Klamauk auf Skios

Verwechslungsklamotte mit guten Dialogen — „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Er­zäh­len Sie ihr, was Ih­nen ge­ra­de ein­fällt. Sie muss nur se­hen, dass je­mand sich be­müht. Sa­gen Sie ihr das klei­ne Ein­mal­eins auf. Sie wird es nicht ver­ste­hen. Ein Mund, der auf- und zu­geht. Mehr wol­len die meis­ten Leu­te hier nicht, wenn man es recht be­trach­tet. Und eins Ih­rer net­ten Lächeln. “

Auf ei­nem klei­nen, kar­gen In­sel­chen in der grie­chi­schen Ägä­is bahnt sich der Hö­he­punkt der Sai­son an. In ei­ner ex­klu­si­ven Kul­tur­stif­tung er­war­ten die nicht min­der ex­klu­si­ven Mit­glie­der aus Geld- und Bil­dungs­adel den Jah­res­vor­trag. Hal­ten wird ihn Dr. Nor­man Wil­fred, der als Vor­trags­rei­sen­der in Sa­chen Szi­en­to­me­trie sei­ne gut ge­reif­ten Er­kennt­nis­se schon seit Jah­ren welt­weit ver­wurs­tet. Sein Ant­ago­nist, der jun­ge, at­trak­ti­ve Oli­ver Fox will auf der In­sel ein Wo­chen­en­de mit sei­ner jüngs­ten Er­obe­rung ver­brin­gen, de­ren Freun­din Nik­ki wie­der­um als As­sis­ten­tin der Stif­tung den Vor­trag or­ga­ni­siert. Nik­ki war­tet am Flug­ha­fen als Wis­sen­schaft­ler und Nichts­nutz gleich­zei­tig dort ein­tref­fen. Von ih­rer adret­ten Net­tig­keit an­ge­zo­gen steu­ert der Nichts­nutz auf sie zu, gibt sich als er­war­te­ter Wis­sen­schaft­ler aus und die Ver­wick­lun­gen beginnen.

Ver­wechs­lungs­ko­mö­di­en ha­ben mich noch nie be­son­ders be­geis­tert. Zwei Per­so­nen rut­schen in die fal­schen Rol­len und dann dau­ert es we­gen et­li­cher Ka­prio­len quä­lend lan­ge bis ir­gend­ei­ner da­hin­ter kommt. Al­le An­we­sen­den sind ge­blen­det von ih­ren ei­ge­nen Er­war­tun­gen. Sie hal­ten den Fal­schen für den Rich­ti­gen und selbst ein­deu­ti­ge Hin­wei­se brin­gen sie nicht auf die Spur. Sie ver­har­ren in Schafs­star­re, un­kri­tisch, leicht­gläu­big, groß­äu­gig und ver­trau­ens­se­lig. Das Funk­ti­ons­prin­zip sol­cher Ge­schich­ten ist die Scha­den­freu­de der Zu­schau­er und Le­ser. Sie be­ob­ach­ten das Ge­sche­hen von au­ßen, wis­sen mehr als die in­vol­vier­ten Fi­gu­ren und amü­sie­ren sich über de­ren Ge­schick. Mei­nem Hu­mor ent­spricht dies nicht. An­fangs ver­spü­re ich Mit­leid mit dem Be­nach­tei­lig­ten, der ne­ben dem Glücks­pilz zum Zwangs­in­ven­tar der­ar­ti­gen Kla­mauks zählt. Doch bald be­fällt mich der Wunsch die Sa­che auf­zu­klä­ren. We­gen der Un­er­füll­bar­keit die­ses An­sin­nens wer­de ich schließ­lich so ner­vös, daß ich Film, Stück oder Ro­man verlasse.

Will­kom­men auf Ski­os“ ha­be ich zu En­de ge­le­sen. Ein frü­he­rer Ro­man des Au­tors, „Das Spio­na­ge­spiel“ hat­te mich be­ein­druckt. Auch der neue Ro­man Frayns ist sti­lis­tisch sehr gut ge­macht. Wort­spie­le und An­spie­lun­gen ent­lar­ven die nicht nur aka­de­mi­schen Ei­tel­kei­ten. Die ra­schen Wech­sel von Per­spek­ti­ve und Schau­plät­zen en­den stets mit ei­nem Cliff­han­ger, der ho­hes Le­se­tem­po er­zeugt. Trotz­dem ver­moch­te der In­halt der Sto­ry nicht mein In­ter­es­se zu we­cken. Der Hu­mor wirkt nicht schwarz und eng­lisch son­dern plump und dick auf­ge­tra­gen. Im­mer­hin bie­ten ei­ni­ge bril­lan­te Dia­lo­ge Ver­gnü­gen. Aber das war’s dann auch. Die in­tel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung ei­ner ei­ni­ger­ma­ßen plau­si­blen Auf­lö­sung die­ses Kud­del­mud­dels spart sich Frayn. Sei­ne Bou­le­vard­ko­mö­die mün­det in ei­ner Slap­stick-Ex­plo­si­on. Üb­rig blei­ben Trüm­mer und hei­ße Luft.

Mi­cha­el Frayn, Will­kom­men auf Ski­os, Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2012 

Proust — Liebesträume

Die Metamorphosen der Madame de Guermantes — (Bd. 3, 1)

GuermantesDie Er­in­ne­rung an ei­ne Per­son, die für uns von Be­deu­tung war, ver­än­dert sich im Lau­fe der Zeit. Je län­ger wir die­sem Men­schen nicht be­geg­nen um so stär­ker wan­delt er sich zum Ide­al, das mit der all­täg­li­chen Per­son kaum noch übereinstimmt.

So er­geht es auch dem Prot­ago­nis­ten, der im Pa­ri­ser Pa­lais der Guer­man­tes wohnt und da­mit in un­mit­tel­ba­rer Nä­he die­ses Adels­ge­schlech­tes, des­sen Na­me ihn schon in Com­bray mit Ehr­furcht er­füll­te. Als er Ma­dame de Guer­man­tes, der Frau des Her­zogs, zu­fäl­lig auf der Stra­ße be­geg­net, ist es ihm un­mög­lich, sein Bild von die­ser Frau mit dem Ide­al in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, wel­ches ihn seit ih­rem An­blick in der Kir­che von Com­bray be­setzt. Das Her­aus­ra­gen­de wird un­ver­se­hens zu et­was All­täg­li­chem, es voll­zieht sich ei­ne Des­il­lu­si­on, die er sich als Me­ta­mor­pho­se zu er­klä­ren ver­sucht. Wie bei Ovid aus ei­ner Nym­phe ei­ne Pflan­ze oder ei­ne Quel­le wer­den kann und die­se da­durch ih­ren ur­sprüng­li­chen Lieb­reiz ver­liert, so ver­wan­delt die rea­le All­tags­si­tua­ti­on den Zau­ber der Her­zo­gin. Die­ser stellt sich je­doch wie­der ein, so­bald nur noch Er­in­ne­rung die­ses Bild zu­sam­men­setzt. Ge­hirn und Ge­fühl re­kon­stru­ie­ren die be­gehr­te Pro­jek­ti­on. Und doch ver­ur­sacht je­de neue Be­geg­nung wie­der Ent­täu­schung. Die Ba­na­li­tät des All­tags zer­stört das Ide­al. Der Fas­zi­nier­te be­ob­ach­tet bei Ma­dame de Guer­man­tes ei­nen Hang zur mo­di­schen Klei­dung, die ihm si­gna­li­siert, daß sie auf das Ur­teil der Pas­san­ten Wert legt. „Die­se so tief un­ter ihr ste­hen­de Rol­le der ele­gan­ten Frau“, ent­spricht nicht sei­ner Vor­stel­lung von ih­rer her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­keit. Erst als er sie in der Oper er­blickt, nimmt die Klei­dung für ihn ei­nen an­de­ren Stel­len­wert ein. Er deu­tet sie als Zei­chen für die Auf­he­bung der Me­ta­mor­pho­se. Die Ro­be mit dem pai­let­ten­be­setz­ten Ober­teil of­fen­bart die wah­re Ge­stalt der Ma­dame de Guer­man­tes, die Ägis ver­rät die Mi­ner­va. Sie er­scheint als Göt­tin, die bei sei­nem An­blick al­ler­dings wie­der zur Frau wird und ihn lä­chelnd grüßt.

Der jun­ge Mar­cel ist ver­liebt und dies so­fort un­glück­lich, da er ahnt, daß die­se Göt­tin für ihn un­er­reich­bar blei­ben wird. „Ich hat­te mich, in Wirk­lich­keit lei­der, da­für ent­schie­den, die Frau zu lie­ben, die viel­leicht die größ­te Zahl von ver­schie­den­ar­ti­gen Vor­tei­len auf sich ver­ei­nig­te und in de­ren Au­gen ich des­we­gen nicht hof­fen konn­te, auch nur ir­gend­ein An­se­hen zu ge­nie­ßen; denn sie war eben­so reich wie der Reichs­te, der da­ne­ben nicht auch noch ad­lig war, ganz zu schwei­gen von ih­rem per­sön­li­chen Charme, durch den sie ton­an­ge­bend und un­ter al­len ge­wis­ser­ma­ßen die Kö­ni­gin war.“

Wie­der ein­mal hält ihn ei­ne me­lan­cho­li­sche Lie­be in Lie­bes­träu­men ge­fan­gen. Er ver­sucht die Her­zo­gin auf der Stra­ße ab­zu­pas­sen, un­ter­nimmt zur glei­chen Zeit sei­ne Spa­zier­gän­ge, war­tet an den Ecken, die sie pas­sie­ren wird, war­tet ver­geb­lich, muss sein War­ten ver­ber­gen, will nicht auf­fal­len und han­delt da­durch viel­leicht ver­kehrt, wenn er bei ei­ner der we­ni­gen Be­geg­nun­gen, ih­re Auf­merk­sam­keit er­regt, je­doch den Gruß nicht er­wi­dert. Sein Ver­such nicht auf­dring­lich zu er­schei­nen, könn­te sie als Un­höf­lich­keit deu­ten, was ihn be­drückt. „War­um ver­spür­te ich den glei­chen Schau­er, heu­chel­te ich die­sel­be Gleich­gül­tig­keit, wand­te ich die Au­gen auf die glei­che zer­streu­te Wei­se ab, wie am Vor­tag, wenn in ei­ner Sei­ten­stra­ße und un­ter ei­ner klei­nen ma­ri­ne­blau­en To­que ei­ne Vo­gel­na­se im Pro­fil auf­tauch­te, längs ei­ner ro­ten Wan­ge, die von ei­nem ste­chen­den Au­ge quer durch­schnit­ten wur­de, gleich­sam die Er­schei­nung ei­ner ägyp­ti­schen Gottheit?“

Sei­ne Angst durch­schaut zu wer­den wächst, Fran­çoi­se wis­sen­der Blick, wenn er mor­gens die Woh­nung ver­lässt, könn­te aus ei­ner Be­mer­kung der Be­diens­te­ten der Her­zo­gin re­sul­tie­ren, die sich ab­fäl­lig über den „Mis­se­tä­ter“ ge­äu­ßert ha­ben mag.

Hat­te er zu Be­ginn Ma­dame de Guer­man­tes noch ge­gen die bis­he­ri­gen Lie­ben, Al­ber­ti­ne, Gil­ber­te, gar ge­gen un­be­kann­te reiz­vol­le Mäd­chen ab­ge­wo­gen, ist die­ser Ver­gleich nun ganz sei­ner Über­zeu­gung un­ter­le­gen, daß die­se Guer­man­tes egal in wel­cher Form sie ihm auch er­scheint, sei­ne Göt­tin ist. „Was ich lieb­te, war die un­sicht­ba­re Per­son, die das al­les in Be­we­gung setz­te, war sie, de­ren Feind­se­lig­keit ich hät­te ver­ja­gen wol­len.“ Und doch scheint er aus­sichts­los in sei­nem un­er­füll­ba­ren Ver­lan­gen. „Ich lieb­te Ma­dame de Guer­man­tes wirk­lich. Das größ­te Glück, das ich von Gott hät­te er­bit­ten kön­nen, wä­re ge­we­sen, daß er al­le nur mög­li­chen Ka­ta­stro­phen auf sie nie­der­ge­hen las­se und daß sie, (…) , zu mir kom­me, um bei mir Zu­flucht zu suchen.“

Er be­schließt über ei­nen Um­weg, durch den Be­such bei ih­rem Nef­fen Ro­bert de Saint-Loup, in ih­re Nä­he zu ge­lan­gen. Viel­leicht er­wähnt ihn Saint-Loup bei sei­ner Tan­te, viel­leicht kann er so­gar ei­ne Be­geg­nung ar­ran­gie­ren? Auch wenn die­ser Be­such und die ent­ste­hen­de Freund­schaft zu Ro­bert ihn zu­nächst von sei­nem Ziel ab­zu­len­ken scheint, ist sei­ne Sehn­sucht stets ge­gen­wär­tig. „Es war, als ha­be ei­ne ge­schick­ter Ana­tom ei­nen Teil mei­ner Angst ent­fernt und ihn durch ei­nen glei­chen Teil un­kör­per­li­chen Schmer­zes er­setzt.“ Es stellt sich die glei­che Me­lan­cho­lie ein, die ihn schon frü­her be­setzt hielt, der ge­rings­te An­lass weckt sei­ne Er­in­ne­rung. „Ein wei­cher Luft­hauch, der vor­über strich, schien mit ei­ne Bot­schaft von ihr zu brin­gen wie einst von Gil­ber­te auf den Fel­dern von Méséglise.“

Saint-Loup ver­spricht ihn bei sei­ner Tan­te ein­zu­füh­ren, doch ein Zwi­schen­fall macht Saint-Loups bal­di­gen Be­such in Pa­ris un­wahr­schein­lich. Auch Mar­cels Zeit ist be­grenzt, da er zu ei­nem er­neu­ten Auf­ent­halt in Bal­bec auf­bre­chen wird. Um zu­vor von Ma­dame de Guer­man­tes emp­fan­gen zu wer­den, er­in­nert er Ro­bert an sei­ne Be­geis­te­rung für die Kunst Elstirs. Da drei sei­ner Wer­ke sich im Pa­lais Guer­man­tes be­fin­den, bit­tet er ihn ei­ne Be­sich­ti­gung zu arrangieren.

Wie­der in Pa­ris zö­gert un­ser Held sei­ne Spa­zier­gän­ge auf­zu­neh­men. Er fürch­tet Ma­dame de Guer­man­tes zu be­geg­nen, als ob sie ihm al­le sei­ne Be­mü­hun­gen an­se­hen könn­te. Doch er kann sei­nen Wunsch nicht be­zwin­gen und er­fin­det Recht­fer­ti­gun­gen, die ihn nö­ti­gen das Haus zu ver­las­sen. Wie­der weiß er bei den zu­fäl­li­gen Be­geg­nun­gen nicht, ob er grü­ßen soll. Sei­ne Hem­mun­gen schei­nen ge­wach­sen zu sein. Er­schien die Her­zo­gin ihm vor sei­ner Ab­rei­se nach Don­ciè­res als ei­ne Ge­stalt aus dem an­ti­ken Göt­ter­him­mel, so er­scheint sie ihm nun in ih­rem Kleid aus hell­ro­tem Samt gleich­sam im „mys­ti­schen Licht“ ei­ner „Hei­li­gen aus der ers­ten Zeit der Chris­ten­heit“ und da­mit un­er­reich­bar wie bei der ers­ten Be­geg­nung im Licht der Kir­che von Combray.

Die­se emp­fun­de­ne Un­er­reich­bar­keit be­stä­tigt sich auch in der Rea­li­tät. Saint-Loup kann ihm vor­erst kei­ne Ein­la­dung bei sei­ner Tan­te ver­schaf­fen, denn die­se sei „gar nicht mehr so nett“.

Proust — Unter Soldaten

Besuch bei der Garnison (Bd. 3, 1, 92–192)

GuermantesAls der Ich-Er­zäh­ler an ei­nem No­vem­ber­abend in Don­ciè­res ein­trifft, emp­fängt ihn das Fes­tungs­städt­chen mit mi­li­tä­ri­scher Ge­schäf­tig­keit, die ei­ne „in­ter­mit­tie­ren­de Klang­wol­ke“ er­zeugt voll „mu­si­ka­lisch-krie­ge­ri­schem Flim­mern“. Ei­ne an­de­re Di­men­si­on mit ei­ge­nen Re­geln und Ge­bräu­chen öff­net sich ihm. Mar­cel ist der zi­vi­le Ein­dring­ling, der als Freund des bei sei­nen Ka­me­ra­den be­lieb­ten Saint-Loup bald zum Pa­ra­dies­vo­gel ih­rer abend­li­chen Zu­sam­men­künf­te wird, wie ein sol­cher exo­tisch und gleich­zei­tig emp­find­lich in die­sem un­ge­wohn­ten Habitat.

Prousts Er­in­ne­run­gen an sei­nen nur ein Jahr an­dau­ern­den frei­wil­li­gen Mi­li­tär­dienst, den er am 15. No­vem­ber in Or­lé­ans 1889 an­trat, flo­ßen in die­se Schil­de­run­gen ein. Auch wenn es ei­nen Ort die­ses Na­mens in Loth­rin­gen gibt, trägt die­ses zwi­schen Bal­bec und Pa­ris ge­le­ge­ne Don­ciè­res die Zü­ge Or­lé­ans und Fon­taine­bleaus. Prousts Asth­ma­lei­den zwang ihn au­ßer­halb der Ka­ser­ne zu über­nach­ten und hat ihn vom an­stren­gen­den Mi­li­tär­drill be­freit. Ei­nen Re­flex dar­auf zeigt der scherz­haf­te Vor­wurf Saint-Loups ge­gen­über dem Ich-Er­zäh­ler, er wür­de spa­zie­ren­ge­hen, wäh­rend die an­de­ren sich in Feld­übun­gen auf­rei­ben. In der Fi­gur Saint-Loups fin­den sich Zü­ge von Prousts da­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten Pierre Ar­man de Cho­let (1864–1924).

Die be­ein­dru­cken­de Wir­kung mi­li­tä­ri­scher Äu­ßer­lich­kei­ten zeigt sich be­reits im ers­ten Band der Re­cher­che. Dort er­zeugt ein am Gar­ten­zaun vor­bei zie­hen­des Re­gi­ment in Com­bray gro­ße Auf­merk­sam­keit. Viel­leicht wa­ren es der Drill, das Mas­ku­li­ne, die Uni­for­men, die be­ein­druck­ten? Sei­ne ei­ge­ne, maß­ge­schnei­der­te Uni­form be­wahr­te Proust Zeit sei­nes Le­bens auf.

Ge­hö­ri­gen Ein­druck ma­chen auch die Sol­da­ten in Don­ciè­res auf den jun­gen Ich-Er­zäh­ler. Un­ter die­sen be­son­ders Ritt­meis­ter Bo­ro­di­no, „ein Of­fi­zier, groß, schön und ma­jes­tä­tisch“ mit Schnurr­bart und „wun­der­vol­len, blau­en Au­gen“. Doch Saint-Loups Mei­nung schwächt die Be­geis­te­rung. Die­ser Fürst von Bo­ro­di­no sei dank Kriegs­wir­ren zwar ein Nach­fah­re Na­po­le­ons, ei­gent­lich sei er aber ein Dumm­kopf, der „Sohn oder En­kel ei­nes Kai­sers, der nur noch ei­ne Schwa­dron be­feh­li­ge“. Schon das ers­te Er­schei­nen Bo­ro­di­nos er­zeugt im Ich-Er­zäh­ler ei­ne stark iro­nisch ge­bro­che­ne Bewunderung:

Im Sturm­schritt ent­ei­lend, das nach al­len Rich­tun­gen flat­tern­de Mon­okel im­mer vor­aus, mar­schier­te er (Saint-Loup) ge­ra­de­wegs auf den wür­di­gen und ge­mes­se­nen Ritt­meis­ter zu, des­sen Pferd in die­sem Au­gen­blick vor­ge­führt wür­de und der, be­vor er sich zum Auf­sit­zen an­schick­te, ein paar Be­feh­le mit ei­nem Adel der Ges­tik gab, der aus­ge­ar­bei­tet war, wie für ein his­to­ri­sches Ge­mäl­de, als zö­ge er wirk­lich in ei­ne Schlacht des Ers­ten Kai­ser­rei­ches, wäh­rend er in Wirk­lich­keit ein­fach nach Hau­se ritt, in die Woh­nung, die er für die Zeit sei­nes Auf­ent­halts in Don­ciè­res ge­mie­tet hat­te und die an ei­nem Platz ge­le­gen war, der wie in vor­weg­neh­men­der Iro­nie die­sem Na­po­leo­ni­den ge­gen­über „Place de la Ré­pu­bli­que“ hieß.“

Bo­ro­di­no ist ein Mensch mit schlich­ten Ma­nie­ren und Ge­müt, aber ma­jes­tä­ti­scher At­tidü­de. Die­se ist durch­schau­bar, er­zeugt bei Saint-Loup und sei­nen Ka­me­ra­den Spott und nutzt ihm we­nig in der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft, wo er sich im „Jo­ckey Club“ un­wohl und nicht da­zu ge­hö­rig fühlt. Der „al­te Adel“ ei­nes Saint-Loups, den die­ser ge­ra­de da­durch, daß er ihn nicht her­aus­stel­len will, un­be­wusst in Ver­hal­ten und Hal­tung zeigt, ist für Mon­sieur de Bo­ro­di­no nicht dar­stell­bar. Über die gan­ze Don­ciè­res-Epi­so­de hin­weg sorgt die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Fi­gur für an­hal­ten­des Amü­se­ment. Be­son­ders die Dar­stel­lung von All­tags- und Ge­sell­schafts­le­ben des Ritt­meis­ters wächst sich zu ei­ner re­gel­rech­ten Bo­ro­di­no-Sa­ti­re aus (S. 180ff.).

Weit grö­ße­re Ach­tung bringt Saint-Loup ei­nem Ma­jor ge­gen­über auf, ei­nem bür­ger­li­cher Frei­geist, der mit sei­nen be­mer­kens­wer­ten Vor­trä­gen über Kriegs­ge­schich­te be­ein­druckt. Die ein­fa­chen Sol­da­ten, sei­ne Ka­me­ra­den, cha­rak­te­ri­siert Saint-Loup als gu­te, aber eher mit­tel­mä­ßi­ge „Bur­schen, die von nichts an­de­rem re­den kön­nen als von Pfer­de­ren­nen oder so­gar nur von Pfer­de­strie­geln“. Er be­fürch­tet, sie wür­den Mar­cel lang­wei­len, aber die­ser fühlt sich durch­aus wohl wäh­rend der ge­mein­sa­men Abend­essen. Er lauscht mit In­ter­es­se den Mi­li­tär­stra­te­gien, die Es­sen und Wein in den Köp­fen auf­wir­beln, folgt den Dis­kus­sio­nen über die Af­fä­re Drey­fus, für den al­lei­ne Saint-Loup und ein an­de­rer ein­tre­ten. Ei­nes Abends un­ter­hält sich Mar­cel mit ei­nem der Ka­me­ra­den der­art ver­traut und in „ei­ner je­ner Sym­pa­thien un­ter Män­nern, die, wenn kei­ne phy­si­sche An­zie­hungs­kraft ih­nen zu­grun­de liegt, die ein­zi­gen schlecht­hin ge­heim­nis­vol­len sind“ , daß Saint-Loup scherz­haft sei­ne Ei­fer­sucht be­kennt, was der Er­zäh­ler ge­schmei­chelt mit ei­nem klei­nen Be­dau­ern kom­men­tiert: „Män­ner, die ei­ner Frau lei­den­schaft­lich zu­ge­tan sind und ganz in der Ge­sell­schaft von ga­lan­ten Frau­en­freun­den le­ben, er­lau­ben sich Scher­ze, die an­de­re, weil sie et­was be­denk­li­ches dar­in se­hen könn­ten, sich nie­mals leis­ten würden.“

Er wird zum gern ge­se­he­nen Gast der Di­ners, be­son­ders sei­ne Bon­mots er­freu­en die Run­de. Die mi­li­tä­ri­sche At­mo­sphä­re des Or­tes durch­dringt ihn im­mer stär­ker. Am Mor­gen we­cken ihn die Fan­fa­ren­stö­ße des vor­bei mar­schie­ren­den Re­gi­ments, tags­über be­ob­ach­tet er Saint-Loup und sei­ne Ka­me­ra­den bei ih­ren Feld­übun­gen. Das Fes­tungs­städt­chen und sei­ne In­sas­sen be­sche­ren dem Be­ob­ach­ter trotz sei­ner Di­stanz als Zi­vi­list größ­te „Emp­fin­dungs­fül­le“.

Permutative Plot-Plagiate

Doris Brockmanns Kriminalroman entwickelt einen „Psychoterror der ganz eigenen Art“

Zwei­fel und Zau­dern zi­scheln, dass ihm jetzt nur noch zwei Ta­ge blie­ben, um sein groß­mau­li­ges Ver­spre­chen einzulösen.

Zu­ver­sicht und Zu­trau­en hal­ten da­ge­gen: Letz­te Nacht erst sei die Hand­lung ge­träumt wor­den! Laut Vor­ga­be lau­fe ab dann der Countdown.“

 

Als Tup­pes be­zeich­net der Rhein- bis Ruhr­län­der ei­nen durch­aus lie­bens­wür­di­gen Men­schen, der in vie­len Din­gen nicht der Al­ler­schnells­te ist. Viel­leicht war ein Vor­fah­re von Adri­an Tup­pek, der Haupt­fi­gur des Ro­mans „Das Schrei­ben die­ses Ro­mans war in­so­fern ein Glücks­fall“, auch von der­ar­ti­gem Ge­müt und epony­men Ein­fluss? Der Le­ser er­fährt es nicht. Da­für er­fährt er ei­ni­ges von den Ver­su­chen die­ses Schrift­stel­lers sei­ne chro­ni­sche Schreib­hem­mung zu über­win­den. Als men­ta­ler Coach dient Tup­pek der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Tho­mas Gla­vi­nic, der nach ei­ge­nem Be­kun­den sei­nen „Ka­me­ra­mör­der“ in nur sechs Ta­gen zu Pa­pier brach­te. Was die­ser schaff­te, das schaf­fe er auch, denkt Tup­pek. Und wie in man­chem Ro­man sei­nes Vor­bilds, der nicht nur mit der Me­ta­ebe­ne spielt, son­dern den Un­ter­schied zwi­schen die­ser und der Hand­lung bis­wei­len ver­wischt, treibt es auch Adri­an Tup­pek oder bes­ser Do­ris Brock­mann mit Adri­an Tup­pek. Die­ser er­lebt und er­lei­det ein „Sechs-Ta­ge-Ro­man-Pro­jekt“ vol­ler Zwei­fel, Zau­dern, Zu­ver­sicht und Zu­trau­en. Un­ter­stützt wird er von sei­nem „Le­bens­men­schen“ Le­na, Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin im Bä­cke­rei­ver­kaufs­be­reich, die um die phleg­ma­ti­schen Pro­blem­zo­nen ih­res Part­ners weiß. Zwar kann er durch­aus li­te­ra­ri­sche Aus­zeich­nun­gen wie das „Au­toren­sti­pen­di­um der Stadt­bi­blio­the­ken Ber­gi­sches Land“ vor­wei­sen, doch der Durch­bruch blieb ihm bis­her ver­wehrt. Jetzt scheint er na­he. Tup­pek ist der­art mo­ti­viert, daß er von Ro­man­an­fän­gen nur so sprüht, doch dann dräut das scheuß­lichs­te Schick­sal des Schrift­stel­lers, das Plagiat.

Die skur­ri­len Ideen und der iro­ni­sche Stil Brock­manns er­in­nern mich zu­wei­len an Her­bert Ro­sen­dor­fer, der vor al­lem mit der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Fi­nanz­be­am­tin sehr ein­ver­stan­den ge­we­sen wä­re. Be­son­ders die Ne­ben­fi­gu­ren er­fah­ren ei­nen gro­ßen Auf­tritt, ich hät­te ger­ne mehr ge­le­sen vom Kauf­haus­kas­sen-Tes­ter und sei­nen Ver­käu­fe­rin­nen. Aber für sie war viel­leicht nicht aus­rei­chend Platz bei all der Pro­mi­nenz, von der hier aus be­sag­ten Grün­den nur das Hem­den- und Bart­mo­del Jür­gen von der Lip­pe und der Kö­ter Brad Pitt(Bull) er­wähnt wer­den kön­nen, nicht zu ver­ges­sen die Welt­li­te­ra­ten Ro­bert Lou­is Ste­ven­son, Ge­or­ges Si­me­non und Ot­to Rombach.

Doch was ist die­ses Buch nun ei­gent­lich? Kri­mi­nal­ro­man? Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re? Schrift­stel­ler­sua­da? Schel­men­ro­man? Viel­leicht am ehes­ten ein kri­mi­na­lis­ti­scher Wei­ter­bil­dungs­ro­man, denn wer noch nie et­was von den re­nom­mier­ten Au­torin­nen Ca­rin Domb­s­kron, No­ra Mond­bricks oder gar vom Kri­mi­nal­schrift­stel­ler Bo­ris Monn­drack ge­hört ha­ben soll­te, der darf im Ro­man von Do­ris Brock­mann ih­re Be­kannt­schaft machen.

Prousts Hyperästhesie

Von der Macht der Geräusche — Bd. 3,1

Der in Ma­dame de Guer­man­tes ver­lieb­te jun­ge Er­zäh­ler er­in­nert sich an Saint-Loups freund­schaft­li­che Zu­nei­gung. Als ihr Nef­fe könn­te er ihm das Tor zu ih­rer Welt öff­nen. Mar­cel be­schließt Saint-Loup in sei­ner Gar­ni­son zu be­su­chen. Die­se liegt in Don­ciè­res, ei­nem Fes­tungs­städt­chen nicht all­zu­weit von Pa­ris ent­fernt. Es wä­re dem Er­zäh­ler leicht mög­lich, am Abend wie­der nach Hau­se zu­rück zu keh­ren, um nicht in ei­nem frem­den Bett schla­fen zu müs­sen. Trotz­dem plant er ei­nen Ho­tel­auf­ent­halt und be­schwört so sein in Com­bray ge­präg­tes Gu­te-Nacht-Dra­ma herauf.

Ro­bert de Saint-Loup ist freu­dig über­rascht, als Mar­cel ihn in der Ka­val­le­rie­ka­ser­ne auf­sucht. Sein Dienst er­laubt es ihm je­doch nicht, Mar­cel bei sei­nem ers­ten Abend im Ho­tel Ge­sell­schaft zu leis­ten wie die­ser es sich er­hofft hat. Dem em­pa­thi­schen Saint-Loup ist der Zu­stand sei­nes Freun­des be­wusst. Es reicht nicht des­sen „Ge­hörs­hy­per­äs­the­sie“ durch ein stil­les Ho­tel mit ge­die­ge­ner Ein­rich­tung zu be­ru­hi­gen, auch die Emp­feh­lung ei­ner fes­seln­den Lek­tü­re wür­de die Nach­t­ängs­te nicht bän­di­gen. Doch so wie Saint-Loup ei­nen sich auf­bäu­men­den Gaul durch be­herz­tes Ein­grei­fen zu be­ru­hi­gen weiß, fin­det er auch ei­ne Lö­sung für den von Ver­las­sen­heits­ängs­ten ge­quäl­ten Freund. Er mö­ge ein­fach bei ihm in der Ka­ser­ne blei­ben. Dem Er­zäh­ler wird Ro­berts gro­ße Freund­schaft be­wusst und er schämt sich sei­ner ei­gen­nüt­zi­gen Motive.

Da Saint-Loup noch ei­ne Un­ter­re­dung mit dem Ritt­meis­ter füh­ren muss, bit­tet er den Freund schon ein­mal auf die Stu­be zu ge­hen. Dort war­tet Mar­cel ei­ne Wei­le und über­lässt sich den Sin­nes­rei­zen des Rau­mes. Noch vor dem Ein­tre­ten gau­kelt das Ka­min­feu­er die An­we­sen­heit ei­ner Per­son vor, es gibt „wie un­er­zo­ge­ne Leu­te un­auf­hör­lich ir­gend­wel­che Ge­räu­sche von sich“. Die ge­schmack­vol­le Stoff­be­span­nung der Wän­de be­wahrt den Raum vor dem Ka­ser­nen­mief, ei­nem „gä­ri­gen Ge­ruch wie von Grau­brot“. Bü­cher sug­ge­rie­ren die Ge­gen­wart Saint-Loups und ei­ne Pho­to­gra­fie von Ma­dame de Guer­man­tes ver­treibt das letz­te Un­wohl­sein. Selbst das Feu­er wird zahm und hat sich „wie ein Tier in bren­nen­der, schwei­gen­der und treu­er Er­war­tung hin­ge­kau­ert“. Ge­narrt durch das Ti­cken ei­ner Uhr, die er nach ei­ner Wei­le im Raum ent­deckt, schließt der Er­zäh­ler, daß erst das Zu­sam­men­spiel von Se­hen und Hö­ren dem Ge­räusch ei­nen be­stimm­ten Ort zu­weist. Es fol­gen Be­trach­tun­gen über die Aus­wir­kung von künst­li­cher und ech­ter Taub­heit auf die Wahr­neh­mung der an­de­ren Sinne.

Prousts star­ke Ge­räusch­emp­find­lich­keit, sei­ne „Ge­hörs­hy­per­äs­the­sie“, fließt in die­se spä­ter ein­ge­füg­te Text­pas­sa­ge ein. Nach Um­zug in die Rue Lau­rent-Pi­chet litt der Schrift­stel­ler un­ter dem Lärm der Nach­barn und er­wog ver­schie­de­ne Ge­gen­maß­nah­men von der Iso­la­ti­on der Wän­de mit Kork bis zum Ver­stop­fen des Ge­hör­gangs mit El­fen­bein­kü­gel­chen, den Boules Quiès. Er ap­pel­lier­te nicht an die Ge­räusch­ver­ur­sa­cher, son­dern han­del­te de­fen­siv, in­dem er sei­nen Kör­per schützte.

Sol­cher­art die Auf­merk­sam­kei­ten auf sich zu rich­ten, sei auch för­der­lich in der Lie­be, „in­dem man ih­nen als zu be­zwin­gen­des Ob­jekt nicht das äu­ße­re We­sen, das man liebt, zu­weist, son­dern die ei­ge­ne Fä­hig­keit, durch die­ses We­sen zu lei­den“. Es fol­gen ei­ni­ge Tipps wie die künst­li­che Ru­he her­bei­ge­führt wer­den kann. So an­ge­nehm ei­ne künst­lich in­sze­nier­te Taub­heit sein kön­ne, zwin­ge je­doch die ech­te Taub­heit zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen, die den Grad die­ser Be­hin­de­rung auf­zei­gen. Proust führt die Funk­ti­on ei­nes Milch­ko­chers zur Ver­deut­li­chung sei­nes Ge­dan­kens an und schafft so ei­ne der wohl schöns­ten Be­schrei­bun­gen von über­ko­chen­der Milch.

Wer völ­lig taub ge­wor­den ist, kann nicht ein­mal ne­ben sich Milch in ei­nem Ko­cher er­hit­zen, oh­ne mit den Au­gen, bei ge­öff­ne­tem De­ckel, dem wei­ßen, hy­per­borei­schen, schnee­sturm­ähn­li­chen Re­flex auf­zu­lau­ern, je­nem Warn­si­gnal, dem man klüg­lich da­durch Rech­nung trägt, daß man ‑wie der Herr der Wo­gen ge­bie­tet-den Ste­cker her­aus­zieht; denn das auf­stei­gen­de spas­ti­sche Ei der ko­chen­den Milch ist schon da­bei, mit­tels ei­ni­ger stei­ler Wöl­bun­gen sei­nen Höchst­stand zu er­rei­chen, schwillt an, bläht ein paar halb ge­ken­ter­te Se­gel, die der Rahm fal­tig auf­ge­wor­fen hat­te, ent­sen­det in den Sturm noch ei­nes aus Perl­mutt, das der Strom­un­ter­bruch zu­sam­men mit al­len an­de­ren, wenn das elek­tri­sche Un­wet­ter recht­zei­tig be­schwört wird, um sich selbst krei­sen und, in lo­se Ma­gno­li­en­blü­ten ver­wan­delt, end­gül­tig ab­drif­ten las­sen wird.“ (Bd. 3,1,102)

In die Zeich­nung sei­ner Fi­gur Saint-Loup ließ Proust Zü­ge von Comte Bert­rand de Sa­li­gnac-Fé­ne­lon (1878–1914) ein­flie­ßen. In die­sen blon­den, blau­äu­gi­gen, jun­gen Mann, der schon mal über die Ti­sche ei­nes Re­stau­rants steigt um Prousts Man­tel zu ho­len, ver­lieb­te sich Proust 1901. (Ro­nald Hay­man)

Blogger, wie hältst Du’s mit der Korrektur?

Fehlerteufel vermelden — Pflicht oder Fauxpas?

Im Ge­mein­de­bo­ten un­se­res Städt­chens fin­det sich der vom Ver­lag ein­ge­füg­te Satz „Wer Feh­ler­teu­fel ent­deckt, darf sie ger­ne be­hal­ten“. Doch wer möch­te Feh­ler, ge­tipp­te oder ge­dach­te, tat­säch­lich be­hal­ten? Das Blätt­le wird ge­blät­tert, meist nur ein ein­zi­ges Mal, aber wie sieht es bei Druckerzeug­nis­sen oder eWer­ken aus, die län­ge­ren Be­stand an­stre­ben? Soll­te man die­sen die Chan­ce zur Ver­bes­se­rung vorenthalten?

Als Ver­fas­se­rin ei­ge­ner Tex­te, nicht zu­letzt die­ses Blogs, weiß ich, wie schnell al­lei­ne die prak­ti­sche Er­fin­dung von co­py & pas­te zu Sinn­ent­stel­lun­gen füh­ren kann, von Tipp- und an­de­ren Feh­lern ganz zu schwei­gen. Doch wie ge­he ich da­mit um?

Als Au­torin kor­ri­gie­re ich be­schämt und so­fort, wenn mir in ei­nem ab­ge­han­ge­nen Text der Feh­ler­teu­fel ent­ge­gen grinst, ver­wun­dert, daß mich noch nie­mand dar­auf hin­ge­wie­sen hat.

Als Le­ser oder Durch­blät­te­rer stört er mich höchs­tens, löst aber kei­ne wei­ter­ge­hen­de Re­ak­ti­on aus. Ich kä­me nie auf den Ge­dan­ken dem Blätt­le ei­nen Brief zu schreiben.

Als Blog­ge­rin, die viel­leicht so­gar ein Re­zen­si­ons­exem­plar ge­le­sen hat, füh­le ich mich hin­ge­gen ge­neigt zur Ver­bes­se­rung bei­zu­tra­gen. Das führt nicht so­weit, daß ich dem Ver­lag ein Feh­ler­ver­zeich­nis sen­de, bei Self-Pu­blishern reizt mich dies schon.

Ich le­se Ro­ma­ne nicht mit Kor­rek­tur­blick, bin we­der Deutsch­leh­re­rin noch Lek­to­rin. Aber man­che Feh­ler fal­len ein­fach auf, be­son­ders die in­halt­li­chen, die sich ger­ne im Be­reich von My­tho­lo­gie und Ge­schich­te tum­meln. Oder soll­te der Li­te­ra­tur­blog­ger schwei­gen, wenn aus Her­mann ein Etrus­ker wird und aus der Me­du­sa ei­ne Me­dea? Die Ver­la­ge schwei­gen, die Self-Pu­blisher schwei­gen, kei­ne Re­ak­ti­on, we­der dank­bar noch empört.

Wie hal­tet ihr, lie­be Blog­ger­kol­le­gen, die Sa­che? Macht ihr Au­toren oder Ver­la­ge auf Feh­ler auf­merk­sam? Emp­fehlt ihr ein er­neu­tes Lek­to­rat oder ei­nen Blick in den Hun­ger? Oder be­vor­zugt ihr dis­kre­tes Schweigen?

Die Kunst Liebesbriefe zu schreiben

Martin Walsers „Das dreizehnte Kapitel“ ist voll vollendet formulierter Verführungen

Das drei­zehn­te Ka­pi­tel“, die­ser an­spie­lungs­rei­che Ti­tel des Ro­mans ist ein Ge­schenk. Ba­sil Schlupp, der Schrift­stel­ler im Ro­man, er­hält es von sei­ner Frau Iris, ei­ner dreh­buch­schrei­ben­den stu­dier­ten Ve­te­ri­nä­rin, ei­ner der bei­den wich­ti­gen Ne­ben­fi­gu­ren des Ro­mans. Mit ih­rem Schrift­stel­ler­ge­heim­nis ver­rät Ba­sil sei­ne Ehe­frau und ge­winnt das Ver­trau­en von Ma­ja Schnei­lin, der zwei­ten Haupt­fi­gur des Romans.

Seit Ma­jas schö­ner An­blick sei­ne Auf­merk­sam­keit im gleich­na­mi­gen Schloss des Bun­des­prä­si­den­ten er­reg­te fühlt sich Ba­sil von ihr an­ge­zo­gen. Schließ­lich schickt der be­rühm­te Ver­fas­ser des Best­sel­lers „Strand­ha­fer“ ihr, der Phy­si­ker­gat­tin und Theo­lo­gie­pro­fes­so­rin, ei­nen Brief. Die der­art amü­sant und elo­quent An­ge­schrie­be­ne kann ei­ner Ant­wort nicht wi­der­ste­hen. Zwar fällt die­se zu­nächst zu­rück­hal­tend aus, aber der ers­te Schritt ist ge­tan. Der Brief­ro­man be­ginnt. Die bei­den Schrei­ben­den be­rich­ten in der fol­gen­den Kor­re­spon­denz von­ein­an­der, von ih­ren Ehe­part­nern, von Ge­heim­nis­sen und Wün­schen. Es ent­steht ei­ne Ge­schich­te zwi­schen ih­nen, die oh­ne die Ge­gen­wart des An­de­ren, oh­ne tie­fe Au­gen­bli­cke aus­kommt, Ver­trau­en und Ero­tik ent­steht al­lei­ne durch Ge­dan­ken, die sich in Zei­len auf dem Brief­pa­pier ma­ni­fes­tie­ren. „Un­se­re Buch­sta­ben­ket­ten sind Hän­ge­brü­cken über ei­nem Ab­grund na­mens Wirklichkeit.“

Ba­sil, der sich sei­ner Rol­le als „Zu­dring­lich­keits­ver­fas­ser“ im ers­ten Brief durch­aus be­wusst ist, ju­bi­liert nach dem ers­ten Ant­wort­schrei­ben sei­ner An­ge­be­te­ten: „So oft wie Ih­ren Brief ha­be ich noch nie Ge­schrie­be­nes ge­le­sen.“. Ei­ne Lie­bes­brief­plat­ti­tü­de mag man den­ken, die al­ler­dings von ei­nem Bild ab­ge­löst wird, das die Le­se­er­fah­rung der­ar­ti­ger Schrei­ben bes­ser nicht tref­fen könn­te. „Ihr Brief ist ei­ne Wie­se. Ich ha­be auf die­ser Wie­se gegrast.Tag und Nacht. Jetzt ver­ab­schie­de ich das Bild Wie­se und Gra­sen. Ich ha­be näm­lich noch ge­grast, als auf ei­ner wirk­li­chen Wie­se längt al­les ab­ge­grast ge­we­sen wä­re. In Ih­rem Brief aber wuchs al­les im­mer wie­der nach.“ Um Schlupp ist’s ge­schehn, im­mer­zu an die An­ge­schrie­be­ne den­kend, war­tet er auf Ant­wort. Ih­rer Ge­gen­wart ist er sich auch bei den ge­rings­ten All­tags­ver­rich­tun­gen be­wusst, er emp­fin­det sein ex­klu­si­ves In­nen­le­ben, wel­ches er mit die­ser noch Un­be­kann­ten tei­len möch­te, we­ni­ger mit sei­ner Ehe­frau, auch wenn er sie liebt. „Es geht in uns of­fen­bar an­dau­ernd et­was vor, was wir dem, der da ist, nicht sa­gen können.“

Bei Ma­ja meint er „die täg­li­che Last los­wer­den“ zu kön­nen. Was be­las­tet den Schrift­stel­ler? Ver­zweif­lung oder eher To­des­ah­nung, wie fol­gen­der Aus­ruf na­he­legt: „Wenn ich nur schon er­trun­ken wä­re! Im­mer noch die­se Schwimm­be­we­gun­gen ge­gen das Er­trin­ken. Die­ses Hin­aus­schie­ben des­sen, was kom­men muss.“ Die Ant­wort­schrei­ben der Theo­lo­gin ge­ra­ten phi­lo­so­phisch. Sie spricht mit Kier­ke­gaard von Ver­ant­wor­tung und wech­selt qua pro­fes­sio­ne auf re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sches Ter­rain, Bi­bel­zi­ta­te in­be­grif­fen. Schließ­lich er­öff­net sie Ba­sil ih­re gro­ße Lie­be zu Karl Barth, dem Re­form­theo­lo­gen, ih­rem Meis­ter. Ihr Ehe­mann, der Phy­si­ker Kor­bi­ni­an, ist ih­rem Idol ge­gen­über skep­tisch, die Theo­lo­gin fühlt sich her­aus­ge­for­dert, die­ses Ver­ständ­nis in ih­rem Mann noch zu er­we­cken. Ba­sil, dem Ma­ja zu­dem von der ne­ben­ehe­li­chen Lei­den­schaft Karl Barths zu Char­lot­te von Kirsch­baum be­rich­tet und die Lek­tü­re ih­rer Brie­fe emp­fiehlt, re­agiert mit Iro­nie. Er wer­de dem Re­for­mer ei­ne Mes­se le­sen las­sen. An­ders als das his­to­ri­sche Lie­bes­brief­paar wer­den sich Ba­sil und Ma­ja nur ein­mal wäh­rend ih­rer Kor­re­spon­denz be­geg­nen, auf dem Frank­fur­ter Flug­ha­fen. Auch das nur im Vor­rü­ber­ge­hen, die Zeit reicht ge­ra­de, sich die Mail­adres­se zu zu­ru­fen, sonst wird Ba­sil nie dort sein wo Ma­ja ist. „Ich sit­ze nir­gends. Nir­gends, wo sie sind. Denn es ist nichts. Und es war nichts. Und es wird sein: nichts.“. Trotz die­ser fast schon bi­bli­schen Sen­ten­zen, kommt es zur Un­ter­bre­chung ih­res Brief­ver­kehrs. Ba­sil schreibt, Ma­ja ant­wor­tet nicht. Ver­ant­wort­lich für das Von­ein­an­der­ent­fer­nen ist Ba­sils Ei­tel­keit, die von Ma­ja er­mög­licht das Wiederzusammenkommen.

So­weit ist die ge­neig­te Ro­man­le­se­rin sehr ein­ver­stan­den mit den schön ge­schrie­be­nen Brie­fen und den ver­ständ­li­chen Re­ak­tio­nen. Doch ein un­vor­her­ge­se­he­nes Er­eig­nis wen­det dies. Kor­bi­ni­an er­krankt, er braucht Zeit, Ma­ja nimmt sie sich für ihn. Nach ei­ner Ope­ra­ti­on bre­chen sie zu ei­ner Rad-Tour durch Ka­na­da auf. Wäh­rend die­ses Ex­trem­sports, dem sich Ma­ja ex­trem er­gibt, lässt sich be­reits das En­de ah­nen. Im­mer wie­der be­fragt Kor­bi­ni­an sei­ne Frau, ob sie bei ihm blei­be, und sie ant­wor­tet „Im­mer und ewig.“. Auch wenn der Traum vom Schier­lings­blü­ten­strauß das En­de klar vor­her­sagt, so hat es mich über­rascht und ein we­nig ent­täuscht. Ba­sil Schlupp wird kei­ne Brie­fe mehr schrei­ben und Mar­tin Wal­ser spart sich die Schwie­rig­keit, den wei­te­ren Ver­lauf die­ser Af­fä­re sei­nen Fi­gu­ren und sei­nen Le­sern zu erklären.

Die­ser klei­nen Ent­täu­schung un­ge­ach­tet, wer das Schrei­ben in­tel­li­gen­ter Lie­bes­brie­fe ler­nen will, der le­se diese.

Ei­ne Le­se­pro­be fin­det sich auf den Sei­ten des Ro­wohlt-Ver­la­ges.

Mar­tin Wal­ser, Das drei­zehn­te Ka­pi­tel, Ro­wohlt Ver­lag, 1.Aufl. 2012

Todesstern trifft Iguanodon

In „Die Elefanten meines Bruders” erzählt Helmut Pöll von besonderen Abenteuern

Quick­le­ben­di­ge, auf­ge­weck­te Kin­der sind fes­ter Be­stand­teil der Kin­der­buch­li­te­ra­tur. Sie hüp­fen neu­gie­rig durchs Le­ben und le­gen mit ih­ren Fra­gen bei Er­wach­se­nen Wis­sens­lü­cken und Ner­ven bloß. Ei­ner ih­rer be­kann­tes­ten Ver­tre­ter ist As­trid Lind­grens Mi­chel aus Lön­ne­ber­ga. Zu Be­ginn des vor­letz­ten Jahr­hun­derts hat­te man al­ler­dings nicht nur im fer­nen Schwe­den son­dern nir­gend­wo nichts von ADHS ge­hört. Es gab für Mi­chel kei­ne Pil­len und er ging auch nicht zu ei­nem The­ra­peu­ten, son­dern wie all­seits be­kannt in den Schup­pen. Heu­te, in Zei­ten des All-Over-Pro­tec­ting wür­de es Mi­chel mit Si­cher­heit ganz an­ders ergehen.

Viel­leicht so wie dem fast 12-jäh­ri­gen Bil­ly, dem Ich-Er­zäh­ler in Hel­mut Pölls neu­em Ro­man „Die Ele­fan­ten mei­nes Bru­ders“. Be­vor die­ser je­doch mit sei­nen Ma­cken raus­rückt, schil­dert er das trau­ma­ti­sche Er­leb­nis sei­ner frü­hen Kind­heit. Sein Bru­der Phil­lipp starb bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall. Der für je­nen Abend ge­plan­te Zir­kus­be­such fand nie statt. Phil­lipp wür­de den Auf­tritt sei­ner Lieb­lings­tie­re, der Ele­fan­ten, nie mehr er­le­ben kön­nen. Sei­nem klei­nen Bru­der Bil­ly blei­ben als fass­ba­re Er­in­ne­rung ein­zig die Ein­tritts­kar­ten, die er wie ein Schatz hütet.

Ob die­ses Er­leb­nis Bil­lys Ver­hal­ten aus­ge­löst hat, lässt der Au­tor zu­nächst of­fen. Viel­leicht ist die­ses An­ders­sein ein­fach nur Bil­lys be­son­de­re In­di­vi­dua­li­tät? Er nimmt Me­di­ka­men­te, die al­ler­dings we­nig hel­fen, wenn Bil­ly sei­ne Ge­dan­ken nicht mehr bän­di­gen kann. Dann dreht er durch, läuft x‑mal um die Be­ton­säu­le bei der Tief­ga­ra­ge oder mit dem To­des­stern durch die Woh­nung. Bil­ly ist zu­dem ein Kind, das ge­nau be­ob­ach­tet, und mit Phan­ta­sie aus dem Ge­se­he­nen Ge­schich­ten formt. Die­se rei­chert er mit ei­nem für sein Al­ter er­staun­li­chen Film­wis­sen an. Sei­ne Film­da­ten­bank im Kopf hält schein­bar für je­de Si­tua­ti­on die pas­sen­de Sze­ne be­reit. So wun­dert es nicht, daß Bil­ly ei­nes Ta­ges ei­nen Mann in der U‑Bahn zu­nächst als Spi­on ver­däch­tigt und nach zwei­fels­frei­er Iden­ti­fi­zie­rung die Po­li­zei ver­stän­digt. Er­war­tungs­ge­mäß führt dies zu Un­ter­re­dun­gen mit den El­tern, den Po­li­zis­ten und Herrn Ser­ra­no, dem ent­tarn­ten Spi­on. Lo­gisch, daß die­se Er­wach­se­nen, die wenn nicht Spio­ne, viel­leicht Re­pli­kan­ten und auf je­den Fall voll­kom­men phan­ta­sie­los sind, mit ih­rer Fra­ge­rei Bil­lys Über­las­tungs-Schal­ter aus­lö­sen. Dann schreit er den Rain­man-Schrei, fällt in Ohn­macht oder springt über die Bet­ten. Sei­ne El­tern se­hen das als Pro­blem und schi­cken ihn zur Psy­cho­lo­gin, dem Igu­a­n­o­don. Wich­ti­ge Ge­sprä­che führt Bil­ly al­ler­dings lie­ber mit sei­ner Freun­din Mo­na. Bei ihr, ih­rer Mut­ter und  dem Cha­mä­le­on Ot­to ver­bringt Bil­ly viel Zeit. Was auch an Mo­nas Mut­ter lie­gen mag, die trotz oder viel­leicht ge­ra­de we­gen Mo­nas schwie­ri­gem pu­ber­tä­ren Bru­der Carl sicht­lich ent­spannt auf Bil­lys Ei­gen­hei­ten re­agiert. Mo­na und Bil­ly sam­meln die schlech­ten Lü­gen ih­rer El­tern und rät­seln über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen. Was sie spä­ter ein­mal wer­den wol­len, wis­sen wie noch nicht, viel­leicht Be­rufs-Spa­zier­gän­ger oder Film-An­se­her.

Pöll ge­lingt es gut die Ei­gen­art des jun­gen Ich-Er­zäh­lers dar­zu­stel­len, Bil­lys Er­leb­nis­se ent­wi­ckeln ei­nen ge­hö­ri­gen Dri­ve. Der Er­zähl­ton ist stets hu­mor­voll und er­füllt Un­ter­hal­tungs­an­sprü­che von Kin­dern wie Er­wach­se­nen. Le­dig­lich ei­ni­ge gram­ma­ti­ka­li­sche Un­stim­mig­kei­ten be­dür­fen ei­ner noch­ma­li­gen Überarbeitung.

Die ADHS-The­ma­tik wird zwar nicht über­pro­ble­ma­ti­siert, aber für mich hät­te die Ge­schich­te auch sehr gut oh­ne sie funktioniert.

Ob Bil­ly den Le­go-To­des­stern zu Weih­nach­ten be­kommt? Und ob Bil­lys El­tern vor dem Zu­sam­men­bau­en ein paar von Bil­lys Pil­len brau­chen? Die­se Fra­gen kann wohl nur ei­ne Fort­set­zung beantworten.

Neuer Haas Grotesk

Wolf Haas erzählt in „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Lee Ben in Zeiten der Pandemie

Er­in­nern Sie sich noch an die Pa­nik­wel­le, die vor zwei Jah­ren das be­gin­nen­de Som­mer­loch öff­ne­te? Oder war es die vor­letz­te Angst vor An­ste­ckung? Ich weiß es nicht mehr so ge­nau, denn ge­schmack­lich fin­de ich Gur­ken eher fad und Spros­sen kaum ver­füh­re­ri­scher. Viel­leicht be­sa­ßen die aus Bie­nen­büt­tel ei­ne leich­te Ho­nig­sü­ße, wer weiß?

Wie ich dar­auf kom­me, bes­ser wie Wolf Haas über zahl­rei­che Sprach­ka­prio­len und Zei­len­schlen­ker schließ­lich beim EHEC-Herd lan­det, das le­sen Sie in sei­nem neu­en Ro­man. Doch be­gin­nen wir vor den Ter­ror­spros­sen, der Por­ca Paz­za, dem ver­rück­ten Huhn und der Kuhe­krank­heit, al­so ganz von vor­ne. Oder fast von vorn auf Sei­te 9.

Ei­gent­lich bin ich Ve­ge­ta­ri­er. Ich ha­be mir die­sen Beef­bur­ger über­haupt nur ge­kauft, um mit dir ins Ge­spräch zu kom­men“, hät­te er fast ge­sagt. „Weil ich von der ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te dei­ne Zäh­ne auf­blit­zen sah, als dir der Ver­käu­fer vom Le­der­ja­cken­stand et­was zu­ge­ru­fen hat, und ich dach­te, so stren­ger Ve­ge­ta­ri­er bin ich nicht, dass ich nicht auch mal ei­nen Beef­bur­ger es­sen kann; im­mer­hin la­che ich auch über Ve­ga­ner, die nicht ein­mal Ei­er es­sen, kei­ne Le­der­schu­he tra­gen, und ich fra­ge mich im­mer, ist es für ei­ne Ve­ga­ne­rin über­haupt er­laubt männ­li­ches Ei­weiß in sich auf­zu­neh­men oder greift da auch schon der Tierschutz?“

Die­ser in ei­ne Bur­ger­ver­käu­fe­rin ver­lieb­te Ve­ge­ta­ri­er und Sohn ei­nes Ho­pi-In­dia­ners und ei­ner Hip­pie-Ba­ju­wa­rin mit auf­fal­len­der Ähn­lich­keit mit dem be­rühm­tes­ten be­klopp­ten In­dia­ner der Film­ge­schich­te ist die Haupt­fi­gur in Wolf Haas’ neu­em Roman.

Haas per­sön­lich er­zählt von ihm, er lässt dies nicht sei­nen Er­zäh­ler ver­rich­ten, um die­sem dann, wie es ge­le­gent­lich Au­toren zu un­ter­neh­men pfle­gen, haar­sträu­ben­de Äu­ße­run­gen in die Zei­len zu le­gen, von de­nen sie sich mit dem Hin­weis, es wür­de ja nicht aus ih­rer Fe­der dort hin­e­inflie­ßen, son­dern aus dem Hirn der er­fun­de­nen Fi­gur, wie­der di­stan­zie­ren kön­nen. Al­so, nein, bei die­sem Haas gilt dies wie­der mal nicht, er tritt selbst als Schrift­stel­ler auf. Viel­leicht nicht au­then­tisch, wir wis­sen nicht, ob Wolf Haas tat­säch­lich ein­mal zur Un­ter­mie­te bei ei­ner gei­zi­gen Spie­ße­rin im Na­zi­vier­tel Salz­burgs ge­wohnt hat wie der Haas in sei­nem Ro­man. Die­ser hat dort auf je­den Fall Ben­ja­min Lee Baum­gart­ner, den Ho­pi-Hip­pie-Ab­kömm­ling, ken­nen­ge­lernt. So­wie auch des­sen zu­künf­ti­ge Frau, die der Kür­ze hal­ber bei Baum­gart­ner, Haas und im Ro­man nur als die Baum fir­miert. Über die­se be­rich­tet der Ich-Er­zäh­ler Wolf Haas in Ka­pi­teln, die er zwi­schen die ei­gent­li­che Hand­lung streut. Die­se wie­der­um ver­folgt das Le­ben und Lie­ben des Lee Ben, wie sei­ne Mut­ter den Sohn zu nen­nen pfleg­te, und die er­staun­li­che Ko­in­zi­denz, mit de­nen Amor Pfei­le auf Lee Ben und wel­cher Gott auch im­mer Pest­pfei­le auf den Rest der Mensch­heit abschiessen.

So wie Amor und wahr­schein­lich war’s mal wie­der Apoll ih­re Waf­fen, be­herrscht Haas die Waf­fe des Schrift­stel­lers der­art vir­tu­os, daß er nicht nur Pi­rou­et­ten dreht, son­dern den ge­sam­ten Ro­man als Sprach­akro­ba­tik auf­führt, die sich va­ri­an­ten­reich über Wort­spie­le bis zu ganz kon­kre­ter Poe­sie er­streckt. So schaut das be­cir­cen­de Bur­ger­mäd­chen in der Im­biss­bu­de am Green­wich Mar­ket aus ei­ner Öff­nung, die als Wunsch­hin­ein­sprech­fens­ter, Beefburgerherausreich‑, Geldhineinreich‑, Zwie­bel­her­aus­fra­ge- oder Hin­einstarr­fens­ter plötz­lich un­ver­mu­te­ten De­kor zeigt. Der­art prä­pa­riert wun­dert man sich kaum, wenn we­nig spä­ter nicht nur der sich ver­lau­fen­de Prot­ago­nist falsch ab­biegt, son­dern auch die Zei­le auf der Buch­sei­te. Wenn ei­ner „nichts“ sagt, stellt die­ses Wört­chen dies al­lei­ne auf ei­ner Sei­te dar, so­bald nicht ge­dacht wird, fehlt selbst dies, ein blan­kes Nichts als Sym­bol der Ge­hirn­lee­re. Dass sol­che im Hirn des Au­tors kaum herrsch­te, be­wei­sen der­ar­ti­ge Ideen. Dar­un­ter ei­ni­ge Sei­ten in Man­da­rin, die auf uns Eu­ro­pä­er spek­ta­ku­lär, da voll­kom­men chi­ne­sisch wir­ken, und die zu­dem wie ei­ni­ge Re­zen­sio­nen zei­gen zu den schöns­ten Spe­ku­la­tio­nen anregen.

Die für die Ro­mani­dee Auf­schluss­reichs­te of­fen­bart sich auf den Sei­ten 127 bis 133. Dort zwin­gen dia­go­nal ver­lau­fen­de Zei­len zum Quer­le­sen und er­läu­tern mit we­ni­gen Wor­ten Tar­skis An­ti­no­mie-Pro­blem, die Schwie­rig­keit Ob­jekt- und Me­ta­spra­che zu ver­mi­schen. Für Wolf Haas ist es kein Ta­bu, „dass ein Satz nicht über sich selbst spre­chen darf, und wie schön es ist, dass die­ses Ver­bot nur für die Wis­sen­schaft gilt“ be­weist er in sei­nem Ro­man zum gro­ßen Ver­gnü­gen sei­nes Ver­fas­sers wie sei­ner Le­ser. Ein Sprach­spaß, dem es auch an in­halt­li­cher Iro­nie nie fehlt. Vie­les gilt es zu ent­de­cken in die­ser Kon­struk­ti­on aus Ro­man- und Me­ta­ebe­ne, die bei­na­he mit ei­ner Be­geg­nung des Au­tors mit ei­ner Le­se­rin im noch nicht be­en­de­ten Ro­man en­det, tat­säch­lich dann aber fast mit dem Rat­schlag an al­le Win­ter­de­pres­si­ven mit ei­nem Buch anzufangen.

Wenn Sie das le­sen­der­wei­se tun wol­len, neh­men sie die­ses, ge­setzt aus der Sa­bon und Al­te Haas Grotesk.

 

Wolf Haa­se, Ver­tei­di­gung der Mis­sio­nars­stel­lung, Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, 2. Aufl. 2012

gordimerlesen — Resümee eines Leseprojekts

Zu wenig Zeit für dieses?

Der neue Ro­man der 89-jäh­ri­gen No­bel­preis­trä­ge­rin Na­di­ne Gor­di­mer spielt wie al­le ih­re Ro­ma­ne in Süd­afri­ka. Die­ser Staat, die Hei­mat die­ser sich selbst als wei­ße Süd­afri­ka­ne­rin emp­fin­den­den Au­torin, ist auch die Haupt­fi­gur in „Kei­ne Zeit wie die­se“. Als wei­te­re tritt ein Ehe­paar auf, der Wei­ße Ste­ve und die Schwar­ze Ja­bu­li­le. Die­ses Mi­schung und ih­re Zug­hö­rig­keit zum An­ti­apart­heids­kampf mach­te sie zu ei­nem klan­des­ti­nen Paar, zu­nächst leb­ten sie als Ge­nos­sen in Swa­si­land, dann il­le­gal in ei­ner Sied­lung am Rand ei­ner Stadt ih­res Hei­mat­staa­tes. Hier setzt die Er­zäh­lung ein und schil­dert, wie die Bei­den die­se Wohn­la­ge zu Guns­ten ei­nes klei­nen Häus­chens in der Vor­stadt auf­ge­ben. Dort le­ben sie in der al­ter­na­ti­ven Ge­mein­schaft der Ex-Ge­nos­sen, eher als Bo­hè­me denn als Bour­geois. Doch dies än­dert sich, Kin­der wer­den ge­bo­ren, Kar­rie­ren ver­folgt. Die Le­bens­um­stän­de und Be­zie­hun­gen ver­än­dern sich ge­nau so wie die po­li­ti­schen Zu­stän­de sich ver­schlech­tern. Es of­fen­bart sich, daß die Zie­le des Kamp­fes nicht er­reicht wur­den. Ent­ge­gen al­ler Idea­le hat sich ei­ne neue Un­ge­rech­tig­keit ent­wi­ckelt, die nicht auf un­ter­schied­li­cher Haut­far­be ba­siert, son­dern auf der Kluft zwi­schen arm und reich, ge­för­dert und nicht ver­hin­dert von kor­rup­ten Po­li­ti­kern. Gor­di­mer wirft über ei­ne Span­ne von 16 Jah­ren Schlag­lich­ter auf die Ent­wick­lun­gen von Ehe, Fa­mi­lie und dem Freun­des­kreis der Ge­nos­sen, für die­se gilt eben­so wie für die Po­li­tik Süd­afri­kas, „Nichts ist wie es scheint“.

Ei­ne har­te Kri­tik an der süd­afri­ka­ni­schen Re­gie­rung, die Gor­di­mer ne­ben der bür­ger­li­chen In­tel­li­genz für die ka­ta­stro­pha­len Zu­stän­de ih­res Lan­des ver­ant­wort­lich macht, ist der An­trieb für die­sen Ro­man. Sein Ziel ist es die­se Miß­stän­de be­wusst zu ma­chen. Dies ist Gor­di­mer ge­lun­gen, doch auf ei­ne an­stren­gen­de Wei­se. Stil und Spra­che er­schwe­ren den Zu­gang. Satz­teil­ket­ten, nicht im­mer lo­gisch auf­ein­an­der­fol­gend, doch mit zahl­lo­sen Kom­ma­ta von­ein­an­der ge­trennt, sind mal Ge­dan­ken, mal Ge­re­de, nicht im­mer ein­deu­tig zu zu­ord­nen. Man­che Über­set­zungs- oder Sinn­feh­ler kom­men da­zu. Das mag man hin­neh­men. Viel­leicht ge­bie­tet es auch die Ehr­furcht vor ei­ner alt­ehr­wür­di­gen No­bel­preis­trä­ge­rin, ihr den Wunsch nach kei­nem Lek­tor zu ge­wäh­ren. Das Ver­ständ­nis der Le­ser ver­wirrt es eher.

Nach ei­ner Wei­le, bei mir hat es un­ge­fähr die Hälf­te der im­mer­hin 506 Sei­ten ge­dau­ert, liest man sich ein und wun­dert sich nicht mehr über Sät­ze, wie „In der Part­ner­schaft der Idea­le Lie­be, se­xu­el­le Er­fül­lung und Zu­kunfts­pfand Kin­der, die das Mys­te­ri­um na­mens Ehe ist, ist die Bil­dung Ste­ves Ab­tei­lung. Fel­sen ist un­ter ih­ren Fü­ßen, un­ter der un­ter­schied­li­chen Ar­beit, die je­der tut; ih­re ge­mein­sa­men Überzeugungen.”

Viel stär­ker hat mich der deut­lich er­ho­be­ne Zei­ge­fin­ger ge­stört. Wenn man nach ei­ner Wei­le mit den süd­afri­ka­ni­schen Zu­stän­den und Gor­di­mers Kri­tik dar­an ver­traut ist, und sie sich durch ei­ge­ne Re­cher­chen er­schlos­sen hat, ‑hier wä­re ein Glos­sar dem we­ni­ger kun­di­gen Le­ser hilfreich‑, fällt die Ab­sicht der Au­torin ins Au­ge. Die ei­gent­li­che Hand­lung mit ih­ren Per­so­nen dient als Ex­em­pel um Gor­di­mers po­li­ti­sche Mei­nung zu trans­por­tie­ren. Dass die­se durch­aus be­rech­tigt ist, möch­te ich ihr als ehe­ma­li­gem Mit­glied des ANC kei­nes­falls in Ab­re­de stel­len. Al­ler­dings ist sie durch­schau­bar und macht die Ent­wick­lun­gen im Ro­man vorhersehbar.

Ein wei­te­res Man­ko ist die un­ge­heu­re Red­un­danz. Wenn der aus­wan­de­rungs­wil­li­ge Ste­ve sich In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al über Aus­tra­li­en durch­liest, ist es er­mü­dend die glei­chen Fak­ten meh­re­re hun­dert Sei­ten spä­ter noch­mals von Ja­bu re­pe­tie­ren zu las­sen. Dies nur ein Bei­spiel un­ter vie­len, die mich po­si­tiv dar­an er­in­ner­ten, daß ich noch nicht ver­gess­lich bin. In ei­nem Ro­man är­gert mich das je­doch sehr, denn im­mer­hin hät­te er mir nach Kür­zung die­ser Wie­der­ho­lun­gen we­ni­ger Le­se­zeit gestohlen.

Viel­mehr hät­te ich we­ni­ger Le­se­zeit schen­ken müs­sen, dem Ro­man und dem Ber­lin Ver­lag. Die­ser hat­te an­läss­lich des Er­schei­nens ein vir­tu­el­les Le­se­pro­jekt in­iti­iert, an dem ich mit sie­ben wei­te­ren Blog­ge­rin­nen und Blog­gern teil­neh­men durfte.

Ich weiß nicht ge­nau, wel­che Vor­stel­lun­gen die an­de­ren Teil­neh­mer oder der Ver­lag hat­ten, ich hat­te an­schei­nend andere.

Zwar fand ich es in­ter­es­sant die Ein­zel­bei­trä­ge zu den Ab­schnit­ten zu le­sen. Al­ler­dings hat­te ich mir ei­ne stär­ke­re Dis­kus­si­ons­freu­dig­keit er­hofft. Manch­mal ent­wi­ckel­te sich ein Ge­spräch, bis­wei­len so­gar ein Dis­put, was durch­aus an­re­gend war, aber mit dem Ab­zug ei­ni­ger Teil­neh­mer abnahm.

Viel­leicht hät­te die Mo­de­ra­ti­on durch den Ver­lag dies ver­bes­sern kön­nen. Auf vie­le Fra­gen und An­re­gun­gen wur­de nicht ein­ge­gan­gen. Um ein sol­ches Pro­jekt sinn­voll durch­zu­füh­ren, muss man Zeit in­ves­tie­ren, sonst ist es für die Katz. Mit feh­len­der Zeit mag sich auch mein Ein­druck be­grün­den, daß nicht al­le Blog­ger die Bei­trä­ge ih­rer Kol­le­gen ge­le­sen haben.

Auch scheint mir Word­Press nicht die idea­le Form für ein der­ar­ti­ges Le­se­pro­jekt zu bie­ten. Ei­ni­ge au­ßen ste­hen­de Le­ser ha­ben sich bei mir über die Un­über­sicht­lich­keit beklagt.

Für das Pro­jekt fin­de ich das al­les sehr scha­de, denn an sich war es ei­ne sehr gu­te Idee.

Durch Ak­ti­on und Ro­man ha­be ich auf je­den Fall ei­nen Ein­blick in süd­afri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se er­hal­ten. Nicht zu­letzt auch durch die im Blog ge­pos­te­ten In­ter­views mit Na­di­ne Gor­di­mer. Ih­rem le­bens­lan­gen An­schrei­ben ge­gen so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit und po­li­ti­sche Miß­stän­de zol­le ich gro­ßen Re­spekt, ih­ren The­sen be­geg­ne ich al­ler­dings lie­ber im In­ter­view oder Es­say.