Pioniere für Palästina

In seinem neuen Roman Sommer in Brandenburg erinnert Urs Faes an eine unerzählte Geschichte

42419_FaesIn der Re­gel nutzt ein Au­tor Vor- und Nach­wort, um dar­zu­le­gen, wie er zum The­ma sei­nes Werks fand und auf wel­che Wei­se er sich ihm ge­nä­hert hat. Urs Fa­es ver­la­gert dies in sei­nen Ro­man hin­ein. Vier kur­ze Ein­schü­be, die er Nach­er­zäh­len nennt und die sich im Schrift­bild von der Ro­man­hand­lung ab­he­ben, be­rich­ten von Ge­sprä­chen mit Zeit­zeu­gen, Orts­be­ge­hun­gen und Ar­chiv-Re­cher­chen. Es scheint rich­tig, daß Fa­es die­se Form ge­wählt hat. Er lenkt die Auf­merk­sam­keit wäh­rend der Ro­man­lek­tü­re auf In­for­ma­tio­nen, die als Ver­ständ­nis­brü­cken zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät die­nen. Es gab sie wirk­lich, da­mals im Som­mer 1938 in Bran­den­burg, die Lie­be zwi­schen zwei jü­di­schen Ju­gend­li­chen und die Hachs­cha­ra, die sie für Pa­läs­ti­na vor­be­rei­te­te. Wie bei­des ge­sche­hen sein mag, da­von er­zählt Fa­es in Som­mer in Bran­den­burg.
Das Land­werk in Ah­rens­dorf war ei­ne von über 30 Hachs­cha­ra­stät­ten, die jü­di­sche Ju­gend­li­che auf die Be­sied­lung Pa­läs­ti­nas vor­be­rei­te­ten. In den Zwan­zi­ger Jah­ren ge­grün­det er­hielt die jü­di­sche Sied­lungs­be­we­gung wäh­rend der Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­er­grei­fung im­mer stär­ke­ren Zu­lauf. Das an­ti­se­mi­ti­sche Vor­ge­hen der Re­gie­rung führ­te bald zu Schul- und Be­rufs­ver­bo­ten. In der Hachs­cha­ra sa­hen vie­le jü­di­sche Fa­mi­li­en ei­ne Chan­ce ih­ren Kin­dern ei­ne Aus­bil­dung und da­durch auch die Aus­rei­se­er­laub­nis für Pa­läs­ti­na zu er­mög­li­chen.

Das bei Treb­bin ge­le­ge­ne Land­werk, an das heu­te ei­ne Dau­er­aus­stel­lung er­in­nert, ist der Hand­lungs­ort des Ro­mans. Be­reits im ers­ten Ka­pi­tel ge­lingt es Fa­es sei­ne Le­ser mit Ort, Zeit, Zweck und den bei­den Haupt­dar­stel­lern be­kannt zu ma­chen. Durch die Au­gen Rons, der schon lan­ge in Ah­rens­dorf lebt, er­bli­cken wir Liz­zy, ei­ne der Neu­en aus Wien. Sie steht beim Brun­nen des Jagd­schlöss­chens, das im Land­werk den Mäd­chen als Un­ter­kunft dient. Ein Schwa­nen­teich er­in­nert noch an die al­ten Zei­ten, jetzt ist der Stall mit Fe­der­vieh und Tie­ren so­wie ein Berg vol­ler To­ma­ten wich­ti­ger. Rund 50 Cha­we­rim, Ka­me­ra­den, sol­len un­ter der Lei­tung ih­res Ma­d­rich und der Ma­d­ri­cha das Gut be­wirt­schaf­ten. Haus- und Land­wirt­schaft wie ein we­nig Hand­werk sol­len die Ju­gend­li­chen er­ler­nen. Sich selbst auf neu­em Land ein­zu­rich­ten und zu ver­sor­gen steht ih­nen als Sied­ler be­vor. Sie ler­nen Iwrit und wer­den in Pa­läs­ti­na­kun­de und Re­li­gi­on un­ter­rich­tet. Nicht je­der ging wie Ron in ei­ne Tal­mud-Schu­le oder war beim Mak­ka­bi Ha­zair Mit­glied der jü­di­schen Pfad­fin­der. Vie­le der Jun­gen und Mäd­chen, die hier zu Cha­we­rim wur­den, leb­ten vor­her in bür­ger­li­chen Fa­mi­li­en. Sie wa­ren fest ver­wur­zelt in ih­rer deut­schen oder ös­ter­rei­chi­schen Hei­mat, nur wa­ren sie eben jü­disch so wie an­de­re evan­ge­lisch oder ka­tho­lisch.

Ron und Liz­zy er­zäh­len sich von ih­ren Fa­mi­li­en, von dem Le­ben, das sie ver­las­sen muss­ten, und kom­men sich so nä­her. Die ver­ge­hen­de Zeit lässt die Ge­füh­le der bei­den wach­sen und die Si­tua­ti­on für die Grup­pe im­mer be­droh­li­cher wer­den. Im Reich neh­men die Re­pres­sa­li­en zu. Auch in Ah­rens­dorf wird die Ver­fol­gung spür­bar. Die Par­tei­ju­gend aus der na­he ge­le­ge­nen Se­gel­flug­schu­le be­gnügt sich nicht mehr mit Schmäh­pa­ro­len. Die Nach­rich­ten von zu Hau­se wer­den schlech­ter und blei­ben schließ­lich nach der Po­grom­nacht im No­vem­ber ganz aus. Das Land­werk wird zur Zu­flucht, zur Ge­mein­schaft, in der sich Freund­schaf­ten und Lie­bes­bin­dun­gen ver­stär­ken.

Die Ali­ja, die Aus­wan­de­rung, ist das gro­ße Ziel von al­len. Die Hoff­nung, die­se ge­mein­sam zu meis­tern, ver­bin­det vor al­lem die Paa­re, die sich in den letz­ten Mo­na­ten ge­fun­den ha­ben. Auch Ron träumt wäh­rend sei­ner Nacht­wa­chen von ei­nem Le­ben mit Liz­zy. Im Ge­lob­ten Land könn­ten sie in neu­er Frei­heit zu­sam­men sein, so wie er es be­reits in ei­ner Er­zäh­lung für den Is­rae­li­ti­schen Land­bo­ten aus­ge­malt hat­te. Doch die Rea­li­tät ent­larvt den Traum. Nur auf zehn oder zwölf Cha­we­rim fällt das Los für die nächs­te Ali­ja. Un­be­ein­fluss­bar ent­schei­det sich, wer rei­sen darf. Fa­es schil­dert ein­drück­lich die Be­klem­mung und die Span­nung die­ser Ver­kün­dungs­aben­de.

Ron und Liz­zy sind nicht bei den ers­ten Ali­jas da­bei. Ih­rer Lie­be bleibt noch Zeit, aber die Chan­cen zur Ret­tung wer­den ge­rin­ger. Das Land­werk bleibt vom na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror nicht ver­schont, Ge­sta­po­kon­trol­len und De­por­ta­tio­nen er­eig­nen sich auch hier.

Zwi­schen­durch ein Licht­blick, das Fo­to­gra­fen­paar Her­bert und Le­ni Son­nen­feld be­su­chen Ah­rens­dorf. Sie wol­len jü­di­sches Le­ben auf Hachs­cha­ra fest­hal­ten. Doch auch per­sön­li­che Por­träts von Freun­den oder Lie­ben­den ma­chen sie ger­ne. Es ent­steht ei­ne Auf­nah­me von Ron und Liz­zy, von Ro­nald Be­rend aus Ham­burg und Eli­sa­beth Harb aus Wien. In die­sem Fo­to liegt der Ur­sprung des Ro­mans. Urs Fa­es er­blick­te es, als er Ab­bil­dun­gen von Ju­gend­li­chen aus den Drei­ßi­ger Jah­ren such­te. Auf dem Ti­tel sei­nes Ro­mans Lie­bes­ar­chiv se­hen wir die bei­den, wie er sie im neu­en Ro­man be­schreibt.

45965_Faes_st3965(…)Liz­zy und Ron, der schaut nach oben, zu die­sem Saum über den Stäm­men. Die Hand legt er nicht um ih­re Schul­ter. Ihr Ge­sicht kommt ihm nah, ihr Haar streift sei­ne Wan­ge, ein Kit­zeln, das er sich nicht an­mer­ken läßt; ih­re Au­gen wen­den sich zum Fo­to­gra­fen hin, scheu; das Haar ist zu­rück­ge­kämmt, fällt in Wel­len übers Ohr, in den Na­cken, weich. Ein Son­nen­schim­mer liegt auf ih­rer Haut, der Na­se. Kön­nen Som­mer­spros­sen so an­zie­hend schön sein? Es wer­den im­mer die­se Au­gen sein, an die er spä­ter denkt, die so of­fen in die Welt bli­cken, su­chend, kommt es ihm vor. Mit die­sem zu­ge­knöpf­ten Kra­gen und dem fest­ge­zurr­ten Reiß­ver­schluß der Ja­cke. (…) Sei­ne ei­ge­nen Lo­cken, das sieht er spä­ter, rich­ten sich mal wie­der him­mel­wärts, ein Kamm bei­nah.“

Fas­zi­niert durch die­sen An­blick re­cher­chier­te Fa­es die Quel­len. Mit „Som­mer in Bran­den­burg“ ist ihm der Ver­such ge­lun­gen an­hand au­then­ti­scher Res­te das Le­ben und die Lie­be ei­nes jun­gen Paa­res im Aus­nah­me­zu­stand nach­zu­emp­fin­den.

Die von äu­ße­ren wie in­ne­ren Hin­der­nis­sen be­droh­te Lie­be ist ein Kern­the­ma in den Ro­ma­nen die­ses Au­tors. Oft ist es den Paa­ren ver­gönnt, sich nach Jahr­zehn­ten der Tren­nung wie­der zu be­geg­nen. Ron und Liz­zy lei­der nicht.

Mit der Fi­gur des Fo­to­gra­fen gibt Fa­es auch ei­ner kri­ti­schen Stim­me Raum. Son­nen­feld war eben­falls Pio­nier, ist al­ler­dings nach we­ni­gen Jah­ren wie­der nach Deutsch­land zu­rück ge­kehrt, weil er sich mit den Ver­hält­nis­sen im Kib­buz nicht zu­recht ge­fun­den ha­be. Auch Hel­ma, Rons äl­te­re Schwes­ter, die sich be­reits in Pa­läs­ti­na auf­hält, ent­schließt sich ih­ren Kib­buz zu ver­las­sen.

Es ist ein schwie­ri­ger Weg, der sich den Cha­we­rim in Ah­rens­dorf bie­tet, doch ei­ne Al­ter­na­ti­ve gibt es kaum, denn ihr al­tes Le­ben ist zer­stört. Wie die­se jun­gen Men­schen auf Hachs­cha­ra ih­re letz­te Chan­ce er­grei­fen, schil­dert Fa­es eben­so be­we­gend wie die Lie­be sei­nes jun­gen Paars. Durch das Nach­er­zähl­te bin­det er es in das his­to­ri­sche Ge­rüst und er­in­nert so an ein sel­ten be­han­del­tes De­tail der jü­di­schen Ge­schich­te.

Urs Fa­es, Som­mer in Bran­den­burg, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2014
 
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Die Hachs­cha­ra-Stät­ten sind aus der zio­nis­ti­schen Pio­nier­be­we­gung Hecha­luz her­vor ge­gan­gen. Die ers­ten Lehr­gü­ter grün­de­ten sich 1923, durch Welt­wirt­schafts­kri­se und an­ti­se­mi­ti­sche Ver­fol­gung er­hiel­ten sie ver­stärk­ten Zu­lauf. Un­ter Be­tei­li­gung der jü­di­schen Pfad­fin­der­or­ga­ni­sa­ti­on Mak­ka­bi Ha­zair be­stan­den 1934 32 Vor­be­rei­tungs­gü­ter, die von der Reichs­ver­wal­tung der Deut­schen Ju­den ko­or­di­niert wur­den. Nur dort konn­ten jü­di­sche Ju­gend­li­che noch of­fi­zi­el­le ei­nen Be­ruf er­ler­nen, ei­ne un­ab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung um von den bri­ti­schen Be­hör­den das Pa­läs­ti­na-Zer­ti­fi­kat zu er­hal­ten. 1941 wur­den al­le Hachs­cha­ra-Stät­ten auf­ge­löst oder in Ar­beits­la­ger um­ge­wan­delt.

Aus dem Land­werk Ah­rens­dorf wur­de wie­der das Jagd­schlöss­chen Ber­do­ta­ris. Von den 302 Cha­we­rim, die in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren dort aus­ge­bil­det wur­den, ret­ten sich 168 durch Aus­rei­se.

Ruth u. Her­bert Fied­ler, Hachs­cha­ra-Schick­sals­we­ge-Vor­be­rei­tung auf Pa­läs­ti­na. Schrif­ten­rei­he des Cen­trum Ju­dai­cum (Ber­lin 2004).

Der För­der­ver­eins der Hachs­cha­ra-Stät­te Ah­rens­dorf un­ter­hält ei­ne Web­sei­te.
Ei­nen sehr gu­ten Über­blick zur Hachs­cha­ra bie­tet Bom­mel­blog.
Ge­denk­stät­ten­fo­rum zur Hachs­cha­ra.
Pu­bli­ka­ti­on der FH Pots­dam zur Hachs­cha­ra-Be­we­gung, hg. v. Prof. Dr. Hen­nings un­ter Mit­ar­beit von Ka­rin Weiss, An­dre­as Patz und Stu­den­ten (1996/97)

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5 Responses to Pioniere für Palästina

  1. Ich mag die­ses Ver­bin­den von Fak­ten und Fik­ti­on, das pe­ni­ble Re­cher­chie­ren des Au­tors und dann die Um­set­zung in ei­nem ge­lun­ge­nen Ro­man oder ei­ner Er­zäh­lung. Kennst du Erich Hackl — ein Au­tor, dem das eben­so ge­lingt. Dan­ke für den Tipp!!

    Lie­be Grü­ße von der Bü­cher­lieb­ha­be­rin

  2. Von Urs Fa­es ha­be ich schon ei­nen an­de­ren Ro­man ge­le­sen, der mir sehr gut ge­fal­len hat. Über sein neu­es Werk ha­be ich nur ein­mal ei­ne ne­ga­ti­ve Kri­tik ge­le­sen. Dei­ne Re­zen­si­on ist ge­nau das Ge­gen­teil. Das be­ru­higt mich so­mit wie­der. Vie­len Dank für die schö­ne Be­spre­chung!

    LG bue­cher­ma­ni­ac

    • Atalante sagt:

      Lie­be Bue­cher­ma­ni­ac,
      auch ich ha­be ei­ne Kri­tik ge­hört, in der die Sehn­suchts­ge­füh­le der Haupt­fi­gur als „ge­füh­lig” be­zeich­net wur­den. Aber wie soll­ten sie sonst sein? Für mich war das sehr stim­mig für den jun­gen Ron in die­ser Si­tua­ti­on.
      Ich ha­be schon ei­ni­ge Ro­ma­ne von Fa­es ge­le­sen, da mich sein „Grund­the­ma” an­spricht und ich es sehr in­ter­es­sant fin­de, auf welch” ver­schie­de­ne Wei­sen er es um­zu­set­zen ver­mag.
      Falls Du den Ro­man le­sen wirst, bin ich auf Dein Ur­teil ge­spannt.
      Freund­li­che Grü­ße, Ata­l­an­te

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