Diner bei Guermantes

Parsifal unter Blumenmädchen

GuermantesDa erst bemerkte ich, daß rings um mich her, um mich, der ich bis zu diesem Tage – abgesehen von meinem Praktikum im Salon von Madame Swann – bei meiner Mutter, in Combray und in Paris, ein ganz anderes, entweder gönnerhaftes oder reserviertes Verhalten von Seiten mürrischer Damen der bürgerlichen Gesellschaft gewohnt war, die mich als Kind behandelten, ein Szenenwechsel sich vollzogen hatte, demjenigen vergleichbar, der Parsifal plötzlich unter die Blumenmädchen versetzt. Diejenigen, die mich nun umgaben, ganz dekolletiert (ihre entblößten Schultern zeigten sich zu beiden Seiten eines gewundenen Mimosenzweiges oder unter den weiten Blütenblättern einer Rose) begrüßten mich mit lauter langen, dahinschmelzenden und zärtlichen Blicken, als hindere sie einzig ihre Schüchternheit, mich zu küssen.“

Marcels Traum von der Herzogin wahrgenommen zu werden erfüllt sich mit der Einladung zum Diner bei den Guermantes. Das Idol, dem er seit der Begegnung in Combray und mehr noch während seiner morgendlichen Verfolgungen erlegen war, ist Mme de Guermantes jedoch längst nicht mehr. Die Begegnungen bei Mme de Villeparisis zeigten ihm, daß die von ihm verehrte Heilige eine oberflächliche „Diner bei Guermantes“ weiterlesen

Proust — Sich rar machen

Einladung von der Herzogin (Bd. 3, 520–536)

GuermantesSelbst im einzelnen Ablauf einer Neigung hilft eine Abwesenheit, die Ablehnung einer Einladung, eine unfreiwillig, unbewußte Strenge weit mehr als alle Schönheitsmittel und die gewählteste Kleidung.“ 

Auf der Matinée-Villeparisis ist das Bild, was sich der junge Erzähler von Mme de Guermantes machte, zerbröckelt. Das aus der Ferne verehrte Idol entpuppt sich bei näherer Betrachtung als „dumme Pute“. Marcel verzichtet auf seine tägliche Pirsch, er habe, so seine Mutter, „wirklich Ernsteres zu tun, als (sich) am Weg einer Frau zu postieren, die auf (ihn) pfeift“.

Die Morgenspaziergänge werden unbeschwert. Der Druck, dem Objekt der Begierde begegnen zu müssen, entfällt und befreit seine Wahrnehmung. Marcel erkennt, daß auch andere nicht in ewiger Glückseligkeit leben, und freut sich an den kleinen Zuneigungen, wie dem Zwinkern einer Passantin. Zuvor hinterließen solche Momente keine Spuren. Die Fixierung auf Mme de Guermantes hatte „Proust — Sich rar machen“ weiterlesen

Proust – Tod der Großmutter

Über Ärzte, Aberglauben und Abschied (Bd. 3, 417–484)

GuermantesIm Zustand der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen aus einem ganz anderen Reich gebunden sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.“

Als der Erzähler von der Matinée zurückkehrt hat sich der Gesundheitszustand seiner Großmutter verschlechtert. Die Konsultationen der Ärzte und ihre medizinischen Maßnahmen kommentiert er sarkastisch als „ein Kompendium aufeinanderfolgender und einander widersprechender Irrtümer“, an die zu glauben „der größte Wahnwitz“ sei.

Trotzdem findet sich in diesem Abschnitt die poetischste Fassung einer der profansten Tätigkeiten am Krankenlager, der Temperaturmessung.

Fast in ganzer Höhe war die Röhre frei von Quecksilber. Mit Mühe nur „Proust – Tod der Großmutter“ weiterlesen

Proust — Salonplaudereien

Matinée bei Madame de Villeparisis (Bd. 3, 254–438)

GuermantesDer Salon der Marquise mochte sich zwar von einem wirklich eleganten Salon unterscheiden, in dem viele von den bürgerlichen Damen gefehlt hätten, die sie bei sich empfing, und andererseits viele von den glanzvollen Erscheinungen der großen Welt anwesend gewesen wären, die Madame Leroi schließlich in ihr Haus zu ziehen vermocht hatte.“ (Bd. 3, 269)

Marcel Proust war ein Kenner der Pariser Salons. Bevor er sich in seine schalldichte Kammer zurückzog, beobachtete er als Akteur das Treiben bei Madame Lemaire oder der Comtesse de Greffuhle. Sie boten in ihren Salons die Gelegenheit zum gesellschaftlichen Umkreisen. Was darunter zu verstehen ist, beschreibt Proust auf rund 200 Seiten im dritten Teil der Recherche. Sein junger Marcel besucht zum ersten Mal eine Matinee bei „Proust — Salonplaudereien“ weiterlesen

Proust — Logenplätze

Im Baignoire der Herzogin — (Bd. 3,1)

Von all den Grotten aber, auf deren Schwelle leichtsinnige Anteilnahme an den Werken der Menschen die neugierigsten, unnahbaren Göttinnen lockte, war die berühmteste jenes halbdunkle Gebilde, das unter dem Namen Baignoire der Fürstin von Guermantes bekannt war.“ S. 50f.

Durch einen Ministerialkollegen seines Vaters erhält der junge Erzähler zwei Billets für einen Galaabend in der Oper und damit die Chance der gesuchten Gesellschaft näher zu kommen. Zugleich erwartet ihn eine Vorstellung mit der von ihm einst so verehrten Berma, die auch diesmal wieder in Racines Phèdre auftritt. Allerdings ist das nebenrangig, viel stärker interessiert ihn der Auftritt all der Fürsten, Prinzen, Prinzessinnen, Herzoginnen, kurz des Pariser Adel und seiner Apanage, denn diese „Proust — Logenplätze“ weiterlesen

Proust — Faubourg Saint-Germain

Hôtel de Guermantes


Der dritte Band trägt den Titel „Guermantes“, den Namen des Adelsgeschlechts, dessen Herzogin der Erzähler einst als übernatürliche Erscheinung in der Kirche wahrgenommen hatte. Wir erinnern uns nur zu gut an die Wiedererweckung dieser Empfindung im ersten Band der Recherche. Anlass für diesen Rückblick bietet der Umzug der Familie in eine Wohnung im Seitenflügel des Hôtel de Guermantes. Dieses im Faubourg Saint-Germain gelegene Stadtpalais weckt in Marcel vielfältige Erinnerungen. Sie kreisen um den Namen Guermantes, der die kaum bekannte Person in ein unerreichbares Idol verwandelte. Jetzt rückt sie in räumliche Nähe und gibt sich dadurch der Gefahr preis, ihren Zauber im Alltäglichen zu verlieren. Der Erzähler befürchtet die oft erfahrene Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität auch hier. Doch zunächst bleibt Madame de Guermantes eine Erinnerung, die den jungen Marcel mit synästhetischer Kraft nach Combray versetzt. Nicht nur die leuchtenden Farbspiele von Mauve bis Geranienrosa, die im Licht der Kirchenfenster Feuer fangen, auch die Luft Combrays in ihrer Frühlingsfrische und der unvergessliche Weißdornduft meint der Erzähler wahrzunehmen. Selbst die Tauben auf dem Dach scheinen als Boten des Kindheitsglücks direkt von dort nach Paris geflogen zu sein. Das ferne Schloß der Guermantes bei Combray mit all seinen Wandteppichen und wertvollem Interieur materialisiert sich in diesem Stadtpalais, in dem Handwerker und Putzmacher, kleine Geschäfte und Bürger angesiedelt sind. Durch den Umzug wird Marcel zwar nicht Teil der Welt der Guermantes, aber er rückt in die Nähe ihres Mysteriums. Die Neugier der Köchin Françoise, die in leutseligem Klatsch Kontakte knüpft, hilft ihm dabei. Zu diesem Zweck versetzt sich der Erzähler in die Welt Françoises, er beschreibt das Leben der Dienstboten, darunter mit köstlicher Ironie das sakrosankte Ritual der Mittagsmahlzeit, „jene Art von feierlichem Passahmal (…), das niemand unterbrechen darf, eine heilige, „ihr Mittagessen“ genannte Handlung, S. 18“.

Gleichzeitig betont er die symbiotische Beziehung der Hausangestellten zur Familie des Erzählers, deren gesellschaftlichen Status sie auch für sich annimmt und den sie in der neuen Nachbarschaft gewahrt wissen möchte. Einen Verbündeten findet sie in Jupien, dem Westenmacher, dessen melancholisch blickende Augen seine Gesichtszüge dominieren. Man meint in dieser kleinen Charakterskizze ein Selbstporträt Prousts zu erkennen, „…seine Augen, deren mitleidiger, verzweifelter und versunkener Blick gleichsam überquoll, unter gänzlicher Aufhebung des Eindrucks, den ohne ihn seine dicken Wangen und seine blühende Gesichtsfarbe gemacht hätten, den Gedanken aufkommen, er sei sehr krank oder soeben von einem schweren Trauerfall heimgesucht worden. Nicht nur konnte davon keine Rede sein, vielmehr wirkte er, sobald er sprach, in makelloser Weise übrigens, eher spöttisch und kalt.…Als Entsprechung vielleicht zu jener Überflutung seines Gesichts durch die Augen (…) stellte ich tatsächlich sehr bald bei ihm eine ungewöhnliche Intelligenz fest, zudem eine der natürlichsten literarisch geprägten, S. 23f.“

Die anfänglichen Befürchtungen, durch die Nähe könnte der Name Guermantes an Glanz verlieren erfüllt sich beinah als der Erzähler erfährt, daß es sich bei dem Palais nicht um einen altehrwürdigen Familiensitz handele, sondern um eine noch nicht allzu lange währende Mietsache. Doch als er hört, die Herzogin führe das eleganteste Haus im Faubourg Saint-Germain, hält er an seinem Ziel fest, eines Tages zum Salon de Guermantes geladen zu werden.

Dieser erste Abschnitt des dritten Bandes bietet einen Einblick in das Milieu eines vornehmen Pariser Wohnviertels, gespiegelt durch den Blick der Dienstboten, Angestellten und Handwerker, der, wenn auch ironisiert vieles von dem Selbstverständnis der jeweiligen Gruppe verrät. Nicht zuletzt zeigt er die noch immer bestehende Faszination, die der Adel auf das „gemeine“ Volk ausübte, man möchte hinzufügen, nicht nur damals, nicht nur dort.

Offensichtlich ist die Verehrung des Adels, mit einem gewissen Geist der Auflehnung gemischt und auf ihn abgestimmt, dem Volk aus dem französischen Boden als Erbteil mitgegeben und wirkt kräftig weiter in ihm. Denn Françoise, zu der man über Napoleons Genialität oder über drahtlose Telegraphie sprechen konnte, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen und ohne da sie auch nur einen Augenblick ihre Bewegungen verlangsamt hätte, während sie die Asche aus dem Kamin holte oder den Tisch deckte, brach, wenn ihr solche Besonderheiten zu Ohren kamen, wie daß der jüngste Sohn des Herzogs von Guermantes gewöhnlich Fürst von Oléron hieß, in die Worte aus: „Das ist aber schön!“ und blieb verzückt stehen wie vor einem farbigen Kirchenfenster, S. 43.“

Leider läßt sich nicht sagen, welches der vielen Pariser Stadtpalais Proust vor Augen hatte als er das Hôtel de Guermantes schuf. Es besitzt den Plan eines „Hôtel particulier”, eines mehrstöckigen Gebäudes, dessen Straßenfront über ein Portal Zugang zum Ehrenhof und den Seitenflügeln gewährt. Der Hauptwohntrakt, Corps de logis, mit der im ersten Stock gelegenen Etage noble schließt den Hof ab, dahinter liegt der Garten. Die Familie Proust lebte von 1871–1909 in einer Wohnung am Boulevard Malesherbes Nr. 9, auch dort befand sich die Schneiderei eines Westenmachers, so daß man geneigt ist auch das Palais Guermantes in dieser Gegend anzusiedeln. Rainer Moritz, der den schönen kleinen Band „Mit Proust durch Paris“ verfasst hat, bezweifelt dies jedoch und vermutet eine Lage auf der anderen Seite des Flußes im Faubourg Saint-Honoré.