Proust – Auf der Suche nach dem Erzähler

Marcel – Knabe, Erzähler, Autor

Während dieser ersten gemeinsamen Leseabschnitte stellte sich uns immer wieder die Frage, wie alt und wer der Knabe sei. Das Drama des Gute-Nacht-Kusses, die zahlreichen Romanlektüren und die Schwärmerei für Schauspielerinnen scheinen nicht recht in einen begrenzten Altersabschnitt zu passen.

Wieviel seiner eigenen Identität offenbart Proust in dieser Figur? Auch wenn die Recherche keine Autobiographie ist, so berichtet Proust

in ihrem ersten Teil viele Erlebnisse seiner Kindheit. Streng chronologisch sind diese Ereignisse in Illiers-Combray jedoch nicht zu werten.

Die Romanfamilie verbringt in Combray regelmäßig ihre Sommerferien.

Marcel Proust verbrachte 1878 im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie die Oster- und die Sommerferien in Illiers.

Die historische Kuss-Szene ereignete sich 1873 nach der Geburt seines Bruders Robert. Der Autor war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Eine Reflektion, wie sie uns der Junge im Roman miterleben lässt, wäre bei einem Kleinkind undenkbar.

Nach dem von Willy Hachez rekonstruierten Zeitablauf der Recherche wurde der Erzähler 1880 geboren, die Kuss-Szene fand 1890 statt. Immerhin ist dieser Junge bereits 10 Jahre alt und bewältigt mit großem Vergnügen respektable Lektüren:

Die vier Dorfromane von George Sand, La Mare au Diable (Der Teufelsteich), François le Champi (François das Findelkind), La petite Fadette (Die kleine Fadette) und Maîtres Sonneurs, sowie Alfred de Musset, Nuit d’Octobre.

Außerdem liest er den von Bloch empfohlenen und von Proust erfundenen Bergotte.

Der fiktive Erzähler des Romans ist ein Erwachsener, der versucht die Erinnerungen des Knaben zu rekonstruieren. Die Gefühle und Erinnerungen sind die eines Kindes gemischt mit denen eines Erwachsenen und beschrieben mit dem Wissen eines Erwachsenen.

Auch wenn die Hauptfigur der Recherche tatsächlich in „Die Gefangene“ unter dem Namen Marcel auftaucht,  löst eine Aussage Prousts das Rätsel um die autobiographische Einordnung des Romans.

„In einem Brief an Lucien Daudier, der dieser Verwirrung ein Ende bereitet, präzisiert Proust, daß es sich durchaus um einen Roman handelt und nicht um eine ichbezogene Autobiographie. Er hat zudem Züge von sich selbst auf andere Personen – wie Swann, Charlus, Bergotte, Elstir, Octave oder Vinteuil- übertragen.“ Michel-Thiriet, S. 301.

Folgende Ergänzung sei hinzugefügt:

Es sind drei Ich-Erzähler, die die unterschiedlichen Ebenen des Romans präsentieren, das Sich-Erinnernde-Ich (je-intermédiaire), der Protagonist (je-héros) und der Ich-Erzähler (je-narrateur).

Nähere Ausführungen dazu gibt Prof. Dr. Thomas Klinkert in seiner Vorlesung „Marcel Proust“, gehalten im SS 2010 am Romanistischen Seminar der Universität Freiburg. Sie ist als Podcast verfügbar und lohnt nicht zuletzt wegen der vielen im Original zitierten Passagen. Außerdem stehen eine Literaturliste, sowie die Übersetzung der Zitate als pdf zur Verfügung.

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