Proust – Die ersten 100 Seiten

Einschlafschwierigkeiten

Wer kann sich nicht daran erinnern, wie qualvoll es sein kann einschlafen zu sollen ohne es zu wollen. Es fehlt die nötige Bettschwere oder ein wichtiges Ritual. Welches Ritual kann schöner sein als der Gute-Nacht-Kuss, dessen Besänftigung den Übergang zum Schlaf leichter macht? Am eindringlichsten beschreibt dies Marcel Proust. Seine Darstellung versetzt mich zurück in meine Kindheit. Auch ich sehe den Streifen Licht unter der Tür hervorschimmern, wünsche mir bei jedem Schritt im Haus, dass sich die Tür zu meinem dunklen Zimmer öffnet, meine Mutter sich über mein Bett beugt und mir so noch einmal versichert nicht alleine zu sein in den nächsten dunklen Stunden.

Natürlich verbrachte ich meine Sommerfrische nicht in Combray. Zum Glück. Trotz der privilegierten Annehmlichkeiten wäre mir diese Umgebung zu eng gewesen. Prousts Rückschau verrät mit leiser Ironie, dass auch der Junge „Marcel“ sich oftmals unwohl fühlte.  Um so mehr, wenn abendlicher Besuch seine Mutter von der herbeigesehnten Kuss-Zugabe abhielt, und das Verlangen sich zu einem quälenden nächtlichen Warten steigerte.

Die Leserin bedauert den Knaben liest aber gerne die Charakterisierung der Person, die der Grund der Ruhestörung ist. Swann, der Gast im großelterlichen Haus, unkonventioneller Lichtblick in der Tischrunde, die dieser Besuch gleichzeitig erfreut aber auch etwas geniert. Denn Swann hat unter seinem Stand geheiratet, was der bürgerlichen Vorstellung überaus exotisch erscheint.

Die ironischen  Bemerkungen, die Proust den gesellschaftlichen Normen widmet, gefallen mir neben den atmosphärischen Schilderungen am besten. Danach befinden sich die bürgerlichen Kreise der Zeit noch in dem hinduistischen Kastenwesen vergleichbaren Gesellschaftsstrukturen verhaftet. Was vielleicht der Provokation, Psychiater halten mehr oder weniger alle Menschen für unzurechnungsfähig eine Rechtfertigung geliefert haben könnte.

Die Schilderung Combrays über den Umweg der hypochondrischen Tante Léonie bietet einen liebevollen, aber durchaus satirischen Blick auf die Provinz, in der einfach jeder jeden kennt, sei er menschlicher der tierischer Natur.

„… in Combray war jemand, den man nicht kannte, ein ebenso wenig glaubhaftes Wesen wie ein Gott der Mythologie…“ (S.80)

„In Combray kannte man alles, was vorüber kam. Menschen sowohl wie Tiere, so gut, dass meine Tante, auch wenn sie einen Hund auf der Straße sah, den sie nicht kannte, unaufhörlich daran dachte und dieser unfassbaren Tatsache ihren ganzen Scharfsinn und alle Stunden, in denen sie unbeschäftigt war, widmete.“ (S. 81)

Eine noch heute gültige Erkenntnis, auch für die deutsche Provinz.

Innerhalb dieser ersten hundert Seiten der Recherche trifft man auf die berühmte Madeleine, bei deren Verkostung  dem erwachsenen Erzähler eine Erinnerung offenbar wird. Eine unbewusste Erinnerungen, ausgelöst durch einen Geruch, einen visuellen Eindruck oder eben den Geschmack eines in Tee getunkten Gebäckstückchens. Doch dazu demnächst mehr.

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