Buchpreiskandidaten 2016

Die Betonung liegt auf der Unabhängigkeit – 12 Jahre Deutscher Buchpreis

Logo_dbp_16_RGBIm zwölften Jahr des Deutschen Buchpreises wäre es müßig sich mit den Regularien dieser Auszeichnung aufzuhalten. Neu ist lediglich die Zusammensetzung der Jury, zu der auch im Jahr 2016 Literaturarbeiter aller Couleur zählen.

Thomas Andre, Lena Bopp, Berthold Franke, Susanne Jäggi, Christoph Schröder, Sabine Vogel und Najem Wali stellen aus 156 eingesandten Titeln eine Longlist zusammen, die sie am kommenden Dienstagmorgen um 10 Uhr präsentieren.

Wie die Buchpreis-Organisatoren nicht müde werden zu betonen, legen sie Wert auf Autarkie und versprechen „eine garantiert unabhängige und kompetente Preisträgerermittlung“. Dies sichert der jährliche Wechsel der Jury, die ihrerseits von einem nicht jährlich wechselnden Gremium, der Akademie, gewählt wird.

Ziel dieser Akademie und damit des Buchpreises ist in erster Linie ein „Buchpreiskandidaten 2016“ weiterlesen

„Zähne im Rachen der Empörung“

William Faulkners grandioser Roman „Absalom, Absalom!“ in der Neuübersetzung von Nikolaus Stingl

U1_978-3-498-02134-4.indd„Vielleicht ist Geschehen nichts Einmaliges, sondern gleicht dem Gekräusel auf Wasser, nachdem der Kiesel versunken ist, und das Gekräusel geht weiter, breitet sich aus, der Teich ist durch eine schmale Wasser-Nabelschnur mit dem nächsten Teich verbunden, (…)“

Ein neues Leseprojekt, obwohl immer noch vier Bände Proust vor mir liegen? Gewagt. Aber man muss Gelegenheiten ergreifen, wo sie sich bieten. Diese geht auf Birgit zurück. Bei einem unserer letzten Literaturtreffen sprach sie davon William Faulkners „Absalom, Absalom!“ lesen zu wollen. Auch sie hatte erst kürzlich im Schweizer Literaturclub die Diskussion über Nikolaus Stingls Neuübersetzung verfolgt. Nach kurzer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein gemeinsames Lesen vorzuschlagen. Schließlich waren wir zu dritt und bildeten eine Extraausgabe unserer Runde, sozusagen einen Literaturkreis im Literaturkreis. Wir portionierten die schwere Kost und trafen uns insgesamt dreimal.

Schon der erste Abend war für mich nicht nur erhellend, sondern auch absolut notwendig, denn mit den ersten beiden Kapiteln habe ich ganz schön gehadert. Unverdaulich wie „Ulysses“, mit dem ich es vor Jahrzehnten viel zu jung versucht habe, erschien mir Faulkners Meisterwerk. 1936 erstmals erschienen, erzählt der Roman die Geschichte einer Familie aus dem amerikanischen Süden während des Bürgerkriegs. „Absalom, Absalom!“ gilt heute als einer der bedeutendsten Literaturwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf 1950 Wilhelm Faulkner zum Literaturnobelpreis. Einmalig ist nicht nur „„Zähne im Rachen der Empörung““ weiterlesen

„Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.indd„Er war ein Mann mit einer Großen Idee. Die sah sie in seinen Augen leuchten. Seine Pupille rollte sich zum glühenden Band zusammen. Sie drang in seine Augen ein, um mit ihm dem Fluss zu folgen (…) aber wer war der Mann auf dem Foto? Wer ist der Mann, dessen Fotos in den Klatschblättern von Hollywood kursieren? Wer ist der Mann, der sie angeblickt hatte, der sie in ihrer Erinnerung anblickt? Ihre Haut weist von ihm keinerlei Spuren mehr auf, nur die Spuren der Zeit (…).“

Bleibt das Gegenüber nicht immer ein Rätsel, egal wie nah man ihm kommt? Sein Innerstes ist unzugänglich. Gepanzert durch die Fassade des Körpers, mit der Haut als letztem Wall, als sichere Schutzschicht, egal welche Farbe sie hat.

Farbe? Eine Kategorie, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat? Verloren haben sollte? Erst recht im Bewusstsein einer toleranten, liberalen, gebildeten, weißen europäischen Frau?

Eine solche Frau, Solange, Mitte 30 und Schauspielerin, macht die französische Autorin Marie Darrieussecq zur Hauptfigur ihres neusten Werks. Der Beziehungsroman trägt den programmatischen „„Die universale Benetton-Farbe des Bluts““ weiterlesen

Fern voneinander fühlt man sich nah

Peter Stamm führt seine Leser „Weit über das Land“ und sehr schön in die Irre

u1_978-3-10-002227-1„Seine abgelegten Socken waren der erste Beweis dafür, dass er seine alte Existenz abgestreift hatte. Er würde nicht zurückkommen, er hatte sich aus dem Leben entfernt und hatte, nackt wie ein Neugeborenes, ein anderes Leben begonnen.“

Dieser Gedanke befällt Astrid als Thomas schon seit mehreren Tagen verschwunden ist. Vollkommen spurlos hat er sich jedoch nicht aus Ehe und Familienleben fort gemacht. Davon künden die Hinterlassenschaften, die Astrid von der Polizei entgegen nimmt. Wie das gemeinsame Onlinekonto verrät, hat Thomas sich für seinen Weg „Weit über das Land“ mit Wandersachen versorgt. Der neue Roman des bekannten Schweizer Autors Peter Stamm spielt in dessen Heimat. Es ist aus verschiedenen Gründen damit zu rechnen, daß diese literarisierte Fluchtbewegung bald in höhere Gefilde führt.

Die Gründe für Thomas’ Verhalten liegen zunächst offen und sind für seine Frau Astrid rätselhaft. Langjährige Beziehung neigen nun mal dazu, Konfliktmaterial im Hintergrund zu stapeln, wo „Fern voneinander fühlt man sich nah“ weiterlesen

Weg damit!

Altes aussortiert

20160516_140620_resizedPfingsten, das liebliche Fest war gekommen!? Ach nee, doch nicht, falsches Fest und bei dem strömenden Regen ist nichts lieblich. Was also tun? Lesen! Klar, Lesen geht immer, aber da steht dieses Regal im Nacken, überquellend von Büchern, quer, links, hinter- und übereinander gelegten und gestellten. Es mahnt an ein Projekt, wozu schon seit geraumer Zeit Öl und Tücher bereit liegen. Nur die Lust nicht. Wäre ein Spaziergang nicht viel gesünder? Sicher, aber auch nässer. Also dann doch! Vor der Ölung, -wenigstens ein christlicher Ritus sollte an diesem Tag drin sein-, muss erstmal alles raus. Bei jedem Band kehren Erinnerungen zurück. Manchmal solche, die man gerne schon längst vergessen hätte. Zum Beispiel die an diesen Professor! Und warum zum Teufel darf noch das Buch dieser Journalistin kostbaren Regalplatz belegen, die seit geraumer Zeit in der Blöd publiziert?

Also weg damit:

Vance Packard, Die geheimen Verführer. Ullstein 1980 – Den im Original 1957 erschienenen Klassiker der Werbepsychologie hatte ich gerne und mit Vergnügen gelesen. Dem Werbewarner Packard hätte sicherlich der kritische Verbraucher von heute, der Marktchecker und „Weg damit!“ weiterlesen

„Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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„Wie fiktiv alles ist!“, sagte Wolf. „Sie waren überzeugt, dass Sie mich getötet hatten, ich war mir sicher, dass Sie letztlich durch meine Schuld umgekommen waren, und wir hatten beide nicht recht. (…)“

Gasdanow beginnt seinen Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ mit der Schlüsselszene. In einem Sommer gegen Ende des Russischen Bürgerkriegs treffen zwei feindliche Kämpfer aufeinander. Das Pferd des einen wird von einem Schuss niedergestreckt. Als sein Reiter unverletzt aufsteht, sieht er wie der Schütze erneut das Gewehr anlegt. Er zückt seine Pistole zur Gegenwehr und trifft den anderen zuerst. Tödlich, wie ihm ein Blick versichert. Wenige Augenblicke später hört er Weitere herannahen und flieht auf dem Schimmel des Getöteten.

 

Zu der Zeit, als das geschah, war ich 16 Jahre –somit war dieser Mord der Beginn meines selbständigen Lebens, und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken mir später beschieden war.

Jahre später, er lebt inzwischen in Paris und schreibt für die Zeitung, stößt der Erzähler auf eine Geschichte, die detailliert die Schussszene wiedergibt. Autors des Bandes ist ein gewisser Alexander Wolf, „„Wie fiktiv alles ist!““ weiterlesen

Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_Cover„Wie sagt man hierzulande? It takes one to know one. Offensichtlich hatte sich der Verrückte da draußen für sein Wahn-Ich treffsicher einen der verrücktesten Physiker herausgesucht, der sich in der deutschen Geschichte finden ließ.

Während sie sich selbst noch lachen hörte, durchfuhr es Johanna wie ein Stich. Wie kam sie dazu, auf einen Wissenschaftler, der kühne Gedanken wagte, ebenso borniert und selbstgefällig zu reagieren, wie es das Pack der – wie hatte er sie genannt?-, das Pack der Philister tat? Litt sie selbst nicht immer noch unter jenem Brief, mit dem die deutsche Ethikkommission vor wenigen Wochen ihr wissenschaftliches Projekt, ihr Lebensprojekt, abgekanzelt hatte? Die wenigen – in ihrer Knappheit doppelt verletzenden – Sätze hatten sich ihr so tief ins Gedächtnis eingeprägt, dass sie den unsäglichen Schrieb gar nicht mehr brauchte, um ihn Wort für Wort vor sich zu sehen: „ (…) Ihr Projekt, die physiologische Regeneration weit über das gattungsspezifische Maß hinaus zu aktivieren und gleichzeitig die Zellseneszenz zu retardieren bzw. vollständig zu unterbinden, stellt kein ethisch vertretbares Forschungsziel dar. Altern gehört zu den Grundgegebenheiten menschlicher Existenz und ist in diesem Sinne nicht als Krankheit zu betrachten…“

Dieses Buch ist vieles zugleich, ein Fauststoff in seiner Suche nach Unsterblichkeit und eine Zeitreise, die einen Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts ins Hier und Heute versetzt, ein Historischer Roman, der mit Erinnerungen und Schriftquellen in die Vergangenheit führt, und ein „Der Teufel als Whistleblower“ weiterlesen

Der ganze Walser in einem Roman

Walser zeigt in „Ein sterbender Mann“ viele Facetten seiner Literatur

U1_XXX.indd„Ich schrieb ehrgeizlos. Ich schrieb, wie mir zumute war. Die Leute lesen’s gern. Immer noch. Literatur, Dichtung, keine Spur. Mich versteht jeder.“

Auf dem Vorsatzblatt seines neuen Romans dankt Martin Walser seiner Unterstützerin Thekla Chabbi. Ob man sie kennen muss, beantwortet rasch eine Suche im Internet. Sie offenbart, daß sich beide 2014 auf einem Kongress in Heidelberg kennenlernten und wie es zur Kooperation kam.

„Ein sterbender Mann“, so der Titel des neuesten Werks, widmet Walser dem Tod, auch und vor allem dem selbstbestimmten. Diesem sieht sein Held, Theo Schadt, nicht wegen seiner 72 läppischen Lenze -wie man angesichts des 89-jährigen Verfasser sagen darf- entgegen. Ein Verrat durch den besten Freund zerstörte seine Existenz, die geschäftliche und die männliche, wie er später gesteht. „Ich kann nicht leben, wenn das, was mir passiert ist, möglich ist“, entscheidet Schadt. Dann sitzt er im Tangoladen seiner Frau und recherchiert zwischen Boleros und hochhackigen Schuhen nach effektiven Tötungstechniken. Hilfe findet Theo Schadt in einem Suizidforum. Von dem virtuellen Treffpunkt all’ derer, denen „nichts mehr grünen kann“ –hier klärt sich die Rolle der zu Beginn Genannten- erfuhr Walser durch Chabbi. Mehr noch, im privaten Mail-Verkehr schlüpft sie in die Rolle einer Protagonistin und antwortet so dem Autor wie seiner Figur.

Walser schiebt das Metakarussell seines Briefromans gehörig an. Schon im ersten „Der ganze Walser in einem Roman“ weiterlesen

Einsamkeit

John Williams evoziert in „Stoner“ die Macht der Literatur

9783423280150„Immer noch lächelnd, ironisch, böswillig, wandte er sich Stoner zu. ‚Du entkommst mir ebenso wenig, mein Freund. Nein, du nicht. Wer bist du? Ein schlichter Bauernsohn, wie du gern vorgibst? Keineswegs. Auch du gehörst zu den Unzulänglichen – du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, unser Don Quichote des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug – jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst. Du lässt dich von ihr verschlingen und wieder ausspeien, und dann liegst du da und fragst dich verwundert, was falsch gelaufen ist.’ “

In diesem Worten, mit denen Dave Masters seinen Freund und Studienkollegen charakterisiert, liegt fast der ganze Roman oder doch wenigstens die Persönlichkeit von John Williams Stoner.

William Stoner wächst zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts als einziger Sohn armer Bauern auf einer Farm in Missouri auf. Seine Eltern schicken den guten Schüler zur nächstgelegenen „Einsamkeit“ weiterlesen

Eine wunderbare Frau

Viel Theater um die Ehre in Henry James‘ „Eine Dame von Welt“

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.indd„Wissen Sie, es ist das beste Theater“, sagte sie zu Waterville, als wollte sie sich leutselig geben. „Und das ist Voltaire, der berühmte Schriftsteller.“
„Ich liebe die Comédie-Française“, antwortete Waterville lächelnd.
„Ein furchtbar schlechtes Haus, wir haben kein Wort verstanden“, sagte Sir Arthur.
„Ach ja, die Logen“, murmelte Waterville.
„Ich bin ziemlich enttäuscht“, fuhr Mrs. Headway fort. „Aber ich will sehen, was aus der Frau wird.“
„Dona Clorinde? Ach, vermutlich wird sie erschossen, in französischen Stücken werden die Frauen meistens erschossen“, meinte Littlemore.
„Das wird mich an San Diego erinnern!“, rief Mrs. Headway.
„Nicht doch, in San Diego waren es die Frauen, die schossen.“
„Sie scheinen sie nicht erschossen zu haben!“, erwiderte Mrs. Headway keck.
„Nein, aber ich bin von Wunden durchlöchert.“

Sie fängt schon gut an diese Comédie Française. Im Haus des gleichnamigen Pariser Theaters lässt James seine Hauptdarsteller zum ersten Mal auftreten. Die beiden befreundeten Amerikaner Rupert Waterville und George Littlemore sitzen zwar in Bühnennähe, richten ihre Aufmerksamkeit jedoch „Eine wunderbare Frau“ weiterlesen