„Geschichte ist etwas Angeborenes“

Anne Webers „Ahnen“ führt die Autorin durchs Riesengebirge zu sich selbst

ahnen„Ich denke mir die Zeit, die zwischen uns beiden liegt, als einen Weg. Wir sind zwei Wanderer, die auf derselben Strecke unterwegs sind, ohne einander je zu begegnen. Der Weg, der sich zwischen uns hinzieht und den keiner von uns je betreten wird, verbindet uns und trennt uns zugleich voneinander.“

 „Seit ich aufgebrochen bin zu dieser Reise in die Fremde, zu meinen Vorfahren hin, habe ich ein Bild vor Augen: Ich sehe ein unüberwindbar scheinendes Gebirge, das sich zwischen mir und dem hundert Jahre vor mir Geborenen aufrichtet. Ein gewaltiges Massiv, ein Riesengebirge; angehäuft aus Toten.“

Historikern ist das Vorgehen von Anne Webers in ihrem neuem Buch „Ahnen“ vertraut. Die Recherche prägt die Struktur ihres Zeitreisetagebuchs, das überdies, wie es jedem Tagebuch zu eigen ist, Empfindungen genauso beschreibt wie es Abschweifungen zulässt. Und so wie die Autorin sich während ihrer Arbeit fragt, ob ein Stöbern im Nachlass ihrer Ahnen zulässig sei, mag sich auch ein Leser fragen, ob das Lesen dieser von Verletzungen nicht freien persönlichen Geschichte, indiskret sei.

Anne Weber gewährt Einblick und dieser ragt im Ganzen gesehen über das rein „„Geschichte ist etwas Angeborenes““ weiterlesen

Diner bei Guermantes

Parsifal unter Blumenmädchen

Guermantes„Da erst bemerkte ich, daß rings um mich her, um mich, der ich bis zu diesem Tage – abgesehen von meinem Praktikum im Salon von Madame Swann – bei meiner Mutter, in Combray und in Paris, ein ganz anderes, entweder gönnerhaftes oder reserviertes Verhalten von Seiten mürrischer Damen der bürgerlichen Gesellschaft gewohnt war, die mich als Kind behandelten, ein Szenenwechsel sich vollzogen hatte, demjenigen vergleichbar, der Parsifal plötzlich unter die Blumenmädchen versetzt. Diejenigen, die mich nun umgaben, ganz dekolletiert (ihre entblößten Schultern zeigten sich zu beiden Seiten eines gewundenen Mimosenzweiges oder unter den weiten Blütenblättern einer Rose) begrüßten mich mit lauter langen, dahinschmelzenden und zärtlichen Blicken, als hindere sie einzig ihre Schüchternheit, mich zu küssen.“

Marcels Traum von der Herzogin wahrgenommen zu werden erfüllt sich mit der Einladung zum Diner bei den Guermantes. Das Idol, dem er seit der Begegnung in Combray und mehr noch während seiner morgendlichen Verfolgungen erlegen war, ist Mme de Guermantes jedoch längst nicht mehr. Die Begegnungen bei Mme de Villeparisis zeigten ihm, daß die von ihm verehrte Heilige eine oberflächliche „Diner bei Guermantes“ weiterlesen

TDDL 2015 – Frisches und Neues beim Bachman-Wettbewerb

Die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Von den Begleitveranstaltungen des diesjährigen Literatur-Wettkampfs in Klagenfurt sticht unter den lustig legendären ein ernsthafter hervor. Es ist der von Peter Hamm geleitete Abend am 27.6. im Klagenfurter Musil-Institut. Er widmet sich der Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze. Ausschnitte des 1980 von Hamm konzipierten Films „Der ich unter Menschen nicht leben kann. Auf der Suche nach Ingeborg Bachmann“ werden an diesem Abend zu sehen sein. Katharina Schmölzer und Kai Möller lesen aus dem Briefwechsel.

Eine Woche später, am 2. Juli, beginnt der Hauptteil des Bewerbs. Comme il faut treten auch diesmal frische Autoren an, ebenso neu ist die Zusammensetzung der Jury. Nachdem im vorletzten Jahr „TDDL 2015 – Frisches und Neues beim Bachman-Wettbewerb“ weiterlesen

Dieses Buch macht müd’

Anna Quindlen erzählt in „Ein Jahr auf dem Land“ von einer faden Selbstfindung

9783421046666_Cover„Was ihr in New York leger und praktisch vorgekommen war, wirkte hier so hochherrschaftlich wie ein Ballkleid. Als sie wegen der Uhr und den Kabeln im Walmart war, hatte sie sich zwei billige Jeans gekauft, außerdem Latzhosen, einen Sechserpack Männer-T-Shirts und ein Paar Wanderschuhe. Die meisten Kosmetika, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte, waren inzwischen aufgebraucht, und sie verwendete jetzt eine Gesichtscreme, die sie im Supermarkt gefunden hatte. In den Spiegel schaute sie so gut wie nie.“

Die Flucht auf das Land in ein in jeder Hinsicht Aufsichgeworfensein hat in der Literatur jeder Zeit Saison. Der ergiebige Stoff erlebt in Neuauflagen oder Verfilmungen der Klassiker von Thoreau und Haushofer eine Renaissance und inspiriert aktuelle Autoren.

So teilen Erwin Uhrmanns dystopischer Roman „Ich bin die Zukunft“ wie auch Doris Knechts Rückzug in den „Wald“ das innere Bedürfnis nach Distanz, während das drängende Äußere sich in Qualität und Quantität unterscheidet. Uhrmanns Held kämpft gegen „Dieses Buch macht müd’“ weiterlesen

Verrat als Fortschritt

Amos Oz schreibt in seinem neuen Roman „Judas“ über die Wirkmacht von Verrätern

Judas„Fast alle Menschen gehen mit geschlossenen Augen durchs Leben, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Auch Sie und ich, Schmuel, mein Lieber. Mit geschlossenen Augen. Würden wir die Augen auch nur eine Sekunde öffnen, würden wir auf der Stelle einen schrecklichen Schrei ausstoßen, wir würden schreien und nicht aufhören zu schreien.“

Als mein Literaturkreis das neue Werk „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz für unser nächstes Treffen wählte, war ich zunächst skeptisch. Ich hatte für Modicks Rilke-Roman gestimmt, ein Thema, für das mich wesentlich stärker zu interessieren glaubte als für Judas, Jesus oder den unlösbaren Konflikt zwischen Israel und Palästina. Entsprechend voreingenommen begann ich die Lektüre, der ich eine Lust von höchstens 40 Seiten einräumte. Doch Amos Oz, der mit zahlreichen Romanen der meist übersetzte Autor Israels ist und als Anwärter für den Literatur-Nobelpreis gilt, verfügt über literarische Tricks, die sogar mir einen Thesenroman über Judas schmackhaft machen.

Handelt es sich überhaupt um einen Thesenroman? Welche Rolle Jesus und somit Judas im Judentum spielt, ist zunächst der Gegenstand einer Magisterarbeit, die der 25-jährige Schmuel Asch, Hauptfigur „Verrat als Fortschritt“ weiterlesen

Kunstvolles Spiel von Wort und Bild

Angelika Overath porträtiert in „Sie dreht sich um“ die Nebenfiguren der Kunst

9783630873497_Cover„Ich habe mich treiben lassen, war in Edinburgh, Kopenhagen, Boston, Städte, die ich nicht kannte. Es war schön, zum ersten Mal irgendwo zu sein. Ich bin viel in Galerien. Und nun werde ich in die Berge fahren, ich weiß noch nicht wohin. Ich nomadisiere ein bißchen. So viele Jahre habe ich mich vernünftig verhalten. Wann, wenn nicht jetzt wäre Zeit für etwas Ungeplantes? Ich reise wie im Spiel, den Zufällen nach.“

Angelika Overath kenne ich seit sie im Jahr 2009 mit  „Flughafenfische“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Darin erzählt sie von der kapriziösen Fortpflanzungsakrobatik der Seepferdchen und von menschlicher Liebesmühe. Auch in ihrem neuen Roman findet sich ein Aquarium, doch der Schwerpunkt liegt auf Gemälden, in denen ihre Hauptfigur den Figuren der Maler begegnet.

Wie Bildwerke zu Literatur werden, habe ich im Herbst 2013 bereits in der Kunsthalle Karlsruhe bestaunt. In der Ausstellung „Unter vier Augen – Porträts sehen, hören, lesen“ zeigten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur ihre literarischen Bildphantasien zu Gemälden bekannter Künstler.

Angelika Overath war eine der beteiligten Künstlerinnen. Ihrer Betrachtung zu „Kunstvolles Spiel von Wort und Bild“ weiterlesen

Proust – Standesschranken

Ein Abend mit Robert de Saint-Loup, Bd. 3, 555-580

Guermantes„Die seltenen mit ihm zu zweit verbrachten Stunden, besonders aber diese, sind mir seither unvergesslich geblieben. Für ihn wie für mich war dies ein Abend der Freundschaft. Und doch brachte ich ihm wohl (aus diesem Grund auch von Gewissensbissen geplagt) in jenem Augenblick kaum, so fürchte ich, eine Freundschaft von der Art entgegen, wie er sie mir am liebsten eingeflößt haben würde.“

Saint-Loup ist auf Fronturlaub, seinen einzigen Abend in Paris will er mit Marcel verbringen. Er bittet, ihn in ein Restaurant zu begleiten. In diesem Gasthaus trifft sich Robert sehr oft mit seinen adligen Freunden, Marcel hingegen war noch nie dort. Als die Kutsche vor dem Eingang dieses Lokals, einer neumodischen Revolvertür, hält, fordert Robert den Freund auf schon einzutreten, während er den Kutscher bezahlt. Es ist sehr kalt an diesem Abend und Marcel sehr empfindlich.

Obgleich das Restaurant nur einen einzigen Gastraum besitzt, beherbergt es zwei „Proust – Standesschranken“ weiterlesen

Herkunft-Identität-Integration

Taiye Selasi ergründet in „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ die Brüche der Afropolitans

selasi„Warum wohnen wir hier?, fragte er sich, plötzlich wütend, in diesem Grau? Wie Schatten, Kreaturen aus Asche, deren zerbrechliche Wohlstandsträume beherrscht wurden von der leisen Angst, dass alles eines Tages einfach ins sich zusammenfallen könnte? Hatten sie etwas an sich, das sie in der Luft hängen ließ, trotz ihrer Intelligenz und obwohl sie so hart arbeiteten? Wenn das stimmte, warum konnten sie dann ihre Lage nicht einfach akzeptieren und sich bei den Armen niederlassen, die in Würde lebten? Er dachte an seine Klassenkameraden, die reichen in Brookline, die armen in Metco, und er irgendwo dazwischen, irgendwo in der Mitte steckengeblieben, ohne den Trost einer Gruppenzugehörigkeit, beschämt und verängstigt.“

Diese Gedanken bedrängen Olu, den ältesten Sohn von Kweku und Fola, er aus Ghana, sie aus Nigeria, die an einer Hochschule in Nordamerika zu einem Paar wurden.

Auf dieselben Wurzeln blickt auch Taiye Selasi zurück, die mit „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ ihr Debüt vorlegt. Geboren in London als Tochter eines Ghanaers und einer Nigerianerin wuchs sie in den USA auf und studierte in Yale. Während weiterer Jahre in Oxford lernt sie Toni Morrison „Herkunft-Identität-Integration“ weiterlesen

Klangschalenklöppel

Hajo Steinerts „Der Liebesidiot“ erzählt von der Last an der Lust

Der Liebesidiot von Hajo SteinertDen Ich-Erzähler eines Romans nicht mit dessen Autor gleichzusetzen muss Lesern und erst recht Rezensenten nicht erst gesagt werden. Doch beim Debüt Der Liebesidiotvon Hajo Steinert, den ich als Literaturkritiker schätze, werden sowohl der Autor wie auch dessen Hauptfigur nicht müde dies zu betonen.

Nachzuprüfen ist dies bei der Lektüre des Romans und bei dem Gespräch, das Wolfgang Herles mit dem Autor führte. Lag es nur daran, daß Herles im Interview auf dem Blauen Buchmessesofa das Alter von Autor und Hauptfigur verwechselte? Oder liegt es an der Thematik des Romans, der auf jeder zweiten Seite Einblicke in das voyeuristische Potential eines älteren Mannes bietet?

Mit Sicherheit könnten die beiden spezifischen Fähigkeiten, die der Autor mit seiner Figur teilt, zu Verwechslungen führen. Zum einen ist dies die Sensibilität für die gesprochene Sprache. Steinert wie sein Protagonist Sigmund Seiler besitzen die ausgebildete Stimme und „Klangschalenklöppel“ weiterlesen

Humus der Vergangenheit

Wie Erinnerungen gedeihen – Patrick Modianos „Gräser der Nacht“

modiano„Du hast eine kurze Zeit deines Lebens – einfach so in den Tag hinein, ohne dir Fragen zu stellen – unter seltsamen Umständen gelebt, umgeben von ebenfalls seltsamen Menschen. Und erst viel später kannst du endlich verstehen, was du erlebt hast und wer diese Menschen aus deiner Umgebung eigentlich waren, vorausgesetzt, man gibt dir endlich die Möglichkeit, eine verschlüsselte Sprache zu entwirren. Die meisten Leute sind nicht in dieser Lage: ihre Erinnerungen sind einfach, geradlinig und genügen sich selbst, und sie brauchen auch nicht zig Jahre, um sie zu erhellen.“

Diesen Erinnerungsprozess beschreibt Patrick Modiano in seinem jüngsten Roman „Gräser der Nacht“. Doch nicht nur der Ich-Erzähler auch der Autor selbst sind Meister des literarischen Erinnerns, wofür der 1945 geborene französische Romancier im zurückliegenden Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

Sein zunächst namenloser Held, dessen Vorname Jean sich erst spät offenbart, rätselt noch immer am Verschwinden seiner einstigen Liebe Dannie. Er betritt Orte der Vergangenheit und taucht durch sie in die zurückliegende Zeit. Doch handelt es sich anders als in Prousts Recherche nicht um eine „Humus der Vergangenheit“ weiterlesen