Das Tagebuch aus Márais „Die Glut“

In „Hallgatás“ versucht Ursula Pecinska die Fragen aus Márais „Der Glut“ zu beantworten

pecinska„Unverständlich bleibt mir Dein Schweigen, Henrik! Ich aber kann nicht länger schweigen. Ich breche heute mein Gelübde und werde ein lange gehütetes Geheimnis preisgeben.“

Seit 1999 Sándor Márais Roman „Die Glut“ für den deutschsprachigen Buchmarkt wieder entdeckt wurde, überzeugt er durch sein spannendes Konstrukt und psychologische Tiefe. Unzählige Leser sind begeistert, wovon zahlreiche Auflagen und Übersetzungen künden. „Die Glut“ gilt heute mit Recht als Klassiker der europäischen Literatur.

Die Schweizer Schriftstellerin Ursula Pecinska regte er sogar zu einem eigenen Roman an. Sie will Sándors Werk nicht nur ergänzen, sondern das Geheimnis seiner Vorlage offenbaren. „Hallgatás“, benannt nach dem ungarische Wort für Schweigen, ist –so Pecinskas Fiktion- „Das Tagebuch der Krisztina“. Das, wie wir uns erinnern, am Ende von Márais Roman ungelesen in der Glut landet.

Verloren ist damit die Antwort darauf, was den Bund zwischen dem Paar Henrik und Krisztina und dem Freund Konrád auseinander sprengte. War Henriks Verdacht, Konrad wolle „Das Tagebuch aus Márais „Die Glut““ weiterlesen

„Ein Hauch vergangener Zeiten“

Henry James’ „Daisy Miller“ amüsiert mit Ironie und spritzigen Dialogen

Daisy Miller„Ich hab’ keine Zähne, die kaputtgehen können. Die sind alle ausgefallen. Ich hab’ nur noch sieben. Mutter hat sie gestern Abend gezählt, und gleich danach ist noch einer ausgefallen. Sie hat gesagt, sie ohrfeigt mich, wenn noch mehr ausfallen. Dabei kann ich gar nichts dafür. Es liegt alles an diesem alten Europa. Es liegt am Klima hier, dass sie ausfallen. In Amerika ist keiner ausgefallen, es liegt an den Hotels.“

Diese Klage legt Henry James in seiner Novelle Daisy Miller einem neunjährigen Jungen in den zahnlosen Mund und macht so gleich zu Beginn auf sein Thema aufmerksam, die „nationaltypischen“ Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern. Studieren konnte er diese seit früher Jugend. Mit seiner Familie bereiste er den alten Kontinent, der ihm so gut gefiel, daß er später in London, Paris, Bologna, Bonn und Genf studierte, sich dann in England ansiedelte und schließlich die Staatsbürgerschaft seiner Wahlheimat annahm. Dies geschah kurz vor seinem Tod, der sich in diesem Jahr am 28. Februar zum hundertsten Male jährte.

Ob aus dem kleinen Randolph auch einst ein Europäer werden wird, bleibt „„Ein Hauch vergangener Zeiten““ weiterlesen

„Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit“

Sándor Márai entfacht in „Die Glut“ ein grandioses Drama im Kopf

Die Glut„Ja, du hast wohl viel erlebt. In der Welt draußen. Da vergißt man rasch.“ „Nein“, sagt der andere. „Die Welt ist nichts. Das Wichtige vergißt man nie. Das habe ich erst später gemerkt. Als ich schon um einiges älter war.“

Auch Henrik, der 75jährige Protagonist in Sándor Márais Roman „Die Glut“ kann das einschneidende Ereignis seines Lebens nicht vergessen. Es basiert auf einem Verdacht, für den dem alten General aber jeder Beweis fehlt. Liefern könnte ihn der einzige noch lebende Zeuge, sein Freund Konrád, der sich nach seinem Verschwinden vor 41 Jahren zu einem Besuch ankündigt. In den vergangenen Jahren fügten sich Erinnerungen und Phantasien zu einem Drama in Henriks Kopf, das Márai als psychologisches Kammerspiel inszeniert. 1942 erschien der Roman in Ungarn, wurde 1950 mit dem Titel „Die Kerzen brennen ab“ von Eugen Görcz ins Deutsche übertragen und 1999 in der Neuübersetzung von Christina Viragh vom Piper Verlag wiederentdeckt und berühmt. Ein Jahrzehnt zuvor hatte Sándor Márai den Freitod gewählt. Ein Weltbürger, den es nach Deutschland, Paris, Italien und den USA führte und der doch immer ein Ungar blieb. „Die Glut“ spielt in der Vergangenheit seines Heimatlandes, im österreichisch-ungarischen Glanz der Jahrhundertwende und dem wenig glanzvollen großen Krieg. Doch diese politischen Ereignisse sind Marginalien in einem Werk, in dem ein 75jähriger Mann die Fragen seines Lebens stellt.

Mit diesen konfrontiert er seinen Gast, den gleichaltrigen Konrád. Der hatte die Freundschaft jäh verraten, als er vor 41 Jahren ohne Erklärung die Gegend verließ. Es war im Juli 1899 als das Ungeheure „„Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit““ weiterlesen

Pippi Pomperipossa – Die Widerstandskämpferin Astrid Lindgren

Jens Andersen zeigt in seiner Biographie, wie Astrid Lindgren mit den Waffen der Sprache streitet

Lindgren1„Die beinahe achtzigjährige Astrid Lindgren wurde gefragt, was sie wohl getan hätte, wenn sie seinerzeit nicht Schriftstellerin geworden wäre. Ihre Antwort lautete: „Ich wäre eine kleine aktive Widerstandskämpferin in der ersten Zeit der Arbeiterbewegung geworden. (…) Eine kleine Vorkämpferin für die Menschen der damaligen Zeit.“

Die Biographien über Astrid Lindgren, darunter die autorisierte von Margareta Strömstedt, werden nun durch eine weitere ergänzt, die erstmals die zahlreichen handschriftlichen Aufzeichnungen der Autorin berücksichtigt. Ihr Verfasser, Jens Andersen, Nordist und Literaturkritiker, könnte als Dänischer Nationalbiograph bezeichnet werden. 2005 legte er die Lebensgeschichte des Märchendichters Hans Christian Andersen vor, die international beachtet wurde. Seine Biographie über Königin Margrethe II. im Jahr 2012 sorgte vor allem im königstreuen Dänemark für Furore.

Mit Astrid Lindgren widmet er sich einer Autorin, der nicht nur ihre Figur Pippi Langstrumpf weltweite Beachtung brachte. Gerade deswegen stellt sich die Frage, ob es über die berühmte „Pippi Pomperipossa – Die Widerstandskämpferin Astrid Lindgren“ weiterlesen

„Stauräume der Vergangenheit“

Richard Fords Frank in Zeiten des Hurrikans

Ford_24923_MR.indd„Die starke Hand eines ordentlichen Hurrikans hat etwas für sich, sie macht dem Leben unsanft klar, wie relativ alles ist.“

Als Frank vor den Überresten seines einstigen Hauses steht, fällt sein Blick in den Keller. Er ist vollkommen leer, all das Gerümpel, „Kisten über Kisten voll Zeug, das man vor Jahrzehnten hätte wegschmeißen sollen – ist hochgesaugt und weggeblasen worden“. Hell scheint das Licht in die dunklen „Stauräume der Vergangenheit“, die Gespenster sind verscheucht, Verdrängtes kommt nach oben. Dabei können Keller auch wertsteigernd sein, wie der Immobilienmakler Frank weiß. Ausgebaut dienen die Bastelbastionen Familienvätern als Rückzug und als Zuflucht falls das Ehebett zu eng wird. Im neuen Buch „Frank“ von Richard Ford spielen Keller eine besondere Rolle.

Frank Bascombe, bekannt aus Richard Fords Romanen „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“ und „Die Lage des Landes“ ist wie sein Autor älter geworden. Mit 68 Jahren und zum zweiten Mal verheiratet lebt Frank mit seiner Frau Sally wieder in Haddam. Vor einigen Jahren ist der Immobilienmakler aus „„Stauräume der Vergangenheit““ weiterlesen

Nach dem Tod nun die Liebe

„Die Liebenden von Mantua“ – Ralph Dutlis wort- und wissensreiche Weberei über die Liebe

dutli mantua„Vielleicht war es ein religiöses Märchen, vielleicht –ein jungsteinzeitlicher Opernstoff. Du hauchst auf das Glas, meinetwegen auf das gläserne Gebilde des Romans, diesen schmucklosen Schaukasten, dieses Kristallhaus oder casa di cristallo, um deine flüchtige Spur zu hinterlassen. Es ist zerbrechlich, es ist durchsichtig. Alles ist einmalig, alles ist zweimalig meinetwegen durch die Schrift.“

Märchenhaft wie die Wendungen ist bisweilen der Ton in Ralph Dutlis Roman „Die Liebenden von Mantua“. Der Titel klingt nach Oper, deren Zutaten Liebe, Tod und Glauben folgerichtig in Italien inszeniert werden. Dort, in der Renaissancestadt Mantua, erweckt Dutli Artefakte und Relikte zu Protagonisten seiner Phantasie.

Allen voran ein neolithischer Grabfund, das Skelett einer Frau und das eines Mannes. Als die Archäologen sie im Jahr 2007 in Valdaro freilegen, verbreitet die Sensation das Paar unter dem Namen „Die Liebenden von Mantua“. Sie erreicht auch Manu, den Schriftsteller, der im Mai 2013 auf der Suche nach einem neuen „Nach dem Tod nun die Liebe“ weiterlesen

Tiger träumen

„Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshen ist ein Roman für schlaflose Nächte

löwen weckenLöwen wecken, der Roman der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen, inszeniert hochdramatisch den Wendepunkt einer Biographie. Der Neurochirurg Etan Grien, verheiratet und Vater zweier Kinder, ist von der renommierten Tel Aviver Großstadt-Klinik strafversetzt in ein Krankenhaus am Rande der Wüste. Der junge und hochmoralische Arzt hat das korrupte Verhalten seines Lehrers, einer Kapazität auf seinem Gebiet, öffentlich gemacht. Sein neuer Job frustriert ihn, so daß er eines abends nach Schichtende eine nächtliche Jeeptour unternimmt. Doch aus der Entspannungsfahrt wird ein Horrortrip. Mitten im dunklen Nirgendwo der Wüste überfährt Etan mit seinem Mercedes einen Eritreer, ausgerechnet zur Musik von Janis Joplin. Der Hirnspezialist erkennt sofort, der Mann kann nicht gerettet werden. Er selbst schon. Aus Angst, Job und Familie zu verlieren, begeht er Fahrerflucht. Diese Szene am Anfang des Romans lässt die nachfolgenden Konflikte erahnen. Sie steigern sich, als Etans Frau, die Polizeikommissarin Liat, diesen Fall übernimmt und potenzieren sich in ungeahntem Maße, als am nächsten Morgen eine schwarze Frau an Etans Haustür klingelt. Es ist Sirkit, die Frau des Eritreers, sie hat den Unfall beobachtet, den Fahrer anhand der verlorenen Brieftasche identifiziert und nun erpresst sie ihn. Der Arzt soll die Illegalen versorgen, jeden Abend in einer ausgedienten Auto-Werkstatt in der Wüste.

Dieser Roman berührt große Themen. Wer trägt die Schuld an dem Unfall, der Fahrer oder der Fußgänger? Wer verschuldet die Not der Flüchtlinge, die Verhältnisse im Herkunftsland, die „Tiger träumen“ weiterlesen

„Eine vielköpfige, wunderliche Familie“

Tilmann Lahmes Biographie über die Manns schenkt neue Einblicke und ein großes Lesevergnügen

 

Manns„Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Dieser erste Satz in Tolstois Anna Karenina gilt auch für die Manns, die bekannteste Schriftstellerfamilie Deutschlands. Literatur über sie lässt sich in Regalmetern messen, nicht nur wegen der weltweit berühmten Werke ihres Oberhaupts, sondern weil sie alle zur Feder griffen.

Der Historiker und Germanist Tilmann Lahme, der 2009 mit einer Biographie über Golo Mann hervortrat, gewährt nun mit Die Manns: Geschichte einer Familie neue Einblicke. Bisher unbekannte Familienbriefe bilden die Grundlage seiner Analyse. Sie setzt im Frühjahr 1922 ein, als das Ehepaar Mann die Pubertätsprobleme ihrer Ältesten, Erika und Klaus, kurzerhand mit der Internatsverschickung löst. Sie endet im Jahr 2002 mit dem Tod der Tochter Elisabeth. Auf den gut 400 Seiten dazwischen erzählt Lahme von den Mitgliedern der Kernfamilie Mann mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Schwiegereltern, den Bruder Heinrich und die Enkel.

Seine Hauptpersonen sind die acht Manns, Thomas, Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Im Familienjargon, Pielein, Mielein, Eri, Eissi, Moni, Medi, Bibi und das „„Eine vielköpfige, wunderliche Familie““ weiterlesen

Augenstern

In „Königsallee“ erweist Hans Pleschinski einem grossen Schriftsteller und einem grossen Gefühl Reverenz

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„Und was ist Treue? Sie ist Liebe, ohne zu sehen, der Sieg über ein verhaßtes Vergessen. Wir begegnen einem Angesicht, das wir lieben, und wir werden wieder davon getrennt. Das Vergessen ist sicher, aller Trennungsschmerz ist nur Schmerz über sicheres Vergessen. Unsere Einbildungskraft, unser Erinnerungsvermögen sind schwächer, als wir glauben möchten. Wir werden nicht mehr sehen und aufhören zu lieben. Was bleibt, ist die Gewißheit, daß jedes neue Zusammentreffen unserer Natur mit dieser Lebenserscheinung mit Sicherheit unser Gefühl erneuern, uns wieder, oder eigentlich noch immer, sie lieben lassen wird.“

1927 verbrachten die Manns ihre Sommerfrische auf Sylt. Während sich Frau Katia in der Strandgesellschaft langweilte, fand Thomas Mann dort seinen Augenstern. In vorsichtigen Gesprächen näherte er sich dem jungen Klaus Heuser, es folgte eine Einladung in die Münchner Familienvilla. Schließlich machte ein Kuss den Jungen zu einer unvergessenen Begegnung.

Diese unerfüllte Liebe verwandelte Thomas Mann in Literatur und erschuf manche seiner Figuren nach dem Vorbild jenes Knaben. Hans Pleschinski seinerseits formt aus der realen Liebe und aus „Augenstern“ weiterlesen

Literaturpreis–Glücksspiel

Literaturpreis Alpha 2015

Nachdem in diesem Jahr eine Verquickung von Nachlässigkeit und Überdruss mich von Literaturpreisen fernhielt, soll einer doch Beachtung finden, alleine, weil ich die Kombination von Casino und Hochkultur unnachahmlich finde. Ist das eigentlich schon nach Las Vegas vorgedrungen? Vielleicht bauen sie ja dort eine schöne Kopie des Frankfurter Römer und veranstalten ein DBP-Remake?

In unserem Nachbarland sind sie schon seit 2010 so weit. Felix Austria hat in den gleichnamigen Casinos nicht nur Glück beim Spiel, sondern auch mit der Kulturförderung. Die ist im Falle des Alpha-Preises „Literaturpreis–Glücksspiel“ weiterlesen