Diner bei Guermantes

Parsifal unter Blumenmädchen

GuermantesDa erst bemerkte ich, daß rings um mich her, um mich, der ich bis zu diesem Tage – abgesehen von meinem Praktikum im Salon von Madame Swann – bei meiner Mutter, in Combray und in Paris, ein ganz anderes, entweder gönnerhaftes oder reserviertes Verhalten von Seiten mürrischer Damen der bürgerlichen Gesellschaft gewohnt war, die mich als Kind behandelten, ein Szenenwechsel sich vollzogen hatte, demjenigen vergleichbar, der Parsifal plötzlich unter die Blumenmädchen versetzt. Diejenigen, die mich nun umgaben, ganz dekolletiert (ihre entblößten Schultern zeigten sich zu beiden Seiten eines gewundenen Mimosenzweiges oder unter den weiten Blütenblättern einer Rose) begrüßten mich mit lauter langen, dahinschmelzenden und zärtlichen Blicken, als hindere sie einzig ihre Schüchternheit, mich zu küssen.“

Marcels Traum von der Herzogin wahrgenommen zu werden erfüllt sich mit der Einladung zum Diner bei den Guermantes. Das Idol, dem er seit der Begegnung in Combray und mehr noch während seiner morgendlichen Verfolgungen erlegen war, ist Mme de Guermantes jedoch längst nicht mehr. Die Begegnungen bei Mme de Villeparisis zeigten ihm, daß die von ihm verehrte Heilige eine oberflächliche „Diner bei Guermantes“ weiterlesen

Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes

Promenaden

Nach einem tränenreichen Abschied vom Weißdorn schildert uns der Erzähler  die beiden Hauptspazierwege von Combray (S. 194–248). Der Erste führt ihn in Richtung des Swannschen Besitzes und dehnt sich weiter zur Seite von Méséglise-la-Vineuse hin aus. Das Spazierengehen in der Natur ist ihm notwendiger Ausgleich zur  Lektüre und gleichzeitig eine nie versiegende Inspirationsquelle. Naturerscheinungen wie der Wind treten als Lokalgeist von Combray auf, die grandiosen Auftritte der Schauspielerin „La lune“ werden erlebbar, vor Regen bietet das Wäldchen von Roussainville Schutz. Diesen Unterschlupf nutzte man wohl oft, da sich dieser Weg wegen seiner Kürze bei aufziehenden Regenwolken anbot. Vorbei an Tansonville, dem von einem Park umgebenen schlossartigen Anwesen Swanns, führt er zur Feldkirche von Saint-André-des-Champs, in dessen gotischen Skulpturen der Knabe die Gestalten der naiven Phantasie Françoises und „Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes“ weiterlesen

Proust — Mandarinen, Weißdorn und eine Korkenziehercaritas

Lebensthemen

Die Seiten 101 bis 193 bieten viele Rückblicke, Erinnerungen und Spaziergänge. Wir lernen zwei sehr amüsante Personen kennen, den arroganten Bloch und den Schwätzer Legrandin.

Am besten gefällt mir, daß auf diesen Seiten die drei großen Leidenschaften Prousts oder des Erzählers zur Sprache kommen, Theater, Liebe und Literatur.

Er schildert wie ihn schon als Junge der mondäne Ruch des Theaters und vor allem der damit verbundenen Frauenwelt anzog. All’ diese gefeierten Schauspielerinnen, hübschen, noch nie verheirateten Witwen, falschen Gräfinnen und Kokotten würde der Knabe sehr gerne kennen lernen. Aber er ist noch zu jung, seine Eltern erlauben keinen Besuch im Theater, geschweige denn in der Demimonde. Da trifft es sich gut, einen Onkel besuchen zu können, der diesem Milieu gegenüber „Proust — Mandarinen, Weißdorn und eine Korkenziehercaritas“ weiterlesen

Proust — Auf der Suche nach dem Erzähler

Marcel – Knabe, Erzähler, Autor

Während dieser ersten gemeinsamen Leseabschnitte stellte sich uns immer wieder die Frage, wie alt und wer der Knabe sei. Das Drama des Gute-Nacht-Kusses, die zahlreichen Romanlektüren und die Schwärmerei für Schauspielerinnen scheinen nicht recht in einen begrenzten Altersabschnitt zu passen.

Wieviel seiner eigenen Identität offenbart Proust in dieser Figur? Auch wenn die Recherche keine Autobiographie ist, so berichtet Proust

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Proust — Die ersten 100 Seiten

Einschlafschwierigkeiten

Wer kann sich nicht daran erinnern, wie qualvoll es sein kann einschlafen zu sollen ohne es zu wollen. Es fehlt die nötige Bettschwere oder ein wichtiges Ritual. Welches Ritual kann schöner sein als der Gute-Nacht-Kuss, dessen Besänftigung den Übergang zum Schlaf leichter macht? Am eindringlichsten beschreibt dies Marcel Proust. Seine Darstellung versetzt mich zurück in meine Kindheit. Auch ich sehe den Streifen Licht unter der Tür hervorschimmern, wünsche mir bei jedem Schritt im Haus, dass sich die Tür zu meinem dunklen Zimmer öffnet, meine Mutter sich über mein Bett beugt und mir so noch einmal versichert nicht alleine zu sein in den nächsten dunklen Stunden.

Natürlich verbrachte ich meine Sommerfrische nicht in Combray. Zum Glück. Trotz der privilegierten Annehmlichkeiten wäre mir diese Umgebung zu eng gewesen. Prousts Rückschau „Proust — Die ersten 100 Seiten“ weiterlesen