Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­rer­in­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fragen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehnte.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008

Halbgares Gericht

Viele Fragen bleiben offen in Hermann Kochs „Angerichtet

 Die­ses Buch be­grüßt sei­nen Le­ser mit ei­nem ap­pe­tit­li­chen ro­ten Hum­mer auf blau­em Grund und ver­weist auf den Hand­lungs­ort des Ro­mans. Es ist ein Re­stau­rant der ge­ho­be­nen Klas­se, in dem sich zwei Brü­der mit ih­ren Ehe­frau­en zum Din­ner tref­fen. Der An­lass ist ei­ne drin­gen­de An­ge­le­gen­heit, über die sie re­den müs­sen. Doch zu die­sem Ge­spräch, das letzt­end­lich im Ver­such ste­cken bleibt, kommt es erst ge­gen En­de. Bis da­hin er­fährt der Le­ser über die ver­schie­de­nen Gän­ge ei­nes Me­nüs ver­teilt die wich­tigs­ten Zu­ta­ten der Ge­schich­te. Ser­viert wer­den sie von Paul Loh­mann, dem Ich-Er­zäh­ler, auf­be­rei­tet in sei­nen Rück­blen­den, Ein­sich­ten und Mei­nun­gen. Kom­po­niert hat dies Her­mann Koch durch­aus mit Span­nung und in sar­kas­ti­schem Ton. Die­sen ver­leiht er sei­ner Fi­gur Paul, der „Halb­ga­res Ge­richt“ wei­ter­le­sen

Stadtluft macht frei

In „Eine Sache wie die Liebe” erzählt Hans Bender von einer Jugend nach dem Krieg

Nach all” den mo­der­nen Co­m­ing-of-Age Ge­schich­ten lohnt sich ein Blick zu­rück. Wie fühl­te es sich an in der nach­kriegs­deut­schen Pro­vinz der Fünf­zi­ger­jah­re er­wach­sen zu wer­den? Wel­che For­men der Ab­gren­zung nutz­te ein Ju­gend­li­cher da­mals? Wel­che Er­fah­run­gen macht er mit Lie­be, Se­xua­li­tät und vor al­lem mit sich selbst? Da­von er­zählt Hans Ben­der in sei­nem 1954 er­schie­ne­nen De­büt „Ei­ne Sa­che wie die Lie­be“. Die da­ma­li­ge Kri­tik be­zeich­ne­te den Ro­man als den Lie­bes­ro­man der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Doch er ist viel mehr als nur das.

Lie­be ist ein zeit­lo­ses Phä­no­men, un­ab­hän­gig von Ort und Zeit blei­ben die Auf­wüh­lun­gen, die sie im In­ne­ren der Be­tei­lig­ten aus­lö­sen, im­mer nach­voll­zieh­bar, weil man sie selbst er­lebt hat. Doch könn­te man sie auch so in­ten­siv zu Pa­pier brin­gen wie dies Hans Ben­der ge­lang? In sei­nem schma­len, vor knapp 60 Jah­ren er­schie­nen Ro­man schil­dert er die Ge­schich­te ei­ner ers­ten Lie­be. Dar­an be­tei­ligt sind Ro­bert und Mar­gret. Bei­de le­ben in ei­nem klei­nen Ort in der süd­deut­schen Pro­vinz. Ro­bert als Sohn des Be­sit­zers der Dorf­wirt­schaft schon im­mer. Mar­gret hin­ge­gen hat zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter „Stadt­luft macht frei“ wei­ter­le­sen

Das Kuscheltier des Philosophen

Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne

Am lin­ken Ohr des Lö­wen zeig­te sich ein klei­ner Ma­kel im Fell, of­fen­bar ei­ne Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war da­zu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trau­en in die Welt, zu­min­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Ar­ti­go, ei­ner kunst­his­to­ri­schen Da­ten­bank, die Stich­wor­te Lö­we und Hie­ro­ny­mus ein­gibt, er­hält ei­ne Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Su­jets. Ei­ne li­te­ra­ri­sche legt Si­byl­le Le­wit­schar­off in ih­rem Ro­man „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehr­te, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu ei­nem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bi­bel­tex­ten, son­dern an sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken feilt. Dann ei­nes Nachts im pro­fes­so­ra­len Ge­hä­us, vul­go Ar­beits­zim­mer, ma­te­ria­li­siert sich ein Lö­we, oder bes­ser, er er­scheint. Das Ma­te­ri­el­le bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn au­ßer ihm nimmt kein an­de­rer das Tier war, kein an­de­rer nor­ma­ler Mensch, ei­ne Non­ne aus­ge­nom­men, was dem li­te­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Le­ser zu Den­ken ge­ben soll­te. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Ge­schich­te die­ser Er­schei­nung ist ge­konnt und ver­gnüg­lich er­zählt. Im ers­ten Teil des Ro­mans ha­be ich sie auch ger­ne ge­le­sen. Da­zu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der li­te­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zi­ta­te bei, die Fa­bu­lier­kunst und der sub­ti­le Witz der Au­torin. Be­son­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Ex­em­pel la­den ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemm­te Stu­den­ten­jün­ger, fe­mi­nis­ti­sches WG-Tee­trin­ken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur ei­ner, doch auch der beißt wie die an­de­ren drei viel zu früh ins Gras.

Le­wit­schar­offs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild üb­ri­gens et­li­che Mi­nia­tu­ren zum Lö­wen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Lö­wen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rier­te Leo­ka­pi­tel er­schei­nen im Ro­man. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der ei­ge­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zu­ge­neigt war, in­ter­pre­tiert die Er­schei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das fin­de ich trotz al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich wür­de es we­nig ge­fal­len, wenn ein Ro­man mich er­we­cken wür­de oder gar da­zu ver­don­nern als from­me Non­ne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel mei­ne an­fäng­li­che Be­geis­te­rung zum Er­de hin et­was ab. Klar, es gibt noch je­de Men­ge Zi­ta­ten­schät­ze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Hei­deg­ger, al­te und mo­der­ne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mo­se­bach und Ge­n­azi­no blit­zen um die Ecke. Dies al­les häuft sich zu ei­ner sehr ge­lehr­sa­men Sa­che um am En­de den Weg al­ler Gläu­bi­gen zu ge­hen. In ei­ner Höh­le, ge­stal­tet von Pla­ton, Dan­te und Be­ckett, la­gern die Ver­stor­be­nen des Ro­mans, un­ter ih­nen der Phi­lo­soph mit sei­nem Be­glei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich ei­ne mys­ti­sche Trans­for­ma­ti­on, die al­len eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freu­de ma­chen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn ei­ner Jü­din,…, ka­tho­lisch ge­tauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als kei­ne Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, ei­ni­ge Se­mes­ter am Frank­fur­ter Je­sui­ten­kol­leg,…, hat­te stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei da­hin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Au­torin in ih­rem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der nä­her. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Lö­wen, Blu­men­bergs Trost- und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein über­gro­ßes Ku­schel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten so­mit bes­tens versiert.

Si­byl­le Le­wit­schar­off er­hält für ih­ren Ro­man den dies­jäh­ri­gen Wil­helm-Raa­be-Li­te­ra­tur­preis.

Zu­dem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Obelix lernt lieben

Marie-Sabine Roger schildert in „Das Labyrinth der Wörter” eine rosarote Bildungserweckung

Ger­main, ein gut in­te­grier­ter Bil­dungs­be­nach­tei­lig­ter, vul­go Dorf­trot­tel, kommt zu­recht in sei­ner klei­nen Welt. Die­se be­steht aus sel­te­nen To­ma­ten­sor­ten, ei­nem Wohn­wa­gen, ei­ner her­ri­schen Mut­ter, ei­ner Ge­le­gen­heits­ge­lieb­ten und di­ver­sen Knei­penk­um­peln. Dass Ger­main nicht ganz bei Trost ist, merkt man spä­tes­tens bei des­sen un­ab­läs­si­gem Ver­such sei­nen Na­men auf dem Krie­ger­denk­mal zu ver­ewi­gen. Ei­nes Ta­ges trifft er beim Tau­ben­zäh­len im Park Mar­gue­rit­te, ei­ne net­te Al­te, die mit ihm ein Er­zie­hungs­ex­pe­ri­ment sta­tu­ie­ren möchte.

Oh­ne den hier und da auf­blit­zen­den fran­zö­si­schen Charme hät­te ich es wohl nicht über die ers­te CD der Hör­buch­ver­si­on die­ses päd­ago­gi­schen Mär­chens hin­aus ge­schafft. Als die Lek­tü­ren ins Spiel ka­men wur­de es et­was in­ter­es­san­ter. Viel­leicht soll­te man sei­ne Zeit eher mit die­sen zu­brin­gen. Ge­le­sen wur­de au­ßer Die Pest von Ca­mus; Ju­les Su­per­viel­le, Das Kind vom ho­hen Meer; Lou­is Se­púl­ve­da, Der Al­te, der Lie­bes­ro­ma­ne las und Ro­main Ga­ry, Frü­hes Ver­spre­chen. Wenn Ro­gers Buch da­zu ani­mie­ren soll­te die Pest oder viel­leicht ei­nes der an­de­ren Bü­cher zu le­sen, hat es doch ei­nen Sinn ge­habt. An­sons­ten fand ich sie ziem­lich ro­sa­rot, die­se Piep-piep-piep-ich-hab-euch-al­le-lieb-Li­te­ra­tur, die zu­dem noch je­de Men­ge frau­en­feind­li­che An­sich­ten transportiert.

Mein größ­ter Spaß wäh­rend des Hö­rens war, ab­ge­se­hen da­von, daß ich ne­ben­bei Fens­ter put­zen durf­te, die so­for­ti­ge As­so­zia­ti­on dem gu­ten, al­ten Obelix zu lau­schen. Ist Ste­phan Ben­son, der das Hör­buch ein­ge­le­sen hat, tat­säch­lich der deut­sche Syn­chron­spre­cher von Gé­rard De­par­dieu oder wur­de ich durch die Film­pla­ka­te manipuliert?

Für mich ist es von An­fang an Obelix, der sei­ne Bil­dungs­ge­schich­te er­zählt. Dass er sich „Obelix lernt lie­ben“ wei­ter­le­sen

Marito und der Kitschschreiber

Wie Mario Vargas Llosa einst Medienkritik übte

Der In­halt des 1977 er­schie­nen Ro­mans Tan­te Ju­lia und der Kunst­schrei­ber ist, so­fern noch nicht hin­läng­lich be­kannt, kurz er­zählt. Ein jun­ger Stu­dent in Li­ma ver­dient sich als Nach­rich­ten­re­dak­teur ei­nes lo­ka­len Ra­dio­sen­ders ein Zu­brot, wäh­rend er ei­gent­lich ei­ne Kar­rie­re als Schrift­stel­ler er­träumt. Ei­nen sol­chen oder bes­ser den Schrei­ber quo­ten­träch­ti­ger Ra­di­o­no­ve­las lernt er bald ken­nen und be­nei­det die­sen um sei­nen Pu­bli­kums­er­folg. Erst nach und nach er­kennt er, und mit ihm auch der Le­ser, dem in je­dem zwei­ten Ka­pi­tel ei­nes die­ser Dra­men prä­sen­tiert wird, daß er­folg­rei­che Hör­spie­le nicht un­be­dingt et­was mit Li­te­ra­tur zu tun ha­ben müs­sen. Die an­de­ren Ka­pi­tel er­zäh­len die au­to­bio­gra­phisch in­spi­rier­te Lie­bes­ge­schich­te des 18-jäh­ri­gen Ma­ri­to mit sei­ner 32-jäh­ri­gen Tan­te Ju­lia, de­ren in­ner­fa­mi­liä­re Kon­flikt­hal­tig­keit al­lei­ne schon ein Hör­spiel­dra­ma ab­ge­ben würde.

Wenn man sich nicht von dem No­bel­preis be­ein­dru­cken lässt und un­vor­ein­ge­nom­men zu die­sen Buch greift, ist der Är­ger vor­pro­gram­miert. War­um, so frag­te sich die Le­se­rin, ver­schwen­de ich kost­ba­re Le­se­zeit mit ei­ner halb­ga­ren Love­sto­ry und noch schlim­mer mit Ge­schich­ten, die Sen­sa­ti­ons­gier und Voy­eu­ris­mus be­die­nen und bes­ser in die Klatsch­spal­ten der Bun­ten Blät­ter als zwi­schen zwei Buch­de­ckel des Suhr­kamp Ver­la­ges pas­sen würden.

Doch spä­tes­tens, wenn ein schreck­li­cher Un­glücks­fall das Le­ben ei­nes un­schul­di­gen Kin­des „Ma­ri­to und der Kitsch­schrei­ber“ wei­ter­le­sen

Lesen und darüber reden – Ein Ratgeber für Lesekreise

Wer, wo, wie und was beantwortet Thomas Böhm in Das Lesekreisbuch

Da ich selbst seit ei­ni­gen Jah­ren an ei­nem Le­se­kreis teil­neh­me und die Hür­den und Tü­cken ei­ner sol­chen frei­wil­li­gen Ver­samm­lung le­se­wil­li­ger und dis­kus­si­ons­freu­di­ger Men­schen mit un­ter­schied­li­chem Buch­ge­schmack ken­ne, war ich be­geis­tert als ich die­sen Ti­tel sich­te­te und griff so­fort zu.

Es soll­te mein Scha­den nicht sein. Ein bis zwei ver­gnüg­li­che Le­se­stünd­chen ha­be ich mit dem Buch ver­bracht. Aber bin ich nun schlau­er als zuvor?

Tho­mas Böhm, der lan­ge den Le­se­kreis des Köl­ner Li­te­ra­tur­hau­ses lei­te­te, plau­dert aus dem Näh­käst­chen und geht da­bei gleich­zei­tig sehr ana­ly­tisch vor.

Er be­ginnt wirk­lich ganz am An­fang. Das Co­ver, auf dem Nach­barn über Bal­kon­brüs­tun­gen hin­weg die Li­te­ra­tur­dis­kus­si­on su­chen, ist Pro­gramm. Wie fin­det man al­so Mit­glie­der, wenn nicht die ei­ge­nen Nach­barn eben­so be­geis­ter­te Le­ser sind? Wo trifft man sich am bes­ten? Was soll­te man bei der Lek­tü­re­wahl berücksichtigen?

Böhm gibt Tipps, wie man die ver­ein­bar­te Lek­tü­re liest. Am bes­ten mit Stift und Zet­tel, da­mit die un­mit­tel­ba­ren Le­seas­so­zia­tio­nen nicht ver­lo­ren ge­hen. Er rät, sich un­be­dingt auf den Abend vor­zu­be­rei­ten, in­dem man sich Fra­gen stellt und no­tiert. Ge­ra­de die­se Ab­schnit­te sind die wert­volls­ten die­ses Rat­ge­bers, sie soll­ten in je­dem Le­se­kreis zur Lek­tü­re emp­foh­len wer­den. Sie brin­gen zwar ge­ne­rell kei­ne neu­en Er­kennt­nis­se, vor al­lem nicht den­je­ni­gen, die schon lan­ge an der­ar­ti­gen Run­den teil­neh­men. Böhm for­mu­liert je­doch die Be­triebs­an­lei­tung der Buch­dis­kus­si­on prä­gnant und mit ei­nem Augenzwinkern.

Für al­le An­fän­ger lie­fert das Buch zu­dem ein paar le­bens­prak­ti­sche De­tails, Be­wir­tung und Kos­ten­ver­tei­lung, An­fahrts­pro­ble­me und ein paar Ideen für Bü­cher­spie­le, die je­doch eher ih­ren Platz beim Kin­der­ge­burts­tag haben.

Am Schluss gibt es ei­nen kur­zen his­to­ri­schen Ab­riss in Dia­log­form und meh­re­re Le­se­lis­ten von le­seer­prob­ten Men­schen. Je­weils zehn Lek­tü­re­vor­schlä­ge von Hen­ning Rit­ter, Joa­chim Sar­to­ri­us, De­nis Scheck, Ge­org Klein, Joa­chim Król, ei­ne aus­führ­lich kom­men­tier­te Lis­te von Sig­rid Löff­ler, so­wie ei­ne knapp kom­men­tier­te von Ant­je Deistler.

Der Au­tor selbst lie­fert gleich zwei Lis­ten für die­sen An­hang, ei­ne mit er­prob­ten, dis­kus­si­ons­träch­ti­gen Lek­tü­ren und ei­ne Wunschliste.

 

Man hört nur mit den Ohren gut

Tausendundeine birmanische Erbaulichkeit serviert von Jan-Philipp Sendker — Literaturkreis 2/2011

Ich dach­te ja schon al­les hin­ter mir zu ha­ben seit den einst im Fran­zö­sisch­un­ter­richt zwangs­wei­se ver­ord­ne­ten Weis­hei­ten ei­nes ge­wis­sen klei­nen Prin­zen und den Nai­vi­tä­ten ei­nes be­zopf­ten Best­sel­le­re­so­te­ri­kers. Aber, so wür­den mir die Adep­ten die­ser Ver­kün­der zu­ru­fen, die Prü­fun­gen hö­ren nie­mals auf! Folg­lich er­war­te­te mich im ak­tu­el­len Buch un­se­res Li­te­ra­tur­krei­ses ei­ne neue Her­aus­for­de­rung. „Das Her­zen­hö­ren“, die­ser Ti­tel klang in mei­nen Oh­ren be­reits ver­däch­tig rühr­se­lig, auch das hell­blau apri­cot­far­be­ne, ei­ne ge­wis­se Süß­lich­keit aus­strah­len­de Co­ver und der ali­te­ra­ri­sche Gold­mann-Ver­lag tru­gen nicht ge­ra­de er­heb­lich zur Zu­ver­sicht bei.

Der Klap­pen­text kün­digt ei­ne Ge­schich­te vol­ler Wun­der und Weis­hei­ten an, die Su­che nach der Ver­gan­gen­heit des Va­ters und dem Ge­heim­nis der ewi­gen Lie­be. Die­ses Ge­heim­nis trägt als Span­nungs­bo­gen die ge­sam­te Handlung.

Ein äl­te­rer Mann bir­ma­ni­scher Her­kunft ver­schwin­det aus sei­ner ge­si­cher­ten „Man hört nur mit den Oh­ren gut“ wei­ter­le­sen

Voyeuristisches Putzen II.

Schweinereien in Anne B. Ragde, Das Lügenhaus – Literaturkreis 12/2010

Wenn Müt­ter im Ster­ben lie­gen ver­sam­meln sich in der Re­gel ver­lo­re­ne, ver­stos­se­ne und ge­lieb­te Kin­der an ih­rem Bett. Im vor­lie­gen­den Ro­man steht die­ses in ei­ner Kli­nik in Trond­heim, ein gan­zes Stück weit ent­fernt von dem Hof der Fa­mi­lie in By­ne­set. Die­sen be­woh­nen Mut­ter, Va­ter und der al­lein­ste­hen­de Sohn Tor, der ein in­ni­ges Ver­hält­nis zu den Schwei­nen sei­ner Zucht un­ter­hält. Es ist kalt und man schweigt, so wie man es von Nord­nor­we­gern er­war­tet. Bru­der Mar­gi­do ar­bei­tet als Be­stat­ter, was sich so­wohl für den dras­ti­schen Ro­man­ein­stieg als auch für den Fort­gang der Ge­schich­te als äu­ßerst prak­tisch er­weist. Au­ßer­dem stei­gert es na­tür­lich die de­pres­si­ve At­mo­sphä­re, die der ge­mei­ne Le­ser in Nord­nor­we­gen erwartet.

Die Schrei­be­rin die­ser Zei­len hät­te das Buch nach die­sem ers­ten Ka­pi­tel fast zur Sei­te ge­legt. Doch nach ei­ni­gen Ta­gen Pau­se und meh­re­ren Selbst­er­mun­te­run­gen wag­te sie es noch ein­mal und wur­de nach der An­fangs­ka­ta­stro­phe in die hei­le Welt des jüngs­ten Soh­nes ge­führt. Die­se ist „Voy­eu­ris­ti­sches Put­zen II.“ wei­ter­le­sen

Voyeuristisches Putzen I.

Die Suche nach Nähe in Markus Orths’ Roman „Das Zimmermädchen“ — Literaturkreis 1/2011

Wer kennt dies nicht? Vor dem Ver­las­sen des Ho­tel­zim­mers noch schnell das Nacht­hemd wie­der in den Kof­fer stop­fen, da­mit we­nigs­tens die­ses in­ti­me Klei­dungs­stück nicht von den Hän­den ei­ner Frem­den be­rührt wird? Dass die­se Frau, denn im­mer noch han­delt es sich in den sel­tens­ten Fäl­len um ei­nen Mann, daß al­so die­se für Rei­ni­gung und Ord­nung des an­ge­mie­te­ten Zim­mers zu­stän­di­ge Per­son auch an­de­re In­ti­mi­tä­ten, näm­lich den ganz per­sön­li­chen Schmutz be­sei­tigt und die zer­wühl­ten Bett­la­ken glatt­zieht, nimmt man hin. Noch mehr, es freut ei­nen, wenn die­se im Preis in­be­grif­fe­ne Putz­ak­ti­on be­son­ders sorg­fäl­tig durch­ge­führt wurde.

Un­über­treff­bar in die­ser Dis­zi­plin gibt sich Orths Zim­mer­mäd­chen im Ho­tel Eden sei­nen Auf­ga­ben hin. Sie putzt zu­erst das Bad, dann saugt sie die Bö­den, wischt mit ei­nem feuch­ten Tuch den kaum sicht­ba­ren Staub, wech­selt die Bett­wä­sche nach Tur­nus und die Hand­tü­cher nach Bedarf.

Doch Lynn ge­nügt dies nicht. „Wo an­de­re Zim­mer­mäd­chen nichts mehr se­hen, fängt es bei Lynn erst an.“ Mes­ser und Dau­men­nä­gel krat­zen den Schmutz aus Rit­zen und von Ar­ma­tu­ren, sie rei­nigt so­gar den Spalt zwi­schen Spie­gel und Ka­cheln. Sie putzt un­sicht­ba­re Fle­cken und wür­de am liebs­ten „Voy­eu­ris­ti­sches Put­zen I.“ wei­ter­le­sen