Kafkas letzte Liebe

Liebe und Leid in Michael Kumpfmüllers Kafka-Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“

19360_Kumpfmueller_Herrlichkeit.indd„Sie sitzen am Strand und erzählen sich Geschichten vom Warten. Auch der Doktor hat sein halbes Leben gewartet, zumindest ist das im Nachhinein sein Gefühl, man wartet und glaubt nicht daran, dass noch jemand kommt, und auf einmal ist genau das geschehen.“

Eines vorweg, man muss kein Kafka-Kenner sein um diesen Roman zu lesen, auch wenn Michael Kumpfmüller diesen Dichter zur Hauptfigur macht. Der Name Kafka taucht in diesem Buch gar nicht erst auf, es ist immer der Doktor oder Franz. Dessen letztes Lebensjahr schildert Kumpfmüller mit allem durch die Tuberkulose verursachtem Leid, aber auch mit allem Glück, das die Liebe schenkt.

Kommen, Bleiben, Gehen, die drei mit annähernd 80 Seiten gleich großen Teile des Romans erzählen mit suggestiver Kraft die Geschichte einer großen Liebe, der zwischen Franz Kafka und Dora Diamant.

Sie begegnen sich 1923 im Ostseebad Müritz, wo Franz seine Schwester Elli und „Kafkas letzte Liebe“ weiterlesen

Proust – Der Kuss

Der Besuch Albertines (Bd. 3, 484 -520)

Guermantes„Die Geschöpfe, die in unserem Leben eine große Rolle gespielt haben, verlassen es nur selten mit einem Schlag und für alle Zeiten“.

Damals auf der Strandpromenade Balbecs war der 15-jährige Erzähler sofort gefangen von „einem Mädchen mit blitzenden, lachenden Augen und vollen, mattschimmernden Wangen unter einer tief in die Stirn gesetzten schwarzen Polomütze, das ein Fahrrad mit dermaßen nachlässigem Wiegen der Hüften vor sich herschob“. Dieser Albertine Simonet begegnet er noch mehrere Male bevor der Maler Elstir sie ihm vorgestellt. Die Realität ernüchtert seine schwärmerische Phantasie.

„In dem Maße, wie ich dem jungen Mädchen näherkam und sie besser kennenlernte, vollzog sich die Bekanntschaft mit ihr durch einen Subtraktionsprozeß, denn jeder einzelne der durch Phantasie und Verlangen bestimmten Teile ihres Wesens wurde durch eine Kenntnis ersetzt.“

Sie freunden sich an, gemeinsam mit den anderen Mädchen unternehmen sie „Proust – Der Kuss“ weiterlesen

Proust – Tod der Großmutter

Über Ärzte, Aberglauben und Abschied (Bd. 3, 417-484)

Guermantes„Im Zustand der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen aus einem ganz anderen Reich gebunden sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.“

Als der Erzähler von der Matinée zurückkehrt hat sich der Gesundheitszustand seiner Großmutter verschlechtert. Die Konsultationen der Ärzte und ihre medizinischen Maßnahmen kommentiert er sarkastisch als „ein Kompendium aufeinanderfolgender und einander widersprechender Irrtümer“, an die zu glauben „der größte Wahnwitz“ sei.

Trotzdem findet sich in diesem Abschnitt die poetischste Fassung einer der profansten Tätigkeiten am Krankenlager, der Temperaturmessung.

„Fast in ganzer Höhe war die Röhre frei von Quecksilber. Mit Mühe nur „Proust – Tod der Großmutter“ weiterlesen

Proust – Salonplaudereien

Matinée bei Madame de Villeparisis (Bd. 3, 254-438)

Guermantes„Der Salon der Marquise mochte sich zwar von einem wirklich eleganten Salon unterscheiden, in dem viele von den bürgerlichen Damen gefehlt hätten, die sie bei sich empfing, und andererseits viele von den glanzvollen Erscheinungen der großen Welt anwesend gewesen wären, die Madame Leroi schließlich in ihr Haus zu ziehen vermocht hatte.“ (Bd. 3, 269)

Marcel Proust war ein Kenner der Pariser Salons. Bevor er sich in seine schalldichte Kammer zurückzog, beobachtete er als Akteur das Treiben bei Madame Lemaire oder der Comtesse de Greffuhle. Sie boten in ihren Salons die Gelegenheit zum gesellschaftlichen Umkreisen. Was darunter zu verstehen ist, beschreibt Proust auf rund 200 Seiten im dritten Teil der Recherche. Sein junger Marcel besucht zum ersten Mal eine Matinee bei „Proust – Salonplaudereien“ weiterlesen

Was Kunst vermag

Peter Stamm über Kunst in Nacht ist der Tag

Stamm, Nacht ist der TagNie wird es mir gelingen, in ein Porträt die ganze Kraft zu legen, die in einem Kopf ist.
Alberto Giacometti

Der neue Roman von Peter Stamm besteht aus drei Teilen, denen jeweils ein Zitat voran steht. Während Shakespeare den Beginn und der Philosoph Ernst Bloch den Schluss einleiten, findet sich in der Mitte der Schweizer Künstler Alberto Giacometti mit einer Aussage, die wie ein Schlüssel zur vorliegenden Geschichte erscheint.

Oberflächlich betrachtet erzählt Nacht ist der Tag die Geschichte einer Frau, die durch einen Unfall ihr Gesicht verliert und in den Bemühungen dies wiederherzustellen zu einer neuen Identität findet. Doch hinter dieser Fassade steckt viel mehr, vor allem die Frage, was Kunst vermag.

Der erste und mit 126 Seiten umfangreichste Teil des Romans, dem Shakespeare die Diskrepanz zwischen Realität und Imagination vorgibt, schildert die Ausgangssituation. Gillian, eine „Was Kunst vermag“ weiterlesen

Von Jägern und Sammlern

Konrad O. Bernheimer gewährt in „Narwalzahn und Alte Meister“ private Einblicke in die Welt des Kunsthandels

NarwalzahnMit Moscherabien, hölzernen Gittern, die einst in Nordafrika nicht nur Haremsfenster vor unerlaubten Einblicken schützten, stattete der Kaufmann Lehmann Bernheimer vor knapp 150 Jahren das Bad seiner Münchner Wohnung aus. Heute zieren sie die Wände seiner Ururgroßenkelin. Nicht nur dieser Gegenstand verbindet die Beiden auch ihre Leidenschaft für Kunst und schöne Dinge. Der Händler ausgesuchten Interieurs und die Galeristin wählten Kunst als Profession. Auch die Familienmitglieder der zwischen ihnen liegenden Generationen machen und machten ihre Geschäfte auf diesem Gebiet, darunter Konrad Bernheimer, der Verfasser der vorliegenden Firmen- und Familiengeschichte.

Ihr Titel „Narwalzahn und alte Meister“ deutet auf die lange und vielfältige Tradition des Metiers. Einst waren es die Kunst- und Wunderkammern, in denen kunstsinnige Fürsten Kuriosa sammelten, die von ihrer Weltläufigkeit künden sollten. Auch heute regt die Liebe zur Kunst Sammler zum Erwerb an. Auch dient Kunst nach wie vor als Statussymbol der Distinktion und nicht selten der reinen Investition. Zwischen Sammler und Objekt steht der Händler. Als solcher blickt „Von Jägern und Sammlern“ weiterlesen

Schuldlos schuldig

Alice Munro erweckt die Moiren in ihren Erzählungen „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“

MunroDie alten Griechen sahen ihr Leben als von den Göttern vorherbestimmt. Welcher Art und wie groß das Glück oder Unglück eines Einzelnen war galt ihnen als unverrückbar. Am Schicksalsfaden der Moiren hingen alle Beziehungen im Lebensverlauf. Wie eine antike Schicksalsgöttin spinnt auch Alice Munro am Faden ihrer Protagonistin Juliet in den drei inhaltlich und formal aufeinanderfolgenden Erzählungen Chance, Soon und Silence. Sie sind Teil des 2004 erschienen Sammlung „Tricks“. Literarische Tricks beherrscht die Autorin in meisterhafter Weise, wie ihr zuletzt das Nobelpreiskomitee bestätigte. Bemerkenswert ist Munros Talent, auf wenigen Seiten die unvorhergesehenen Wendungen eines ganzen Lebens darzustellen.

Im ersten Teil, der in der deutschen Übersetzung von Heidi Zerning den Titel „Entscheidung“ trägt, begegnen wir Juliet, einer erfolgreichen Studentin der Altphilologin. Nicht nur ihr Studienfach widerspricht dem Rollenmodel einer jungen Frau, -die Handlung spielt im Jahr 1965-, auch Juliet selbst verhält sich unangepasst. Ihre Professoren raten ihr aus diesem Grund trotz ihres vielversprechenden Talents eine Stelle als „Schuldlos schuldig“ weiterlesen

Adieu 2013 – Bonjour 2014

Wieder endet ein Jahr und hinterlässt das Gefühl eines Ungenügens, denn mein Proust-Projekt ist nur unwesentlich voran geschritten.

Etliche Neuerscheinungen, Buchpreise und Rezensionsexemplare sind dazwischen geraten. Manches erwies sich als überflüssig und dümpelt mittlerweile in den hinteren Blogrängen dem Vergessen entgegen.

Eierstab

Doch nicht wenige Romane haben mich beeindruckt, darunter die Buchpreiskandidaten von Marion Poschmann, Thomas Glavinic und Norbert Gstrein. Psychologisch interessierten Kunstliebhabern mit einem Hang zum Atheismus möchte ich Soutines letzte Fahrt von Ralph Dutli empfehlen. Allen, die glauben, jenseits ihres Potentials in einem öden Provinzkaff zu verschimmeln, Judith Kuckarts Wünsche.

Besonders beeindruckt hat mich Gunther Geltingers poetischer Entwicklungs- und Selbstfindungsroman Moor. Überrascht war ich von „Adieu 2013 – Bonjour 2014“ weiterlesen

Grammatik der Liebe

Iwan Bunins Kunst über die Liebe zu schreiben

Grammatik der Liebe„Im Westen war der Himmel reingefegt, Gold lugte aus dieser Richtung hinter schönen, ins Violett spielenden Wolken hervor und überglänzte seltsam das ärmliche Liebesasyl, dieses Asyl einer unbegreiflichen Liebe, die ein ganzes menschliches Leben in ein ekstatisches Einsiedlerdasein verwandelt hatte, ein Leben, das möglicherweise völlig alltäglich hätte verlaufen sollen, wäre nicht diese in ihrem Zauber so rätselhafte Luschka aufgetaucht.“

Dass die Liebe eines der Lieblingsthemen der schönen Literatur sei, ist eine Binsenweisheit. Bibliotheken voller Lyrik und Prosa um das Glück oder eher um das Unglück, das dieses Gefühl auszulösen vermag, bestätigen dies. Auch Ratgeber wachsen stets aufs Neue nach. Können sie sich doch ihrer Käufer und Leser gewiss sein, denn die Liebe scheint auf alle Zeit ein undurchdringliches Phänomen zu bleiben. Ein Regelwerk, das zum klaren Handeln anleitet, vor Verstößen warnt und somit Fehler zu vermeiden hilft, existiert bisher meines Wissens nicht. Oder doch?

Der russische Literaturnobelpreisträger Iwan Bunin berichtet in seiner 1915 erschienenen gleichnamigen Erzählung von einer „Grammatik der Liebe“. Ihr Entdecker ist ein gewisser „Grammatik der Liebe“ weiterlesen

Ödipales Kuscheln am Strand der Glückseligen

Doris Lessings Die Grossmütter in Tage am Strand

Tage am StrandDer Vergleich hinkt ein wenig wie der schwellfüßige Ödipus selbst und doch verbindet man die inzestuöse Liebe des thebanischen Helden zu seiner Mutter Iokaste unweigerlich mit dem Geschehen in Doris Lessings Erzählung Die Großmütter. Roz und Lil, die auch im Alter attraktiven Frauen sind seit ihrer Kindheit beste Freundinnen. Ihre Beziehung ist derart innig, daß sie sich kaum voneinander entfernen, weder räumlich noch in der Chronologie ihrer Lebensphasen. So leben sie mit ihren prachtvollen Söhnen in prachtvollen Häusern an einem prachtvollen Strand. Weniger prachtvoll erscheinen ihnen die Ehemänner. Als diese schließlich auf unterschiedliche Weisen verschwunden sind, leben die Frauen mit ihren heranwachsenden Söhnen endlich das vollkommene Idyll.

„Roz und Lil lümmelten auf der kleinen Veranda mit Meerblick herum und sahen die beiden Jungen den Pfad hinaufsteigen. Beide runzelten ein wenig die Stirn und ließen die Schwimmsachen baumeln, die gleich zum Trocknen über die Verandamauer hängen würden, und sie waren so schön, dass beide Frauen sich aufrichteten und einander ungläubig ansahen. „Lieber Gott!“, sagte Roz. „Ja“, sagte Lil. „Das haben w i r gemacht, w i r haben sie gemacht“, sagte Roz. „Wer denn sonst?“, erwiderte Lil. 

So scheint es nur konsequent, daß jede der Freundinnen mit dem Sohn der jeweils anderen eine erotische Beziehung eingeht.

Doris Lessing konstruiert um den Kern der Geschichte eine Rahmenhandlung, die sehr reizvoll beginnt. Öffnet sie doch mit dem fremden, wenn auch „Ödipales Kuscheln am Strand der Glückseligen“ weiterlesen