Proust – Theater und Dichtung

Gescheitert ist es noch nicht unser Leseprojekt. Nur meine Anmerkungen haben eine Zeit lang pausiert. Sie mussten warten bis all’ die Ablenkungen sich gelegt und wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt ist. Gelesen habe ich trotzdem und notiert, sonst wären meine Eindrücke vielleicht durch viele andere überlagert worden. Um mich nochmals einzustimmen, auf den ersten Teil von „Im Schatten junger Mädchenblüte“ habe ich den bei Dumont erschienene Bildband von Eric Karpeles, „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“ zur Hilfe gezogen. Kurze Textpassagen aus der Recherche sind dort in chronologischer Abfolge den Abbildungen der zitierten Kunstwerke gegenübergestellt. Eine schöne Ergänzung und Auffrischung.

Enttäuschung und Erregung — (Bd. 2, 1)

Man­che Phan­ta­sien ver­lie­ren ih­ren Zau­ber so­bald sie Rea­li­tät wer­den. In ei­ner Nach­mit­tags­ma­ti­nee er­füllt sich für Mar­cel der lang ge­heg­te Wunsch ei­nes Thea­ter­be­su­ches. Er sieht end­lich die „Proust – Thea­ter und Dich­tung“ wei­ter­le­sen

Proust — Sehnsuchtsorte

Balbec, Venedig, Florenz, Champs-Élysées, Bois de Boulogne — (Bd. 1, 3)

An stür­mi­schen Ta­gen be­fällt den jun­gen Mar­cel Fern­weh nach Bal­bec, ei­nem Küs­ten­ort in der Nor­man­die, der in al­ler her­auf­be­schwo­re­nen Phan­ta­sie bi­zar­rer er­scheint als er sich in Wirk­lich­keit er­wei­sen soll­te. Ein Phä­no­men, wel­ches er auch beim Klang der ita­lie­ni­schen Städ­te­na­men Ve­ne­dig und Flo­renz emp­fin­det. Die Er­war­tung stellt ihm die­se Or­te „schö­ner und an­ders dar, als nor­man­ni­sche oder tos­ka­ni­sche Städ­te es in Wirk­lich­keit sein kön­nen“. Mit der Lek­tü­re von Kunst- und Rei­se­füh­rern taucht er ein in die­se Welt fern der Rea­li­tät. „Selbst un­ter ei­nem ganz rea­len Ge­sichts­punkt neh­men die Ge­gen­den, nach de­nen wir uns seh­nen, in je­dem Au­gen­blick un­se­res wirk­li­chen Le­bens sehr viel mehr Raum ein als das Land, in dem wir uns be­fin­den.“ Doch sei­ne Krank­heit ver­hin­dert die Rei­se.

An­statt ita­lie­ni­scher Re­nais­sance­bau­ten muss er mit den Gar­ten­an­la­gen der Champs-Ély­sées vor­lieb neh­men. Es scheint ihm un­er­träg­lich. Man könn­te in Er­in­ne­rung an be­reits „Proust — Sehn­suchts­or­te“ wei­ter­le­sen

Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal

Ein liebender Swann

Wer hat nicht schon ein­mal wie er­starrt und zu ei­nem ver­nünf­ti­gen Ge­dan­ken un­fä­hig sein Te­le­fon hyp­no­ti­siert, da­mit es end­lich klin­geln mö­ge, viel­mehr da­mit der An­ge­be­te­te end­lich spü­ren mö­ge, daß sein An­ruf sehn­lich er­war­tet wird, oder bes­ser, da­mit die­ser sich seh­ne an­zu­ru­fen. Heut­zu­ta­ge ist dank des mo­bi­len Te­le­fo­nie­rens ei­ne stun­den- oder gar ta­ge­lan­ge Qua­ran­tä­ne ob­so­let. Auch wenn Odet­te ‑über­flüs­sig es zu er­wäh­nen- na­tür­lich noch nicht mal ei­nen Fest­netz­an­schluss hat­te, so hät­te sie sich doch auch zur Zeit der ste­ten und all­ge­gen­wär­ti­gen Er­reich­bar­keit für Swann un­er­reich­bar zu ma­chen ge­wusst. Ein­fach weg­ge­drückt oder am bes­ten das Teil di­rekt im Bo­is ver­lo­ren, an ei­nem Re­gen­tag na­tür­lich.

Die mo­der­ne Tech­nik hät­te das Lie­bes­leid des Mon­sieur Swann al­so sehr wahr­schein­lich auch nicht lin­dern kön­nen. Doch hät­te er dies über­haupt ge­wünscht? Was gibt es Schö­ne­res als „Proust — Ent­flammt, er­obert, ei­fer­süch­tig, egal“ wei­ter­le­sen

Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes

Promenaden

Nach ei­nem trä­nen­rei­chen Ab­schied vom Weiß­dorn schil­dert uns der Er­zäh­ler  die bei­den Haupt­spa­zier­we­ge von Com­bray (S. 194–248). Der Ers­te führt ihn in Rich­tung des Swann­schen Be­sit­zes und dehnt sich wei­ter zur Sei­te von Mé­ség­li­se-la-Vi­n­eu­se hin aus. Das Spa­zie­ren­ge­hen in der Na­tur ist ihm not­wen­di­ger Aus­gleich zur  Lek­tü­re und gleich­zei­tig ei­ne nie ver­sie­gen­de In­spi­ra­ti­ons­quel­le. Na­tur­er­schei­nun­gen wie der Wind tre­ten als Lo­kal­geist von Com­bray auf, die gran­dio­sen Auf­trit­te der Schau­spie­le­rin „La lu­ne“ wer­den er­leb­bar, vor Re­gen bie­tet das Wäld­chen von Rous­sain­ville Schutz. Die­sen Un­ter­schlupf nutz­te man wohl oft, da sich die­ser Weg we­gen sei­ner Kür­ze bei auf­zie­hen­den Re­gen­wol­ken an­bot. Vor­bei an Tan­son­vil­le, dem von ei­nem Park um­ge­be­nen schloss­ar­ti­gen An­we­sen Swanns, führt er zur Feld­kir­che von Saint-An­dré-des-Champs, in des­sen go­ti­schen Skulp­tu­ren der Kna­be die Ge­stal­ten der nai­ven Phan­ta­sie Fran­çoi­ses und „Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guer­man­tes“ wei­ter­le­sen

Proust — Mandarinen, Weißdorn und eine Korkenziehercaritas

Lebensthemen

Die Sei­ten 101 bis 193 bie­ten vie­le Rück­bli­cke, Er­in­ne­run­gen und Spa­zier­gän­ge. Wir ler­nen zwei sehr amü­san­te Per­so­nen ken­nen, den ar­ro­gan­ten Bloch und den Schwät­zer Le­gran­din.

Am bes­ten ge­fällt mir, daß auf die­sen Sei­ten die drei gro­ßen Lei­den­schaf­ten Prousts oder des Er­zäh­lers zur Spra­che kom­men, Thea­ter, Lie­be und Li­te­ra­tur.

Er schil­dert wie ihn schon als Jun­ge der mon­dä­ne Ruch des Thea­ters und vor al­lem der da­mit ver­bun­de­nen Frau­en­welt an­zog. All’ die­se ge­fei­er­ten Schau­spie­le­rin­nen, hüb­schen, noch nie ver­hei­ra­te­ten Wit­wen, fal­schen Grä­fin­nen und Ko­kot­ten wür­de der Kna­be sehr ger­ne ken­nen ler­nen. Aber er ist noch zu jung, sei­ne El­tern er­lau­ben kei­nen Be­such im Thea­ter, ge­schwei­ge denn in der De­mi­mon­de. Da trifft es sich gut, ei­nen On­kel be­su­chen zu kön­nen, der die­sem Mi­lieu ge­gen­über „Proust — Man­da­ri­nen, Weiß­dorn und ei­ne Kor­ken­zie­her­ca­ri­tas“ wei­ter­le­sen

Proust — Die ersten 100 Seiten

Einschlafschwierigkeiten

Wer kann sich nicht dar­an er­in­nern, wie qual­voll es sein kann ein­schla­fen zu sol­len oh­ne es zu wol­len. Es fehlt die nö­ti­ge Bett­schwe­re oder ein wich­ti­ges Ri­tu­al. Wel­ches Ri­tu­al kann schö­ner sein als der Gu­te-Nacht-Kuss, des­sen Be­sänf­ti­gung den Über­gang zum Schlaf leich­ter macht? Am ein­dring­lichs­ten be­schreibt dies Mar­cel Proust. Sei­ne Dar­stel­lung ver­setzt mich zu­rück in mei­ne Kind­heit. Auch ich se­he den Strei­fen Licht un­ter der Tür her­vor­schim­mern, wün­sche mir bei je­dem Schritt im Haus, dass sich die Tür zu mei­nem dunk­len Zim­mer öff­net, mei­ne Mut­ter sich über mein Bett beugt und mir so noch ein­mal ver­si­chert nicht al­lei­ne zu sein in den nächs­ten dunk­len Stun­den.

Na­tür­lich ver­brach­te ich mei­ne Som­mer­fri­sche nicht in Com­bray. Zum Glück. Trotz der pri­vi­le­gier­ten An­nehm­lich­kei­ten wä­re mir die­se Um­ge­bung zu eng ge­we­sen. Prousts Rück­schau „Proust — Die ers­ten 100 Sei­ten“ wei­ter­le­sen