Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem woraus.“ 

Dieser im Roman zitierte juristische Merksatz könnte als sein Leitmotiv durchgehen, denn fast alle Figuren in Verena Carls „Die Lichter unter uns“ befinden sich auf der Suche. Wonach scheint ihnen jedoch selbst verborgen.

Anna sucht Aufmerksamkeit, ihr Mann Jo Sicherheit, Alexander seine Vitalität und seine junge Geliebte sowie sein erwachsener Sohn suchen nicht unähnlich der 11-jährigen Judith, Tochter von Anna und Jo, den Ausweg aus dem Dschungel des Erwachsenwerdens. Einzig Bruno, Judiths kleiner Bruder, sucht und findet mit kindlicher Sorglosigkeit in einer Taucherbrille mit Schnorchel sein einstweiliges Glück.

Anna, die nach zwölf Jahren Ehe, mit ihrer Familie einige Tage in Taormina verbringt, dem Ort ihrer Flitterwochen, steht im Mittelpunkt der multiperspektiv erzählten Geschichte. Sie sondiert ihre Befindlichkeiten, ‑wann fände man besser Zeit als im Urlaub‑, und stellt ihr Familienleben wie „Unter dem Vulkan“ weiterlesen

Dieses Buch macht müd’

Anna Quindlen erzählt in „Ein Jahr auf dem Land“ von einer faden Selbstfindung

9783421046666_CoverWas ihr in New York leger und praktisch vorgekommen war, wirkte hier so hochherrschaftlich wie ein Ballkleid. Als sie wegen der Uhr und den Kabeln im Walmart war, hatte sie sich zwei billige Jeans gekauft, außerdem Latzhosen, einen Sechserpack Männer-T-Shirts und ein Paar Wanderschuhe. Die meisten Kosmetika, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte, waren inzwischen aufgebraucht, und sie verwendete jetzt eine Gesichtscreme, die sie im Supermarkt gefunden hatte. In den Spiegel schaute sie so gut wie nie.“

Die Flucht auf das Land in ein in jeder Hinsicht Aufsichgeworfensein hat in der Literatur jeder Zeit Saison. Der ergiebige Stoff erlebt in Neuauflagen oder Verfilmungen der Klassiker von Thoreau und Haushofer eine Renaissance und inspiriert aktuelle Autoren.

So teilen Erwin Uhrmanns dystopischer Roman Ich bin die Zukunft wie auch Doris Knechts Rückzug in den Wald das innere Bedürfnis nach Distanz, während das drängende Äußere sich in Qualität und Quantität unterscheidet. Uhrmanns Held kämpft gegen „Dieses Buch macht müd’“ weiterlesen

Unterzuckert

Anstrengender Trip durch Pyotr Magnus Nedovs Zuckerleben

Eines Tages wurden die Löhne nicht mehr ausbezahlt. Die Staatsbetriebe schlossen einer nach dem anderen. Dann wurden die Geschäfte immer leerer, bis es wirklich nichts mehr zu kaufen gab außer diesen länglichen Aluminiumkämen für 3 Kopeken. Und weißt du, was das Problem ist mit diesen länglichen Aluminiumkämmen für 3 Kopeken?“
„Was?“
„Sie schmecken nicht so gut…“

Manchmal führt der Zufall zu einer Lektüre, die im Nachhinein sehr erstaunt. Auf Zuckerleben, den Roman des 1982 in Russland geborenen, in Österreich aufgewachsenen und heute in Köln lebenden Pyotr Magnus Nedov, machte mich die diesjährige Kandidatenliste des Alphapreises aufmerksam. Nach vielfachem Lob der sprachlichen Rasanz des Romans, erwartete ich die sarkastische Story eines skurrilen Trips durch Ost- und Südeuropa.

Moldawien 1991, Italien 2011, beide Staaten befinden sich in der Krise, sie kranken an veralteten Strukturen und unfähigen Regierungen. Die Leidtragenden sind die Bürger, die neben dem „Unterzuckert“ weiterlesen