Proust — Der Kuss

Der Besuch Albertines (Bd. 3, 484 ‑520)

GuermantesDie Ge­schöp­fe, die in un­se­rem Le­ben ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt ha­ben, ver­las­sen es nur sel­ten mit ei­nem Schlag und für al­le Zei­ten“.

Da­mals auf der Strand­pro­me­na­de Bal­becs war der 15-jäh­ri­ge Er­zäh­ler so­fort ge­fan­gen von „ei­nem Mäd­chen mit blit­zen­den, la­chen­den Au­gen und vol­len, matt­schim­mern­den Wan­gen un­ter ei­ner tief in die Stirn ge­setz­ten schwar­zen Po­lo­müt­ze, das ein Fahr­rad mit der­ma­ßen nach­läs­si­gem Wie­gen der Hüf­ten vor sich her­schob“. Die­ser Al­ber­ti­ne Si­mo­net be­geg­net er noch meh­re­re Ma­le be­vor der Ma­ler El­stir sie ihm vor­ge­stellt. Die Rea­li­tät er­nüch­tert sei­ne schwär­me­ri­sche Phan­ta­sie.

In dem Ma­ße, wie ich dem jun­gen Mäd­chen nä­her­kam und sie bes­ser ken­nen­lern­te, voll­zog sich die Be­kannt­schaft mit ihr durch ei­nen Sub­trak­ti­ons­pro­zeß, denn je­der ein­zel­ne der durch Phan­ta­sie und Ver­lan­gen be­stimm­ten Tei­le ih­res We­sens wur­de durch ei­ne Kennt­nis er­setzt.“

Sie freun­den sich an, ge­mein­sam mit den an­de­ren Mäd­chen un­ter­neh­men sie „Proust — Der Kuss“ wei­ter­le­sen

Proust — Salonplaudereien

Matinée bei Madame de Villeparisis (Bd. 3, 254–438)

GuermantesDer Sa­lon der Mar­qui­se moch­te sich zwar von ei­nem wirk­lich ele­gan­ten Sa­lon un­ter­schei­den, in dem vie­le von den bür­ger­li­chen Da­men ge­fehlt hät­ten, die sie bei sich emp­fing, und an­de­rer­seits vie­le von den glanz­vol­len Er­schei­nun­gen der gro­ßen Welt an­we­send ge­we­sen wä­ren, die Ma­dame Le­roi schließ­lich in ihr Haus zu zie­hen ver­mocht hat­te.“ (Bd. 3, 269)

Mar­cel Proust war ein Ken­ner der Pa­ri­ser Sa­lons. Be­vor er sich in sei­ne schall­dich­te Kam­mer zu­rück­zog, be­ob­ach­te­te er als Ak­teur das Trei­ben bei Ma­dame Le­mai­re oder der Com­tesse de Gref­fuh­le. Sie bo­ten in ih­ren Sa­lons die Ge­le­gen­heit zum ge­sell­schaft­li­chen Um­krei­sen. Was dar­un­ter zu ver­ste­hen ist, be­schreibt Proust auf rund 200 Sei­ten im drit­ten Teil der Re­cher­che. Sein jun­ger Mar­cel be­sucht zum ers­ten Mal ei­ne Ma­ti­nee bei „Proust — Sa­lon­plau­de­rei­en“ wei­ter­le­sen

Proust — Liebesträume

Die Metamorphosen der Madame de Guermantes — (Bd. 3, 1)

GuermantesDie Er­in­ne­rung an ei­ne Per­son, die für uns von Be­deu­tung war, ver­än­dert sich im Lau­fe der Zeit. Je län­ger wir die­sem Men­schen nicht be­geg­nen um so stär­ker wan­delt er sich zum Ide­al, das mit der all­täg­li­chen Per­son kaum noch über­ein­stimmt.

So er­geht es auch dem Prot­ago­nis­ten, der im Pa­ri­ser Pa­lais der Guer­man­tes wohnt und da­mit in un­mit­tel­ba­rer Nä­he die­ses Adels­ge­schlech­tes, des­sen Na­me ihn schon in Com­bray mit Ehr­furcht er­füll­te. Als er Ma­dame de Guer­man­tes, der Frau des Her­zogs, zu­fäl­lig auf der Stra­ße be­geg­net, ist es ihm un­mög­lich, sein Bild von die­ser Frau mit dem Ide­al in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, wel­ches ihn seit ih­rem An­blick in der Kir­che von Com­bray be­setzt. Das Her­aus­ra­gen­de wird un­ver­se­hens zu et­was All­täg­li­chem, es voll­zieht sich ei­ne Des­il­lu­si­on, die er sich als Me­ta­mor­pho­se zu er­klä­ren ver­sucht. Wie bei Ovid aus ei­ner Nym­phe ei­ne Pflan­ze oder ei­ne Quel­le wer­den kann und die­se da­durch ih­ren ur­sprüng­li­chen Lieb­reiz ver­liert, so ver­wan­delt die rea­le All­tags­si­tua­ti­on den Zau­ber der Her­zo­gin. Die­ser stellt sich je­doch wie­der ein, so­bald nur noch Er­in­ne­rung die­ses Bild zu­sam­men­setzt. Ge­hirn und Ge­fühl re­kon­stru­ie­ren die be­gehr­te Pro­jek­ti­on. Und doch ver­ur­sacht je­de neue Be­geg­nung wie­der Ent­täu­schung. Die Ba­na­li­tät des All­tags zer­stört das Ide­al. Der Fas­zi­nier­te be­ob­ach­tet bei Ma­dame de Guer­man­tes ei­nen Hang zur mo­di­schen Klei­dung, die ihm si­gna­li­siert, daß sie auf das Ur­teil der Pas­san­ten Wert legt. „Die­se so tief un­ter ihr ste­hen­de Rol­le der ele­gan­ten Frau“, ent­spricht nicht sei­ner Vor­stel­lung von ih­rer her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­keit. Erst als er sie in der Oper er­blickt, nimmt die Klei­dung für ihn ei­nen an­de­ren Stel­len­wert ein. Er deu­tet sie als Zei­chen für die Auf­he­bung der Me­ta­mor­pho­se. Die Ro­be mit dem pai­let­ten­be­setz­ten Ober­teil of­fen­bart die wah­re Ge­stalt der Ma­dame de Guer­man­tes, die Ägis ver­rät die Mi­ner­va. Sie er­scheint als Göt­tin, die bei sei­nem An­blick al­ler­dings wie­der zur Frau wird und ihn lä­chelnd grüßt.

Der jun­ge Mar­cel ist ver­liebt und dies so­fort un­glück­lich, da er ahnt, daß die­se Göt­tin für ihn un­er­reich­bar blei­ben wird. „Ich hat­te mich, in Wirk­lich­keit lei­der, da­für ent­schie­den, die Frau zu lie­ben, die viel­leicht die größ­te Zahl von ver­schie­den­ar­ti­gen Vor­tei­len auf sich ver­ei­nig­te und in de­ren Au­gen ich des­we­gen nicht hof­fen konn­te, auch nur ir­gend­ein An­se­hen zu ge­nie­ßen; denn sie war eben­so reich wie der Reichs­te, der da­ne­ben nicht auch noch ad­lig war, ganz zu schwei­gen von ih­rem per­sön­li­chen Charme, durch den sie ton­an­ge­bend und un­ter al­len ge­wis­ser­ma­ßen die Kö­ni­gin war.“

Wie­der ein­mal hält ihn ei­ne me­lan­cho­li­sche Lie­be in Lie­bes­träu­men ge­fan­gen. Er ver­sucht die Her­zo­gin auf der Stra­ße ab­zu­pas­sen, un­ter­nimmt zur glei­chen Zeit sei­ne Spa­zier­gän­ge, war­tet an den Ecken, die sie pas­sie­ren wird, war­tet ver­geb­lich, muss sein War­ten ver­ber­gen, will nicht auf­fal­len und han­delt da­durch viel­leicht ver­kehrt, wenn er bei ei­ner der we­ni­gen Be­geg­nun­gen, ih­re Auf­merk­sam­keit er­regt, je­doch den Gruß nicht er­wi­dert. Sein Ver­such nicht auf­dring­lich zu er­schei­nen, könn­te sie als Un­höf­lich­keit deu­ten, was ihn be­drückt. „War­um ver­spür­te ich den glei­chen Schau­er, heu­chel­te ich die­sel­be Gleich­gül­tig­keit, wand­te ich die Au­gen auf die glei­che zer­streu­te Wei­se ab, wie am Vor­tag, wenn in ei­ner Sei­ten­stra­ße und un­ter ei­ner klei­nen ma­ri­neblau­en To­que ei­ne Vo­gel­na­se im Pro­fil auf­tauch­te, längs ei­ner ro­ten Wan­ge, die von ei­nem ste­chen­den Au­ge quer durch­schnit­ten wur­de, gleich­sam die Er­schei­nung ei­ner ägyp­ti­schen Gott­heit?“

Sei­ne Angst durch­schaut zu wer­den wächst, Fran­çoi­se wis­sen­der Blick, wenn er mor­gens die Woh­nung ver­lässt, könn­te aus ei­ner Be­mer­kung der Be­diens­te­ten der Her­zo­gin re­sul­tie­ren, die sich ab­fäl­lig über den „Mis­se­tä­ter“ ge­äu­ßert ha­ben mag.

Hat­te er zu Be­ginn Ma­dame de Guer­man­tes noch ge­gen die bis­he­ri­gen Lie­ben, Al­ber­ti­ne, Gil­ber­te, gar ge­gen un­be­kann­te reiz­vol­le Mäd­chen ab­ge­wo­gen, ist die­ser Ver­gleich nun ganz sei­ner Über­zeu­gung un­ter­le­gen, daß die­se Guer­man­tes egal in wel­cher Form sie ihm auch er­scheint, sei­ne Göt­tin ist. „Was ich lieb­te, war die un­sicht­ba­re Per­son, die das al­les in Be­we­gung setz­te, war sie, de­ren Feind­se­lig­keit ich hät­te ver­ja­gen wol­len.“ Und doch scheint er aus­sichts­los in sei­nem un­er­füll­ba­ren Ver­lan­gen. „Ich lieb­te Ma­dame de Guer­man­tes wirk­lich. Das größ­te Glück, das ich von Gott hät­te er­bit­ten kön­nen, wä­re ge­we­sen, daß er al­le nur mög­li­chen Ka­ta­stro­phen auf sie nie­der­ge­hen las­se und daß sie, (…) , zu mir kom­me, um bei mir Zu­flucht zu su­chen.“

Er be­schließt über ei­nen Um­weg, durch den Be­such bei ih­rem Nef­fen Ro­bert de Saint-Loup, in ih­re Nä­he zu ge­lan­gen. Viel­leicht er­wähnt ihn Saint-Loup bei sei­ner Tan­te, viel­leicht kann er so­gar ei­ne Be­geg­nung ar­ran­gie­ren? Auch wenn die­ser Be­such und die ent­ste­hen­de Freund­schaft zu Ro­bert ihn zu­nächst von sei­nem Ziel ab­zu­len­ken scheint, ist sei­ne Sehn­sucht stets ge­gen­wär­tig. „Es war, als ha­be ei­ne ge­schick­ter Ana­tom ei­nen Teil mei­ner Angst ent­fernt und ihn durch ei­nen glei­chen Teil un­kör­per­li­chen Schmer­zes er­setzt.“ Es stellt sich die glei­che Me­lan­cho­lie ein, die ihn schon frü­her be­setzt hielt, der ge­rings­te An­lass weckt sei­ne Er­in­ne­rung. „Ein wei­cher Luft­hauch, der vor­über strich, schien mit ei­ne Bot­schaft von ihr zu brin­gen wie einst von Gil­ber­te auf den Fel­dern von Mé­ség­li­se.“

Saint-Loup ver­spricht ihn bei sei­ner Tan­te ein­zu­füh­ren, doch ein Zwi­schen­fall macht Saint-Loups bal­di­gen Be­such in Pa­ris un­wahr­schein­lich. Auch Mar­cels Zeit ist be­grenzt, da er zu ei­nem er­neu­ten Auf­ent­halt in Bal­bec auf­bre­chen wird. Um zu­vor von Ma­dame de Guer­man­tes emp­fan­gen zu wer­den, er­in­nert er Ro­bert an sei­ne Be­geis­te­rung für die Kunst El­stirs. Da drei sei­ner Wer­ke sich im Pa­lais Guer­man­tes be­fin­den, bit­tet er ihn ei­ne Be­sich­ti­gung zu ar­ran­gie­ren.

Wie­der in Pa­ris zö­gert un­ser Held sei­ne Spa­zier­gän­ge auf­zu­neh­men. Er fürch­tet Ma­dame de Guer­man­tes zu be­geg­nen, als ob sie ihm al­le sei­ne Be­mü­hun­gen an­se­hen könn­te. Doch er kann sei­nen Wunsch nicht be­zwin­gen und er­fin­det Recht­fer­ti­gun­gen, die ihn nö­ti­gen das Haus zu ver­las­sen. Wie­der weiß er bei den zu­fäl­li­gen Be­geg­nun­gen nicht, ob er grü­ßen soll. Sei­ne Hem­mun­gen schei­nen ge­wach­sen zu sein. Er­schien die Her­zo­gin ihm vor sei­ner Ab­rei­se nach Don­ciè­res als ei­ne Ge­stalt aus dem an­ti­ken Göt­ter­him­mel, so er­scheint sie ihm nun in ih­rem Kleid aus hell­ro­tem Samt gleich­sam im „mys­ti­schen Licht“ ei­ner „Hei­li­gen aus der ers­ten Zeit der Chris­ten­heit“ und da­mit un­er­reich­bar wie bei der ers­ten Be­geg­nung im Licht der Kir­che von Com­bray.

Die­se emp­fun­de­ne Un­er­reich­bar­keit be­stä­tigt sich auch in der Rea­li­tät. Saint-Loup kann ihm vor­erst kei­ne Ein­la­dung bei sei­ner Tan­te ver­schaf­fen, denn die­se sei „gar nicht mehr so nett“.

Proust — Unter Soldaten

Besuch bei der Garnison (Bd. 3, 1, 92–192)

GuermantesAls der Ich-Er­zäh­ler an ei­nem No­vem­be­r­abend in Don­ciè­res ein­trifft, emp­fängt ihn das Fes­tungs­städt­chen mit mi­li­tä­ri­scher Ge­schäf­tig­keit, die ei­ne „in­ter­mit­tie­ren­de Klang­wol­ke“ er­zeugt voll „mu­si­ka­lisch-krie­ge­ri­schem Flim­mern“. Ei­ne an­de­re Di­men­si­on mit ei­ge­nen Re­geln und Ge­bräu­chen öff­net sich ihm. Mar­cel ist der zi­vi­le Ein­dring­ling, der als Freund des bei sei­nen Ka­me­ra­den be­lieb­ten Saint-Loup bald zum Pa­ra­dies­vo­gel ih­rer abend­li­chen Zu­sam­men­künf­te wird, wie ein sol­cher exo­tisch und gleich­zei­tig emp­find­lich in die­sem un­ge­wohn­ten Ha­bi­tat.

Prousts Er­in­ne­run­gen an sei­nen nur ein Jahr an­dau­ern­den frei­wil­li­gen Mi­li­tär­dienst, den er am 15. No­vem­ber in Or­lé­ans 1889 an­trat, flo­ßen in die­se Schil­de­run­gen ein. Auch wenn es ei­nen Ort die­ses Na­mens in Loth­rin­gen gibt, trägt die­ses zwi­schen Bal­bec und Pa­ris ge­le­ge­ne Don­ciè­res die Zü­ge Or­lé­ans und Fon­taine­bleaus. Prousts Asth­ma­lei­den zwang ihn au­ßer­halb der Ka­ser­ne zu über­nach­ten und hat ihn vom an­stren­gen­den Mi­li­tär­drill be­freit. Ei­nen Re­flex dar­auf zeigt der scherz­haf­te Vor­wurf Saint-Loups ge­gen­über dem Ich-Er­zäh­ler, er wür­de spa­zie­ren­ge­hen, wäh­rend die an­de­ren sich in Feld­übun­gen auf­rei­ben. In der Fi­gur Saint-Loups fin­den sich Zü­ge von Prousts da­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten Pierre Ar­man de Cho­let (1864–1924).

Die be­ein­dru­cken­de Wir­kung mi­li­tä­ri­scher Äu­ßer­lich­kei­ten zeigt sich be­reits im ers­ten Band der Re­cher­che. Dort er­zeugt ein am Gar­ten­zaun vor­bei zie­hen­des Re­gi­ment in Com­bray gro­ße Auf­merk­sam­keit. Viel­leicht wa­ren es der Drill, das Mas­ku­li­ne, die Uni­for­men, die be­ein­druck­ten? Sei­ne ei­ge­ne, maß­ge­schnei­der­te Uni­form be­wahr­te Proust Zeit sei­nes Le­bens auf.

Ge­hö­ri­gen Ein­druck ma­chen auch die Sol­da­ten in Don­ciè­res auf den jun­gen Ich-Er­zäh­ler. Un­ter die­sen be­son­ders Ritt­meis­ter Bo­ro­di­no, „ein Of­fi­zier, groß, schön und ma­jes­tä­tisch“ mit Schnurr­bart und „wun­der­vol­len, blau­en Au­gen“. Doch Saint-Loups Mei­nung schwächt die Be­geis­te­rung. Die­ser Fürst von Bo­ro­di­no sei dank Kriegs­wir­ren zwar ein Nach­fah­re Na­po­le­ons, ei­gent­lich sei er aber ein Dumm­kopf, der „Sohn oder En­kel ei­nes Kai­sers, der nur noch ei­ne Schwa­dron be­feh­li­ge“. Schon das ers­te Er­schei­nen Bo­ro­di­nos er­zeugt im Ich-Er­zäh­ler ei­ne stark iro­nisch ge­bro­che­ne Be­wun­de­rung:

Im Sturm­schritt ent­ei­lend, das nach al­len Rich­tun­gen flat­tern­de Mon­okel im­mer vor­aus, mar­schier­te er (Saint-Loup) ge­ra­de­wegs auf den wür­di­gen und ge­mes­se­nen Ritt­meis­ter zu, des­sen Pferd in die­sem Au­gen­blick vor­ge­führt wür­de und der, be­vor er sich zum Auf­sit­zen an­schick­te, ein paar Be­feh­le mit ei­nem Adel der Ges­tik gab, der aus­ge­ar­bei­tet war, wie für ein his­to­ri­sches Ge­mäl­de, als zö­ge er wirk­lich in ei­ne Schlacht des Ers­ten Kai­ser­rei­ches, wäh­rend er in Wirk­lich­keit ein­fach nach Hau­se ritt, in die Woh­nung, die er für die Zeit sei­nes Auf­ent­halts in Don­ciè­res ge­mie­tet hat­te und die an ei­nem Platz ge­le­gen war, der wie in vor­weg­neh­men­der Iro­nie die­sem Na­po­leo­ni­den ge­gen­über „Place de la Ré­pu­bli­que“ hieß.“

Bo­ro­di­no ist ein Mensch mit schlich­ten Ma­nie­ren und Ge­müt, aber ma­jes­tä­ti­scher Attidü­de. Die­se ist durch­schau­bar, er­zeugt bei Saint-Loup und sei­nen Ka­me­ra­den Spott und nutzt ihm we­nig in der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft, wo er sich im „Jo­ckey Club“ un­wohl und nicht da­zu ge­hö­rig fühlt. Der „al­te Adel“ ei­nes Saint-Loups, den die­ser ge­ra­de da­durch, daß er ihn nicht her­aus­stel­len will, un­be­wusst in Ver­hal­ten und Hal­tung zeigt, ist für Mon­sieur de Bo­ro­di­no nicht dar­stell­bar. Über die gan­ze Don­ciè­res-Epi­so­de hin­weg sorgt die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Fi­gur für an­hal­ten­des Amü­se­ment. Be­son­ders die Dar­stel­lung von All­tags- und Ge­sell­schafts­le­ben des Ritt­meis­ters wächst sich zu ei­ner re­gel­rech­ten Bo­ro­di­no-Sa­ti­re aus (S. 180ff.).

Weit grö­ße­re Ach­tung bringt Saint-Loup ei­nem Ma­jor ge­gen­über auf, ei­nem bür­ger­li­cher Frei­geist, der mit sei­nen be­mer­kens­wer­ten Vor­trä­gen über Kriegs­ge­schich­te be­ein­druckt. Die ein­fa­chen Sol­da­ten, sei­ne Ka­me­ra­den, cha­rak­te­ri­siert Saint-Loup als gu­te, aber eher mit­tel­mä­ßi­ge „Bur­schen, die von nichts an­de­rem re­den kön­nen als von Pfer­de­ren­nen oder so­gar nur von Pfer­de­strie­geln“. Er be­fürch­tet, sie wür­den Mar­cel lang­wei­len, aber die­ser fühlt sich durch­aus wohl wäh­rend der ge­mein­sa­men Abend­essen. Er lauscht mit In­ter­es­se den Mi­li­tär­stra­te­gien, die Es­sen und Wein in den Köp­fen auf­wir­beln, folgt den Dis­kus­sio­nen über die Af­fä­re Drey­fus, für den al­lei­ne Saint-Loup und ein an­de­rer ein­tre­ten. Ei­nes Abends un­ter­hält sich Mar­cel mit ei­nem der Ka­me­ra­den der­art ver­traut und in „ei­ner je­ner Sym­pa­thien un­ter Män­nern, die, wenn kei­ne phy­si­sche An­zie­hungs­kraft ih­nen zu­grun­de liegt, die ein­zi­gen schlecht­hin ge­heim­nis­vol­len sind“ , daß Saint-Loup scherz­haft sei­ne Ei­fer­sucht be­kennt, was der Er­zäh­ler ge­schmei­chelt mit ei­nem klei­nen Be­dau­ern kom­men­tiert: „Män­ner, die ei­ner Frau lei­den­schaft­lich zu­ge­tan sind und ganz in der Ge­sell­schaft von ga­lan­ten Frau­en­freun­den le­ben, er­lau­ben sich Scher­ze, die an­de­re, weil sie et­was be­denk­li­ches dar­in se­hen könn­ten, sich nie­mals leis­ten wür­den.“

Er wird zum gern ge­se­he­nen Gast der Di­ners, be­son­ders sei­ne Bon­mots er­freu­en die Run­de. Die mi­li­tä­ri­sche At­mo­sphä­re des Or­tes durch­dringt ihn im­mer stär­ker. Am Mor­gen we­cken ihn die Fan­fa­ren­stö­ße des vor­bei mar­schie­ren­den Re­gi­ments, tags­über be­ob­ach­tet er Saint-Loup und sei­ne Ka­me­ra­den bei ih­ren Feld­übun­gen. Das Fes­tungs­städt­chen und sei­ne In­sas­sen be­sche­ren dem Be­ob­ach­ter trotz sei­ner Di­stanz als Zi­vi­list größ­te „Emp­fin­dungs­fül­le“.

Prousts Hyperästhesie

Von der Macht der Geräusche — Bd. 3,1

Der in Ma­dame de Guer­man­tes ver­lieb­te jun­ge Er­zäh­ler er­in­nert sich an Saint-Loups freund­schaft­li­che Zu­nei­gung. Als ihr Nef­fe könn­te er ihm das Tor zu ih­rer Welt öff­nen. Mar­cel be­schließt Saint-Loup in sei­ner Gar­ni­son zu be­su­chen. Die­se liegt in Don­ciè­res, ei­nem Fes­tungs­städt­chen nicht all­zu­weit von Pa­ris ent­fernt. Es wä­re dem Er­zäh­ler leicht mög­lich, am Abend wie­der nach Hau­se zu­rück zu keh­ren, um nicht in ei­nem frem­den Bett schla­fen zu müs­sen. Trotz­dem plant er ei­nen Ho­tel­auf­ent­halt und be­schwört so sein in Com­bray ge­präg­tes Gu­te-Nacht-Dra­ma her­auf.

Ro­bert de Saint-Loup ist freu­dig über­rascht, als Mar­cel ihn in der Ka­val­le­rie­ka­ser­ne auf­sucht. Sein Dienst er­laubt es ihm je­doch nicht, Mar­cel bei sei­nem ers­ten Abend im Ho­tel Ge­sell­schaft zu leis­ten wie die­ser es sich er­hofft hat. Dem em­pa­thi­schen Saint-Loup ist der Zu­stand sei­nes Freun­des be­wusst. Es reicht nicht des­sen „Ge­hörshy­per­äs­the­sie“ durch ein stil­les Ho­tel mit ge­die­ge­ner Ein­rich­tung zu be­ru­hi­gen, auch die Emp­feh­lung ei­ner fes­seln­den Lek­tü­re wür­de die Nach­t­ängs­te nicht bän­di­gen. Doch so wie Saint-Loup ei­nen sich auf­bäu­men­den Gaul durch be­herz­tes Ein­grei­fen zu be­ru­hi­gen weiß, fin­det er auch ei­ne Lö­sung für den von Ver­las­sen­heits­ängs­ten ge­quäl­ten Freund. Er mö­ge ein­fach bei ihm in der Ka­ser­ne blei­ben. Dem Er­zäh­ler wird Ro­berts gro­ße Freund­schaft be­wusst und er schämt sich sei­ner ei­gen­nüt­zi­gen Mo­ti­ve.

Da Saint-Loup noch ei­ne Un­ter­re­dung mit dem Ritt­meis­ter füh­ren muss, bit­tet er den Freund schon ein­mal auf die Stu­be zu ge­hen. Dort war­tet Mar­cel ei­ne Wei­le und über­lässt sich den Sin­nes­rei­zen des Rau­mes. Noch vor dem Ein­tre­ten gau­kelt das Ka­min­feu­er die An­we­sen­heit ei­ner Per­son vor, es gibt „wie un­er­zo­ge­ne Leu­te un­auf­hör­lich ir­gend­wel­che Ge­räu­sche von sich“. Die ge­schmack­vol­le Stoff­be­span­nung der Wän­de be­wahrt den Raum vor dem Ka­ser­nen­mief, ei­nem „gä­ri­gen Ge­ruch wie von Grau­brot“. Bü­cher sug­ge­rie­ren die Ge­gen­wart Saint-Loups und ei­ne Pho­to­gra­fie von Ma­dame de Guer­man­tes ver­treibt das letz­te Un­wohl­sein. Selbst das Feu­er wird zahm und hat sich „wie ein Tier in bren­nen­der, schwei­gen­der und treu­er Er­war­tung hin­ge­kau­ert“. Ge­narrt durch das Ti­cken ei­ner Uhr, die er nach ei­ner Wei­le im Raum ent­deckt, schließt der Er­zäh­ler, daß erst das Zu­sam­men­spiel von Se­hen und Hö­ren dem Ge­räusch ei­nen be­stimm­ten Ort zu­weist. Es fol­gen Be­trach­tun­gen über die Aus­wir­kung von künst­li­cher und ech­ter Taub­heit auf die Wahr­neh­mung der an­de­ren Sin­ne.

Prousts star­ke Ge­räusch­emp­find­lich­keit, sei­ne „Ge­hörshy­per­äs­the­sie“, fließt in die­se spä­ter ein­ge­füg­te Text­pas­sa­ge ein. Nach Um­zug in die Rue Lau­rent-Pi­chet litt der Schrift­stel­ler un­ter dem Lärm der Nach­barn und er­wog ver­schie­de­ne Ge­gen­maß­nah­men von der Iso­la­ti­on der Wän­de mit Kork bis zum Ver­stop­fen des Ge­hör­gangs mit El­fen­bein­kü­gel­chen, den Boules Quiès. Er ap­pel­lier­te nicht an die Ge­räusch­ver­ur­sa­cher, son­dern han­del­te de­fen­siv, in­dem er sei­nen Kör­per schütz­te.

Sol­cher­art die Auf­merk­sam­kei­ten auf sich zu rich­ten, sei auch för­der­lich in der Lie­be, „in­dem man ih­nen als zu be­zwin­gen­des Ob­jekt nicht das äu­ße­re We­sen, das man liebt, zu­weist, son­dern die ei­ge­ne Fä­hig­keit, durch die­ses We­sen zu lei­den“. Es fol­gen ei­ni­ge Tipps wie die künst­li­che Ru­he her­bei­ge­führt wer­den kann. So an­ge­nehm ei­ne künst­lich in­sze­nier­te Taub­heit sein kön­ne, zwin­ge je­doch die ech­te Taub­heit zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen, die den Grad die­ser Be­hin­de­rung auf­zei­gen. Proust führt die Funk­ti­on ei­nes Milch­ko­chers zur Ver­deut­li­chung sei­nes Ge­dan­kens an und schafft so ei­ne der wohl schöns­ten Be­schrei­bun­gen von über­ko­chen­der Milch.

Wer völ­lig taub ge­wor­den ist, kann nicht ein­mal ne­ben sich Milch in ei­nem Ko­cher er­hit­zen, oh­ne mit den Au­gen, bei ge­öff­ne­tem De­ckel, dem wei­ßen, hy­per­bo­rei­schen, schnee­sturm­ähn­li­chen Re­flex auf­zu­lau­ern, je­nem Warn­si­gnal, dem man klüg­lich da­durch Rech­nung trägt, daß man ‑wie der Herr der Wo­gen ge­bie­tet-den Ste­cker her­aus­zieht; denn das auf­stei­gen­de spas­ti­sche Ei der ko­chen­den Milch ist schon da­bei, mit­tels ei­ni­ger stei­ler Wöl­bun­gen sei­nen Höchst­stand zu er­rei­chen, schwillt an, bläht ein paar halb ge­ken­ter­te Se­gel, die der Rahm fal­tig auf­ge­wor­fen hat­te, ent­sen­det in den Sturm noch ei­nes aus Perl­mutt, das der Strom­un­ter­bruch zu­sam­men mit al­len an­de­ren, wenn das elek­tri­sche Un­wet­ter recht­zei­tig be­schwört wird, um sich selbst krei­sen und, in lo­se Ma­gno­li­en­blü­ten ver­wan­delt, end­gül­tig ab­drif­ten las­sen wird.“ (Bd. 3,1,102)

In die Zeich­nung sei­ner Fi­gur Saint-Loup ließ Proust Zü­ge von Comte Bert­rand de Sa­lignac-Fé­ne­lon (1878–1914) ein­flie­ßen. In die­sen blon­den, blau­äu­gi­gen, jun­gen Mann, der schon mal über die Ti­sche ei­nes Re­stau­rants steigt um Prousts Man­tel zu ho­len, ver­lieb­te sich Proust 1901. (Ro­nald Hay­man)