Proust — Der Kuss

Der Besuch Albertines (Bd. 3, 484 ‑520)

GuermantesDie Geschöpfe, die in unserem Leben eine große Rolle gespielt haben, verlassen es nur selten mit einem Schlag und für alle Zeiten“.

Damals auf der Strandpromenade Balbecs war der 15-jährige Erzähler sofort gefangen von „einem Mädchen mit blitzenden, lachenden Augen und vollen, mattschimmernden Wangen unter einer tief in die Stirn gesetzten schwarzen Polomütze, das ein Fahrrad mit dermaßen nachlässigem Wiegen der Hüften vor sich herschob“. Dieser Albertine Simonet begegnet er noch mehrere Male bevor der Maler Elstir sie ihm vorgestellt. Die Realität ernüchtert seine schwärmerische Phantasie.

In dem Maße, wie ich dem jungen Mädchen näherkam und sie besser kennenlernte, vollzog sich die Bekanntschaft mit ihr durch einen Subtraktionsprozeß, denn jeder einzelne der durch Phantasie und Verlangen bestimmten Teile ihres Wesens wurde durch eine Kenntnis ersetzt.“

Sie freunden sich an, gemeinsam mit den anderen Mädchen unternehmen sie „Proust — Der Kuss“ weiterlesen

Proust — Salonplaudereien

Matinée bei Madame de Villeparisis (Bd. 3, 254–438)

GuermantesDer Salon der Marquise mochte sich zwar von einem wirklich eleganten Salon unterscheiden, in dem viele von den bürgerlichen Damen gefehlt hätten, die sie bei sich empfing, und andererseits viele von den glanzvollen Erscheinungen der großen Welt anwesend gewesen wären, die Madame Leroi schließlich in ihr Haus zu ziehen vermocht hatte.“ (Bd. 3, 269)

Marcel Proust war ein Kenner der Pariser Salons. Bevor er sich in seine schalldichte Kammer zurückzog, beobachtete er als Akteur das Treiben bei Madame Lemaire oder der Comtesse de Greffuhle. Sie boten in ihren Salons die Gelegenheit zum gesellschaftlichen Umkreisen. Was darunter zu verstehen ist, beschreibt Proust auf rund 200 Seiten im dritten Teil der Recherche. Sein junger Marcel besucht zum ersten Mal eine Matinee bei „Proust — Salonplaudereien“ weiterlesen

Proust — Liebesträume

Die Metamorphosen der Madame de Guermantes — (Bd. 3, 1)

GuermantesDie Erinnerung an eine Person, die für uns von Bedeutung war, verändert sich im Laufe der Zeit. Je länger wir diesem Menschen nicht begegnen um so stärker wandelt er sich zum Ideal, das mit der alltäglichen Person kaum noch übereinstimmt.

So ergeht es auch dem Protagonisten, der im Pariser Palais der Guermantes wohnt und damit in unmittelbarer Nähe dieses Adelsgeschlechtes, dessen Name ihn schon in Combray mit Ehrfurcht erfüllte. Als er Madame de Guermantes, der Frau des Herzogs, zufällig auf der Straße begegnet, ist es ihm unmöglich, sein Bild von dieser Frau mit dem Ideal in Übereinstimmung zu bringen, welches ihn seit ihrem Anblick in der Kirche von Combray besetzt. Das Herausragende wird unversehens zu etwas Alltäglichem, es vollzieht sich eine Desillusion, die er sich als Metamorphose zu erklären versucht. Wie bei Ovid aus einer Nymphe eine Pflanze oder eine Quelle werden kann und diese dadurch ihren ursprünglichen Liebreiz verliert, so verwandelt die reale Alltagssituation den Zauber der Herzogin. Dieser stellt sich jedoch wieder ein, sobald nur noch Erinnerung dieses Bild zusammensetzt. Gehirn und Gefühl rekonstruieren die begehrte Projektion. Und doch verursacht jede neue Begegnung wieder Enttäuschung. Die Banalität des Alltags zerstört das Ideal. Der Faszinierte beobachtet bei Madame de Guermantes einen Hang zur modischen Kleidung, die ihm signalisiert, daß sie auf das Urteil der Passanten Wert legt. „Diese so tief unter ihr stehende Rolle der eleganten Frau“, entspricht nicht seiner Vorstellung von ihrer herausragenden Persönlichkeit. Erst als er sie in der Oper erblickt, nimmt die Kleidung für ihn einen anderen Stellenwert ein. Er deutet sie als Zeichen für die Aufhebung der Metamorphose. Die Robe mit dem pailettenbesetzten Oberteil offenbart die wahre Gestalt der Madame de Guermantes, die Ägis verrät die Minerva. Sie erscheint als Göttin, die bei seinem Anblick allerdings wieder zur Frau wird und ihn lächelnd grüßt.

Der junge Marcel ist verliebt und dies sofort unglücklich, da er ahnt, daß diese Göttin für ihn unerreichbar bleiben wird. „Ich hatte mich, in Wirklichkeit leider, dafür entschieden, die Frau zu lieben, die vielleicht die größte Zahl von verschiedenartigen Vorteilen auf sich vereinigte und in deren Augen ich deswegen nicht hoffen konnte, auch nur irgendein Ansehen zu genießen; denn sie war ebenso reich wie der Reichste, der daneben nicht auch noch adlig war, ganz zu schweigen von ihrem persönlichen Charme, durch den sie tonangebend und unter allen gewissermaßen die Königin war.“

Wieder einmal hält ihn eine melancholische Liebe in Liebesträumen gefangen. Er versucht die Herzogin auf der Straße abzupassen, unternimmt zur gleichen Zeit seine Spaziergänge, wartet an den Ecken, die sie passieren wird, wartet vergeblich, muss sein Warten verbergen, will nicht auffallen und handelt dadurch vielleicht verkehrt, wenn er bei einer der wenigen Begegnungen, ihre Aufmerksamkeit erregt, jedoch den Gruß nicht erwidert. Sein Versuch nicht aufdringlich zu erscheinen, könnte sie als Unhöflichkeit deuten, was ihn bedrückt. „Warum verspürte ich den gleichen Schauer, heuchelte ich dieselbe Gleichgültigkeit, wandte ich die Augen auf die gleiche zerstreute Weise ab, wie am Vortag, wenn in einer Seitenstraße und unter einer kleinen marineblauen Toque eine Vogelnase im Profil auftauchte, längs einer roten Wange, die von einem stechenden Auge quer durchschnitten wurde, gleichsam die Erscheinung einer ägyptischen Gottheit?“

Seine Angst durchschaut zu werden wächst, Françoise wissender Blick, wenn er morgens die Wohnung verlässt, könnte aus einer Bemerkung der Bediensteten der Herzogin resultieren, die sich abfällig über den „Missetäter“ geäußert haben mag.

Hatte er zu Beginn Madame de Guermantes noch gegen die bisherigen Lieben, Albertine, Gilberte, gar gegen unbekannte reizvolle Mädchen abgewogen, ist dieser Vergleich nun ganz seiner Überzeugung unterlegen, daß diese Guermantes egal in welcher Form sie ihm auch erscheint, seine Göttin ist. „Was ich liebte, war die unsichtbare Person, die das alles in Bewegung setzte, war sie, deren Feindseligkeit ich hätte verjagen wollen.“ Und doch scheint er aussichtslos in seinem unerfüllbaren Verlangen. „Ich liebte Madame de Guermantes wirklich. Das größte Glück, das ich von Gott hätte erbitten können, wäre gewesen, daß er alle nur möglichen Katastrophen auf sie niedergehen lasse und daß sie, (…) , zu mir komme, um bei mir Zuflucht zu suchen.“

Er beschließt über einen Umweg, durch den Besuch bei ihrem Neffen Robert de Saint-Loup, in ihre Nähe zu gelangen. Vielleicht erwähnt ihn Saint-Loup bei seiner Tante, vielleicht kann er sogar eine Begegnung arrangieren? Auch wenn dieser Besuch und die entstehende Freundschaft zu Robert ihn zunächst von seinem Ziel abzulenken scheint, ist seine Sehnsucht stets gegenwärtig. „Es war, als habe eine geschickter Anatom einen Teil meiner Angst entfernt und ihn durch einen gleichen Teil unkörperlichen Schmerzes ersetzt.“ Es stellt sich die gleiche Melancholie ein, die ihn schon früher besetzt hielt, der geringste Anlass weckt seine Erinnerung. „Ein weicher Lufthauch, der vorüber strich, schien mit eine Botschaft von ihr zu bringen wie einst von Gilberte auf den Feldern von Méséglise.“

Saint-Loup verspricht ihn bei seiner Tante einzuführen, doch ein Zwischenfall macht Saint-Loups baldigen Besuch in Paris unwahrscheinlich. Auch Marcels Zeit ist begrenzt, da er zu einem erneuten Aufenthalt in Balbec aufbrechen wird. Um zuvor von Madame de Guermantes empfangen zu werden, erinnert er Robert an seine Begeisterung für die Kunst Elstirs. Da drei seiner Werke sich im Palais Guermantes befinden, bittet er ihn eine Besichtigung zu arrangieren.

Wieder in Paris zögert unser Held seine Spaziergänge aufzunehmen. Er fürchtet Madame de Guermantes zu begegnen, als ob sie ihm alle seine Bemühungen ansehen könnte. Doch er kann seinen Wunsch nicht bezwingen und erfindet Rechtfertigungen, die ihn nötigen das Haus zu verlassen. Wieder weiß er bei den zufälligen Begegnungen nicht, ob er grüßen soll. Seine Hemmungen scheinen gewachsen zu sein. Erschien die Herzogin ihm vor seiner Abreise nach Doncières als eine Gestalt aus dem antiken Götterhimmel, so erscheint sie ihm nun in ihrem Kleid aus hellrotem Samt gleichsam im „mystischen Licht“ einer „Heiligen aus der ersten Zeit der Christenheit“ und damit unerreichbar wie bei der ersten Begegnung im Licht der Kirche von Combray.

Diese empfundene Unerreichbarkeit bestätigt sich auch in der Realität. Saint-Loup kann ihm vorerst keine Einladung bei seiner Tante verschaffen, denn diese sei „gar nicht mehr so nett“.

Proust — Unter Soldaten

Besuch bei der Garnison (Bd. 3, 1, 92–192)

GuermantesAls der Ich-Erzähler an einem Novemberabend in Doncières eintrifft, empfängt ihn das Festungsstädtchen mit militärischer Geschäftigkeit, die eine „intermittierende Klangwolke“ erzeugt voll „musikalisch-kriegerischem Flimmern“. Eine andere Dimension mit eigenen Regeln und Gebräuchen öffnet sich ihm. Marcel ist der zivile Eindringling, der als Freund des bei seinen Kameraden beliebten Saint-Loup bald zum Paradiesvogel ihrer abendlichen Zusammenkünfte wird, wie ein solcher exotisch und gleichzeitig empfindlich in diesem ungewohnten Habitat.

Prousts Erinnerungen an seinen nur ein Jahr andauernden freiwilligen Militärdienst, den er am 15. November in Orléans 1889 antrat, floßen in diese Schilderungen ein. Auch wenn es einen Ort dieses Namens in Lothringen gibt, trägt dieses zwischen Balbec und Paris gelegene Doncières die Züge Orléans und Fontainebleaus. Prousts Asthmaleiden zwang ihn außerhalb der Kaserne zu übernachten und hat ihn vom anstrengenden Militärdrill befreit. Einen Reflex darauf zeigt der scherzhafte Vorwurf Saint-Loups gegenüber dem Ich-Erzähler, er würde spazierengehen, während die anderen sich in Feldübungen aufreiben. In der Figur Saint-Loups finden sich Züge von Prousts damaligen Vorgesetzten Pierre Arman de Cholet (1864–1924).

Die beeindruckende Wirkung militärischer Äußerlichkeiten zeigt sich bereits im ersten Band der Recherche. Dort erzeugt ein am Gartenzaun vorbei ziehendes Regiment in Combray große Aufmerksamkeit. Vielleicht waren es der Drill, das Maskuline, die Uniformen, die beeindruckten? Seine eigene, maßgeschneiderte Uniform bewahrte Proust Zeit seines Lebens auf.

Gehörigen Eindruck machen auch die Soldaten in Doncières auf den jungen Ich-Erzähler. Unter diesen besonders Rittmeister Borodino, „ein Offizier, groß, schön und majestätisch“ mit Schnurrbart und „wundervollen, blauen Augen“. Doch Saint-Loups Meinung schwächt die Begeisterung. Dieser Fürst von Borodino sei dank Kriegswirren zwar ein Nachfahre Napoleons, eigentlich sei er aber ein Dummkopf, der „Sohn oder Enkel eines Kaisers, der nur noch eine Schwadron befehlige“. Schon das erste Erscheinen Borodinos erzeugt im Ich-Erzähler eine stark ironisch gebrochene Bewunderung:

Im Sturmschritt enteilend, das nach allen Richtungen flatternde Monokel immer voraus, marschierte er (Saint-Loup) geradewegs auf den würdigen und gemessenen Rittmeister zu, dessen Pferd in diesem Augenblick vorgeführt würde und der, bevor er sich zum Aufsitzen anschickte, ein paar Befehle mit einem Adel der Gestik gab, der ausgearbeitet war, wie für ein historisches Gemälde, als zöge er wirklich in eine Schlacht des Ersten Kaiserreiches, während er in Wirklichkeit einfach nach Hause ritt, in die Wohnung, die er für die Zeit seines Aufenthalts in Doncières gemietet hatte und die an einem Platz gelegen war, der wie in vorwegnehmender Ironie diesem Napoleoniden gegenüber „Place de la République“ hieß.“

Borodino ist ein Mensch mit schlichten Manieren und Gemüt, aber majestätischer Attidüde. Diese ist durchschaubar, erzeugt bei Saint-Loup und seinen Kameraden Spott und nutzt ihm wenig in der Pariser Gesellschaft, wo er sich im „Jockey Club“ unwohl und nicht dazu gehörig fühlt. Der „alte Adel“ eines Saint-Loups, den dieser gerade dadurch, daß er ihn nicht herausstellen will, unbewusst in Verhalten und Haltung zeigt, ist für Monsieur de Borodino nicht darstellbar. Über die ganze Doncières-Episode hinweg sorgt die Auseinandersetzung mit dieser Figur für anhaltendes Amüsement. Besonders die Darstellung von Alltags- und Gesellschaftsleben des Rittmeisters wächst sich zu einer regelrechten Borodino-Satire aus (S. 180ff.).

Weit größere Achtung bringt Saint-Loup einem Major gegenüber auf, einem bürgerlicher Freigeist, der mit seinen bemerkenswerten Vorträgen über Kriegsgeschichte beeindruckt. Die einfachen Soldaten, seine Kameraden, charakterisiert Saint-Loup als gute, aber eher mittelmäßige „Burschen, die von nichts anderem reden können als von Pferderennen oder sogar nur von Pferdestriegeln“. Er befürchtet, sie würden Marcel langweilen, aber dieser fühlt sich durchaus wohl während der gemeinsamen Abendessen. Er lauscht mit Interesse den Militärstrategien, die Essen und Wein in den Köpfen aufwirbeln, folgt den Diskussionen über die Affäre Dreyfus, für den alleine Saint-Loup und ein anderer eintreten. Eines Abends unterhält sich Marcel mit einem der Kameraden derart vertraut und in „einer jener Sympathien unter Männern, die, wenn keine physische Anziehungskraft ihnen zugrunde liegt, die einzigen schlechthin geheimnisvollen sind“ , daß Saint-Loup scherzhaft seine Eifersucht bekennt, was der Erzähler geschmeichelt mit einem kleinen Bedauern kommentiert: „Männer, die einer Frau leidenschaftlich zugetan sind und ganz in der Gesellschaft von galanten Frauenfreunden leben, erlauben sich Scherze, die andere, weil sie etwas bedenkliches darin sehen könnten, sich niemals leisten würden.“

Er wird zum gern gesehenen Gast der Diners, besonders seine Bonmots erfreuen die Runde. Die militärische Atmosphäre des Ortes durchdringt ihn immer stärker. Am Morgen wecken ihn die Fanfarenstöße des vorbei marschierenden Regiments, tagsüber beobachtet er Saint-Loup und seine Kameraden bei ihren Feldübungen. Das Festungsstädtchen und seine Insassen bescheren dem Beobachter trotz seiner Distanz als Zivilist größte „Empfindungsfülle“.

Prousts Hyperästhesie

Von der Macht der Geräusche — Bd. 3,1

Der in Madame de Guermantes verliebte junge Erzähler erinnert sich an Saint-Loups freundschaftliche Zuneigung. Als ihr Neffe könnte er ihm das Tor zu ihrer Welt öffnen. Marcel beschließt Saint-Loup in seiner Garnison zu besuchen. Diese liegt in Doncières, einem Festungsstädtchen nicht allzuweit von Paris entfernt. Es wäre dem Erzähler leicht möglich, am Abend wieder nach Hause zurück zu kehren, um nicht in einem fremden Bett schlafen zu müssen. Trotzdem plant er einen Hotelaufenthalt und beschwört so sein in Combray geprägtes Gute-Nacht-Drama herauf.

Robert de Saint-Loup ist freudig überrascht, als Marcel ihn in der Kavalleriekaserne aufsucht. Sein Dienst erlaubt es ihm jedoch nicht, Marcel bei seinem ersten Abend im Hotel Gesellschaft zu leisten wie dieser es sich erhofft hat. Dem empathischen Saint-Loup ist der Zustand seines Freundes bewusst. Es reicht nicht dessen „Gehörshyperästhesie“ durch ein stilles Hotel mit gediegener Einrichtung zu beruhigen, auch die Empfehlung einer fesselnden Lektüre würde die Nachtängste nicht bändigen. Doch so wie Saint-Loup einen sich aufbäumenden Gaul durch beherztes Eingreifen zu beruhigen weiß, findet er auch eine Lösung für den von Verlassenheitsängsten gequälten Freund. Er möge einfach bei ihm in der Kaserne bleiben. Dem Erzähler wird Roberts große Freundschaft bewusst und er schämt sich seiner eigennützigen Motive.

Da Saint-Loup noch eine Unterredung mit dem Rittmeister führen muss, bittet er den Freund schon einmal auf die Stube zu gehen. Dort wartet Marcel eine Weile und überlässt sich den Sinnesreizen des Raumes. Noch vor dem Eintreten gaukelt das Kaminfeuer die Anwesenheit einer Person vor, es gibt „wie unerzogene Leute unaufhörlich irgendwelche Geräusche von sich“. Die geschmackvolle Stoffbespannung der Wände bewahrt den Raum vor dem Kasernenmief, einem „gärigen Geruch wie von Graubrot“. Bücher suggerieren die Gegenwart Saint-Loups und eine Photografie von Madame de Guermantes vertreibt das letzte Unwohlsein. Selbst das Feuer wird zahm und hat sich „wie ein Tier in brennender, schweigender und treuer Erwartung hingekauert“. Genarrt durch das Ticken einer Uhr, die er nach einer Weile im Raum entdeckt, schließt der Erzähler, daß erst das Zusammenspiel von Sehen und Hören dem Geräusch einen bestimmten Ort zuweist. Es folgen Betrachtungen über die Auswirkung von künstlicher und echter Taubheit auf die Wahrnehmung der anderen Sinne.

Prousts starke Geräuschempfindlichkeit, seine „Gehörshyperästhesie“, fließt in diese später eingefügte Textpassage ein. Nach Umzug in die Rue Laurent-Pichet litt der Schriftsteller unter dem Lärm der Nachbarn und erwog verschiedene Gegenmaßnahmen von der Isolation der Wände mit Kork bis zum Verstopfen des Gehörgangs mit Elfenbeinkügelchen, den Boules Quiès. Er appellierte nicht an die Geräuschverursacher, sondern handelte defensiv, indem er seinen Körper schützte.

Solcherart die Aufmerksamkeiten auf sich zu richten, sei auch förderlich in der Liebe, „indem man ihnen als zu bezwingendes Objekt nicht das äußere Wesen, das man liebt, zuweist, sondern die eigene Fähigkeit, durch dieses Wesen zu leiden“. Es folgen einige Tipps wie die künstliche Ruhe herbeigeführt werden kann. So angenehm eine künstlich inszenierte Taubheit sein könne, zwinge jedoch die echte Taubheit zu Verhaltensänderungen, die den Grad dieser Behinderung aufzeigen. Proust führt die Funktion eines Milchkochers zur Verdeutlichung seines Gedankens an und schafft so eine der wohl schönsten Beschreibungen von überkochender Milch.

Wer völlig taub geworden ist, kann nicht einmal neben sich Milch in einem Kocher erhitzen, ohne mit den Augen, bei geöffnetem Deckel, dem weißen, hyperboreischen, schneesturmähnlichen Reflex aufzulauern, jenem Warnsignal, dem man klüglich dadurch Rechnung trägt, daß man ‑wie der Herr der Wogen gebietet-den Stecker herauszieht; denn das aufsteigende spastische Ei der kochenden Milch ist schon dabei, mittels einiger steiler Wölbungen seinen Höchststand zu erreichen, schwillt an, bläht ein paar halb gekenterte Segel, die der Rahm faltig aufgeworfen hatte, entsendet in den Sturm noch eines aus Perlmutt, das der Stromunterbruch zusammen mit allen anderen, wenn das elektrische Unwetter rechtzeitig beschwört wird, um sich selbst kreisen und, in lose Magnolienblüten verwandelt, endgültig abdriften lassen wird.“ (Bd. 3,1,102)

In die Zeichnung seiner Figur Saint-Loup ließ Proust Züge von Comte Bertrand de Salignac-Fénelon (1878–1914) einfließen. In diesen blonden, blauäugigen, jungen Mann, der schon mal über die Tische eines Restaurants steigt um Prousts Mantel zu holen, verliebte sich Proust 1901. (Ronald Hayman)