Proust — Unter Soldaten

Besuch bei der Garnison (Bd. 3, 1, 92–192)

GuermantesAls der Ich-Er­zäh­ler an ei­nem No­vem­be­r­abend in Don­ciè­res ein­trifft, emp­fängt ihn das Fes­tungs­städt­chen mit mi­li­tä­ri­scher Ge­schäf­tig­keit, die ei­ne „in­ter­mit­tie­ren­de Klang­wol­ke“ er­zeugt voll „mu­si­ka­lisch-krie­ge­ri­schem Flim­mern“. Ei­ne an­de­re Di­men­si­on mit ei­ge­nen Re­geln und Ge­bräu­chen öff­net sich ihm. Mar­cel ist der zi­vi­le Ein­dring­ling, der als Freund des bei sei­nen Ka­me­ra­den be­lieb­ten Saint-Loup bald zum Pa­ra­dies­vo­gel ih­rer abend­li­chen Zu­sam­men­künf­te wird, wie ein sol­cher exo­tisch und gleich­zei­tig emp­find­lich in die­sem un­ge­wohn­ten Ha­bi­tat.

Prousts Er­in­ne­run­gen an sei­nen nur ein Jahr an­dau­ern­den frei­wil­li­gen Mi­li­tär­dienst, den er am 15. No­vem­ber in Or­léans 1889 an­trat, flo­ßen in die­se Schil­de­run­gen ein. Auch wenn es ei­nen Ort die­ses Na­mens in Loth­rin­gen gibt, trägt die­ses zwi­schen Bal­bec und Pa­ris ge­le­ge­ne Don­ciè­res die Zü­ge Or­léans und Fon­tai­ne­bleaus. Prousts Asth­ma­lei­den zwang ihn au­ßer­halb der Ka­ser­ne zu über­nach­ten und hat ihn vom an­stren­gen­den Mi­li­tär­drill be­freit. Ei­nen Re­flex dar­auf zeigt der scherz­haf­te Vor­wurf Saint-Loups ge­gen­über dem Ich-Er­zäh­ler, er wür­de spa­zie­ren­ge­hen, wäh­rend die an­de­ren sich in Feld­übun­gen auf­rei­ben. In der Fi­gur Saint-Loups fin­den sich Zü­ge von Prousts da­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten Pierre Ar­man de Cho­let (1864–1924).

Die be­ein­dru­cken­de Wir­kung mi­li­tä­ri­scher Äu­ßer­lich­kei­ten zeigt sich be­reits im ers­ten Band der Re­cher­che. Dort er­zeugt ein am Gar­ten­zaun vor­bei zie­hen­des Re­gi­ment in Com­bray gro­ße Auf­merk­sam­keit. Viel­leicht wa­ren es der Drill, das Mas­ku­li­ne, die Uni­for­men, die be­ein­druck­ten? Sei­ne ei­ge­ne, maß­ge­schnei­der­te Uni­form be­wahr­te Proust Zeit sei­nes Le­bens auf.

Ge­hö­ri­gen Ein­druck ma­chen auch die Sol­da­ten in Don­ciè­res auf den jun­gen Ich-Er­zäh­ler. Un­ter die­sen be­son­ders Ritt­meis­ter Bo­ro­di­no, „ein Of­fi­zier, groß, schön und ma­jes­tä­tisch“ mit Schnurr­bart und „wun­der­vol­len, blau­en Au­gen“. Doch Saint-Loups Mei­nung schwächt die Be­geis­te­rung. Die­ser Fürst von Bo­ro­di­no sei dank Kriegs­wir­ren zwar ein Nach­fah­re Na­po­le­ons, ei­gent­lich sei er aber ein Dumm­kopf, der „Sohn oder En­kel ei­nes Kai­sers, der nur noch ei­ne Schwa­dron be­feh­li­ge“. Schon das ers­te Er­schei­nen Bo­ro­di­nos er­zeugt im Ich-Er­zäh­ler ei­ne stark iro­nisch ge­bro­che­ne Be­wun­de­rung:

Im Sturm­schritt ent­ei­lend, das nach al­len Rich­tun­gen flat­tern­de Mon­okel im­mer vor­aus, mar­schier­te er (Saint-Loup) ge­ra­de­wegs auf den wür­di­gen und ge­mes­se­nen Ritt­meis­ter zu, des­sen Pferd in die­sem Au­gen­blick vor­ge­führt wür­de und der, be­vor er sich zum Auf­sit­zen an­schick­te, ein paar Be­feh­le mit ei­nem Adel der Ges­tik gab, der aus­ge­ar­bei­tet war, wie für ein his­to­ri­sches Ge­mäl­de, als zö­ge er wirk­lich in ei­ne Schlacht des Ers­ten Kai­ser­rei­ches, wäh­rend er in Wirk­lich­keit ein­fach nach Hau­se ritt, in die Woh­nung, die er für die Zeit sei­nes Auf­ent­halts in Don­ciè­res ge­mie­tet hat­te und die an ei­nem Platz ge­le­gen war, der wie in vor­weg­neh­men­der Iro­nie die­sem Na­po­leo­ni­den ge­gen­über „Place de la Ré­pu­bli­que“ hieß.“

Bo­ro­di­no ist ein Mensch mit schlich­ten Ma­nie­ren und Ge­müt, aber ma­jes­tä­ti­scher Att­i­dü­de. Die­se ist durch­schau­bar, er­zeugt bei Saint-Loup und sei­nen Ka­me­ra­den Spott und nutzt ihm we­nig in der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft, wo er sich im „Jo­ckey Club“ un­wohl und nicht da­zu ge­hö­rig fühlt. Der „al­te Adel“ ei­nes Saint-Loups, den die­ser ge­ra­de da­durch, daß er ihn nicht her­aus­stel­len will, un­be­wusst in Ver­hal­ten und Hal­tung zeigt, ist für Mon­sieur de Bo­ro­di­no nicht dar­stell­bar. Über die gan­ze Don­ciè­res-Epi­so­de hin­weg sorgt die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Fi­gur für an­hal­ten­des Amü­se­ment. Be­son­ders die Dar­stel­lung von All­tags- und Ge­sell­schafts­le­ben des Ritt­meis­ters wächst sich zu ei­ner re­gel­rech­ten Bo­ro­di­no-Sa­ti­re aus (S. 180ff.).

Weit grö­ße­re Ach­tung bringt Saint-Loup ei­nem Ma­jor ge­gen­über auf, ei­nem bür­ger­li­cher Frei­geist, der mit sei­nen be­mer­kens­wer­ten Vor­trä­gen über Kriegs­ge­schich­te be­ein­druckt. Die ein­fa­chen Sol­da­ten, sei­ne Ka­me­ra­den, cha­rak­te­ri­siert Saint-Loup als gu­te, aber eher mit­tel­mä­ßi­ge „Bur­schen, die von nichts an­de­rem re­den kön­nen als von Pfer­de­ren­nen oder so­gar nur von Pfer­de­strie­geln“. Er be­fürch­tet, sie wür­den Mar­cel lang­wei­len, aber die­ser fühlt sich durch­aus wohl wäh­rend der ge­mein­sa­men Abend­essen. Er lauscht mit In­ter­es­se den Mi­li­tär­stra­te­gi­en, die Es­sen und Wein in den Köp­fen auf­wir­beln, folgt den Dis­kus­sio­nen über die Af­fä­re Drey­fus, für den al­lei­ne Saint-Loup und ein an­de­rer ein­tre­ten. Ei­nes Abends un­ter­hält sich Mar­cel mit ei­nem der Ka­me­ra­den der­art ver­traut und in „ei­ner je­ner Sym­pa­thi­en un­ter Män­nern, die, wenn kei­ne phy­si­sche An­zie­hungs­kraft ih­nen zu­grun­de liegt, die ein­zi­gen schlecht­hin ge­heim­nis­vol­len sind“ , daß Saint-Loup scherz­haft sei­ne Ei­fer­sucht be­kennt, was der Er­zäh­ler ge­schmei­chelt mit ei­nem klei­nen Be­dau­ern kom­men­tiert: „Män­ner, die ei­ner Frau lei­den­schaft­lich zu­ge­tan sind und ganz in der Ge­sell­schaft von ga­lan­ten Frau­en­freun­den le­ben, er­lau­ben sich Scher­ze, die an­de­re, weil sie et­was be­denk­li­ches dar­in se­hen könn­ten, sich nie­mals leis­ten wür­den.“

Er wird zum gern ge­se­he­nen Gast der Di­ners, be­son­ders sei­ne Bon­mots er­freu­en die Run­de. Die mi­li­tä­ri­sche At­mo­sphä­re des Or­tes durch­dringt ihn im­mer stär­ker. Am Mor­gen we­cken ihn die Fan­fa­ren­stö­ße des vor­bei mar­schie­ren­den Re­gi­ments, tags­über be­ob­ach­tet er Saint-Loup und sei­ne Ka­me­ra­den bei ih­ren Feld­übun­gen. Das Fes­tungs­städt­chen und sei­ne In­sas­sen be­sche­ren dem Be­ob­ach­ter trotz sei­ner Di­stanz als Zi­vi­list größ­te „Emp­fin­dungs­fül­le“.

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