Landlust

Doris Knecht erzählt in Wald wie sich eine Stadtmaus zur Landmaus wandelt

U1_978-3-87134-769-6.indd„Das Leben am Land ist nicht zärtlicher als das Leben in der Stadt. Die Menschen sind nicht netter zueinander, weil sie sich besser und länger kennen oder alle irgendwie miteinander verwandt sind. Die schöne Natur um sie herum macht sie nicht dankbar und weich, im Gegenteil.“

Als ich in der Vorschau des Rowohlt-Verlags den neuen Roman von Doris Knecht entdeckte, erinnerte mich nicht nur sein Titel „Wald“ sofort an das bekannte Buch einer anderen österreichischen Autorin, „Die Wand“ von Marlene Haushofer. Hier wie dort wird eine Frau auf sich selbst zurückgeworfen, auf ein einsames, bescheidenes Leben als Selbstversorgerin. Eine Hütte in der Natur dient auch dem Protagonisten eines anderen aktuellen und ebenfalls österreichischen Romans als Zuflucht, Erwin Uhrmanns „Ich bin die Zukunft“. In beiden Romanen spielt die Finanzkrise eine Rolle, doch während sie in Uhrmanns Dystopie globale Katastrophen begleitet, wirkt sie bei Knecht im Privaten.

Die Heldin Marian Malin macht in Mode bis sie die Lehman Brothers, ein unfähiger Bankberater und dumme Geschäfte in den Ruin stürzen. Ihr sattes Leben im LOHA-Luxus „Landlust“ weiterlesen

Große Männer – Kleine Stadt

Hans Dieter Zimmermann erinnert in „Französische Hauptstadt, deutsche Provinz“ wie Proust einst seine Heimat besuchte

Badezeitung„Wer sich mit der Geschichte Kreuznachs beschäftigt, interessiert sich nicht für Proust, wer sich mit Proust befasst, dem ist diese Kurstadt nicht wichtig.“

Dieses eher als Lücke denn als Missstand zu bezeichnende Kuriosum der Stadtgeschichte enthüllt Hans Dieter Zimmermann mit seiner im Rimbaud-Verlag vorliegenden Monographie. Ihr Untertitel „Marcel Proust und der große Krieg – Bad Kreuznach und das kaiserliche Hauptquartier“ weist auf die beiden historischen Ereignisse, die der Autor in seinem zweigeteilten Werk zum Gegenstand macht.

Im Spätsommer 1897 begleiteten der 26jährige Marcel Proust und sein Bruder Robert ihre Mutter zu einem Kuraufenthalt nach Kreuznach. Sie logierten im Hotel Oranienhof, das 20 Jahre später der „Große Männer – Kleine Stadt“ weiterlesen

Die Konvertiten

Michel Houellebecq karikiert in „Unterwerfung“ Missstände in Gesellschaft und Religion

Houellebecq„Nicht nur der Sex hatte für Huysmans niemals die Bedeutung, die er ihm unterstellte, sondern dasselbe galt mit Sicherheit auch für den Tod, die existentiellen Ängste spielten für ihn keine Rolle. Was ihn an der berühmten Kreuzigung von Grünewald so sehr bewegt hatte, war nicht die Darstellung des Todeskampfes Christi gewesen, sondern die seiner körperlichen Qualen, womit Huysmans auch in diesem Punkt allen anderen Menschen glich, denen ihr eigener Tod im Allgemeinen mehr oder minder gleichgültig ist; ihre einzige wirkliche Sorge besteht darin, der körperlichen Qual so weit wie möglich zu entkommen. (…)

Das einzige echte Thema von Huysmans war das bürgerliche Glück, ein für Junggesellen auf schmerzhafte Weise unerreichbares bürgerliches Glück, …“

Diese Erkenntnis erlangt François, der 44jährige Ich-Erzähler, gegen Ende des Romans „Unterwerfung“. Sein Autor, Michel Houellebecq, kritisiert in dieser aktuellen Satire kollektive wie individuelle Zustände, die er entlang der Entwicklung seines Helden erzählt.

François, ein agnostischer Misanthrop, hat sich seit seiner Dissertation über Joris-Karl Huysmans vollkommen seinem Forschungsgegenstand verschrieben. Der französische Dandy und Literat dient „Die Konvertiten“ weiterlesen

Träume im Jardin caché

Erwin Uhrmanns Endzeitroman „ Ich bin die Zukunft“ beeindruckt mit suggestiven Beschreibungen und Gegenwartskunst

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„Unter dieser Hitze, ist sie schon in den Knochen, im Mark, vor der es kaum mehr einen Schutz gibt, keinen Keller, keinen Verschlag, kein Loch, nichts, verfärbt und verwittert die Landschaft, vergilbt und verkohlt. In den Gebirgen, den Hochtälern, den Falte an Falte liegenden Bergrücken, gibt es kühle Stellen, gibt es Schutz, nahe den Schneefeldern, an Wasserlöchern, in zwischen den Wänden gelegenen Schattenkäfigen, unter Überhängen und in Höhlen.“

Dystopien dienen oft als Mahner. Sie überzeichnen aktuelle Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Umwelt. Titel der jüngsten Zeit widmen sich den Gefahren der Digitalisierung, man denke an Dave Eggers Der Circle, den man durchaus in der Folge von Orwells 1984 sehen könnte. Doch auch Naturkatastrophen oder extraterrestrische Bedrohung eignen sich hervorragend zur Krise. Dieser begegnet oft ein Einzelner, der um sein Überleben in einer Welt kämpft, deren innere und äußere Ressourcen allmählich zu Grunde gehen.

Im vorliegenden neuen Roman des Österreichers Erwin Uhrmann mit dem anscheinend lebensbejahenden Titel Ich bin die Zukunft bahnt sich die Katastrophe erst an. Uhrmann schildert „Träume im Jardin caché“ weiterlesen

Maria will kein Puppenheim

Stephan Thome erzählt nach Hartmuts Fliehkräfte(n) nun von Marias Gegenspiel

Gegenspiel„Du wirst es nicht hören wollen, aber in einer Ehe redet man nicht über das Wichtige. Man redet einfach, über alles Mögliche. So überzeugt man sich davon, dass das, worüber nicht geredet wird, auch nicht wichtig sein kann.“

Selbst eine lange Ehe garantiert nicht immer eine dauernde Beziehung, von einer lebenslangen Liebe ganz zu schweigen, oft wird sie nicht erst durch den Tod geschieden. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der Trennungen in solchen Ehen in den letzten Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Anders als der im Roman kolportierte Witz, das Leben als Paar beginne erst, wenn die Kinder fort und der Hund tot sind, führen genau diese Veränderungen oft zum Ende einer Beziehung.

Auch die Ehe in Stephan Thomes neuem Roman „Gegenspiel“ scheint gefährdet. Das Paar, Hartmut, an die 60, Philosophieprofessor in Bonn, und seine Frau Maria leben seit einem Jahr in verschiedenen Städten. Maria übt in „Maria will kein Puppenheim“ weiterlesen

Buon Viaggio e Bella Giornata con Trenitalia

In „Italien in vollen Zügen“ schildert Tim Parks die Tücken und Freuden der italienischen Eisenbahn

Parks, zügen

„INTERCITY – Sei – Zero – Otto – UGO FOSCOLO! – di-prima-e-seconda-classe – delle ore – sedici – e – Zero – cinque – conserviziodiristoranteeminibar – per – VENEZIA SANTA LUCIA! – è in partenza dal binario – QUATTORDICI – si ferma a – Brescia – Desenzano-Peschiera – Verona Porta Nuova – San Bonofacio – Vicenza – Padova- e – MESTRE! – carozze di prima classe in settori – B – E – C.“

Eine derartige Durchsage hätte Mark Twains Begeisterung für das italienische Eisenbahnwesen, welches er über die Antiken stellte, ohne Zweifel gesteigert. Twain hatte Humor, der für eine Reise im italienischen Schienennetz die beste Voraussetzung ist. Dies bestätigen auch meine Erinnerungen an Reisen im Liegewagen durch die nächtliche Po-Ebene oder an unzählige Fahrten mit der Circumvesuviana. Man war auf alles gefasst, Diebstähle, Verspätungen, Wartezeiten, und erreichte schließlich das Ziel voll interessanter Beobachtungen.

So war es vor vielen Jahren. Neuerdings übertrifft, wie ich unlängst in „Buon Viaggio e Bella Giornata con Trenitalia“ weiterlesen

Blinde Brüder

Angharad Price besingt im Roman ihrer Familie das Walisische Idyll

price„Mir war ein langes, an Erfahrung reiches Leben beschieden, es hat sich über das ganze zwanzigste Jahrhundert erstreckt. Ich habe die Schläge des Unglücks zu spüren bekommen und die Liebkosungen des Glücks. Viele dunkle Stunden habe ich durchlebt. Aber immer wieder wurde es hell. Ich habe gelernt: Haben bedeutet Verlieren. Das ist der Preis.“

Dieses Resümee formuliert Rebecca Jones, die Ich-Erzählerin in Angharad Prices Roman, als sich ihr Leben seinem Ende nähert. In Tynybraich bei Maesglasau in einem Tal von Wales wurde sie 1905 als älteste Tochter eines Farmers geboren. Sie schildert das harte Leben in der Natur, besingt diese aber hymnisch. Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Jones, Vater Evan, Mutter Rebecca und die Kinder Rebecca, Robert, Gruffydd, William und Lewis, sowie deren Vor- und Nachfahren. Zu ihnen zählt auch die Autorin dieser Familienbiographie, Angharad Price. Sie ist die Großnichte der Erzählerin und Literaturwissenschaftlerin an der walisischen Universität Bangor. Ihren Roman, der in Wales ausgezeichnet wurde, nutzt sie als Streitschrift für die Kultur ihres Landes.

Dennoch ist es eine fiktive Familienchronik, die sie ihre Protagonistin in fünf Kapiteln „Blinde Brüder“ weiterlesen

„Ein jeder hinkt für sich allein“

Tod und Trauma prägen Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“

Seethaler„Der Tod gehört zum Leben wie der Schimmel zum Brot“, dieser Satz fällt im neuen Roman von Robert Seethaler, der laut Titel „Ein ganzes Leben“ schildern will. Ist dies überhaupt möglich auf 154 Seiten? Zumal die Ereignisse der von Seethaler gewählten Handlungszeit selbst das abgelegene Hochgebirgstal erreichen.

Dort verbringt Andreas Egger fast sein ganzes Leben. 1902 kam der Vierjährige nach dem Tod seiner Mutter, der Vater war längst abhanden gekommen, aus der Stadt in die Obhut seines Onkels. Der wohlhabende Bergbauer nahm ihn als heranwachsende billige Arbeitskraft auf, versorgte ihn mehr schlecht als recht und ließ an dem Kind seine sadistischen Neigungen aus. Die Misshandlungen, an die ihn sein hinkendes Bein immer erinnern wird, erträgt Egger so lange bis er stark genug ist sich zur Wehr zu setzten. Er verlässt den Hof, gerade 16 Jahre alt, bleibt aber im Dorf und verdingt sich als Hilfsknecht. Später findet er sein Auskommen beim Bergbahnbau. Als Ortskundiger erschließt er den unzugänglichen Fels. Mit 29 Jahren kann er sich ein kleines Grundstück am oberen Ortsrand leisten, wo er eine Hütte baut.

Es wundert, daß Egger in diesem Dorf bleibt, das ihn weder willkommen heißt noch aufnimmt. Sein karges Dasein hellt sich auf als er die Hilfskellnerin Marie heiratet. Doch eine Lawine nimmt „„Ein jeder hinkt für sich allein““ weiterlesen

Auf eine Zigarre mit Schlemihl

In seinem neuen Roman Pfaueninsel hinterfragt Thomas Hettche die Exotik des Anderen

pfaueninsel„Ich werde mir meine Siebenmeilenstiefel unterschnallen und nach Griechenland reisen. Tun Sie mir den Gefallen und rauchen in meiner Abwesenheit keinen türkischen Tabak?“
„Am liebsten“, sagte sie, „käme ich mit.“
„Aber Mademoiselle!“ protestierte Schlemihl lächelnd, „Ihr Platz ist doch hier.“
„Und weshalb?“ entgegnete sie. „Weil ich ein Monster bin? Eingesperrt auf dieser Insel für mein ganzes Leben?“
„Ein Monster?“ Schlemihl sah sie entsetzt an. „Wer sagt das?“
Marie schüttelte den Kopf. Es war ihr peinlich, das Wort ausgesprochen zu haben. Daß Schlemihl sie nun schon wieder verließ, in die Welt hinauszog, die sie niemals sehen würde, hatte sie aufgewühlt.

Was definiert den Historischen Roman? Daß seine Handlung in der Vergangenheit spielt, ferne Orte und Ereignisse in unserer Phantasie erneut zum Leben erweckt? Damit es dieser nicht zu fad wird, setzen die trivialen Vertreter dieses Genres gerne auf Sex&Crime. Mord und Totschlag meist als Folgen kriegerischer Auseinandersetzung zählen zum Tagwerk, schwierige Geburten wie schlimme Schicksale für Mutter und Kind gehen auf das Konto barbarischer Zustände. Derartiges webt auch Thomas Hettche in sein aktuelles Werk Pfaueninsel, allerdings erfüllt er nicht nur literarisch höhere Ansprüche. „Auf eine Zigarre mit Schlemihl“ weiterlesen

Krawatten und Kokain

Astrid Rosenfelds Andromeda: Elsa ungeheuer

ElsaZwei Tage vor Halloween traf sich unser Literaturkreis. Auf dem Programm stand Elsa ungeheuer, mich gruselte es ehrlich gesagt schon beim Titel. Was wie ein Kinderbuch über ein freches Mädchen daher kommt, hat ganz klar auch ein solches zum Vorbild. Pippi Langstrumpf ist in diesem Fall aber eindeutig nicht jugendfrei und orientiert sich im forcierten Durchknallfaktor seines Personals eher an Irving. Wir hören jedoch nicht, wie Garp die Welt sah, sondern wie Elsa sie sich macht. Natürlich so, und da sind wir doch wieder bei Lindgren, wie sie ihr gefällt.

Von der Mutter in einem öden Ort bei Verwandten abgegeben, sucht Elsa sich die Rosinen im Dorfmist. Das sind Karl und Lorenz, zwei Brüder in ihrem Alter, und ein seltsames Murmeltier gehobenen Alters, das den Kindern durch Gute-Bett-Geschichten „Krawatten und Kokain“ weiterlesen