Sensation Seeking im Hinterland

Das Leben, wie es wirklich ist — „Grenzgang“ von Stephan Thome

Die fi­na­le Ant­wort gibt es so­wie­so nicht, hat er frü­her sei­nen Stu­den­ten ge­sagt. Kei­ne For­mel, in die sich fas­sen lie­ße, was wir tun und war­um. Es gibt nur die Su­che und manch­mal das Finden.“

Sen­sa­ti­on See­king ist ein Be­griff aus der Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gie. Er be­schreibt die Ver­hal­tens­dis­po­si­ti­on von Men­schen, de­ren Wohl­ge­fühl von sti­mu­lie­ren­den Rei­zen ab­hängt. Dies kön­nen ris­kan­te Sport­ar­ten sein, Rei­sen ins Un­be­kann­te, un­kon­ven­tio­nel­le Sex- oder Dro­gen­erfah­run­gen oder auch so­zi­al ent­hemm­te Sauf­ge­la­ge. Sol­che Sen­sa­ti­on See­kers sind die Haupt­fi­gu­ren in Ste­phan Tho­mes Ro­man „Grenz­gang“ nicht. Sie sind scheu zu­rück­hal­tend und su­chen doch Kicks aus ih­rem als lang­wei­lig emp­fun­de­nen Le­ben. Sie be­ge­hen Klein­de­lik­te, kau­fen sich die Schrän­ke voll, tref­fen Ver­ab­re­dun­gen auf Sin­gle­sei­ten oder er­kun­den ei­nen Swin­ger-Club. Wer die­se Art von Span­nungs­stei­ge­rung nicht be­nö­tigt, und das wird der Groß­teil der Ber­gen­städ­ter sein, fin­det sei­nen Aus­gleich im Grenz­gang. Bei die­sem Volks­fest wird drei Ta­ge lang viel ge­wan­dert und ge­trun­ken. Es bil­det den Hand­lungs­rah­men und prägt die Struk­tur des Ro­mans. In sei­nem Sie­ben-Jah­res-Rhyth­mus wer­den die Ent­wick­lun­gen der Er­eig­nis­se und der Per­so­nen be­leuch­tet. Al­ler­dings be­gnügt sich Thome nicht mit ei­ner chro­no­lo­gi­schen Er­zähl­fol­ge. Der Grenz­gang gibt le­dig­lich die Zeit­sprün­ge vor, mit de­nen die Er­in­ne­run­gen durch das Ge­sche­hen navigieren.

Ber­gen­stadt, der Hand­lungs­ort des Ro­mans, ist die Fik­ti­on von Bie­den­kopf, ei­nem Ort im hes­si­schen Hin­ter­land na­he Mar­burg. Ste­phan Thome ist dort ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Er kennt sich aus mit den Ge­pflo­gen­hei­ten des Grenz­gangs, aber auch mit dem Ge­fühl, in die­sem Hin­ter­land zu le­ben. Zwar liegt die Uni­ver­si­täts­stadt Mar­burg nicht weit ent­fernt, bleibt al­ler­dings be­schau­lich hin­ter Frank­furt und Köln zu­rück. Wer et­was er­le­ben will, muss dort hin oder am bes­ten gleich nach Ber­lin. Wie es ist von dort kom­mend in Ber­gen­stadt zu stran­den, er­fah­ren wir wech­sel­wei­se von der ein­ge­hei­ra­te­ten Kers­tin Wer­ner und von Tho­mas Weid­mann, ei­nem Mann, der an Welt und Wis­sen­schaft ge­schei­tert sich auf sein Kind­heits­ter­rain be­sinnt, um „ein Le­ben (zu) be­gin­nen, das er nie ge­wollt hatte“.

Kers­tin lernt 1985, beim ers­ten Grenz­gang des Ro­mans, der wie al­le fol­gen­den aus er­zäh­le­ri­schen Grün­den dem rea­len ein Jahr vor­aus eilt, ih­ren künf­ti­gen Ehe­mann Jür­gen ken­nen. Oder bes­ser ih­ren Ex-Mann, denn nach ei­nem Kind und zwei wei­te­ren Grenz­gän­gen trennt sich das Paar. Kers­tin bleibt in Ber­gen­stadt. Sie küm­mert sich um ih­re de­men­te Mut­ter und sorgt sich um den pu­ber­tie­ren­den Sohn. Just auf dem Grenz­gang, der das En­de ih­rer Ehe be­sie­gelt, kommt sie Tho­mas nä­her. Die­ser war nach dem Aus sei­ner aka­de­mi­schen Kar­rie­re Hals über Kopf nach Ber­gen­stadt auf­ge­bro­chen. Dort trifft er beim Er­klim­men der steils­ten Grenz­etap­pe auf Kers­tin. Nach dem Fest ver­lie­ren sich aus den Au­gen. Erst beim fol­gen­den Grenz­gang neh­men sie den Kon­takt wie­der auf. Es ist 2006, das Jahr der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft, ein Er­eig­nis, das Thome spöt­tisch streift. „Ge­set­ze schei­nen am Werk zu sein in der Art, wie die Leu­te plötz­lich die­se Welt­meis­ter­schaft nicht fei­ern, son­dern sich ihr hin­ge­ben, als wä­re der freie Wil­le ei­ne Er­fin­dung, die der Welt noch be­vor­steht.“ Die­ses Jahr ist die Aus­gangs­ba­sis der Hand­lung, von dort folgt der Er­zäh­ler den Er­fah­run­gen von Kers­tin und Thomas.

Thome schil­dert das Er­le­ben sei­ner Fi­gu­ren sehr ein­dring­lich. Es wird nach­voll­zieh­bar, wel­che Ge­füh­le Tho­mas da­zu trei­ben die Fens­ter­schei­be des In­sti­tuts ein­zu­wer­fen, eben­so wie Kers­tin den Mut zu ei­nem Be­such beim scheu­en Tho­mas fasst. Die Zeich­nung der Fi­gu­ren ge­schieht mit gro­ßer Em­pa­thie. Dies wird je­doch nie­mals ge­füh­lig, son­dern bleibt mit fei­ner Iro­nie auf dem Bo­den des Lebensnahen.

Dies be­ein­druckt mich sehr. Noch grö­ße­ren Re­spekt ver­langt die durch­dach­te Kon­struk­ti­on des Ro­mans. Die Fä­den zwi­schen den Grenz­gän­gen wer­den fein hin und her ge­spon­nen, oh­ne wir­re Kno­ten er­ge­ben sie ein aus­ge­fal­le­nes Mus­ter, dem man ger­ne folgt.

Die Ge­schich­te en­det im Jahr 2013. Den Ro­man be­en­det ein Epi­log, der die wich­tigs­te Se­quenz in die­sem lan­gen Su­chen und Zu­ein­an­der­fin­den er­zählt. Ganz un­sen­ti­men­tal aber spek­ta­ku­lär folk­lo­ris­tisch, ein über­zeu­gen­der Ab­schluss des kunst­vol­len Konstrukts.

Ste­phan Thome be­fand sich mit die­sem Ti­tel 2009 auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses. Auch in die­sem Jahr war er dort ver­tre­ten mit sei­nem zwei­ten Ro­man „Flieh­kräf­te“.

Ei­ne wei­te­re Re­zen­si­on und ei­ne en­ga­gier­te Teil­neh­men­de Be­ob­ach­tung des dies­jäh­ri­gen Grenz­gangs fin­det sich bei Schö­ne­Sei­ten.

Die Wand — Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

Mit Daniela Strigl auf den Spuren Marlen Haushofers(1920–1970)

Den Ro­man Die Wand ha­be ich nicht wie vie­le Frau­en mei­ner Ge­nera­ti­on in den Acht­zi­gern ken­nen­ge­lernt, son­dern erst vor we­ni­gen Jah­ren. Als Lek­tü­re des Li­te­ra­tur­krei­ses dis­ku­tier­ten wir ihn teil­wei­se sehr kon­tro­vers, be­son­ders die Mei­nun­gen über den töd­li­chen Schuß auf den Ein­dring­ling gin­gen weit auseinander.

Die Wand ist das be­kann­tes­te Buch der mit knapp fünf­zig Jah­ren an Krebs ver­stor­be­nen Mar­len Haus­ho­fer. Der Ro­man der eher scheu­en Schrift­stel­le­rin er­reg­te be­reits kurz nach Er­schei­nen li­te­ra­ri­sches Auf­se­hen und wur­de in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Gro­ßen Ruhm er­lang­te er je­doch erst als Kult­buch der fe­mi­nis­ti­schen Frau­en­li­te­ra­tur nach über ei­nem Jahrzehnt.

Dies schil­dert die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl im Vor­wort zu ih­rer 2007 er­schie­ne­nen Bio­gra­phie über Mar­len Haus­ho­fer Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt. Der An­laß mich in die­se Un­ter­su­chung zu ver­tie­fen liegt nicht al­lein bei Da­nie­la Stri­gl, die mich stets als Ju­ro­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs be­ein­druckt. Es ist die ak­tu­el­le Ver­fil­mung des Ro­mans un­ter der Re­gie von Ro­man Pöls­ler, in der Mar­ti­na Ge­deck auf über­zeu­gen­de Wei­se die ein­zi­ge mensch­li­chen Haupt­rol­le verkörpert.

Ei­ne Frau fährt mit ei­nem be­freun­de­ten Ehe­paar zu ei­ner Jagd­hüt­te in den Ber­gen. Als am Abend die Freun­de zum Gast­haus im Dorf ge­hen, bleibt die Frau mit dem Hund zu­rück. Erst am nächs­ten Mor­gen be­merkt sie, daß ih­re Freun­de nicht zu­rück ge­kehrt sind. Sie bricht ins Dorf auf, er­reicht die­ses je­doch nie, da ihr ei­ne un­sicht­ba­re Wand den Weg ver­sperrt. Die­se Wand schließt sie groß­räu­mig ge­gen den Rest der Welt ab, der ver­stei­nert und leb­los da liegt. Die Frau rich­tet sich ein in ih­rem Über­le­ben in der Na­tur, nur be­glei­tet durch den Hund und an­de­re Tiere.

Wäh­rend der ers­ten Sze­nen war ich sehr skep­tisch, ob die fil­mi­sche Um­set­zung die­ses stark in der In­nen­welt der Fi­gur spie­len­den Ge­sche­hens funk­tio­nie­ren wür­de. Ein Kam­mer­spiel in der frei­en Na­tur, in dem als wei­te­re Part­ner aus­schließ­lich Tie­re mit­spie­len. Die Ge­dan­ken, die der Ein­sied­le­rin durch den Kopf ge­hen und die sie als Be­richt no­tiert, spricht ei­ne Stim­me im Hin­ter­grund. Doch je län­ger die­ser ru­hi­ge Fluss der Wor­te das Fort­schrei­ten des Films be­glei­tet, um­so stär­ker schlug er mich in sei­nen Bann. Die in un­se­rem Kreis lan­ge dis­ku­tier­te Fra­ge, war­um die Frau den ein­zi­gen Men­schen, den sie nach Jah­ren in ih­rem Re­ser­vat trifft, tö­tet, be­ant­wor­tet der Film auch für den letz­ten Zweif­ler ein­deu­tig. Weil es eben kein Mensch war, der dort plötz­lich in ih­re Welt ein­brach, son­dern ein Unmensch.

Mich hat die­ser Film sehr be­ein­druckt und er warf er­neut die Fra­ge auf, in­wie­weit sei­ne Vor­la­ge die in­ne­re Be­find­lich­keit der Au­torin Mar­len Haus­ho­fer wi­der­spie­gelt. Lässt sich Die Wand tat­säch­lich als Ro­man ei­ner De­pres­si­on be­zeich­nen oder ist die­se oft kol­por­tier­te Mei­nung le­dig­lich Küchenpsychologie?

Ein­deu­tig wird sich dies wohl nie be­ant­wor­ten las­sen, so die Bio­gra­phin Stri­gl. Haus­ho­fer ha­be zwar re­gel­mä­ßig Ta­ge­buch ge­führt, die­se Hef­te je­doch ge­nau­so re­gel­mä­ßig ver­nich­tet. Es exis­tie­ren den­noch Do­ku­men­te und Auf­zeich­nun­gen, ku­rio­ser­wei­se ver­wal­tet von der zwei­ten Ehe­frau ih­res Man­nes, die auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke er­lau­ben. In die­sen ver­rät Haus­ho­fer, „al­le Per­so­nen sind Tei­le von mir, so­zu­sa­gen ab­ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten“, re­la­ti­viert dies je­doch im glei­chen Satz durch die si­cher zu­tref­fen­de, aber auch ver­all­ge­mei­nern­de Fest­stel­lung, daß „al­les, was ein Schrift­stel­ler schreibt, au­to­bio­gra­phisch sei“ (S. 11). Die­se Of­fen­ba­rung, die so­fort wie­der zu­rück­ge­nom­men wird, deu­tet auf die Wi­der­sprüch­lich­keit der Autorin.

Der Wald mit sei­ner Wei­te und sei­ner Ru­he ist ein wich­ti­ger Teil ih­rer Kind­heit als Förs­ter­toch­ter. In die­se Welt kehrt sie auch in ih­ren Bü­chern im­mer wie­der zu­rück. Die Hand­lungs­or­te des Ro­mans sind die Or­te ih­rer Kind­heit. Die Jagd­hüt­te ist die ober­halb des Forst­hau­ses Ef­ferts­bach ge­le­ge­ne La­cken­hüt­te. Von dort aus ist die Hai­den­alm in 1300 Me­tern Hö­he nach wie vor nur für Wan­de­rer er­reich­bar. Al­ler­dings war die er­wach­se­ne Mar­len Haus­ho­fer kei­ne tier­lie­ben­de wan­dern­de Na­tur­freun­din, wie man es ver­mu­ten könn­te. In ei­nem Ra­dio­es­say wi­der­spricht sie die­ser Vor­stel­lung „ei­ner Ein­sied­le­rin(…), die das ein­fa­che Le­ben lieb­te und men­schen­scheu war“, sie lieb­te Pflan­zen, „weil Pflan­zen nicht Lärm schla­gen kön­nen und im­mer hübsch still sind“, aber „hat­te gro­ße Angst vor Hun­den“ (S.252). Das im Ro­man ge­schil­der­te Wis­sen um Flo­ra und Fau­na er­warb sie sich, Fra­gen zu De­tails be­ant­wor­te­te ihr Bru­der Ru­dolf, ein Forstwissenschaftler.

Die Frau in Die Wand darf folg­lich nicht als Cha­rak­ter­ab­bild der Mar­len Haus­ho­fer ge­deu­tet wer­den. In der ers­ten Ab­schrift des Ro­mans hat Stri­gl al­ler­dings vie­le au­to­bio­gra­phi­sche Hin­wei­se ent­de­cken kön­nen, die aus der end­gül­ti­gen Ver­si­on ge­tilgt wur­den. Dort denkt die Fi­gur noch in län­ge­ren Pas­sa­gen an ih­re Kin­der und ih­ren Mann. Das weit­ge­hen­de Feh­len die­ser Mo­men­te führ­te bei un­se­rer da­ma­li­gen Dis­kus­si­on zu ei­ni­gem Er­stau­nen und er­schien schwer nachvollziehbar.

Die ge­stri­che­nen Pas­sa­gen, dar­un­ter der Satz „Ei­gent­lich hät­te ich fast al­les was ich ge­tan ha­be lie­ber nicht ge­tan.“ füh­ren Stri­gl zu der Deu­tung „hier zieht ei­ne Vier­zig­jäh­ri­ge ei­ne ab­so­lut hoff­nungs­lo­se und un­er­bitt­li­che Bi­lanz“ (S.253). Ent­frem­dung sei das vor­herr­schen­de Ge­fühl der Haus­ho­fer ge­we­sen, das sie auch der Nur-Haus­frau der Erst­fas­sung zu­ge­schrie­ben ha­be. Auf sich selbst ge­stellt er­le­be die Haupt­fi­gur Frei­heit von Fremd­be­stim­mung, zu­gleich aber den Zwang zum Über­le­ben und die dar­aus er­wach­sen­de Ver­ant­wor­tung für Tie­re und Pflan­zen. „Die Ka­ta­stro­phe hat­te mir ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung ab­ge­nom­men und, oh­ne daß ich es so­gleich merk­te, ei­ne neue Last auf­er­legt.“ (Die Wand, S. 75)

Ne­ben die­sem bio­gra­phi­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz lie­gen wei­te­re Deu­tungs­mög­lich­kei­ten. Ein Blick auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te zeigt, daß Haus­ho­fer ih­re In­spi­ra­ti­on viel­leicht ei­ner ganz an­de­ren Art von Es­ka­pis­mus ver­dankt, dem Sci­ence-Fic­tion-Ro­man. Haus­ho­fer las die­se sehr ger­ne und gab sie da­nach dem Sohn ei­ner Be­kann­ten. Die­ser er­wähn­te ge­gen­über Stri­gl ei­ne Ge­schich­te mit dem Ti­tel Die glä­ser­ne Kup­pel, die das Über­le­ben ei­ner Grup­pe un­ter ei­ner Glas­glo­cke schil­dert. Ei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung ge­lang zwar nicht, doch auch oh­ne die­se lie­ße sich Die Wand kul­tur­pes­si­mis­tisch als Angst vor dem Atom­krieg deu­ten. Ei­ne an­de­re, psy­cho­lo­gi­sche In­ter­pre­ta­ti­on lie­fert die Au­torin selbst, „je­ne Wand, die ich mei­ne, ist ei­gent­lich ein see­li­scher Zu­stand, der nach au­ßen plötz­lich sicht­bar wird. Ha­ben wir nicht über­all Wän­de auf­ge­rich­tet? Trägt nicht je­der von uns ei­ne Wand zu­sam­men­ge­setzt aus Vor­ur­tei­len vor sich her?“ (S.264) Dies ist nicht haupt­säch­lich ne­ga­tiv ge­meint, son­dern ei­ne na­tür­li­che Fol­ge mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Woll­te Haus­ho­fer folg­lich eher ei­ne Pa­ra­bel über die Di­stanz, die nicht nur im ne­ga­ti­ven Sin­ne iso­liert, son­dern auch not­wen­dig ist, schrei­ben? Eben kei­ne Ge­schich­te, die mit dem Bild der un­sicht­ba­ren Wand die in­ne­re Emi­gra­ti­on ei­ner De­pres­si­ven dar­stellt? Oder ist es doch eher so, wie ih­re Freun­din Eri­ka Dan­nen­berg mit psy­cho­ana­ly­ti­schem Be­steck se­ziert, die Dar­stel­lung ei­nes schi­zo­phre­nen Schubs, der je­de emo­tio­na­le Be­zie­hung zur Au­ßen­welt zer­stört und in Ver­ach­tung des An­de­ren und tie­fer Ag­gres­si­on mündet?

Mich über­zeugt die The­se Stri­gls, die in dem Ro­man die „ra­di­kals­te Phan­ta­sie ei­nes selbst­be­stimm­ten Le­bens“(S. 261) sieht. Doch, um mich aber­mals dem Ur­teil die­ser Bio­gra­phin an­zu­schlie­ßen, „Man kann in die­ser auf den ers­ten Blick so ein­fa­chen Ge­schich­te im­mer noch ein biß­chen tie­fer gra­ben und wird da­bei auf neu­es Ge­stein, auf ei­ne neue Erz­ader sto­ßen.“( S. 261)

Mar­len Haus­ho­fer, Die Wand, List Ver­lag, 7. Aufl. 2005
Da­nie­la Stri­gl, „Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt…” Mar­len Haus­ho­fer — die Bio­gra­phie, List Ver­lag, 3. Aufl. 2009

Darauf einen Bitter!

Enttäuschte Erwartungen erzeugt James Hamilton-Paterson mit “Kochen mit Fernet-Branca

Dio mio, das wird Schlä­ge ge­ben. Ich zit­te­re vor mei­nem nächs­ten Li­te­ra­tur­kreis­tref­fen und be­fürch­te, daß selbst ei­ne gro­ße Men­ge des Ti­tel­ge­söffs den an­de­ren Teil­neh­mer nicht zur Ver­dau­ung die­ser Lek­tü­re rei­chen wird.

Da­bei hat­te ich es doch nur gut ge­meint. Dies­mal soll­te es et­was Amü­san­tes wer­den, kei­ne Pro­blem­wäl­ze­rei, kei­ne nor­di­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­te, kein In­zest, kein Mit­tel­al­ter und schon gar kein Be­zie­hungs­dra­ma. Zu­dem kam die Emp­feh­lung aus Tho­mas Böhms Le­se­kreis­buch, er wie­der­hol­te sie so­gar vor kur­zem noch­mals im Ra­dio.

Der Au­tor des Kat­zen­koch­bu­ches, und das ist hier wört­lich zu neh­men, Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, ist bri­ti­scher Jour­na­list und bis­her mit durch­aus Ernst­haf­tem über das Meer und fer­ne Län­der in Er­schei­nung ge­tre­ten. Für sei­nen ers­ten hu­mo­ri­gen Ro­man wur­de er ge­lobt. Bis über den grü­nen Klee so­gar, wenn man ei­ne No­mi­nie­rung für den Boo­ker Pri­ze so in­ter­pre­tie­ren darf. Trotz­dem las ich pro­be­hal­ber die ers­ten Sei­ten des Bu­ches, denn nach lang­jäh­ri­ger Le­se­krei­ser­fah­rung weiß ich, was Fehl­schlä­ge sind, und die­se soll­ten ge­ra­de bei stei­gen­dem Le­se- und Le­bens­al­ter un­be­dingt ver­mie­den wer­den. Tem­pus fugit!

Tat­säch­lich hat mich die­se Mi­schung aus Ita­li­en und Mon­ty Py­thon zu­nächst schwer be­geis­tert. Ich lag abends la­chend im Bett, was sel­ten vor­kommt, und den Mit­be­nut­zer die­ses Mö­bels zu ei­nem, Da wird sich der Le­se­kreis aber freu­en, hin­rei­ßen ließ. Der kom­men­de Kan­di­dat war ge­kürt, ich setz­te so­gar die bei­den Nach­fol­ge­bän­de die­ses Ro­mans so­fort auf mei­ne Wunschliste.

Ver­gnügt las ich wei­ter, woll­te wei­ter mei­nen Spaß ha­ben an den kru­den Er­fah­run­gen die­ses Eng­län­ders in der tos­ka­ni­schen Pro­vinz. Dort hat Ge­rald Sam­per sich in der Ber­g­ein­sam­keit der apua­ni­schen Al­pen ein Häus­chen auf­schwat­zen las­sen, um un­ge­stört als Ghost­wri­ter für grenz­de­bi­le Spit­zen­sport­ler zu ar­bei­ten. In die­ser krea­ti­ven Stil­le taucht un­ver­mit­telt Mar­ta auf, die nicht wie der Mak­ler, Ita­lie­ner und ge­wer­be­be­ding­tes Schlitz­ohr, ver­si­chert hat nur sel­ten, son­dern ste­tig sei­ne neue Nach­ba­rin sein wird. Sie ar­bei­tet an Mu­sikar­ran­ge­ments für die Film­bran­che. Der Kon­flikt zwi­schen Ru­he­be­dürf­nis und Mu­sik, al­so Krach, ist ge­legt. Ge­löst wird er in 47 Ka­pi­teln auf 359 Sei­ten, auf­ge­lo­ckert von Re­zep­ten aus Sam­pers krea­ti­ver Kü­che. Dar­un­ter ver­lo­cken „Mu­scheln in Scho­ko­la­de” so­wie der „Fisch­ku­chen” zum Ex­pe­ri­men­tie­ren. (Bett­nach­bar: Du bist ver­rückt! Ata­lan­te: Und wenn wir den Zu­cker­guß weglassen?)

Ge­nüss­lich las ich al­so wei­ter, da tauch­ten ers­te Un­ap­pe­tit­lich­kei­ten auf. Es wa­ren al­ler­dings nicht, wie die Ken­ner des Bu­ches ver­mu­ten mö­gen, die bis ins Ab­son­der­li­che ge­stei­ger­ten Re­zep­te des gu­ten Sam­per. Nein, we­der Knob­lauch­eis noch Kat­zen­ku­chen, ge­mäß Ti­tel ge­hö­rig mit Ma­gen­bit­ter ge­sät­tigt, er­zeug­ten Le­se­ü­bel­keit. Es war eher das Ab­glei­ten in die dunk­len Re­gio­nen des Ver­dau­ungs­wit­zes, die mich beim Plumps­klo noch zum La­chen reiz­ten, bei den fla­tu­len­ten Ne­ben­wir­kun­gen der Koch­küns­te merk­li­ches Des­in­ter­es­se und beim Pups­bär nur noch Mit­leid er­zeug­ten. Ehr­lich, wer fin­det jen­seits der Pu­ber­tät ei­nen Pups­bär auf dem Klo lustig?

Na­tür­lich ist der vom Au­tor ge­schil­der­te Ger­ry Sam­per ein eit­ler Ego­zen­tri­ker, gründ­lich von sich selbst ge­blen­det, was zu ei­ner kunst­ge­rech­ten An­wen­dung von Sar­kas­mus un­ab­ding­bar ist. Aber war­um hat er sei­nen bri­ti­schen Hu­mor in­ner­halb we­ni­ger Sei­ten ver­lo­ren? Da­zu kommt die Fi­gur sei­ner Nach­ba­rin und Ge­gen­spie­le­rin Mar­ta. Na­tür­lich wur­de sie ge­wählt, um so ein her­vor­ra­gen­des Ex­em­pel zu der Dif­fe­renz von Ei­gen- und Fremd­bild durch zu spie­len. Auch tre­ten die we­ni­gen Ita­lie­ner vor al­lem des­halb als gut­aus­se­hend, ge­ris­sen, be­stech­lich oder ar­ro­gant auf, um den Le­ser un­miss­ver­ständ­lich mit sei­nen ei­ge­nen Kli­schees zu kon­fron­tie­ren. Aber war­um ist das al­les nur so lang­wei­lig ge­ra­ten? Die Fi­gur der Mar­ta und ih­re mu­si­ka­li­schen Tä­tig­kei­ten ha­ben mich nicht die Boh­ne in­ter­es­sie­ren. Der Auf­tritt be­rühm­ter ita­lie­ni­scher Re­gis­seu­re eben­so we­nig. Die Idee ein Feu­er­werks­in­fer­no zu ent­zün­den war we­nig über­ra­schend. Die ab­stru­se Kon­struk­ti­on von Mar­tas ma­fia­ähn­li­chem ost­eu­ro­päi­schen Her­kunsfts­hin­ter­grund tat kaum et­was zur Sache.

Da­zu kom­men sti­lis­ti­sche Män­gel. Ha­mil­ton-Pa­ter­son kon­stru­iert den Ro­man in al­ter­nie­ren­der Er­zähl­per­spek­ti­ve. Das kann bei ge­konn­ter Aus­füh­rung durch­aus den Le­se­genuß stei­gern. Wenn aber die un­ter­schied­li­chen Er­zähl­fi­gu­ren kaum durch Sprach­stil und Ge­dan­ken­gän­ge von­ein­an­der zu un­ter­schei­den sind, er­zeugt es mehr denn Ver­wir­rung Lan­ge­wei­le. Zum zwei­ten Mal ver­wen­de ich nun die­ses Wort in mei­nen Zei­len über die­sen ver­meint­lich so hu­mor­vol­len Ro­man. Da wird fol­gen­des Ge­ständ­nis kei­ne Über­ra­schung sein. Ich ha­be kaum noch ge­lacht und le­dig­lich aus Pflicht­be­wusst­sein mei­nen ei­ge­nen Buch­vor­schlag run­ter­ge­würgt. Und das oh­ne ei­nen ein­zi­gen Fer­net-Bran­ca, den be­nö­ti­ge ich noch für den Literaturkreis.

Al­ler­dings hat mich Sam­pers Koch­kunst doch noch ein­mal zum La­chen ge­reizt. Als ich un­längst auf ei­nem Au­to die Auf­schrift „Nor­we­gi­sche Wild­kat­zen aus dem Naab­tal” las, hät­te ich mich dort ger­ne er­kun­digt, ob sie auch räu­chern würden.

Viel­leicht war es ja doch gar nicht so ein schlech­tes Buch?

Trotz­dem su­che ich im­mer noch DEN amü­san­ten Ro­man. Hin­wei­se wer­den ger­ne ent­ge­gen genommen.

Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, Ko­chen mit Fer­net-Bran­ca, übers. von Hans-Ul­rich Möh­ring, Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2005

Mittelalterliches Mirakel oder wie Piper mir ein Zeichen sandte

Die Welfenkaiserin“ – Martina Kempffs mittelalterliche Frauenpower

Uuaaaahhhh, zu Be­ginn hat’s mich ganz ge­wal­tig ge­graust. Nicht vor der im­mer noch als fins­te­res Mit­tel­al­ter in den Köp­fen her­um­schwir­ren­den Epo­che, son­dern vor dem His­to­ri­schen Ro­man, der letz­ten Le­se­auf­ga­be un­se­res Literatur-Kreises.

Mit der Wel­fen­kai­se­rin soll­te ich nun al­so ins frü­he Mit­tel­al­ter hin­ab­tau­chen ge­nau­er an den Hof des Ka­ro­lin­gers Lud­wigs I., ge­nannt der From­me. Mir schwan­te nichts Gu­tes. Ein­ge­schla­ge­ne Köp­fe, ver­ge­wal­tig­te Frau­en, tot­ge­bo­re­ne Kin­der, meist in die­ser Chro­no­lo­gie, auf­ge­lo­ckert von ex­pli­zi­ten Gräu­el­ta­ten und def­ti­gen Sex­sze­nen, sind das Holz aus dem His­to­ri­sche Ro­ma­ne ge­schnitzt sind. So die Ein­sich­ten, die mich längst zu­rück lie­gen­de Le­se­er­fah­run­gen lehr­ten. Die Ti­tel­ge­bung weckt zu­dem Re­mi­nis­zen­zen an Bü­cher, von de­nen ich ei­gent­lich über­haupt nichts wis­sen will.

Nun denn, es ward be­stellt und auf­ge­blät­tert. Dies je­doch nicht auf der ers­ten Sei­te, son­dern an ei­ner Stel­le, die der Ver­lag mir mar­kiert hat­te. Ge­nau zwi­schen Sei­te 116 und 117 lag das als Post­kar­te ge­tarn­te Zei­chen an die vor­ur­teils­rei­che Historikerin.

Sprach­los blick­te der Kai­ser auf die nackt vor ihm ste­hen­de Frau. Nicht ein­mal der Schreck über den ho­hen Leib ver­hin­der­te das so­for­ti­ge Ein­set­zen sei­ner Begierde.“

Sprach­los auch ich, Wun­der und Zei­chen in ei­nem Mit­tel­al­ter­ro­man, wer hät­te das gedacht.

Auch im wei­te­ren Ver­lauf la­gen die Lei­ber hie und da bei­ein­an­der, doch die an­de­ren Er­schei­nun­gen blie­ben weit­ge­hend aus. Köp­fe wur­den dis­kret ab­ge­schla­gen, Fol­ter­rei­en ne­ben­her er­le­digt, Ver­ge­wal­ti­gun­gen so­fort wie­der ver­ges­sen und schwe­re Ge­bur­ten fan­den hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt. Uffa!

Mar­ti­na Kempff stellt Ju­dith, die Toch­ter des Gra­fen Welf aus dem schwä­bi­schen Alt­dorf, in den Mit­tel­punkt ih­res Ro­mans. Sie zeich­net das Le­ben der an­ge­hen­den Kai­se­rin von der Braut­schau bis zu ih­rem Tod. Ei­ne Wel­fen­kai­se­rin war und wur­de sie al­ler­dings nicht, son­dern ei­ne Fran­ken­kai­se­rin oder bes­ten­falls Ka­ro­lin­ger­kai­se­rin. Die Frau­en­gestal­ten ste­hen in die­sem Ro­man im Vor­der­grund. Die po­li­ti­schen Zeit­läuf­te, Lud­wigs Rin­gen um die Ein­heit des von Karl dem Gro­ßen auf ihn ge­kom­me­nen Groß­rei­ches, Ver­wal­tungs­re­for­men und Erb­fol­ge­re­ge­lun­gen ein­ge­schlos­sen, bil­den das Ge­rüst. In die­ses bet­tet Kempff das Schick­sal der jun­gen, schö­nen aber oft viel zu mo­dern wir­ken­den Kai­se­rin. Nicht die In­tri­gen um Macht und Ge­winn bil­den die Es­senz die­ses Ro­mans son­dern das Per­sön­li­che. Wie füg­te sich die zwar durch­set­zungs­fä­hi­ge, aber un­er­fah­re­ne Frau in die Ge­folg­schaft des Kai­sers? Wie er­trug sie Ma­ni­pu­la­ti­on, Lie­be und Leid?

Die­se Rol­len als Ge­lieb­te und als Mut­ter sind ty­pi­sche Frau­en­bil­der, die Kempff ihr je­doch in ei­ner viel zu eman­zi­pier­ten Wei­se auf den Leib schreibt. Das stört mich und das emp­fin­de ich als ahis­to­risch. Trotz al­ler Quel­len kön­nen wir nicht wis­sen, wie es da­mals zu­ge­gan­gen ist in den Kam­mern und Zel­ten des Pa­la­ti­ums. Aber Frau­en des frü­hen Mit­tel­al­ters, die wie toughe Ver­tre­te­rin­nen der Ge­nera­ti­on Face­book auf­tre­ten, wir­ken un­glaub­wür­dig. Das ist oft das größ­te Man­ko des His­to­ri­schen Ro­mans, des­sen Fans ger­ne die gu­te Re­cher­che ih­rer Au­toren anführen.

Die­se Au­torin hält sich an die Fak­ten aus Wi­ki­pe­dia und der äl­te­ren Se­kun­där­li­te­ra­tur, die sie als „Quel­len“ auf­führt. Ei­ne der pri­mä­ren Quel­len, der bio­gra­phi­sche Be­richt ei­nes an­ony­men Ver­fas­sers, des so­ge­nann­ten As­tro­no­mus, in­spi­rier­te sie wohl je­dem Ro­man­ka­pi­tel ei­ne Chro­nik vor­an­zu­stel­len. Die­se um­fasst die Er­eig­nis­se ei­ner an­ge­ge­be­nen Zeit­span­ne und setzt so das Ge­sche­hen in ei­nen his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang. Ver­fas­se­rin die­ser auf mit­tel­alt ge­mach­ten, aber doch mit mo­der­nen Be­grif­fen aus­ge­stat­te­ten Chro­nik ist ei­ne eben­falls an­ony­me As­tro­no­ma ali­as Mar­ti­na Kempff.

Doch was will mir die­ses Buch ver­mit­teln? Le­se ich es um mich der his­to­ri­schen Epo­che an­zu­nä­hern? Dem Le­bens­ge­fühl „Mit­tel­al­ter“, oder bes­ser dem, was man land­läu­fig dar­un­ter ver­steht dank der Hor­den ost­eu­ro­päi­scher Schau­spiel­sta­tis­ten un­ter der Fan­ta­sie ei­nes ge­wis­sen Fernsehhistorikers?

Für mein Emp­fin­den blei­ben die Per­so­nen des Ro­mans selt­sam blass, sie durch­le­ben kaum ei­ne Ent­wick­lung und die­nen nur als Fi­gu­ren um die Il­lus­tra­ti­on des Mit­tel­al­ters zu be­völ­kern. Mich ha­ben sie kalt ge­las­sen, so kalt wie zu­ge­fro­re­ne Tei­che, in die sie äu­ßerst ger­ne auf me­ta­pho­ri­sche Wei­se blicken.

Wem die­ser Ro­man ge­fal­len hat, mag noch „Die Beu­te­frau“ le­sen, der das Le­ben Gers­winds und da­mit die An­fän­ge der Ka­ro­lin­ger­herr­schaft schildert.

Wer wis­sen möch­te, war­um Karl der Kah­le wirk­lich so hieß, bli­cke in „War Karl der Kah­le wirk­lich kahl?“ von Rein­hard Lebe.

Wer sich his­to­risch für die­se Zeit in­ter­es­siert, dem sei die Bio­gra­phie „Lud­wig, der From­me“ des His­to­ri­kers Egon Bos­hof emp­foh­len. Sie setzt sich kri­tisch, aber gut les­bar mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Quel­len und For­schun­gen zu die­sem Ka­ro­lin­ger aus­ein­an­der. Ga­ran­tiert gut recherchiert.

Wer lie­ber hö­ren und se­hen und nicht le­sen möch­te, der sei auf die „Ein­füh­rungs­vor­le­sung Mit­tel­al­ter“ von Stuart Jenks ver­wie­sen, die die­ser an der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg ge­hal­ten hat. Sie ist in der Me­dia­thek der Uni­ver­si­tät als Au­dio- und Vi­deo­down­load abrufbar.

Jenks be­rich­tet fun­diert und kurz­wei­lig von der bun­ten Viel­falt der an­geb­lich so dunk­len Zei­ten und zieht zu­dem Ver­glei­che zu äu­ßerst mo­der­nen Vor­komm­nis­sen, sei­en es Ban­ken- oder Fußballkrisen.

Mar­ti­na Kempff, Die Wel­fen­kai­se­rin, Pi­per Ver­lag, 2009

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­rer­in­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fragen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehnte.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008

Halbgares Gericht

Viele Fragen bleiben offen in Hermann Kochs „Angerichtet

 Die­ses Buch be­grüßt sei­nen Le­ser mit ei­nem ap­pe­tit­li­chen ro­ten Hum­mer auf blau­em Grund und ver­weist auf den Hand­lungs­ort des Ro­mans. Es ist ein Re­stau­rant der ge­ho­be­nen Klas­se, in dem sich zwei Brü­der mit ih­ren Ehe­frau­en zum Din­ner tref­fen. Der An­lass ist ei­ne drin­gen­de An­ge­le­gen­heit, über die sie re­den müs­sen. Doch zu die­sem Ge­spräch, das letzt­end­lich im Ver­such ste­cken bleibt, kommt es erst ge­gen En­de. Bis da­hin er­fährt der Le­ser über die ver­schie­de­nen Gän­ge ei­nes Me­nüs ver­teilt die wich­tigs­ten Zu­ta­ten der Ge­schich­te. Ser­viert wer­den sie von Paul Loh­mann, dem Ich-Er­zäh­ler, auf­be­rei­tet in sei­nen Rück­blen­den, Ein­sich­ten und Mei­nun­gen. Kom­po­niert hat dies Her­mann Koch durch­aus mit Span­nung und in sar­kas­ti­schem Ton. Die­sen ver­leiht er sei­ner Fi­gur Paul, der „Halb­ga­res Ge­richt“ wei­ter­le­sen

Stadtluft macht frei

In „Eine Sache wie die Liebe” erzählt Hans Bender von einer Jugend nach dem Krieg

Nach all” den mo­der­nen Co­m­ing-of-Age Ge­schich­ten lohnt sich ein Blick zu­rück. Wie fühl­te es sich an in der nach­kriegs­deut­schen Pro­vinz der Fünf­zi­ger­jah­re er­wach­sen zu wer­den? Wel­che For­men der Ab­gren­zung nutz­te ein Ju­gend­li­cher da­mals? Wel­che Er­fah­run­gen macht er mit Lie­be, Se­xua­li­tät und vor al­lem mit sich selbst? Da­von er­zählt Hans Ben­der in sei­nem 1954 er­schie­ne­nen De­büt „Ei­ne Sa­che wie die Lie­be“. Die da­ma­li­ge Kri­tik be­zeich­ne­te den Ro­man als den Lie­bes­ro­man der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Doch er ist viel mehr als nur das.

Lie­be ist ein zeit­lo­ses Phä­no­men, un­ab­hän­gig von Ort und Zeit blei­ben die Auf­wüh­lun­gen, die sie im In­ne­ren der Be­tei­lig­ten aus­lö­sen, im­mer nach­voll­zieh­bar, weil man sie selbst er­lebt hat. Doch könn­te man sie auch so in­ten­siv zu Pa­pier brin­gen wie dies Hans Ben­der ge­lang? In sei­nem schma­len, vor knapp 60 Jah­ren er­schie­nen Ro­man schil­dert er die Ge­schich­te ei­ner ers­ten Lie­be. Dar­an be­tei­ligt sind Ro­bert und Mar­gret. Bei­de le­ben in ei­nem klei­nen Ort in der süd­deut­schen Pro­vinz. Ro­bert als Sohn des Be­sit­zers der Dorf­wirt­schaft schon im­mer. Mar­gret hin­ge­gen hat zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter „Stadt­luft macht frei“ wei­ter­le­sen

Das Kuscheltier des Philosophen

Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne

Am lin­ken Ohr des Lö­wen zeig­te sich ein klei­ner Ma­kel im Fell, of­fen­bar ei­ne Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war da­zu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trau­en in die Welt, zu­min­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Ar­ti­go, ei­ner kunst­his­to­ri­schen Da­ten­bank, die Stich­wor­te Lö­we und Hie­ro­ny­mus ein­gibt, er­hält ei­ne Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Su­jets. Ei­ne li­te­ra­ri­sche legt Si­byl­le Le­wit­schar­off in ih­rem Ro­man „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehr­te, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu ei­nem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bi­bel­tex­ten, son­dern an sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken feilt. Dann ei­nes Nachts im pro­fes­so­ra­len Ge­hä­us, vul­go Ar­beits­zim­mer, ma­te­ria­li­siert sich ein Lö­we, oder bes­ser, er er­scheint. Das Ma­te­ri­el­le bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn au­ßer ihm nimmt kein an­de­rer das Tier war, kein an­de­rer nor­ma­ler Mensch, ei­ne Non­ne aus­ge­nom­men, was dem li­te­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Le­ser zu Den­ken ge­ben soll­te. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Ge­schich­te die­ser Er­schei­nung ist ge­konnt und ver­gnüg­lich er­zählt. Im ers­ten Teil des Ro­mans ha­be ich sie auch ger­ne ge­le­sen. Da­zu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der li­te­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zi­ta­te bei, die Fa­bu­lier­kunst und der sub­ti­le Witz der Au­torin. Be­son­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Ex­em­pel la­den ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemm­te Stu­den­ten­jün­ger, fe­mi­nis­ti­sches WG-Tee­trin­ken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur ei­ner, doch auch der beißt wie die an­de­ren drei viel zu früh ins Gras.

Le­wit­schar­offs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild üb­ri­gens et­li­che Mi­nia­tu­ren zum Lö­wen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Lö­wen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rier­te Leo­ka­pi­tel er­schei­nen im Ro­man. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der ei­ge­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zu­ge­neigt war, in­ter­pre­tiert die Er­schei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das fin­de ich trotz al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich wür­de es we­nig ge­fal­len, wenn ein Ro­man mich er­we­cken wür­de oder gar da­zu ver­don­nern als from­me Non­ne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel mei­ne an­fäng­li­che Be­geis­te­rung zum Er­de hin et­was ab. Klar, es gibt noch je­de Men­ge Zi­ta­ten­schät­ze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Hei­deg­ger, al­te und mo­der­ne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mo­se­bach und Ge­n­azi­no blit­zen um die Ecke. Dies al­les häuft sich zu ei­ner sehr ge­lehr­sa­men Sa­che um am En­de den Weg al­ler Gläu­bi­gen zu ge­hen. In ei­ner Höh­le, ge­stal­tet von Pla­ton, Dan­te und Be­ckett, la­gern die Ver­stor­be­nen des Ro­mans, un­ter ih­nen der Phi­lo­soph mit sei­nem Be­glei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich ei­ne mys­ti­sche Trans­for­ma­ti­on, die al­len eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freu­de ma­chen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn ei­ner Jü­din,…, ka­tho­lisch ge­tauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als kei­ne Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, ei­ni­ge Se­mes­ter am Frank­fur­ter Je­sui­ten­kol­leg,…, hat­te stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei da­hin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Au­torin in ih­rem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der nä­her. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Lö­wen, Blu­men­bergs Trost- und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein über­gro­ßes Ku­schel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten so­mit bes­tens versiert.

Si­byl­le Le­wit­schar­off er­hält für ih­ren Ro­man den dies­jäh­ri­gen Wil­helm-Raa­be-Li­te­ra­tur­preis.

Zu­dem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Obelix lernt lieben

Marie-Sabine Roger schildert in „Das Labyrinth der Wörter” eine rosarote Bildungserweckung

Ger­main, ein gut in­te­grier­ter Bil­dungs­be­nach­tei­lig­ter, vul­go Dorf­trot­tel, kommt zu­recht in sei­ner klei­nen Welt. Die­se be­steht aus sel­te­nen To­ma­ten­sor­ten, ei­nem Wohn­wa­gen, ei­ner her­ri­schen Mut­ter, ei­ner Ge­le­gen­heits­ge­lieb­ten und di­ver­sen Knei­penk­um­peln. Dass Ger­main nicht ganz bei Trost ist, merkt man spä­tes­tens bei des­sen un­ab­läs­si­gem Ver­such sei­nen Na­men auf dem Krie­ger­denk­mal zu ver­ewi­gen. Ei­nes Ta­ges trifft er beim Tau­ben­zäh­len im Park Mar­gue­rit­te, ei­ne net­te Al­te, die mit ihm ein Er­zie­hungs­ex­pe­ri­ment sta­tu­ie­ren möchte.

Oh­ne den hier und da auf­blit­zen­den fran­zö­si­schen Charme hät­te ich es wohl nicht über die ers­te CD der Hör­buch­ver­si­on die­ses päd­ago­gi­schen Mär­chens hin­aus ge­schafft. Als die Lek­tü­ren ins Spiel ka­men wur­de es et­was in­ter­es­san­ter. Viel­leicht soll­te man sei­ne Zeit eher mit die­sen zu­brin­gen. Ge­le­sen wur­de au­ßer Die Pest von Ca­mus; Ju­les Su­per­viel­le, Das Kind vom ho­hen Meer; Lou­is Se­púl­ve­da, Der Al­te, der Lie­bes­ro­ma­ne las und Ro­main Ga­ry, Frü­hes Ver­spre­chen. Wenn Ro­gers Buch da­zu ani­mie­ren soll­te die Pest oder viel­leicht ei­nes der an­de­ren Bü­cher zu le­sen, hat es doch ei­nen Sinn ge­habt. An­sons­ten fand ich sie ziem­lich ro­sa­rot, die­se Piep-piep-piep-ich-hab-euch-al­le-lieb-Li­te­ra­tur, die zu­dem noch je­de Men­ge frau­en­feind­li­che An­sich­ten transportiert.

Mein größ­ter Spaß wäh­rend des Hö­rens war, ab­ge­se­hen da­von, daß ich ne­ben­bei Fens­ter put­zen durf­te, die so­for­ti­ge As­so­zia­ti­on dem gu­ten, al­ten Obelix zu lau­schen. Ist Ste­phan Ben­son, der das Hör­buch ein­ge­le­sen hat, tat­säch­lich der deut­sche Syn­chron­spre­cher von Gé­rard De­par­dieu oder wur­de ich durch die Film­pla­ka­te manipuliert?

Für mich ist es von An­fang an Obelix, der sei­ne Bil­dungs­ge­schich­te er­zählt. Dass er sich „Obelix lernt lie­ben“ wei­ter­le­sen

Marito und der Kitschschreiber

Wie Mario Vargas Llosa einst Medienkritik übte

Der In­halt des 1977 er­schie­nen Ro­mans Tan­te Ju­lia und der Kunst­schrei­ber ist, so­fern noch nicht hin­läng­lich be­kannt, kurz er­zählt. Ein jun­ger Stu­dent in Li­ma ver­dient sich als Nach­rich­ten­re­dak­teur ei­nes lo­ka­len Ra­dio­sen­ders ein Zu­brot, wäh­rend er ei­gent­lich ei­ne Kar­rie­re als Schrift­stel­ler er­träumt. Ei­nen sol­chen oder bes­ser den Schrei­ber quo­ten­träch­ti­ger Ra­di­o­no­ve­las lernt er bald ken­nen und be­nei­det die­sen um sei­nen Pu­bli­kums­er­folg. Erst nach und nach er­kennt er, und mit ihm auch der Le­ser, dem in je­dem zwei­ten Ka­pi­tel ei­nes die­ser Dra­men prä­sen­tiert wird, daß er­folg­rei­che Hör­spie­le nicht un­be­dingt et­was mit Li­te­ra­tur zu tun ha­ben müs­sen. Die an­de­ren Ka­pi­tel er­zäh­len die au­to­bio­gra­phisch in­spi­rier­te Lie­bes­ge­schich­te des 18-jäh­ri­gen Ma­ri­to mit sei­ner 32-jäh­ri­gen Tan­te Ju­lia, de­ren in­ner­fa­mi­liä­re Kon­flikt­hal­tig­keit al­lei­ne schon ein Hör­spiel­dra­ma ab­ge­ben würde.

Wenn man sich nicht von dem No­bel­preis be­ein­dru­cken lässt und un­vor­ein­ge­nom­men zu die­sen Buch greift, ist der Är­ger vor­pro­gram­miert. War­um, so frag­te sich die Le­se­rin, ver­schwen­de ich kost­ba­re Le­se­zeit mit ei­ner halb­ga­ren Love­sto­ry und noch schlim­mer mit Ge­schich­ten, die Sen­sa­ti­ons­gier und Voy­eu­ris­mus be­die­nen und bes­ser in die Klatsch­spal­ten der Bun­ten Blät­ter als zwi­schen zwei Buch­de­ckel des Suhr­kamp Ver­la­ges pas­sen würden.

Doch spä­tes­tens, wenn ein schreck­li­cher Un­glücks­fall das Le­ben ei­nes un­schul­di­gen Kin­des „Ma­ri­to und der Kitsch­schrei­ber“ wei­ter­le­sen