Schatten der Erinnerung

In ihrem neuen Roman Die Sonnenposition erzählt Marion Poschmann auf poetische Weise vom Trauma der Kriegsenkel

DBLDoch lei­det man nicht, hö­re ich mich zu Odi­lo sa­gen, nur all­zu­oft an Er­in­ne­run­gen, die nicht die ei­ge­nen sind? Selt­sa­me Ver­seh­run­gen, die wir auf nichts zu­rück­füh­ren kön­nen, ein wie­der­keh­ren­des Un­be­ha­gen, für das wir ver­geb­lich Grün­de su­chen.“

Son­nen­blu­men, Son­nen­strah­len, Son­nen­auf- und Un­ter­gang, wer vor der Lek­tü­re über die Son­ne as­so­zi­iert, am bes­ten in Form ei­nes strah­len­för­mig an­ge­leg­ten Mind­maps, der ist auf Ma­ri­on Po­sch­manns neu­en Ro­man in zwei­er­lei Hin­sicht vor­be­rei­tet. Zum ei­nen wer­den ihm vie­le sei­ner Fund­stü­cke be­geg­nen, sei­en es all­täg­li­che oder his­to­risch kon­no­tier­te, zum an­de­ren wird er er­ken­nen müs­sen, daß die Poe­tin Po­sch­mann ihm in Wort­schöp­fungs­po­tenz haus­hoch über­le­gen ist. Ken­nen­ler­nen konn­te man den Stil der 1969 Ge­bo­re­nen be­reits in Na­tur­ge­dich­ten, No­vel­len und dem Schwarz­weiß­ro­man.

Ihr jetzt vor­lie­gen­des und für den Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­tes Werk trägt den Ti­tel Die Son­nen­po­si­ti­on. Dies ist kei­ne Yo­ga­übung son­dern be­nennt die Stel­lun­gen, die ih­re drei Haupt­fi­gu­ren, al­le­samt jun­ge „früh­zei­tig ver­greis­te“ Er­wach­se­ne, zu­ein­an­der und zu ih­rer Um­welt be­zie­hen. Je­der scheint Fix­stern und Tra­bant zu­gleich.

Den 32-jäh­ri­gen Psych­ia­ter mit dem al­ter­tüm­li­chen Na­men Alt­fried hat es aus der rhei­ni­schen Pro­vinz in ei­ne ost­deut­sche ver­schla­gen. Dort liegt das zur Psych­ia­trie um­funk­tio­nier­te Schloss mit her­ab­stür­zen­den Stuck­son­nen und über­wu­cher­ten Strah­len­bee­ten in rui­nö­sem Zu­stand. Die Pa­ti­en­ten sind meist vom Typ Wen­de­op­fer, der „im­mer nur weg­woll­te und jetzt nicht weiß wo hin“. Als Psych­ia­ter soll der „son­nen­haf­te Er­zäh­ler mit son­ni­gem Ge­müt“ den In­sas­sen Ori­en­tie­rung bie­ten. Aber er scheint selbst kei­ne zu be­sit­zen. Der Un­fall­tod sei­nes Freun­des Odi­lo, des­sen Be­er­di­gung zu Be­ginn des Ro­mans steht, mag es mit­ver­schul­det ha­ben, daß Alt­fried an sei­nem Ar­beits­platz schläft und sich zu ei­nem Pri­vat­le­ben au­ßer­halb nicht ent­schlie­ßen kann.

Odi­lo, nerd­haf­ter Bio­lo­ge und Mut­ter­söhn­chen, war sein Son­nen­gott, sein Feh­len wirft ihn aus der Bahn. War­um Alt­fried die­se An­zie­hung spürt, scheint frag­lich. Odi­lo „ver­hielt sich nicht wie ein Freund. Er war nicht ver­läß­lich. Und, ge­wis­ser­ma­ßen, nicht hand­hab­bar“. Viel­leicht ver­bin­det sie die Skur­ri­li­tät, nicht nur im Ver­hal­ten, son­dern auch in ih­ren In­ter­es­sen. Odi­lo er­forscht, ob sich Bio­lu­mi­nes­zenz, wie man sie von Leucht­fi­schen kennt, auch auf an­de­re Le­be­we­sen über­tra­gen lässt. Er will Licht dort­hin brin­gen, wo es sonst eher dun­kel ist, be­vor­zugt in den Schwanz sei­ner La­bor­mäu­se.

Auch Alt­fried will das Ver­schlei­er­te auf­klä­ren. Im Be­ruf sind es die ver­dun­kel­ten Ge­mü­ter sei­ner Pa­ti­en­ten. In sei­ner Frei­zeit fas­zi­niert ihn die Ent­tar­nung der Erl­kö­ni­ge, die Fo­to­jagd auf Pro­to­ty­pen der Au­to­kon­zer­ne.

Die drit­te Haupt­fi­gur des Ro­mans, Alt­frieds Schwes­ter Mi­la, ver­hilft als Mo­de­de­si­gne­rin den ver­staub­ten grau-bei­gen Jer­sey­klei­dern ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te mit Samt und Spit­zen zu neu­em Glanz. Von ih­rem Ver­hält­nis mit Odi­lo er­fährt Alt­fried erst nach des­sen Tod. Das macht ihn rat­los, denn Odi­lo, des­sen Va­ter früh ver­starb, lebt noch bei sei­ner Mut­ter und war „schon als Kind ei­ner von de­nen, de­ren Le­ben sich leicht zur Pa­ti­en­ten­ge­schich­te ent­wi­ckeln kann.“ Er mei­det die Men­schen, braucht kaum Schlaf, kurz er kreist in Splendid iso­la­ti­on aus­schließ­lich um sich selbst. Mi­la er­scheint er nicht als Sol in­vic­tus. Viel­leicht be­frie­digt er ihr In­ter­es­se am Ver­staub­ten. Ähn­lich wie die ab­ge­leg­te Gar­de­ro­be ih­rer Tan­te peppt sie ihn auf, dies­mal al­ler­dings mit sich selbst.

Ne­ben al­ler Selt­sam­keit und Le­bens­un­tüch­tig­keit ver­eint die drei Fi­gu­ren ei­ne wei­te­re Er­fah­rung, die als grund­le­gen­de Ur­sa­che an­ge­se­hen wer­den kann. Tod und Trau­ma ih­rer Vor­fah­ren. Odi­lo er­litt durch den Ver­lust des Va­ters auch den sei­ner Kind­heit. Auf Alt­fried und Mi­la fällt der Schmerz der El­tern. Der Va­ter Jo­han­nes und sei­ne Schwes­ter Si­do­nie sind Kriegs­wai­sen, die Groß­el­tern, „die aus dem Os­ten stamm­ten, wa­ren im Rä­der­werk des Krie­ges zer­malmt wor­den“. Jo­han­nes und Si­do­nie ge­lang­ten über leid­vol­le Um­we­ge schließ­lich zu Ver­wand­ten. Doch Kriegs­gräu­el und die Er­leb­nis­se im Auf­fang­la­ger Son­nens­tern, das kurz zu­vor noch ei­ne Mord­an­stalt der Na­zis war, präg­ten sie. Die­se Er­fah­run­gen ge­ben sie un­be­wusst an ih­re Kin­der wei­ter als Schat­ten­trau­ma, wie es die psy­cho­lo­gi­sche For­schung nennt.

Po­sch­manns Fi­gu­ren su­chen Hei­lung. Odi­lo, in­dem er ver­geb­lich das ei­ge­ne Leuch­ten ver­sucht. „Er woll­te im­mer ein Schim­mern, ein Vi­brie­ren wahr­ge­nom­men ha­ben, wo am En­de nichts war.“ Alt­fried möch­te „um sich her­um Wol­ken (…) bil­den, Wol­ken der Un­nah­bar­keit, der Un­in­ter­es­sant­heit, der Er­eig­nis­lo­sig­keit.“ Er in­ter­es­sier­te sich nie für die Erl­kö­ni­ge selbst, son­dern für de­ren Ab­we­sen­heit. Als Psych­ia­ter weiß er je­doch, „das Ge­sche­he­ne ist nicht un­ge­sche­hen zu ma­chen“.

Es war nicht ein­fach zur In­ten­ti­on Po­sch­manns vor­zu­drin­gen. Bis­wei­len ha­der­te ich mit dem Ich-Er­zäh­ler Alt­fried, der sei­ne Zu­hö­rer zwar im­mer zu Lich­tun­gen führt, aber oft durch Ne­bel­bän­ke. Die Lek­tü­re lös­te in mir aus, was die Ti­tel der vier Roman­tei­le ver­spre­chen: Fu­ror, Pa­ti­en­tia, Me­mo­ria, Splendor. Er ver­setz­te mich in Zu­stän­de von Wut, for­der­te Ge­duld, weck­te Er­in­ne­run­gen und ließ mich auch ih­ren Glanz be­wun­dern.

Fu­ror, weil ich man­che poe­ti­sche Stel­le nicht ver­ste­he. Fu­ror aber auch we­gen der Un­lo­gik, die sich dann ein­stellt, wenn Po­sch­mann ih­ren Ich-Er­zäh­ler über die Be­zie­hung von Odi­lo und Mi­la be­rich­ten lässt, von der er nichts wis­sen kann, und dies dem Le­ser als „Ge­fühl der Evi­denz“ ver­kauft.

Pa­ti­en­tia for­dert das nicht im­mer ein­fa­che Durch­drin­gen des Tex­tes, der je­doch auch vie­le strin­gen­te, gut les­ba­re Pas­sa­gen ent­hält. Man­che könn­ten für sich al­lei­ne ste­hen, von ei­ni­gen der selt­sam po­pu­lär­psy­cho­lo­gi­schen Fall­ge­schich­ten ab­ge­se­hen.

Me­mo­ria durch­zieht den gan­zen Ro­man und wird in der Schlüs­sel­sze­ne of­fen­bar.

Splendor zeigt sich in Ma­ri­on Po­sch­manns Sprach­stil, ih­ren Wort- und Satz­schöp­fun­gen, -man den­ke nur an ih­re un­ge­wöhn­li­chen Ma­ni­fes­ta­tio­nen des Son­nen­mo­tivs in Qual­len, Spin­nen und Kris­tall­leuch­tern-, ih­ren Ver­knüp­fun­gen und in der, wenn auch manch­mal sper­ri­gen Kom­po­si­ti­on des Ro­mans. Ihn zu le­sen und zu durch­drin­gen for­dert Zeit, die sich lohnt.

Als wei­ter­füh­ren­de Lek­tü­re zum Trau­ma der Kriegsen­kel emp­feh­le ich den Auf­satz von Hei­ke Knoch und Win­fried Kurth „Kriegsen­kel – ein spä­tes Er­wa­chen?
Die Kin­der der Kriegs­kin­der aus Sicht der Psy­cho­his­to­rie“ so­wie Bet­ti­na Al­ber­ti, See­li­sche Trüm­mer, Sa­bi­ne Bo­de, Kriegsen­kel und An­ne-Ev Us­torf, Wir Kin­der der Kriegs­kin­der.

Ma­ri­on Po­sch­mann, Die Son­nen­po­si­ti­on, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2013
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11 Responses to Schatten der Erinnerung

  1. Claudia sagt:

    Lie­be Ata­l­an­te,
    es hört sich sehr in­ter­es­sant und span­nend an, das Trau­ma der Kriegsen­kel in ei­nem Ro­man zu thma­ti­sie­ren. Ich ha­be von Sa­bi­ne Bo­de und ih­ren For­schun­gen zum ers­ten Mal über die Fol­gen des Krie­ges für die Kin­der und dann auch für die En­kel ge­le­sen und beim Ge­spräch in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis dar­über, ha­ben wir schnell Fa­mi­li­en­ge­schich­ten wie­der­erken­nen kön­nen. Of­fen­sicht­lich wir­ken die Er­fah­run­gen in vie­len Fa­mi­li­en lan­ge nach — und man kann sich schnell vor­stel­len, wel­che lang­fris­ti­gen Fol­gen der Krieg in so man­chem (Bürger-)Kriegsland noch vie­le, vie­le Jah­re ha­ben wird.
    Aus dei­ner Be­spre­chung le­se ich aber auch her­aus, dass Du ein Stück ge­kämpft hast mit Dei­ner Lek­tü­re („Fu­ror”). So fin­de ich toll, wie Du die Ka­pi­tel­über­schrif­ten auf­ge­nom­men hast, dar­an Dei­ne ei­ge­nen Le­se­er­leb­nis­se spie­gelst und so zu ei­nem sehr dif­fe­ren­zier­ten Er­geb­nis kommst. Meinst Du denn, dass „Die Son­nen­po­si­ti­on” Chan­cen hat, auf der Short­list zu lan­den?
    Vie­le Grü­ße, Clau­dia

  2. Atalante sagt:

    Lie­be Clau­dia, ich ha­be auch schon dar­an ge­dacht, ein Buch zu die­sem The­ma in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis vor­ge­schla­gen. Dei­ne Er­fah­rung be­stä­ti­gen mich nun. Zu­nächst dach­te ich zwar an ei­nen Ro­man, aber ei­gent­lich könn­te man auch ei­nes der oben ge­nann­ten Bü­cher neh­men. Ich fin­de den An­satz sehr in­ter­es­sant, muss aber sa­gen, auch als His­to­ri­ke­rin ha­be ich den Be­griff Psy­cho­his­to­rie zum ers­ten Mal ge­hört.

    Er­gän­zen möch­te ich noch, daß es sich na­tür­lich um ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on han­delt, ob Ma­ri­on Po­sch­mann sich der­art von die­ser The­ma­tik lei­ten ließ, wie ich es hin­ein­ge­le­sen ha­be, wird nur sie selbst sa­gen kön­nen.

    Ob der Ro­man Chan­cen hat? Wenn es nach mir ge­hen wür­de ja, zu­sam­men mit „Sou­ti­nes letz­te Fahrt” war es bis­her das sprach­ge­wal­tigs­te Werk. Al­ler­dings ken­ne ich erst drei Ti­tel, die ich al­le auf die Short­list schi­cken wür­de. Wenn es so wei­ter­geht, wird mei­ne Short­list zu lang.

  3. Lie­be ata­l­an­te,

    vie­len Dank für die­sen Bei­trag. Ich ver­fol­ge eu­er Pro­jekt sehr in­ter­es­siert und bin sehr ge­spannt, wer auf der short list lan­den wird. Als ich die Buch­vor­stel­lung zu Ma­ri­on Po­sch­mann beim Ver­lag ge­le­sen hat­te, war ich sehr an­ge­tan und hat­te schon über­legt, ob ich mir das Buch zu­le­ge. Nun wer­de ich das Ge­fühl nicht los, dass „Tod und Trau­ma ih­rer Vor­fah­ren” eher im Hin­ter­grund des Er­zähl­ten steht. Ist dem so oder ha­be ich es nur falsch ver­stan­den?

    Herz­li­che Grü­ße von der Bü­cher­lieb­ha­be­rin

    • Atalante sagt:

      Lie­be Bü­cher­lieb­ha­be­rin, nach mei­nem Ver­ständ­nis ist „Tod und Trau­ma der Vor­fah­ren” der Schlüs­sel zu die­sem Ro­man. Die­se Ge­scheh­nis­se be­din­gen das Ver­hal­ten der Haupt­fi­gu­ren, ih­re Be­zie­hun­gen, ihr Le­bens­ge­fühl. Ich ha­be mich wäh­rend des Le­sens lan­ge ge­fragt, war­um mir von die­sen drei skur­ri­len Per­so­nen er­zählt wird, erst nach der Vor­fah­ren­ge­schich­te ha­be ich es ver­stan­den. Es steht al­so nicht im Hin­ter­grund, son­dern be­dingt die Er­zäh­lung. Ich hof­fe, daß ich Dei­ne Fra­ge be­ant­wor­ten konn­te.

      • Lie­be ata­l­an­te,

        vie­len Dank für die Auf­klä­rung. Nun bin ich um ei­ni­ges schlau­er. Wer­de mir die Lek­tü­re wohl nicht ho­len. Ha­be aber Re­spekt vor dei­ner Ent­schei­dung, das Buch gleich noch ein­mal le­sen zu wol­len!

  4. caterina sagt:

    Lie­be Ata­l­an­te,
    wie du viel­leicht weißt oder auch nicht weiß, ha­be ich in den letz­ten Jah­ren — vor al­lem im Rah­men mei­ner Ab­schluss­ar­beit — in­ten­siv mit der Er­fah­rung der Nach­ge­bo­re­nen bzw. de­ren Ver­ar­bei­tung in der Li­te­ra­tur (fik­tiv eben­so wie auto/biographisch) aus­ein­an­der­ge­setzt, und auch heu­te noch in­ter­es­sie­re ich mich sehr für das The­ma und hal­te im­mer die Au­gen of­fen, wenn es Neu­erschei­nun­gen da­zu gibt.
    Ma­ri­on Po­sch­mann ist zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen voll­kom­men an mir vor­über­ge­gan­gen — nach der Lek­tü­re dei­ner Re­zen­si­on sagt mir mein Ge­fühl aber, dass mir nichts ent­gan­gen ist. Mir ge­fällt, wie du die Son­nen­me­ta­pher im­mer wie­der auf­greifst und die vier Ge­müts­zu­stän­de, nach de­nen die Ka­pi­tel be­nannt sind, ver­wen­dest, um dei­ne Le­seer­fah­rung zu ver­deut­li­chen. Und die­se scheint sehr am­bi­va­lent zu sein, was ja — wie wir schon des Öf­te­ren fest­ge­stellt ha­ben — für meh­re­re Ti­tel der Long­list zu gel­ten scheint.
    Scha­de, die­ses Buch wird trotz des The­mas nicht auf mei­ner Le­se­lis­te lan­den — eben­so we­nig wie auf die Short­list, wie ich ver­mu­te.

    Ich hof­fe, dei­ne ak­tu­el­le Lek­tü­re be­glückt dich mehr.
    Herz­li­che Grü­ße,
    ca­te­ri­na

  5. Atalante sagt:

    Lie­be Ca­te­ri­na, dann bist Du ja ei­ne Ex­per­tin, an die ich auch so­fort ei­ne Fra­ge rich­te.
    Dass be­trof­fe­ne Nach­ge­bo­re­ne, die di­rek­te Kriegs­er­in­ne­run­gen ha­be, durch die­se in ih­ren nen­nen wir es mal „see­li­schen Zu­stän­den” be­ein­flusst sind, ist oh­ne wei­te­res nach­voll­zieh­bar und hat zahl­rei­che li­te­ra­ri­sche Ver­ar­bei­tun­gen her­vor­ge­bracht. Aber von Kriegsen­keln war mir bis­her we­nig be­kannt. Be­son­ders von Nach­fah­ren, die nicht zu den Ho­lo­caustop­fern zäh­len. Als ak­tu­el­ler Ro­man, der die­se Grup­pe im Blick hat, fällt mir Mo­ni­ka Held mit Der Schre­cken ver­liert sich vor Ort ein.
    Kennst Du Ro­ma­ne, die Aus­wir­kun­gen auf die Kriegsen­kel des „Tä­ter­vol­kes” the­ma­ti­sie­ren?
    Wie das Ein­gangs­zi­tat zeigt, ver­sucht Po­sch­mann ja de­ren Ge­fühl der „Ver­sehrt­heit“ dar­zu­stel­len. Das „Schat­ten­trau­ma“ ist ei­ne in­ter­es­san­te Theo­rie, die 2009 stark in den Me­di­en dis­ku­tiert wur­de. Hat die Au­to­rin viel­leicht da­durch ihr The­ma ge­fun­den? Oder fühlt sie sich, da sie zu die­ser Ge­ne­ra­ti­on zählt, selbst an­ge­spro­chen?
    Mir ging es zu­nächst ähn­lich, ich bin auch in den Sech­zi­gern ge­bo­ren. Doch je mehr ich dar­über nach­den­ke, um so mehr Fra­gen stel­len sich mir. Was wä­re mit mei­nen Kin­dern, al­so den Kriegs­u­ren­keln. Müss­ten Sie nicht, wenn mir be­reits die­ses Trau­ma „ver­erbt“ wur­de, auch dar­un­ter lei­den? Und was wä­re mit de­ren Kin­dern? Über­haupt, ist dies nur ein spe­zi­fisch deut­sches, um nicht zu sa­gen, Zwei­ter Welt­kriegs­trau­ma? Was ist mit all’ den an­de­ren Krie­gen und de­ren Aus­wir­kun­gen? Wie Clau­dia schon an­ge­spro­chen hat, hört das kriegs­be­ding­te Mor­den nie auf und es fand schon im­mer statt. Al­so müss­ten letzt­end­lich al­le Men­schen Kriegsen­kel sein, aus­ge­nom­men der We­ni­gen, die auf ei­ner In­sel der Glück­se­li­gen le­ben.
    Das in­ter­es­siert mich und ich wer­de auf je­den Fall, wenn un­ser Buch­preis­ma­ra­thon vor­über ist, mich dar­über in­for­mie­ren. Was ich eben­falls tun wer­de, Po­sch­manns Ro­man noch ein­mal le­sen. Wo­mit ich jetzt vom In­halt wie­der zum Text kom­me. Denn er hat mich nicht nur für das The­ma in­ter­es­siert, was im­mer ein Plus­punkt für Li­te­ra­tur ist, son­dern trotz al­ler „Ne­bel­bän­ke“ und für mich schwie­ri­ger Poe­sie auch für ihn selbst. Und ich glau­be, wenn ich ihn, da ich ja nun weiß, wor­auf er hin­aus­will, noch ein­mal le­se, wer­de ich vie­les ent­de­cken, was mir vor­her ent­ging.

    Ich hof­fe al­so, ihr habt al­le kei­ne Lust dar­auf. 😉

  6. caterina sagt:

    Lie­be Ata­l­an­te,
    an Mo­ni­ka Held muss­te ich auch den­ken, ha­be es dann aber nicht laut aus­ge­spro­chen, da ich ih­ren Ro­man nicht ge­le­sen ha­be und mir nicht mehr si­cher war, ob er wirk­lich in die­sel­be Rich­tung geht.
    Was dei­ne Fra­ge be­trifft: Da hast du mich lei­der er­tappt — mit der Tä­ter­per­spek­ti­ve, sprich den Nach­ge­bo­re­nen der „Tä­ter”, ha­be ich mich nicht di­rekt be­schäf­tigt, ob­wohl na­tür­lich auch die­ser As­pekt im­mer wie­der auf­tauch­te (W. G. Se­bald ist ein Bei­spiel — zum En­de des Krie­ges ge­bo­ren, hat bis zum Schluss nicht ge­wusst, in­wie­weit sei­ne El­tern in­vol­viert wa­ren bzw. Be­scheid wuss­ten, und sein Le­ben lang ge­gen das Schwei­gen des deut­schen Vol­kes an­ge­schrie­ben, vgl. hier­zu auch mei­ne Re­zen­si­on zu Aus­ter­litz).
    Mein Fo­kus lag und liegt auf der Op­fer­sei­te, d.h. auf der zwei­ten und drit­ten Ge­ne­ra­ti­on nach dem Ho­lo­caust. Da­zu zäh­len Wer­ke von Jo­na­than Sa­fran Fo­er, Da­vid Gross­man, Ge­or­ges Pe­rec, Liz­zie Do­ron und eben Se­bald, um nur ei­ni­ge Na­men zu nen­nen. Wo­bei ich hier noch mal ein­schrän­ken muss, dass es mir in mei­ner Mas­ter­ar­beit nicht um die Bio­gra­phi­en der Au­to­ren ging (sie­he Se­bald, und auch Gross­man ist kein Nach­fah­re von Ho­lo­caust-Über­le­ben­den), son­dern um die der Fi­gu­ren im Ro­man, es ka­men al­so auch fik­ti­ve Le­bens­ge­schich­ten für mei­ne Be­trach­tun­gen in­fra­ge.
    Und klar, es gibt auch an­de­re Krie­ge, wird es im­mer ge­ben, und so­mit auch das Phä­no­men des Kriegs­trau­mas in den be­trof­fe­nen und den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen. Das, was ich in den oben ge­nann­ten Wer­ken un­ter­sucht ha­be, lie­ße sich si­cher­lich auch auf an­de­re Li­te­ra­tur über­tra­gen, man den­ke zum Bei­spiel an Ro­ma­ne, die die Bal­kan­krie­ge the­ma­ti­sie­ren, Téa Obreht fällt mir in die­sem Zu­sam­men­hang ein. Nur ist der Ho­lo­caust in sei­ner Di­men­si­on und Trag­wei­te ein sin­gu­lä­res Er­eig­nis (ich weiß, ei­ne kon­tro­ver­se The­se — ich las­se sie mal un­kom­men­tiert im Raum ste­hen, um den Rah­men nicht zu spren­gen), dem­entspre­chend gibt es auch mehr li­te­ra­ri­sche Ver­ar­bei­tun­gen. Und wenn wir spe­zi­ell auf die deut­sche Li­te­ra­tur­land­schaft schau­en, dann ist na­tür­lich klar, dass sich vie­le Au­to­ren dem Zwei­ten Welt­krieg wid­men, kein an­de­re Krieg war in der deut­schen Ge­schich­te so ein­schnei­dend wie die­ser. In afri­ka­ni­scher Li­te­ra­tur wirst du si­cher­lich an­de­re Schwer­punk­te fin­den — dem The­ma des Kriegs­trau­mas wirst du je­doch si­cher­lich auch dort be­geg­nen.

    Herz­li­che Grü­ße,
    ca­te­ri­na

    • Atalante sagt:

      Lie­be Ca­te­ri­na, auch die von Dir un­ter­such­te und ge­nann­te Li­te­ra­tur be­fasst sich mit Op­fer­er­fah­rung oder mit der Fra­ge der Schuld.
      Das be­trifft auch Mo­ni­ka Helds Ro­man, da hat­te ich mich un­klar aus­ge­drückt. Ihr Ro­man han­delt da­von, in­wie­weit sich Er­fah­run­gen von La­ger und Ver­fol­gung an Nach­ge­bo­re­ne ver­mit­teln las­sen.

      Li­te­ra­tur, die das „Trau­ma der Kriegsen­kel“ auf­nimmt, stellt die Nach­kom­men der „Tä­ter­na­ti­on” in den Fo­kus, oh­ne die Fra­ge der Schuld zu be­rüh­ren. Da wür­den mich die Ti­tel wei­te­rer Ro­ma­ne in­ter­es­sie­ren, die nicht Krieg und Ver­trei­bung zu ih­rem Haupt­an­lie­gen ma­chen, son­dern Per­so­nen und ihr durch die Er­fah­run­gen der Vor­fah­ren re­sul­tie­ren­des Ver­hal­ten.

  7. Daniela sagt:

    Lie­be Ata­l­an­te,
    ich ha­be dei­ne Re­zi da­mals schon ge­le­sen — und jetzt, nach­dem ich die Po­sch­mann selbst durch­ha­be, noch­mal. Und noch­mal. Und noch­mal.
    Erst­mal: herz­li­chen Glück­wunsch, es ist dir wun­der­bar ge­lun­gen, die­ses Buch ein­zu­fan­gen! Es wur­de da­durch für mich auch ein we­nig greif­ba­rer.
    Denn: ich ha­be mich ziem­lich mit die­sem Ro­man ge­quält. Ei­ner­seits gab es da die­se Spra­che, die ich im­mer wie­der sehr an­spre­chend fand, die sehr ei­gen­wil­li­ge Bil­der er­zeug­te, Me­ta­phern, die noch nicht aus­ge­lutscht er­schei­nen.
    Aber nach­dem ich über die­se drei sku­ril­len Ge­stal­ten da las und las und las, al­les so ar­ti­fi­zi­ell, für mich blieb kei­ner­lei Na­tür­lich­keit mehr er­hal­ten, ha­be ich mich nun rich­tig da­nach ge­sehnt, ei­nen hand­fes­ten Kri­mi mit nor­ma­len Men­schen, die nor­ma­le Mor­de be­ge­hen, zu le­sen…
    kurz­um: ich fand den Ro­man ex­trem ver­kopft. Ein we­nig Er­dung hät­te in mei­nen Au­gen nicht ge­scha­det. Denn so blie­ben mir trotz der Kennt­nis der Groß­el­tern-Ge­schich­ten die Be­schä­di­gun­gen der Prot­ago­nis­ten sehr fremd und fern…
    Na­ja, ich las­se es erst­mal noch ein klein we­nig sa­cken…

    Lie­be Grü­ße,
    Da­nie­la

    • Atalante sagt:

      Lie­be Da­nie­la, es freut mich, wenn mein Ein­druck Dir nütz­lich war. Al­ler­dings ha­be ich ges­tern in ei­nem Pod­cast die Re­zen­si­on von An­ja Bro­ckert bei SWR2 ge­hört, die wie­der an­de­re Schwer­punk­te ge­setzt hat. Für sie ste­hen die ma­ro­de DDR und die Be­schä­di­gun­gen der Psych­ia­trie­pa­ti­en­ten durch die­ses Sys­tem im Vor­der­grund, in­ter­es­sant ist auch ihr Ver­weis auf die Ta­pe­ten­me­ta­pher, mit der die Au­to­rin in die je­wei­li­gen Hand­lungs­räu­me und Zei­ten ein­führt.
      Für mich stan­den eher die Son­nen­me­ta­phern und die leuch­ten­den Tie­re, die sich ja zum Teil über­schnei­den, im Vor­der­grund, und eben die Kriegsen­kel.

      Die Son­nen­po­si­ti­on ist wahr­lich kein Kri­mi, aber auch hier gibt es durch­aus Nor­ma­les. Rui­nö­se Schloss­bau­ten und ganz nor­ma­le Ver­rück­te, die Fall­ge­schich­ten fin­dest Du doch in je­der Zeit­schrift, gibt schließ­lich über­all.

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