Reisehandbuch für Nichtreisende

Pierre Bayard verteidigt den fernen Blick

Bayard, Orte„Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“, dieses Essay des Literaturwissenschaftlers und Psychoanalytikers Pierre Bayard hat mich vor kurzem sehr beeindruckt. Begeistert von seinen Theorien zum Lesen erwartete ich neue geistreiche Ausführungen zum Thema „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“.

Nicht nur äußerlich gleicht das im Kunstmann-Verlag erschienene neue Buch seinem Vorgänger. Das schlichte beige Cover ziert ein gallischer Hahn, der diesmal nicht auf einem Stapel Bücher sondern auf einem Globus Position bezogen hat. Auch der Aufbau des Essays wurde übernommen. Von Arten des Nichtlesen über Gesprächssituationen bis zu Empfohlenen Haltungen äußert sich Bayard zu Orten, die man nicht kennt (UB), die man überflogen hat (ÜO), die man vom Hörensagen kennt (EO) und die man vergessen hat (VO). Daraus ergeben sich entsprechende Kategorien, die man ähnlich aus dem Vorgängerbuch kennt. Die Folgekapitel tragen den gleichen Titel wie im ersten Essay, teilen sich aber dem Sujet entsprechend in verschiedene Unterpunkte. Die Wahl „Reisehandbuch für Nichtreisende“ weiterlesen

Mücken, Mythen, Mussolini

Antonio Pennacchis „Canale Mussolini“ – Oral History als Epos

Was bitte, was sagen Sie? Warum sie dann bis hierher gekommen sind? Ja, wegen dem Hunger, ich bitte Sie, aus welchem Grund denn sonst? Wegen dem Hunger ist einer zu allem bereit (…).

Der Roman, Canale Mussolini, verwandelt sofort. Er macht aus dem Leser einen Zuhörer und versetzt ihn vom Sessel in einen Stall, wo Frauen, Kinder, Männer sich am Abend versammeln. Das anwesende Vieh wärmt, ebenso das Glas Wein, alle lauschen einem Einzigen, der ebenso wie die Frauen einen Faden spinnt, den Filò einer langen Geschichte.

Antonio Pennacchis Epos beginnt vor hundert Jahren und erzählt von Not und Mut der Familie Peruzzi. Kein Geheimnis bleibt den Zuhörern verborgen, denn der Erzähler, selbst ein Mitglied der vielköpfigen Sippe, kennt sie alle. Auch von der besonderen Beziehung der Peruzzi zum Fascio weiß er einiges zu berichten. Da gibt es nichts dran zu rütteln, sie waren Schwarzhemden von Anfang an.

Die alten Peruzzi zeugen 17 Kinder, nichts Ungewöhnliches „Mücken, Mythen, Mussolini“ weiterlesen

Wer hat hier die Hosen an?

In ihrem neuen Bildband „Die Erste“ illustrieren Barbara Sichtermann und Ingo Rose Kämpferinnen um die Geschlechtergerechtigkeit

Die Erste„Die Erste“, das klingt nach Wettbewerbswunsch und Durchsetzungsvermögen. Beides war sicherlich im Verhalten der Frauen vorhanden, die Barbara Sichtermann und Ingo Rose im vorliegenden Bildband vorstellen. Sichtermann widmet sich seit vielen Jahren  den gesellschaftlichen und privaten Rollen der Frau. In 18 Kurzporträts stellt sie nun, zusammen mit ihrem Partner Rose, bekannte und weniger bekannte Frauen unterschiedlicher Generationen und Fachgebiete vor. Gemeinsam ist diesen Frauen eines, sie eroberten sich Positionen, deren Zugang dem weiblichen Geschlecht verwehrt war. Neben der berühmten Lise Meitner, die im Schatten von Otto Hahn als Kernphysikerin forschte, finden sich der heutigen Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeiten, wie die Journalistin Wiebke Bruhns, die Theologin Margot Käßmann, die Finanzexpertin Christine Lagarde und die ehemalige, vor kurzem verstorbene, britische Premierministerin Margaret Thatcher.

Die beiden Autoren gehen aber auch in der Historie zurück und berichten „Wer hat hier die Hosen an?“ weiterlesen

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seethalers melancholischer Wienroman „Der Trafikant“

seethaler_trafikant_3D„15. April 1938

Im Prater geht ein Mädchen, es steigt ins Riesenrad, überall blitzen Hakenkreuze, das Mädchen steigt immer höher, plötzlich brechen die Wurzeln, und das Riesenrad rollt über die Stadt und walzt alles nieder, das Mädchen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Jeder träumt, viele erinnern sich ihrer Träume, mancher erzählt sie weiter. Doch wer kommt schon auf die Idee seine Träume in der Öffentlichkeit auszuhängen? Da müsste man lange suchen, erst recht in Wien vor achtzig Jahren. Auch wenn dort zu dieser Zeit der Traumfachmann des Jahrhunderts lebt, Sigmund Freud. Nach dessen Anweisung notiert der junge Franz seine Träume und hängt diese an das Fenster der Trafik.

Wie es soweit kam und was danach geschah, schildert Robert Seethaler in seinem neuen Roman „Der Trafikant„. Von Heimat und Liebe, von Freundschaft und Tod, kurz „Die Traumblätter des Trafikanten“ weiterlesen

Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plädiert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre Bayard„Noch bevor ein gebildeter, neugieriger Mensch ein Buch aufgeschlagen hat, kann schon sein Titel oder ein kurzer Blick auf den Umschlag eine Reihe von Bildern und Eindrücken bei ihm hervorrufen, die nur darauf warten, in eine erste Meinung verwandelt zu werden.“

Mit einer meiner Freundinnen rede ich gerne über Literatur, auch wenn die Schnittmenge unserer gelesenen Bücher relativ klein ist. Sie greift zwischendurch gerne mal zum aktuellen Schwedenthriller oder zum angesagten Jugendroman, um an ihrer Schule mit Kollegen und  Klientel mitreden zu können, während mein Lesefutter manchmal in ihren Pflichtbereich fällt. Doch wir beschränken unsere Diskussionen nicht auf diese tatsächlich gemeinsam gelesenen Bücher. Es bleibt auch nicht bei einem gegenseitigen Informationsaustausch an Lesetipps und Warnungen. Jede hat ihre eigene Meinung zu dem jeweiligen Buch, ob gelesen oder nicht. Nicht selten geraten wir sogar in eine lebhafte Debatte.

Ist dies nun statthaft? Darf man über Dinge reden, die man nicht „Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden“ weiterlesen

Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

damm„Im hohen Norden fühle ich mich sofort auf mein ganzes Leben beruhigt, bin mitten im Leben, mitten in dieser Unendlichkeit, hier aber, in Rom, empfinde ich mich am äußersten Rand einer begrabenen Zeit.“

„Wohin mit mir“, dieser Titel erinnert an frauenbewegte Selbstfindungsliteratur der Achtziger Jahre, derartiges klingt in diesem römischen Reisebuch durchaus an. Die aus der DDR stammende Autorin Sigrid Damm wurde mit Büchern über historische Persönlichkeiten der deutschen Literatur bekannt, vor allem mit ihrem 1998 erschienen Titel „Christiane und Goethe“.

Die Fertigstellung dieses Werkes liegt 1999 gerade ein Jahr hinter ihr und sie plant bereits ein neues Projekt. In ihrer neuen Wahlheimat Nordschweden will sie zusammen mit ihren beiden Söhnen ein Buch über Lappland schreiben, da erhält sie ein Stipendium der Casa di Goethe.

Ein halbes Jahr in Rom, größer könnte der Gegensatz zu ihren jetzigen Lebensumständen nicht sein. Er offenbart sich auch in ihren Erwartungen und in den ersten „Vom Ende der Welt nach Arkadien“ weiterlesen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

„Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_Schluss„Und der Computer bringt mir alles ins Haus: Filme, Informationen, Neuigkeiten, Bücher, Theaterstücke, alles, was ich will. Ich muss nicht hinaus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein Interesse ist wie ein Schwamm. Es unterscheidet nicht nach der Farbe des Wassers, das es aufsaugt, oder ob es schmutzig ist oder sauber.“

Spannung, die anfangs subtil anklingt und sich dann in ungewöhnlichen Handlungsverläufen entwickelt, kennzeichnet das neue Buch von Markus Orths. Nach dem Roman „Die Tarnkappe“, der mir ausgesprochen gut gefallen hat, liegt nun im Schöffling Verlag ein Band mit acht meist längeren Erzählungen vor, die in ungeheuerlicher Art existentielle Fragen berühren.

In jeder seiner Geschichten wirft Orths seine Leser zunächst ins Ungewisse. Die Motive der Figuren erscheinen unklar, erst nach und nach werden Indizien aufgedeckt, die Handlung schlägt unerwartete Volten und endet selten mit einer eindeutigen Lösung. Der Ausgang ist eher eine Aufforderung weiter zu denken, begreifbar als Tür zwischen der Phantasie des Autors und der Vorstellung des Lesers.

Dies ist schon in der ersten Erzählung, Erich, Erich, erfahrbar. Ihr Protagonist „Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens“ weiterlesen

Die Königin der Smartcrackers – Dorothy Parker

In „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ charakterisiert Michaela Karl die amüsanteste Kritikerin New Yorks


„If I abstain from fun and such, 

I’ll probably amount to much,

But I shall stay the way I am, 

Because I do not give a damm.“ (Parker, Complete Poems)

Unlängst beklagte der amerikanische Autor Dwight Garner in The New York Times die Überhandnahme von Kuschelkritiken. Vielleicht dachte er bei seinem Ruf nach wahren Rezensenten, die neben Lob auch harte Kritik äußern, an die berühmteste Kritikerin New Yorks zurück, Dorothy Parker? Ihr fiel es nie schwer eine Rezension folgendermaßen zu beenden, „Diesen Roman sollte man nicht einfach so weglegen, man sollte ihn voller Hingabe in die Ecke feuern.“

Dorothy Parker, die nicht nur Kritiken, sondern auch Gedichte, Drehbücher und Kurzgeschichten verfasste, widmet die Politologin und Historikerin Michaela Karl eine Biographie, deren Titel „„Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ sie nicht besser hätte wählen können. Er weist auf die großen Leidenschaften Parkers hin, den Hang zu Männern und die Liebe zum Alkohol, sowie die Gabe deren beider Nachwirkungen mit sarkastischen Bonmots zu kurieren. Weitere Rollen spielten neben dem Schreiben nur noch Hunde und Hüte.

Das trotz all dieser Umstände immerhin über siebzig Jahre währende Leben der 1893 geborenen Dorothy Rothschild verfolgt Karl in zehn Kapiteln auf 233 Seiten. Sie schildert in chronologischer Abfolge wie die scharfzüngige Parker zur „geistreichsten Frau New Yorks“ wurde. Zudem zeigt sie anhand zahlreicher Zitate den intellektuellen Sarkasmus dieser Autorin, der das Einfühlen in das Unglück nicht fremd war, da es sich oft genug um ihr eigenes handelte.

Ihre journalistische Karriere beginnt Dorothy Parker bei der Vogue mit äußerst unkonventionellen Berichten über Einrichtungsstile und Modeneuheiten. Bei Vanity Fair wird sie als Nachfolgerin von P. G. Wodehouse die erste weibliche Theaterkritikerin der Stadt. Sie schreibt außerdem für Esquire, Life und für The New Yorker. Dort verfasst sie als „The Constant Reader“ die Kolumne „Recent Books“. Einige der amüsantesten dort publizierten Verrisse zitiert die Biographie.

Dorothy Parker ist für ihren Sarkasmus berüchtigt. Ein tägliches Training in dieser Disziplin war der Round-Table im Hotel Algonquin, wo sie zur Happy Hour im Vicious Circle mit befreundeten Journalisten und viel Spott die Tagesereignisse kommentiert.

Neben ihren journalistischen Schriften verfasst sie Gedichte und Kurzgeschichten. Sie schreibt über Abhängigkeiten in Liebesbeziehungen, über die Dummheit der Männer wie die der Frauen, nimmt die Verhaltensweisen  der Upper Class aufs Korn, beides mit Selbstironie, denn auch sie strauchelt oft in Liebeswirren und lebt die Rituale der Großstadt. Gleichzeitig kämpft sie gegen Rassismus an, sammelt für jüdische Flüchtlinge, unterstützt ihre unter McCarthy verfolgten Kollegen. Die Rechte an ihren Schriften vererbt sie Martin Luther King, sie gehen nach dessen Tod an die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP.

In der vorliegenden Biographie schildert Karl auch die privaten Beziehungen Parkers. Es erstaunt wie viele literarische Persönlichkeiten mit ihr in Kontakt standen, unter ihnen Fitzgerald, Somerset Maugham und Hemingway. Die intimen Beziehungen zu ihren Männern und Liebhabern bleiben natürlich nicht unerwähnt. Leider sind diese Darstellungen manchmal von Wiederholungen und küchenpsychologisch anmutenden Pauschalurteile durchzogen, wie „Wie so viele Frauen fühlt sich Dorothy Parker angezogen von gutaussehenden Männern, die ihr intellektuell nicht das Wasser reichen können“. Dennoch bietet sich eine interessante Lektüre voller Informationen, deren Belegstellen in den angehängten Anmerkungen aufgeführt sind. Hier hätte die Leserin sich noch manche weiterführende Erläuterung gewünscht. Aber vielleicht hätte dies den Rahmen dieser Biographie gesprengt, die immerhin noch eine umfangreiche Literaturliste und ein Personenregister bietet. Ob allerdings Georg Clooney und so manch‘ andere moderne Berühmtheit etwas in einer Biographie über Dorothy Parker zu suchen haben, sei bezweifelt.

Es ist sicherlich nicht verkehrt, diese Biographie zu lesen. Vollkommen richtig ist aber die Lektüre der Werke Dorothy Parkers. Bei ihren Gedichten muss man zum Original greifen. Die Kurzgeschichten sind bei Kein&Aber neu aufgelegt. Einige finden sich in einer von Elke Heidenreich gelesenen Hörbuchfassung.

Last but not least, für alle, die weder lesen noch hören möchten, sei auf den 1994 erschienenen Film von Alan Rudolph „Mrs. Parker and the Vicious Circle“ verwiesen.

 

Michaela Karl, Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber. Dorothy Parker. Eine Biographie. Residenz Verlag, 4. Aufl. 2011

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwindel befallen weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Orientierung ist verwirrt, manchmal ganz und gar verloren. Als Schwindel werden auch Lügen bezeichnet, harmlose, lässliche. Sie offenbaren nicht jedem alles, bergen mindestens ein Geheimnis, sei es auch nur ein kleiner Trick. Aber wer kann schon ohne diese kleinen Tricks leben?  Sie dienen der Lebensbewältigung und nicht selten sind sie ein wichtiger Bestandteil des Metiers. Auch Schriftsteller bedienen sich als Illusionskünstler kreativer Schwindeleien, die nicht nur ihr Werk sondern auch ihre Person betreffen. Wenn auch der Großteil der Schreibkünstler inzwischen ihr öffentliches Ego als Bestandteil der Erfolgsstrategie begreift, so gibt es immer noch Autoren, die ihre Anonymität zu wahren wissen. Das Geheimnis um ihre Person scheint der Selbstschutz, ohne den keine Kunst entstehen kann.

So ergeht es auch Babro Andersson, kurz Babba, der Schriftstellerin in Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“. Von unattraktivem Äußeren bewegt sich die in einer Arbeiterfamilie großgewordene Babba unsicher zwischen Menschen. Als studierte Philologin bevorzugt sie die Gegenwart der Bücher. Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei, auf deren Karteikarten sie ihre Schreibideen notiert. Als sie eines Tages aus diesen Einfällen eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wissen an eine Zeitschrift. Das Ablehnungsschreiben offenbart ihr nicht nur den Verrat, sondern ebenso die Erkenntnis, daß sie, Babba Andersson, so wie sie wirklich ist, niemals als Schriftstellerin zu Ruhm gelangen könne. Dazu sei sie nun mal einfach weder flott noch attraktiv genug. „Leute, die schriftstellernde Frauen rühmten, liebten dieses Wort. Frauen sollten flott schreiben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Hauptfigur des Romans ins Spiel, Lillemor Troj. Sie erfüllt die aufgestellten Kriterien, weshalb Babba sie zur Stellvertreterin wählt. Sie wird ihr öffentliches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Babbas Literatur. Lillemor ist nicht nur äußerst vorzeigbar. Als Tochter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Perfekt in Mode wie Manieren bewältigt sie den schriftstellerischen Smalltalk. Zudem tippt und redigiert sie, was Babba auf die Seiten des Spiralblocks schreibt. Lillemor achtet auf Logik und Struktur und spätestens, wenn beide Frauen die Ferienwochen in einer entlegenen Kate im Wald verbringen, wird Lillemor zu Babbas Co-Autorin.

Allerdings erfordert ihre gemeinsame Autorschaft immer stärkere Geheimhaltung. Nicht nur die Männer der beiden erweisen sich als Gefahr, auch ihre eigenen Mütter. Immer verdeckt vordergründig die Wahrheitsliebe die eigentlichen egoistischen Antriebe der Neugierigen. Dennoch gelingt es Beiden die Preisgabe ihres Tricks zu verhindern bis sie selbst zu Verrätern werden. In ihrem neuesten Romanentwurf enthüllt Babba die wahre Geschichte und sendet sie unter ihrem eigenen Namen an einen Verlag. Dieser vermutet Lillemor Troj hätte unter Pseudonym ihre Biographie verfasst und vermittelt den Text an deren Verlag, der wiederrum die vermeintliche Autorin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwindlerinnen“ ein. Wir lesen mit Lillemor Kapitel um Kapitel der ungeheuerlichen Wahrheit, die Babba Anderson in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwischen erfahren wir, was Lillemor darüber denkt. Ihre Version schildert der allwissende Erzähler. Die Gegenüberstellung dieser beiden Wahrheiten erzeugt nicht nur den großen Reiz der Konstruktion, sondern auch eine Spannung, die durch den immerhin an die 500 Seiten starken Roman trägt. Kerstin Ekman, die in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, und deren vollständiger Name Kerstin Lillemor Hjorth Ekman aus Gründen der Wahrheit nicht unerwähnt bleiben soll, hat einen umfangreichen Roman geschrieben. Immerhin schildert sie über sechzig Jahre eines erfolgreichen Autorinnenlebens oder besser dreier erfolgreicher Autorinnenleben, Babbas, Lillemors, wie ihr eigenes, welches in Facetten in denen ihrer Stellvertreterinnen aufscheint. Wie Lillemor wurde auch Ekman zum Mitglied der Schwedischen Akademie erkoren, besitzt also ausreichende Information um diesen Aspekt in ihrer Literaturbetriebssatire subtil auszuleuchten. Sie zeigt, wie nicht nur in diesem Gremium Preise vergeben und anhand welcher Kriterien Preisträger gemacht werden. In diesem letztendlich politischen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber in diesem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleichzeitig gelingt Ekman ein Gesellschaftspanorama, in dem sie ihre Heldinnen von den restriktiven Fünfzigern über die Alternativkultur der nachfolgenden Jahrzehnte bis in die heutige Zeit begleitet. In eine Zeit, in der das Lesen eines richtigen Buches zu einem subversiven Akt werden kann, vor dessen Folgen Babba Anderson warnt:

„Literatur schädigt das Gehirn und vermindert die Fruchtbarkeit.“

Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, übers. v. Hedwig Binder, Piper Verlag, 1. Aufl. 2012

Ein Coffee-Table voller Madeleines

Marcel Proust in Bildern und Dokumenten

Im Herbst des letzten Jahres legte die Edition Olms mit „Marcel Proust in Bildern & Dokumenten“ einen opulenten Bildband zu Ehren des berühmten Schriftstellers auf rechtzeitig zu seinem 90. Todestag am 18. November und vor dem Jahrestag des Erstausgabe des ersten Bandes der Recherche im Jahre 1913. Dieser großformatige mit Bildmaterial reich ausgestattete Band kann als Coffee-Table-Book neben einer Etagere voller Madeleines Bella Figura machen und die Empfindsamkeit seines Besitzers zur Schau stellen. Er kann aber noch viel besser die Welt der Recherche veranschaulichen, jenes Lebenswerks in sieben Bänden mit den vielen Seiten schöner Sätze. Dieses zu illustrieren, soweit überhaupt möglich, versammelt der Band Fotografien, Dokumente, Kunst und Dekor. Es finden sich Porträts von Proust, seiner Familie und den Freunden. Wir können Briefe, Urkunden und die berühmten Fragebögen studieren, Abbildungen der in der Recherche erwähnten Kunstwerke betrachten. Graphik und Gegenstände des Fin de Siècle vervollständigen das Zeitkolorit und Madeleine Lemaire, eine Freundin Prousts, die sich in Mme de Villeparisis und Mme Verdurin wiederfindet, streut ihre Aquarellblüten über viele Seiten.

Als Herausgeberin dieser Illustration fungiert Patrizia Mante-Proust, die Urgroßnichte des Dichters. Voller Familienstolz berichtet sie über den berühmten Onkel ihrer Großmutter Suzy, der einzigen Tochter von Marcels Bruder Robert. Patrizia Mante-Proust war elf Jahre alt als diese starb, und die stärkste ihrer Erinnerungen gilt neben dem Porträt Prousts von Jacques-Èmile Blanche, das im Salon der Großmutter hing bevor es in die Sammlung des Musée d’Orsay überging, der Entdeckung des Typoskripts von „Albertine disparue“ im Jahr 1986. Auch wenn sie alle Erwartungen hinsichtlich ererbter literarischer Tiefgründigkeit bescheiden ablehnt, äußert sie doch das Bonmot „Proust ist keine Frage des Lesens, sondern des Wiederlesens!“. Zum Abschluss des Vorworts erweist sie ihm auch phänotypisch Reverenz auf einem Porträt mit künstlich verhangenem Blick und auf einem Aquarell, das Ahn und Erbin als Radfahrer auf der Promenade von Cabourg zeigt.

Der Hauptteil des Bandes teilt sich in Kapitel, deren Texte die Proust-Forscherin Mireille Naturel verfasste. Sie lehrt an der Pariser Universität Sorbonne Nouvelle und ist Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust. Ein weiteres Element bilden Passagen der Recherche, die mit ausgewählten Abbildungen korrespondieren. In sechs Kapiteln wirft Naturel Schlaglichte auf die Bedeutung dieses Gesellschaftsromans und erinnert zugleich an den aktiven, vielseitig interessierten Proust.

Das erste Kapitel taucht ein in das Idyll der Kindheit in Illiers-Combray. Familienmitglieder, Ausschnitte aus Schul- und Studienzeit, das freiwillige Jahr beim Militär, aber auch die frühen Ferienaufenthalte in Cabourg entfalten ein „Kaleidoskop des Lebens“. Im zweiten Kapitel erfahren wir von Prousts Begegnungen und Beziehungen zu anderen Künstlern, wie Jacques-Èmile Blanche und Jean Cocteau, aber auch von seinem Zusammentreffen mit dem Verleger Gaston Gallimard. Das mondäne Leben des jungen Prousts in den Salons beeinflusst unmittelbar das Entstehen seines ersten literarischen Werks, „Freuden und Tage“. Die beiden folgenden Kapitel widmen sich zwei ganz wesentlichen Elementen, dem Lesen und der Kunst. Zeigt das eine, wie in Prousts Vorwort zu seiner Übersetzung von Ruskins „Sésam et les Lys“, Grundgedanken der Recherche bereits angelegt sind, so berichtet Naturel im folgenden Kapitel von Prousts Kunstverständnis und seinem synästhetischen Erleben der Eindrücke. Das Schlusskapitel widmet sich dem Entstehen des Romanwerks. Mit vielen Abbildungen verfolgt es die Ausarbeitung von Notizen zum Manuskript. Die Überarbeitung des Typoskripts mit den vielen eingefügten Paperoles für die zahlreichen Zusätze und Korrekturen könnte fast als Kunstwerk für sich betrachtet werden. Ein kurzer Abriss der Proust-Rezeption beendet das Kapitel und Buch. Es schließen sich Literaturverzeichnis wie Abbildungsnachweis und eine Transkription und Übersetzung der Textdokumente an sowie, was anscheinend nie fehlen darf, ein Rezept für Madeleines.

Ins Deutsche übersetzt wurde dieser insgesamt sehr schöne Bildband von Stefanie Kuballa-Cottone. Er bietet eine gute Ergänzung zu Marcel Proust, seinem Werk und seiner Welt, der jedoch zwei kleine Aber hinzufügt werden müssen. Nicht immer wirkt die Zusammenstellung der unterschiedlichen Abbildungsformate geglückt. Kleine Fotos mit abgerundeten Ecken neben einem großformatigen Rechteck oder alte und neue Aufnahmen auf einer Blütentapisserie erinnern an selbstgemachtes Fotobuchstyling. Das mag Geschmackssache sein. Keine Frage des Geschmacks sind jedoch die abfärbenden Drucke, die auf den weißen Flächen unschöne Flecken hinterlassen. Das hätte durch Sorgfalt bei der Herstellung vermieden werden können.

Nicht nur wegen des Titels darf die Rezension von Andreas Platthaus in der F.A.Z. nicht unerwähnt bleiben, „Im Schatten später Nichtenblüten“.

Mante-Proust, Patricia; Naturel, Mireille (Hg.), Marcel Proust in Bildern & Dokumenten, übers. v. Stefanie Kuballa-Cottone, Edition Olms Zürich 2012.