshölle“ weiterlesen

Literarischer Leuchtturm im Nebelmeer des Lebens

Proust Pharao“ von Michael Maar

Für Proustadepten wie für Proustneulinge gleichermaßen interessant ist die 2009 im Berenberg-Verlag unter dem Titel Proust Pharao erschienene Essay-Sammlung. In sieben zum Teil revidierten und erweiterten Texten, darunter zwei Erstveröffentlichungen, setzt sich Michael Maar auf kenntnisreiche und unterhaltsame Weise mit Marcel Proust und der Recherche auseinander. Angereichert ist der schön gestaltete Band mit Porträtphotographien, die den Schriftsteller in verschiedenen Lebensphasen zeigen.

Bereits der erste titelgebende Text  ist eine Eloge an Proust, dem es wie keinem anderen gelang „der inneren Wahrheit bis in die letzte Verästelung nach” zu forschen. Indem Proust aufzeigt wie die Gefühle funktionieren, bietet er seinem Leser ein Instrumentarium zur Selbsterforschung. Gleichzeitig erweist er sich als großer Poet in der Beschreibung von Natur und Landschaft, sowie als Gesellschaftskomödiant, der das Treiben der Pariser Salons mit viel Ironie schildert, wodurch er nicht zuletzt „Literarischer Leuchtturm im Nebelmeer des Lebens“ weiterlesen

Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal

Ein liebender Swann

Wer hat nicht schon einmal wie erstarrt und zu einem vernünftigen Gedanken unfähig sein Telefon hypnotisiert, damit es endlich klingeln möge, vielmehr damit der Angebetete endlich spüren möge, daß sein Anruf sehnlich erwartet wird, oder besser, damit dieser sich sehne anzurufen. Heutzutage ist dank des mobilen Telefonierens eine stunden- oder gar tagelange Quarantäne obsolet. Auch wenn Odette ‑überflüssig es zu erwähnen- natürlich noch nicht mal einen Festnetzanschluss hatte, so hätte sie sich doch auch zur Zeit der steten und allgegenwärtigen Erreichbarkeit für Swann unerreichbar zu machen gewusst. Einfach weggedrückt oder am besten das Teil direkt im Bois verloren, an einem Regentag natürlich.

Die moderne Technik hätte das Liebesleid des Monsieur Swann also sehr wahrscheinlich auch nicht lindern können. Doch hätte er dies überhaupt gewünscht? Was gibt es Schöneres als „Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal“ weiterlesen

Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes

Promenaden

Nach einem tränenreichen Abschied vom Weißdorn schildert uns der Erzähler  die beiden Hauptspazierwege von Combray (S. 194–248). Der Erste führt ihn in Richtung des Swannschen Besitzes und dehnt sich weiter zur Seite von Méséglise-la-Vineuse hin aus. Das Spazierengehen in der Natur ist ihm notwendiger Ausgleich zur  Lektüre und gleichzeitig eine nie versiegende Inspirationsquelle. Naturerscheinungen wie der Wind treten als Lokalgeist von Combray auf, die grandiosen Auftritte der Schauspielerin „La lune“ werden erlebbar, vor Regen bietet das Wäldchen von Roussainville Schutz. Diesen Unterschlupf nutzte man wohl oft, da sich dieser Weg wegen seiner Kürze bei aufziehenden Regenwolken anbot. Vorbei an Tansonville, dem von einem Park umgebenen schlossartigen Anwesen Swanns, führt er zur Feldkirche von Saint-André-des-Champs, in dessen gotischen Skulpturen der Knabe die Gestalten der naiven Phantasie Françoises und „Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes“ weiterlesen

Proust — Mandarinen, Weißdorn und eine Korkenziehercaritas

Lebensthemen

Die Seiten 101 bis 193 bieten viele Rückblicke, Erinnerungen und Spaziergänge. Wir lernen zwei sehr amüsante Personen kennen, den arroganten Bloch und den Schwätzer Legrandin.

Am besten gefällt mir, daß auf diesen Seiten die drei großen Leidenschaften Prousts oder des Erzählers zur Sprache kommen, Theater, Liebe und Literatur.

Er schildert wie ihn schon als Junge der mondäne Ruch des Theaters und vor allem der damit verbundenen Frauenwelt anzog. All’ diese gefeierten Schauspielerinnen, hübschen, noch nie verheirateten Witwen, falschen Gräfinnen und Kokotten würde der Knabe sehr gerne kennen lernen. Aber er ist noch zu jung, seine Eltern erlauben keinen Besuch im Theater, geschweige denn in der Demimonde. Da trifft es sich gut, einen Onkel besuchen zu können, der diesem Milieu gegenüber „Proust — Mandarinen, Weißdorn und eine Korkenziehercaritas“ weiterlesen

Proust — Auf der Suche nach dem Erzähler

Marcel – Knabe, Erzähler, Autor

Während dieser ersten gemeinsamen Leseabschnitte stellte sich uns immer wieder die Frage, wie alt und wer der Knabe sei. Das Drama des Gute-Nacht-Kusses, die zahlreichen Romanlektüren und die Schwärmerei für Schauspielerinnen scheinen nicht recht in einen begrenzten Altersabschnitt zu passen.

Wieviel seiner eigenen Identität offenbart Proust in dieser Figur? Auch wenn die Recherche keine Autobiographie ist, so berichtet Proust

„Proust — Auf der Suche nach dem Erzähler“ weiterlesen

Prousts Madeleine

Lebensmittelsensorik und Gedächtnispsychologie

Dass Erinnern die Grundlage aller Dichtung sei, erklärt Proust seinen Lesern einleuchtend und sinnlich durch die Madeleine. Denn alleine der Genuss dieses kleinen französischen Gebäcks erweckte in ihm eine mémoire involontaire, eine unbewusste Erinnerung, die hervorgerufen durch ein zufälliges sinnliches Ereignis, das erneute Eintauchen in ein zurückliegendes Gefühl möglich macht. Ganz klar setzt Proust dieses unbewusste Erinnern von dem bewusst herbeigeführten intellektuellen Erinnern ab. In der Einleitung zu der berühmten Textstelle betont er, daß er zwar an seine Kindheit in Combray willentlich denken könne, aber „da die auf diese Weise vermittelte Kunde von der Vergangenheit ihr Wesen nicht erfasst, hätte ich niemals Lust gehabt, an das übrige Combray zu denken. Alles das war in Wirklichkeit tot für mich.“

Erst der Geschmack des in ein wenig Tee geweichten Kuchens an seinem Gaumen erweckt das allsonntägliche Madeleine-Ritual bei Tante Léonie und damit die Sommerfrischen-Kindheit in Combray zur lebendigen Erinnerung.

Die Begleitumstände dieses Gedächntistricks liegen in der menschlichen Sensorik und Funktion unseres Hirns. Klaus Dürrschmid entlarvt in seinem Aufsatz Zur Sensorik von Madeleines und Tee Proust „Prousts Madeleine“ weiterlesen

Proust — Die ersten 100 Seiten

Einschlafschwierigkeiten

Wer kann sich nicht daran erinnern, wie qualvoll es sein kann einschlafen zu sollen ohne es zu wollen. Es fehlt die nötige Bettschwere oder ein wichtiges Ritual. Welches Ritual kann schöner sein als der Gute-Nacht-Kuss, dessen Besänftigung den Übergang zum Schlaf leichter macht? Am eindringlichsten beschreibt dies Marcel Proust. Seine Darstellung versetzt mich zurück in meine Kindheit. Auch ich sehe den Streifen Licht unter der Tür hervorschimmern, wünsche mir bei jedem Schritt im Haus, dass sich die Tür zu meinem dunklen Zimmer öffnet, meine Mutter sich über mein Bett beugt und mir so noch einmal versichert nicht alleine zu sein in den nächsten dunklen Stunden.

Natürlich verbrachte ich meine Sommerfrische nicht in Combray. Zum Glück. Trotz der privilegierten Annehmlichkeiten wäre mir diese Umgebung zu eng gewesen. Prousts Rückschau „Proust — Die ersten 100 Seiten“ weiterlesen

Proust gemeinsam lesen — Ein Leseprojekt

Noch ein Proust-Blog?

Nein. An dieser Stelle soll eine Sammlung von Links, Verweisen, Literatur und Ideen entstehen, die aus einem gemeinsamen Lesen von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hervorgehen. Diese Diskussion nach festgelegten Leseabschnitten findet sich im Forum der Buchtauschbörse Tauschticket.

Zu Beginn seien auf die Seite des Suhrkamp-Verlages mit den derzeit vorhandenen Ausgaben verwiesen, sowie auf die der Marcel-Proust-Gesellschaft. Diese bietet zahlreiche weiterführende Informationen, darunter auch viele Postkartenansichten, die uns die Ankunft in Combray erleichtern.

Für den Proustanfänger oder gar für den Proustangeber sind in den letzten Jahren zahlreiche „Proust gemeinsam lesen — Ein Leseprojekt“ weiterlesen