Prousts Madeleine

Lebensmittelsensorik und Gedächtnispsychologie

Dass Erinnern die Grundlage aller Dichtung sei, erklärt Proust seinen Lesern einleuchtend und sinnlich durch die Madeleine. Denn alleine der Genuss dieses kleinen französischen Gebäcks erweckte in ihm eine mémoire involontaire, eine unbewusste Erinnerung, die hervorgerufen durch ein zufälliges sinnliches Ereignis, das erneute Eintauchen in ein zurückliegendes Gefühl möglich macht. Ganz klar setzt Proust dieses unbewusste Erinnern von dem bewusst herbeigeführten intellektuellen Erinnern ab. In der Einleitung zu der berühmten Textstelle betont er, daß er zwar an seine Kindheit in Combray willentlich denken könne, aber „da die auf diese Weise vermittelte Kunde von der Vergangenheit ihr Wesen nicht erfasst, hätte ich niemals Lust gehabt, an das übrige Combray zu denken. Alles das war in Wirklichkeit tot für mich.“

Erst der Geschmack des in ein wenig Tee geweichten Kuchens an seinem Gaumen erweckt das allsonntägliche Madeleine-Ritual bei Tante Léonie und damit die Sommerfrischen-Kindheit in Combray zur lebendigen Erinnerung.

Die Begleitumstände dieses Gedächntistricks liegen in der menschlichen Sensorik und Funktion unseres Hirns. Klaus Dürrschmid entlarvt in seinem Aufsatz Zur Sensorik von Madeleines und Tee Proust „Prousts Madeleine“ weiterlesen