Sushi Murakami — Das glitschig-feuchte Gefühl

3. Kapitel

Die sechs Trau­er­mo­na­te zeh­ren an Tsu­ku­ru, er ma­gert ab und ist ge­schwächt. Mu­ra­ka­mi wählt für die­sen Zu­stand ein durch­aus pas­sen­des Bild. „Er hing ge­ra­de noch an der Welt wie ei­ne tro­cke­ne Hül­le ei­nes In­sekts, die an ei­nem Ast schau­kelt und kurz da­vor ist, von nächs­ten Wind­stoß für im­mer da­von ge­weht zu werden.“

Auf der Schwel­le zum Tod er­weckt ein Traum ihn zu neu­em Le­ben. Al­ler­dings ist der Traum­in­halt äu­ßerst merk­wür­dig, es han­delt sich näm­lich um ein Ge­fühl, wel­ches Tsu­ku­ru noch nie­mals ge­spürt hat, die Ei­fer­sucht. Kann er dann da­von träu­men? Auch die­se Sze­ne prä­sen­tiert sich in dop­pel­ter Aus­füh­rung. Tsu­ku­ru er­klärt, daß er noch nie Ei­fer­sucht ver­spürt ha­be. Dar­auf­hin legt er sein theo­re­ti­sches Wis­sen über die­sen Zu­stand dar, um an­schlie­ßend noch­mals zu ver­kün­den, daß er dies noch nie er­lebt hät­te, was wie­der in ei­ne Auf­zäh­lung ver­schie­de­ner Ei­fer­suchts­er­schei­nun­gen mün­det. War­um wie­der­holt Mu­ra­ka­mi stän­dig al­les? „Su­shi Mu­ra­ka­mi — Das glit­schig-feuch­te Ge­fühl“ wei­ter­le­sen

Sushi-Murakami — Das innere Wesen

2. Kapitel

Ei­gent­lich war es nur ein Ge­dan­ke, der ver­schie­de­ne For­men annahm“.Foto
Auch das zwei­te Ka­pi­tel er­zählt vom Bruch der Freund­schaft und Tsu­ku­rus ver­geb­li­chen Ver­su­chen Grün­de da­für zu er­fah­ren. Es va­ri­iert die alt­be­kann­te Ge­schich­te und be­rei­chert sie um we­ni­ge Details.

Am En­de des zwei­ten Se­mes­ters kehr­te Tsu­ku nach Na­go­ya heim, doch sei­ne An­ru­fe bei den Freun­den blie­ben oh­ne Ant­wort. Dass hier et­was nicht stimmt, ist je­dem klar, auch den­je­ni­gen Le­sern, die das ers­te Ka­pi­tel nicht ken­nen. Trotz­dem bringt der Er­zäh­ler die­se Er­kennt­nis aufs Pa­pier und der Held fragt zum wie­der­hol­ten Ma­le nach dem War­um. Nach Ta­gen er­geb­nis­lo­ser Grü­be­lei mel­det sich end­lich ei­ner der Freun­de. Er teilt Tsu­ku­ru mit, daß sie den Kon­takt zu ihm ab­bre­chen, den Grund ken­ne er schon.

Wie wir wis­sen, weiß er es nicht. Wir wis­sen nur, die­ses Ge­heim­nis ist „Su­shi-Mu­ra­ka­mi — Das in­ne­re We­sen“ wei­ter­le­sen

Sushi-Murakami — Das magische Auge

FotoMan­che Lek­tü­re scheint schwie­rig, soll aber doch ge­le­sen wer­den. Die Pil­ger­jah­re des farb­lo­sen Herrn Ta­za­ki von Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi ist ein sol­cher Fall. Nicht, daß ich dies schon ge­nau wüss­te. Wie auch, er liegt ja noch fast un­ge­le­sen vor mir. Das muss sich än­dern. Nach und nach wer­de ich nun je­den Tag ein klei­nes Su­shi-Mu­ra­ka­mi kosten.

 

 1. Kapitel

Tsu­ku­ru Ta­za­ki denkt an den Tod. Ab­ge­se­hen von der schö­nen Al­li­te­ra­ti­on, die im Ori­gi­nal si­cher nicht gilt und dar­um so­fort wie­der ver­ges­sen wer­den muss, ist das na­tür­lich ein fa­mo­ser Ro­man­ein­stieg. Der Le­ser soll­te sich al­ler­dings nicht be­un­ru­hi­gen. Kein Ha­ra­ki­ri oder Ha­ra­ki­ri­ähn­li­ches wird fol­gen, auch wenn die­ser Schritt „so leicht für ihn ge­we­sen wä­re, wie ein ro­hes Ei zu schlu­cken“.

Ko­mi­scher Ver­gleich, ein ro­hes Ei hat im­mer­hin ei­ne Scha­le, und das be­rühm­te „Su­shi-Mu­ra­ka­mi — Das ma­gi­sche Au­ge“ wei­ter­le­sen

Muttimania

Frühe Störung — Hans-Ulrich Treichels ironische Analyse einer ambivalenten Beziehung

frühe störungIch hät­te mich in un­end­li­che Ge­dan­ken­spie­le ver­stri­cken kön­nen, muss­te aber ir­gend­wann ein­se­hen, dass das Kern­pro­blem die­ses gan­zen in­ne­ren Hin und Her mei­ne Mut­ter war. Die Fer­ne, nach der ich mich sehn­te, war vor al­lem die Mut­ter­fer­ne. Und die Fer­ne, vor der ich mich fürch­te­te, war die­sel­be Mutterferne.“

Die Mut­ter­bin­dung ist bei Neu­ge­bo­re­nen es­sen­ti­ell, sie ga­ran­tiert das Über­le­ben. Der Mensch, von Na­tur aus kein Nest­flücht­ling, löst sich erst all­mäh­lich dar­aus um mit be­gin­nen­der Ado­les­zenz ein selbst­be­stimm­tes Le­ben zu führen.

Doch Be­zie­hun­gen sind stör­an­fäl­lig, be­son­ders die zwi­schen Mut­ter und Sohn. Sie lei­den nicht sel­ten an zu viel In­nig­keit und zu we­nig Distanz.

Ob Mam­mo­ne oder Mut­ter­söhn­chen, je­der kennt sol­che Fäl­le. In sei­nem neu­en Ro­man „Frü­he Stö­rung er­teilt Hans-Ul­rich Trei­chel ei­nem sol­chen das Wort. Franz Wal­ter, Aka­de­mi­ker mit dem pre­kä­ren Be­ruf des Rei­se­schrift­stel­lers, wohnt längst nicht „Mut­ti­ma­nia“ wei­ter­le­sen

Tata Jesus ist bängala!

Barbara Kingsolver erzählt in Die Giftholzbibel vom Clash of Cultures

giftholzbibelDas Co­ver ist von der Art, daß man das Buch, hät­te man es un­be­dacht zur Hand ge­nom­men wie ein Blatt der ti­tel­ge­ben­den Gift­holz­pflan­ze mit Furcht fal­len lie­ße. In apri­cot­far­be­nes Licht ge­taucht, bie­tet sich dem Be­trach­ter ein Blick auf Wäl­der und Wie­sen ei­ner Fluss­ebe­ne. Ei­ne Berg­ket­te be­grenzt den Ho­ri­zont, wäh­rend im Vor­der­grund zwei Lehm­hüt­ten mit Stroh­dach und grün­um­rank­ten Zaun ein afri­ka­ni­sches Idyll mit Aus­sicht evo­zie­ren. Dar­über er­he­ben sich die Ge­sich­ter zwei­er Mäd­chen, die en­gels­gleich und blond­ge­lockt ih­rem Schick­sal ent­ge­gen har­ren. In ei­ner Buch­hand­lung hät­te ich die­sem Ro­man kei­nen wei­te­ren Blick ge­gönnt und ihm da­mit bit­ter Un­recht ge­tan. Zum Glück wur­de er mir von ei­ner be­geis­ter­ten Le­se­rin emp­foh­len, die mein In­ter­es­se an der ko­lo­nia­len Ge­schich­te Afri­kas kennt.

 

Rich­tig. Trin­ken wir auf die Bi­bel, sag­te Le­ah und stieß mit ih­rer Bier­fla­sche an mei­ne an.
„Ta­ta Je­sus ist bän­ga­la! sag­te Adah und hob eben­falls ih­re Fla­sche. Sie und Le­ah sa­hen ein­an­der ei­ne Se­kun­de lang an , dann bra­chen sie in hyä­nen­e­ar­ti­ges Ge­heul aus.
„Je­sus ist Gift­holz! sag­te Le­ah. „Ich trin­ke auf den Pre­di­ger des Gift­hol­zes. Und auf sei­ne fünf Frau­en!

Den In­dern ein In­der sein“ war das Mot­to des Mis­sio­nars Fer­di­nand Kit­tel, der „Ta­ta Je­sus ist bän­ga­la!“ wei­ter­le­sen

Empfindsamer Epigone

Enthüllungen und Anekdoten in Helene und Wolfgang Beltracchis Selbstporträt

U1_978-3-498-06063-3.inddDenn das ist die Wahr­heit: Ich hing an mei­nem Be­ruf, auch wenn er un­ter mo­ra­li­schen Ge­sichts­punk­ten kei­ner sein dürf­te. Auf der Lis­te der üb­li­chen Be­rufs­be­zeich­nun­gen sucht man ihn ver­geb­lich. Viel­leicht lag mein An­spruch ge­ra­de dar­in, mich künst­le­risch im­mer neu zu su­chen, mich in im­mer wie­der an­de­ren Sti­len und Dar­stel­lungs­wei­sen aus­zu­drü­cken, mich nicht auf den Wie­der­erken­nungs­wert be­schrän­ken zu müs­sen, den der nor­ma­le Kunst­be­trieb von mir ver­lan­gen würde.“

Wolf­gang Bel­trac­chi, den die Me­di­en als „Kunst­fäl­scher des Jahr­hun­derts“ be­zeich­nen, wur­de als sol­cher 2010 zu­sam­men mit sei­ner Frau und zwei wei­te­ren Per­so­nen ver­haf­tet. Ein Jahr spä­ter er­hielt das Ehe­paar nach ei­nem um­fas­sen­den Ge­ständ­nis Haft­stra­fen von sechs und vier Jah­ren. Wolf­gang Bel­trac­chi ver­büß­te sie im of­fe­nen Voll­zug, sei­ne Frau He­le­ne wur­de vor­zei­tig aus der Haft entlassen.

Das Be­son­de­re an dem Fäl­scher Bel­trac­chi ist, daß er die Ori­gi­na­le an­de­rer Ma­ler nicht ko­pier­te, al­so kei­ne Re­plik ei­nes be­reits exis­ten­ten Kunst­werks an­fer­tig­te. Mit gro­ßem Ta­lent glich er „Emp­find­sa­mer Epi­go­ne“ wei­ter­le­sen

Dilemma

In Was gewesen wäre erzählt Gregor Sander von der Unfreiheit im Leben wie in der Liebe

SanderIch wür­de wirk­lich gern raus aus die­sem Land“, sagt Mar­ga­re­te, wäh­rend sie die Päs­se vom un­ga­ri­schen Zöll­ner wie­der in Emp­fang nimmt. „Aber das ist mit Jó­sef nicht zu ma­chen. Das kannst du ver­ges­sen. Oh­ne sein Un­garn ist der nichts.“

Was wä­re ge­we­sen, wä­re As­trid Ja­na nicht auf die­ses Som­mer­fest ge­folgt? As­trid hät­te Ju­li­us viel­leicht nie ken­nen­ge­lernt. Was wä­re ge­we­sen, wenn Ju­li­us’ Va­ter nicht im Wes­ten ge­lebt hät­te? Sein West­bru­der hät­te Ju­li­us viel­leicht nie zur Flucht über­re­det. Was wä­re ge­we­sen, wenn As­trid ih­ren West­be­such nie be­en­det hät­te? Aus den Bei­den wä­re viel­leicht ein Paar ge­wor­den und sie wä­ren sich nicht 25 Jah­re spä­ter in ei­nem Bu­da­pes­ter Ho­tel begegnet.

Was ge­we­sen wä­re, die­se Über­le­gung kennt wahr­schein­lich je­der. Gre­gor San­der macht sie zum Ti­tel und Kon­zept sei­nes neu­en Ro­mans. Im ers­ten Ka­pi­tel er­zählt er wie die Lie­be zwi­schen Ju­li­us und „Di­lem­ma“ wei­ter­le­sen

Proust — Sich rar machen

Einladung von der Herzogin (Bd. 3, 520–536)

GuermantesSelbst im ein­zel­nen Ab­lauf ei­ner Nei­gung hilft ei­ne Ab­we­sen­heit, die Ab­leh­nung ei­ner Ein­la­dung, ei­ne un­frei­wil­lig, un­be­wuß­te Stren­ge weit mehr als al­le Schön­heits­mit­tel und die ge­wähl­tes­te Kleidung.“ 

Auf der Ma­ti­née-Vil­le­pa­ri­sis ist das Bild, was sich der jun­ge Er­zäh­ler von Mme de Guer­man­tes mach­te, zer­brö­ckelt. Das aus der Fer­ne ver­ehr­te Idol ent­puppt sich bei nä­he­rer Be­trach­tung als „dum­me Pu­te“. Mar­cel ver­zich­tet auf sei­ne täg­li­che Pirsch, er ha­be, so sei­ne Mut­ter, „wirk­lich Erns­te­res zu tun, als (sich) am Weg ei­ner Frau zu pos­tie­ren, die auf (ihn) pfeift“.

Die Mor­gen­spa­zier­gän­ge wer­den un­be­schwert. Der Druck, dem Ob­jekt der Be­gier­de be­geg­nen zu müs­sen, ent­fällt und be­freit sei­ne Wahr­neh­mung. Mar­cel er­kennt, daß auch an­de­re nicht in ewi­ger Glück­se­lig­keit le­ben, und freut sich an den klei­nen Zu­nei­gun­gen, wie dem Zwin­kern ei­ner Pas­san­tin. Zu­vor hin­ter­lie­ßen sol­che Mo­men­te kei­ne Spu­ren. Die Fi­xie­rung auf Mme de Guer­man­tes hat­te „Proust — Sich rar ma­chen“ wei­ter­le­sen

Kafkas letzte Liebe

Liebe und Leid in Michael Kumpfmüllers Kafka-Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“

19360_Kumpfmueller_Herrlichkeit.inddSie sit­zen am Strand und er­zäh­len sich Ge­schich­ten vom War­ten. Auch der Dok­tor hat sein hal­bes Le­ben ge­war­tet, zu­min­dest ist das im Nach­hin­ein sein Ge­fühl, man war­tet und glaubt nicht dar­an, dass noch je­mand kommt, und auf ein­mal ist ge­nau das geschehen.“

Ei­nes vor­weg, man muss kein Kaf­ka-Ken­ner sein um die­sen Ro­man zu le­sen, auch wenn Mi­cha­el Kumpf­mül­ler die­sen Dich­ter zur Haupt­fi­gur macht. Der Na­me Kaf­ka taucht in die­sem Buch gar nicht erst auf, es ist im­mer der Dok­tor oder Franz. Des­sen letz­tes Le­bens­jahr schil­dert Kumpf­mül­ler mit al­lem durch die Tu­ber­ku­lo­se ver­ur­sach­tem Leid, aber auch mit al­lem Glück, das die Lie­be schenkt.

Kom­men, Blei­ben, Ge­hen, die drei mit an­nä­hernd 80 Sei­ten gleich gro­ßen Tei­le des Ro­mans er­zäh­len mit sug­ges­ti­ver Kraft die Ge­schich­te ei­ner gro­ßen Lie­be, der zwi­schen Franz Kaf­ka und Do­ra Diamant.

Sie be­geg­nen sich 1923 im Ost­see­bad Mü­ritz, wo Franz sei­ne Schwes­ter El­li und „Kaf­kas letz­te Lie­be“ wei­ter­le­sen

Proust — Der Kuss

Der Besuch Albertines (Bd. 3, 484 ‑520)

GuermantesDie Ge­schöp­fe, die in un­se­rem Le­ben ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt ha­ben, ver­las­sen es nur sel­ten mit ei­nem Schlag und für al­le Zei­ten“.

Da­mals auf der Strand­pro­me­na­de Bal­becs war der 15-jäh­ri­ge Er­zäh­ler so­fort ge­fan­gen von „ei­nem Mäd­chen mit blit­zen­den, la­chen­den Au­gen und vol­len, matt­schim­mern­den Wan­gen un­ter ei­ner tief in die Stirn ge­setz­ten schwar­zen Po­lo­müt­ze, das ein Fahr­rad mit der­ma­ßen nach­läs­si­gem Wie­gen der Hüf­ten vor sich her­schob“. Die­ser Al­ber­ti­ne Si­mo­net be­geg­net er noch meh­re­re Ma­le be­vor der Ma­ler Elstir sie ihm vor­ge­stellt. Die Rea­li­tät er­nüch­tert sei­ne schwär­me­ri­sche Phantasie.

In dem Ma­ße, wie ich dem jun­gen Mäd­chen nä­her­kam und sie bes­ser ken­nen­lern­te, voll­zog sich die Be­kannt­schaft mit ihr durch ei­nen Sub­trak­ti­ons­pro­zeß, denn je­der ein­zel­ne der durch Phan­ta­sie und Ver­lan­gen be­stimm­ten Tei­le ih­res We­sens wur­de durch ei­ne Kennt­nis ersetzt.“

Sie freun­den sich an, ge­mein­sam mit den an­de­ren Mäd­chen un­ter­neh­men sie „Proust — Der Kuss“ wei­ter­le­sen