Old and Dreamy

Judith Kuckart schreibt über die Wunschbedrängnis in der Lebensmitte

Wer sich der Lebensmitte nähert, dem rücken Wünsche und Sehnsüchte auf die Pelle. Sie entstehen in der Jugend, wenn man sich fort fantasiert aus dem Elternhaus, aus dem Städtchen, aus der ganzen miefigen piefigen Provinz. Doch dann modern die Träume unter dem Laub, das Jahr um Jahr größere Hügel bildet, bis die Erkenntnis der Endlichkeit sie ausgräbt.

Auch die Figuren in Judith Kuckarts neuem Roman „Wünsche“ besitzen solche Sehnsuchtsziele, denen sie sich auf verschiedene Weisen nähern. Ihre Stimmen positioniert die Autorin im Mittelteil ihrer dreiteiligen Konstruktion, die vom ersten und letzten Tag der neunmonatigen Handlung umfasst wird.

Es ist Silvester in einer Stadt im Bergischen, als Vera Conrad die Gelegenheit „Old and Dreamy“ weiterlesen

Klischee-Kunst

Christine Fivians „Das Bild“ erzählt vom Künstler und seinen Musen

„Drei schmale, fast zwei Meter hohe, aneinandergeschobene Bilder, darauf schemenhaft erkennbar eine vorübereilende weiße Gestalt, ein Wesen aus dem Nichts, das flüchtig erscheint und wieder im Nichts verschwindet.“

Diese kurze Beschreibung eines Triptychons steht zu Beginn des Romans von Christine Fivian, dessen Titel schlicht „Das Bild“ lautet. Der Verlag „Edition Xanthippe“ sieht in ihm „eine Geschichte, die immer wieder zurückkehrt zu einem Bild mit dem Titel „Die Göttin“, ….“

Nun war Xanthippe, der Verlag nennt sie eufeministisch „Vordenkerin des Sokrates“, eher als dessen streitlustiges Weib bekannt, und diese Lust erwacht auch in mir während der Lektüre, da der Roman, – der Klappentext siedelt ihn „zwischen Künstlerroman und Kriminalgeschichte“ an-, eine Erwartung erzeugt, die er nicht einzulösen vermag.

Er erzählt von drei Frauen über sechzig, die sich jedoch nicht „Klischee-Kunst“ weiterlesen

TDDL 2013 – Die Preisträger des 37. Bachmann-Wettbewerbs

Gewinnerglück

Der größte Gewinner in diesem Jahr ist wohl der Wettbewerb selbst. „Bachmann bleibt“. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, der die Abschaffung angedroht hatte, hob diese vor der Preisvergabe wieder auf und freute sich sehr über den Applaus.

Vor der Juryabstimmung zeigte ein Video mit Ausschnitten der letzten Lesungstage die Kandidaten der engeren Wahl. Sie fiel auf Larissa Boehning, Roman Ehrlich, Verena Güntner, Heinz Helle, Benjamin Maack, Joachim Meyerhoff und Katja Petrowskaja. Über Meyerhoff bin ich überrascht, ich hätte eher Cordula Simon auf der Shortlist vermutet.

Die weiteren Abstimmungen verliefen vorhersehbar. Katja Petrowskaja „TDDL 2013 – Die Preisträger des 37. Bachmann-Wettbewerbs“ weiterlesen

TDDL 2013 – Hannah Dübgen, Roman Ehrlich, Benjamin Maack, Nikola Anna Mehlhorn

Pathos-Prosa

Die Dramatikerin Hannah Dübgen kam auf Einladung von Juri Steiner nach Klagenfurt. In ihrem Video gab sie erste Hinweise auf ihren Text. Sie sucht ungewohnte Zugänge zum Gewohnten. Ihr bevorzugtes Thema sind Menschen und Schicksale, die ihr fremd sind. So interessiert sie besonders, wie Blinde die Welt wahrnehmen.

Dieser Ankündigung folgte der Text „Schattenlider“. Er schildert die innere Konflikte der Mutter eines blind geborenen Kindes und der Umgang der Familie mit dem Verhalten der Anderen. In erwartbaren, klischeehaften Szenen zeigt sich viel Betroffenheit. Der Text setzt mit dem Schock „TDDL 2013 – Hannah Dübgen, Roman Ehrlich, Benjamin Maack, Nikola Anna Mehlhorn“ weiterlesen

TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja

Fruchtschale mit Humorwurst

Nach den ersten beiden Autoren des heutigen Tages habe ich mich wieder nach gestern gesehnt. Spielte Spinnen mit dem Gedanken der Publikumsbesänftigung als er Zè do Rock einlud? Der Münchner aus Brasilien mit deutsch-litauischen Wurzeln präsentierte sich bereits im Video als Comedian, der von bürgerlichen Ponyfrisurenträgerinnen aus der bayrischen Provinz fröhlich beklatscht wurde. Auch das Saalpublikum ließ sich hinreißen, wahrscheinlich gab es Freibier. Bei mir stellte sich weder Interesse noch Lachlust ein, das empfohlene Mitlesen vergrößerte nur die Verständnisprobleme. Ich frage mich, „TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja“ weiterlesen

37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – TDDL 2013 – Boehning, Meyerhoff, Kegele, Güntner, Mueller

Bachmann-Beschreibung, Teil 1

Pünktlich um 10:15 Uhr begann für mich der Bachmann-Flow. Bis zur Preisverleihung am Sonntag feiern wir dreieinhalb Tage die deutschsprachige Literatur in Klagenfurt. Vielleicht zum letzten Mal mit Liveübertragung, so droht der ORF. Wie das werden würde, konnte man bei der letzten Jury-Diskussion des Nachmittags erahnen. Der Sender 3sat kappte die Übertragung gnadenlos zum Ablauf der Sendezeit, um uns verdutzte Bachmannjünger nach Montmartre zu schicken. Hauptsache, das Programm wird eingehalten.

In den bisherigen Jahren habe ich versucht, Lesungen und Diskussionen protokollartig wieder zu geben. Diesmal habe ich an den regen Diskussionen bei Twitter teilgenommen, die Konzentration „37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – TDDL 2013 – Boehning, Meyerhoff, Kegele, Güntner, Mueller“ weiterlesen

Entdeckungen

Willa Cather schildert in „Das Haus des Professors“ ihre eigene Sinnkrise und die Entdeckung der Cliffhäuser

Mesa Verde

„Als ich oben auf der Mesa ankam, fielen die Sonnenstrahlen schräg durch die kleinen, verkrüppelten Pinons – das Licht umflutete sie so rot wie ein Feuer im Tageslicht, ja, sie schwammen förmlich darin. Endlich hatte ich wieder das wunderbare Gefühl, das ich sonst nirgends gehabt habe, das Mesa-Gefühl, in einer Welt zu sein über der Welt.“

Während der Vorbereitungen zu einer Reise stößt man bisweilen auf Lektüren, die den Ort der Sehnsucht fiktional in Szene setzen. Das klingt für mich nicht immer interessant, aber kürzlich wurde ich doch überzeugt. Nicht zuletzt durch die Fama, die die Schriftstellerin Willa Cather (1873-1947) umgibt. Besonders die Lobeshymnen anlässlich der Neuübersetzung ihres Romans „Meine Antonia“ durch Stefanie Kremer waren mir noch in Erinnerung. So entschied ich mich für „Das Haus des Professors“, erschienen im Jahr 1925, als literarische Begleitung für meine Reise nach Mesa Verde.

Mesa Verde liegt als Nationalpark in Colorado. Seine Besonderheit „Entdeckungen“ weiterlesen

Senfglassouvenir

Über die Schwierigkeit Auschwitz mitzuteilen – Monika Helds neuer Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“

247355718_78e22fe4ba„Wie die Welt wohl aussähe, wenn man Erfahrungen als Infusion übertragen könnte“, diese Frage stellt sich Lena, die seit über einem Vierteljahrhundert mit Heiner, einem Auschwitzüberlebenden, verheiratet ist. Kennengelernt haben sie sich in den sechziger Jahren in Frankfurt. Heiner, der als Zeuge im Auschwitz-Prozess auftritt, bricht im Flur des Gerichtsgebäudes zusammen, Lena fängt ihn auf. Sie ist auch in Zukunft für ihn da, sie bleiben zusammen. Ein Paar, das nicht nur zehn Jahre Altersunterschied trennt, sondern auch die fundamentale Erfahrung des Lagers. Lena, die Polnisch-Übersetzerin und Dolmetscherin, ist zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt. Sie lebt in Frankfurt, aufgewachsen ist sie in Zürich, nachdem die Familie in den dreißiger Jahren aus Danzig geflohen war. Zurück blieb ihre Kinderfrau Olga, die Sehnsucht nach ihr weckte in Lena den Wunsch Polnisch zu lernen. Die erste Weiche zu ihrem Beruf, zur Teilnahme am Prozess und zur Begegnung mit Heiner, legte die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Diese bedingt folglich auf fatale Weise den Beginn ihrer Beziehung. Zugleich wird sie auch zur Kernfrage des Paars, zum Drehpunkt ihrer Verständigung und Abgrenzung.

Vor der Begegnung mit Lena lesen wir, wie Heiner im Gerichtssaal die Konfrontation mit den Tätern erlebt. Er erträgt es kaum ihnen gegenüber zu stehen oder „Senfglassouvenir“ weiterlesen

Teltower Krähen

Hartmut Lange erkundet in neuen Novellen die „Ewigkeit des Augenblicks“

Durch eine Leihgabe, für die ich nicht zuletzt durch diesen Blogbeitrag danken möchte, wurde ich auf einem mir bis dato unbekannten Schriftsteller aufmerksam, den am 31. März 1937 geborenen Schriftsteller und Dramaturg Hartmut Lange. Für sein literarisches Werk, Lange gilt als Meister der Novelle, erhielt er 2003 den Italo-Svevo-Preis.

Sein neues Buch „Das Haus in der Dorotheenstraße“ umfasst fünf Novellen, von denen nicht nur die titelgebende äußerst beeindruckt. Gemeinsam ist allen die Handlungsregion. Sie liegt im Südwesten Berlins am Teltowkanal und wird bis auf einzelne Straßennamen präzisiert. Allgegenwärtig ist außerdem die Melancholie. Sie „Teltower Krähen“ weiterlesen

Sie streiten um den Bachmannpreis – TDDL 2013

Bachmannpreis

Larissa Boehning, Hannah Dübgen, Roman Ehrlich, Verena Güntner, Heinz Helle, Nadine Kegele, Benjamin Maack, Nikola Anne Mehlhorn, Joachim Meyerhoff, Anousch Mueller, Katja Petrowskaja, Zé do Rock, Philipp Schönthaler, Cordula Simon.

So lauten die Namen der Bewerber um den diesjährigen Bachmannpreis. Die Liste liegt seit gestern Nachmittag auf der offiziellen Seite vor. Die acht Autorinnen und sechs Autoren, die bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013“ aus ihren unveröffentlichten Texten lesen, sind deutscher, österreichischer und schweizer Nationalität. Viele besitzen allerdings „Sie streiten um den Bachmannpreis – TDDL 2013“ weiterlesen