Prousts Madeleine

Lebensmittelsensorik und Gedächtnispsychologie

Dass Erinnern die Grundlage aller Dichtung sei, erklärt Proust seinen Lesern einleuchtend und sinnlich durch die Madeleine. Denn alleine der Genuss dieses kleinen französischen Gebäcks erweckte in ihm eine mémoire involontaire, eine unbewusste Erinnerung, die hervorgerufen durch ein zufälliges sinnliches Ereignis, das erneute Eintauchen in ein zurückliegendes Gefühl möglich macht. Ganz klar setzt Proust dieses unbewusste Erinnern von dem bewusst herbeigeführten intellektuellen Erinnern ab. In der Einleitung zu der berühmten Textstelle betont er, daß er zwar an seine Kindheit in Combray willentlich denken könne, aber „da die auf diese Weise vermittelte Kunde von der Vergangenheit ihr Wesen nicht erfasst, hätte ich niemals Lust gehabt, an das übrige Combray zu denken. Alles das war in Wirklichkeit tot für mich.“

Erst der Geschmack des in ein wenig Tee geweichten Kuchens an seinem Gaumen erweckt das allsonntägliche Madeleine-Ritual bei Tante Léonie und damit die Sommerfrischen-Kindheit in Combray zur lebendigen Erinnerung.

Die Begleitumstände dieses Gedächntistricks liegen in der menschlichen Sensorik und Funktion unseres Hirns. Klaus Dürrschmid entlarvt in seinem Aufsatz Zur Sensorik von Madeleines und Tee Proust eindeutig als zahnlosen Einsauger oder Schlabberer, so der Fachterminus. Sehr anschaulich und nachvollziehbar deckt er die lebensmittelsensorischen Hintergründe des Erinnerungsgeschehens auf.

Interessant sind auch seine Verweise auf bisherige Interpretationen der unschuldigen Madeleine, die von der durch Proust selbst angeführten Muschel der Jakobs-Pilger, über die Gleichheit der Initialen „P.M.“ beim Namen des Autors und bei den Petites Madeleines zu der etwas abwegigeren, psychoanalytischen Deutung der muschelförmigen Madeleine als mütterliche Scham führen.

Aufschlussreicher ist Dürrschmids Verweis auf den Vater, Adrien Proust, der sich neben seiner ärztlichen Tätigkeit der Hirnforschung widmete und besonders die Funktion der Gedächtnisprozesse gerne mit seinen Söhnen diskutierte.

Was mich zu diesem Forschungszweig der Psychologie führt. Unlängst, das heißt vor zwei bis drei Jahren, hörte ich den Vortrag eines Psychologen über die Unterstützung von Lernprozessen durch Geruchsstoffe. Wer also, so die laienhaft wiedergegebene Kernaussage, während der Vorbereitung auf eine Klausur an seinem Lavendelsäckchen schnüffelt, erfährt nicht nur nervliche Beruhigung, sondern hat, sofern er den Duftbeutel auch während der Prüfung mit sich führt, eine wohlriechende, wenn auch etwas skurrile Gedächtnisstütze zur Hand. Um die verstörende Wirkung auf die Prüfer zu vermeiden, ließe sich auch auf ein dezentes Parfüm oder eine Pfefferminzbonbon zurückgreifen.

Just im März dieses Jahres ist die deutsche Übersetzung eines Buches des amerikanischen Hirnforschers Jonah Lehrer erschienen, in dem er die Auseinandersetzung von Künstlern mit Sinneswahrnehmungen untersucht. Der Titel lautet, wie könnte es anders sein, Prousts Madeleine: Hirnforschung für Kreative.

Damit es trotz Teebeigabe nicht zu trocken bleibt, möchte ich meine Leseprojekt-Mitleser und natürlich auch alle anderen Leser dieser Seite ermuntern, ein Erinnerungserlebnis à la Proust zu hinterlassen. Den Anfang mache natürlich ich.

Dass auch visuelle Erlebnisse diese Art von Erinnern auslösen können, erzählt Proust in der Episode um den Glockenturm von Saint-Hilaire. Für meinen persönlichen Vergangenheitsflash ist jedoch ein wahrgenommener Geruch der Auslöser. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und Holz. Er erinnert mich an meine Vorschulzeit, die ich im Sommer oft bei meinen Großeltern verbrachte. Dort gab es eine kleine Hütte verborgen in einer Waldlichtung gelegen, die das Ziel von Wanderungen war. Eingerichtet mit Kochstelle, Tisch und Stühlen konnte man zwar nicht übernachten, aber ausruhen, den Sommertag verbringen und eben Kaffee kochen, was stets die erste Handlung nach dem Eintreffen war. Natürlich habe ich als 5-Jährige keinen Kaffee getrunken, aber gerochen habe ich ihn schon, vermischt mit dem feuchten, leicht modrigen Holzgeruch der Hütte. Es war immer sehr schön dort im Wald, ruhig und gemütlich, man konnte sogar auf einer Schaukel zwischen den Bäumen hin und her fliegen. Sogar singen, niemand lachte einen aus, denn es war niemand da, der hörte wie falsch man sang. Außer Opa und Oma natürlich, was ich natürlich nicht ahnte, sonst hätte ich nicht gesungen. Aber Großeltern finden ja immer alles ganz wunderbar. Dieses Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit habe ich heute jedes Mal, wenn ich eine Tasse Kaffee auf  den Holztisch in meinem Garten stelle. Gut, dass ich diesen Tisch habe und gut, dass ich nicht erst Madeleines backen muss. Im Kaffeekochen bin ich besser.

Kennt ihr so etwas auch?

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