Wer hat hier die Hosen an?

In ihrem neuen Bildband „Die Erste“ illustrieren Barbara Sichtermann und Ingo Rose Kämpferinnen um die Geschlechtergerechtigkeit

Die ErsteDie Ers­te“, das klingt nach Wett­be­werbs­wunsch und Durch­set­zungs­ver­mö­gen. Bei­des war si­cher­lich im Ver­hal­ten der Frau­en vor­han­den, die Bar­ba­ra Sich­ter­mann und In­go Ro­se im vor­lie­gen­den Bild­band vor­stel­len. Sich­ter­mann wid­met sich seit vie­len Jah­ren  den ge­sell­schaft­li­chen und pri­va­ten Rol­len der Frau. In 18 Kurz­por­träts stellt sie nun, zu­sam­men mit ih­rem Part­ner Ro­se, be­kann­te und we­ni­ger be­kann­te Frau­en un­ter­schied­li­cher Ge­ne­ra­tio­nen und Fach­ge­bie­te vor. Ge­mein­sam ist die­sen Frau­en ei­nes, sie er­ober­ten sich Po­si­tio­nen, de­ren Zu­gang dem weib­li­chen Ge­schlecht ver­wehrt war. Ne­ben der be­rühm­ten Li­se Meit­ner, die im Schat­ten von Ot­to Hahn als Kern­phy­si­ke­rin forsch­te, fin­den sich der heu­ti­gen Öf­fent­lich­keit be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten, wie die Jour­na­lis­tin Wieb­ke Bruhns, die Theo­lo­gin Mar­got Käß­mann, die Fi­nanz­ex­per­tin Chris­ti­ne Lag­ar­de und die ehe­ma­li­ge, vor kur­zem ver­stor­be­ne, bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Mar­ga­ret That­cher.

Die bei­den Au­toren ge­hen aber auch in der His­to­rie zu­rück und be­rich­ten „Wer hat hier die Ho­sen an?“ wei­ter­le­sen

Die Traumblätter des Trafikanten

Robert Seethalers melancholischer Wienroman „Der Trafikant”

seethaler_trafikant_3D15. April 1938

Im Pra­ter geht ein Mäd­chen, es steigt ins Rie­sen­rad, über­all blit­zen Ha­ken­kreu­ze, das Mäd­chen steigt im­mer hö­her, plötz­lich bre­chen die Wur­zeln, und das Rie­sen­rad rollt über die Stadt und walzt al­les nie­der, das Mäd­chen juchzt, und sein Kleid ist leicht und weiß wie ein Wolkenfetzen.“(S. 180)

Je­der träumt, vie­le er­in­nern sich ih­rer Träu­me, man­cher er­zählt sie wei­ter. Doch wer kommt schon auf die Idee sei­ne Träu­me in der Öf­fent­lich­keit aus­zu­hän­gen? Da müss­te man lan­ge su­chen, erst recht in Wien vor acht­zig Jah­ren. Auch wenn dort zu die­ser Zeit der Traum­fach­mann des Jahr­hun­derts lebt, Sig­mund Freud. Nach des­sen An­wei­sung no­tiert der jun­ge Franz sei­ne Träu­me und hängt die­se an das Fens­ter der Trafik.

Wie es so­weit kam und was da­nach ge­schah, schil­dert Ro­bert See­tha­ler in sei­nem neu­en Ro­man Der Tra­fi­kant. Von Hei­mat und Lie­be, von Freund­schaft und Tod, kurz „Die Traum­blät­ter des Tra­fi­kan­ten“ wei­ter­le­sen

Worüber wir reden, wenn wir über Bücher reden

Pierre Bayard plädiert in Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat für einen neuen Umgang mit Literatur

Pierre BayardNoch be­vor ein ge­bil­de­ter, neu­gie­ri­ger Mensch ein Buch auf­ge­schla­gen hat, kann schon sein Ti­tel oder ein kur­zer Blick auf den Um­schlag ei­ne Rei­he von Bil­dern und Ein­drü­cken bei ihm her­vor­ru­fen, die nur dar­auf war­ten, in ei­ne ers­te Mei­nung ver­wan­delt zu werden.“

Mit ei­ner mei­ner Freun­din­nen re­de ich ger­ne über Li­te­ra­tur, auch wenn die Schnitt­men­ge un­se­rer ge­le­se­nen Bü­cher re­la­tiv klein ist. Sie greift zwi­schen­durch ger­ne mal zum ak­tu­el­len Schwe­den­thril­ler oder zum an­ge­sag­ten Ju­gend­ro­man, um an ih­rer Schu­le mit Kol­le­gen und  Kli­en­tel mit­re­den zu kön­nen, wäh­rend mein Le­se­fut­ter manch­mal in ih­ren Pflicht­be­reich fällt. Doch wir be­schrän­ken un­se­re Dis­kus­sio­nen nicht auf die­se tat­säch­lich ge­mein­sam ge­le­se­nen Bü­cher. Es bleibt auch nicht bei ei­nem ge­gen­sei­ti­gen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch an Le­se­tipps und War­nun­gen. Je­de hat ih­re ei­ge­ne Mei­nung zu dem je­wei­li­gen Buch, ob ge­le­sen oder nicht. Nicht sel­ten ge­ra­ten wir so­gar in ei­ne leb­haf­te Debatte.

Ist dies nun statt­haft? Darf man über Din­ge re­den, die man nicht „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ wei­ter­le­sen

Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

dammIm ho­hen Nor­den füh­le ich mich so­fort auf mein gan­zes Le­ben be­ru­higt, bin mit­ten im Le­ben, mit­ten in die­ser Un­end­lich­keit, hier aber, in Rom, emp­fin­de ich mich am äu­ßers­ten Rand ei­ner be­gra­be­nen Zeit.“

Wo­hin mit mir“, die­ser Ti­tel er­in­nert an frau­en­be­weg­te Selbst­fin­dungs­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger Jah­re, der­ar­ti­ges klingt in die­sem rö­mi­schen Rei­se­buch durch­aus an. Die aus der DDR stam­men­de Au­torin Sig­rid Damm wur­de mit Bü­chern über his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Li­te­ra­tur be­kannt, vor al­lem mit ih­rem 1998 er­schie­nen Ti­tel „Chris­tia­ne und Goe­the“.

Die Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes liegt 1999 ge­ra­de ein Jahr hin­ter ihr und sie plant be­reits ein neu­es Pro­jekt. In ih­rer neu­en Wahl­hei­mat Nord­schwe­den will sie zu­sam­men mit ih­ren bei­den Söh­nen ein Buch über Lapp­land schrei­ben, da er­hält sie ein Sti­pen­di­um der Ca­sa di Goe­the.

Ein hal­bes Jahr in Rom, grö­ßer könn­te der Ge­gen­satz zu ih­ren jet­zi­gen Le­bens­um­stän­den nicht sein. Er of­fen­bart sich auch in ih­ren Er­war­tun­gen und in den ers­ten „Vom En­de der Welt nach Ar­ka­di­en“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sauber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen berühren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Lesers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Die Königin der Smartcrackers – Dorothy Parker

In „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ charakterisiert Michaela Karl die amüsanteste Kritikerin New Yorks


„If I ab­s­tain from fun and such, 

I’ll pro­ba­b­ly amount to much,

But I shall stay the way I am, 

Be­cau­se I do not gi­ve a damm.“ (Par­ker, Com­ple­te Poems)

Un­längst be­klag­te der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Dwight Gar­ner in The New York Times die Über­hand­nah­me von Ku­schel­kri­ti­ken. Viel­leicht dach­te er bei sei­nem Ruf nach wah­ren Re­zen­sen­ten, die ne­ben Lob auch har­te Kri­tik äu­ßern, an die be­rühm­tes­te Kri­ti­ke­rin New Yorks zu­rück, Do­ro­thy Par­ker? Ihr fiel es nie schwer ei­ne Re­zen­si­on fol­gen­der­ma­ßen zu be­en­den, „Die­sen Ro­man soll­te man nicht ein­fach so weg­le­gen, man soll­te ihn vol­ler Hin­ga­be in die Ecke feuern.“

Do­ro­thy Par­ker, die nicht nur Kri­ti­ken, son­dern auch Ge­dich­te, Dreh­bü­cher und Kurz­ge­schich­ten ver­fass­te, wid­met die Po­li­to­lo­gin und His­to­ri­ke­rin Mi­chae­la Karl ei­ne Bio­gra­phie, de­ren Ti­tel „Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber sie nicht bes­ser hät­te wäh­len kön­nen. Er weist auf die gro­ßen Lei­den­schaf­ten Par­kers hin, den Hang zu Män­nern und die Lie­be zum Al­ko­hol, so­wie die Ga­be de­ren bei­der Nach­wir­kun­gen mit sar­kas­ti­schen Bon­mots zu ku­rie­ren. Wei­te­re Rol­len spiel­ten ne­ben dem Schrei­ben nur noch Hun­de und Hüte.

Das trotz all die­ser Um­stän­de im­mer­hin über sieb­zig Jah­re wäh­ren­de Le­ben der 1893 ge­bo­re­nen Do­ro­thy Roth­schild ver­folgt Karl in zehn Ka­pi­teln auf 233 Sei­ten. Sie schil­dert in chro­no­lo­gi­scher Ab­fol­ge wie die scharf­zün­gi­ge Par­ker zur „geist­reichs­ten Frau New Yorks“ wur­de. Zu­dem zeigt sie an­hand zahl­rei­cher Zi­ta­te den in­tel­lek­tu­el­len Sar­kas­mus die­ser Au­torin, der das Ein­füh­len in das Un­glück nicht fremd war, da es sich oft ge­nug um ihr ei­ge­nes handelte.

Ih­re jour­na­lis­ti­sche Kar­rie­re be­ginnt Do­ro­thy Par­ker bei der Vogue mit äu­ßerst un­kon­ven­tio­nel­len Be­rich­ten über Ein­rich­tungs­sti­le und Mo­den­eu­hei­ten. Bei Va­ni­ty Fair wird sie als Nach­fol­ge­rin von P. G. Wo­de­house die ers­te weib­li­che Thea­ter­kri­ti­ke­rin der Stadt. Sie schreibt au­ßer­dem für Es­qui­re, Life und für The New Yor­ker. Dort ver­fasst sie als „The Con­stant Rea­der“ die Ko­lum­ne „Re­cent Books“. Ei­ni­ge der amü­san­tes­ten dort pu­bli­zier­ten Ver­ris­se zi­tiert die Biographie.

Do­ro­thy Par­ker ist für ih­ren Sar­kas­mus be­rüch­tigt. Ein täg­li­ches Trai­ning in die­ser Dis­zi­plin war der Round-Ta­ble im Ho­tel Al­gon­quin, wo sie zur Hap­py Hour im Vicious Cir­cle mit be­freun­de­ten Jour­na­lis­ten und viel Spott die Ta­ges­er­eig­nis­se kommentiert.

Ne­ben ih­ren jour­na­lis­ti­schen Schrif­ten ver­fasst sie Ge­dich­te und Kurz­ge­schich­ten. Sie schreibt über Ab­hän­gig­kei­ten in Lie­bes­be­zie­hun­gen, über die Dumm­heit der Män­ner wie die der Frau­en, nimmt die Ver­hal­tens­wei­sen  der Up­per Class aufs Korn, bei­des mit Selbst­iro­nie, denn auch sie strau­chelt oft in Lie­bes­wir­ren und lebt die Ri­tua­le der Groß­stadt. Gleich­zei­tig kämpft sie ge­gen Ras­sis­mus an, sam­melt für jü­di­sche Flücht­lin­ge, un­ter­stützt ih­re un­ter Mc­Car­thy ver­folg­ten Kol­le­gen. Die Rech­te an ih­ren Schrif­ten ver­erbt sie Mar­tin Lu­ther King, sie ge­hen nach des­sen Tod an die schwar­ze Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on NAACP.

In der vor­lie­gen­den Bio­gra­phie schil­dert Karl auch die pri­va­ten Be­zie­hun­gen Par­kers. Es er­staunt wie vie­le li­te­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten mit ihr in Kon­takt stan­den, un­ter ih­nen Fitz­ge­rald, So­mer­set Maug­ham und He­ming­way. Die in­ti­men Be­zie­hun­gen zu ih­ren Män­nern und Lieb­ha­bern blei­ben na­tür­lich nicht un­er­wähnt. Lei­der sind die­se Dar­stel­lun­gen manch­mal von Wie­der­ho­lun­gen und kü­chen­psy­cho­lo­gisch an­mu­ten­den Pau­schal­ur­tei­le durch­zo­gen, wie „Wie so vie­le Frau­en fühlt sich Do­ro­thy Par­ker an­ge­zo­gen von gut­aus­se­hen­den Män­nern, die ihr in­tel­lek­tu­ell nicht das Was­ser rei­chen kön­nen“. Den­noch bie­tet sich ei­ne in­ter­es­san­te Lek­tü­re vol­ler In­for­ma­tio­nen, de­ren Be­leg­stel­len in den an­ge­häng­ten An­mer­kun­gen auf­ge­führt sind. Hier hät­te die Le­se­rin sich noch man­che wei­ter­füh­ren­de Er­läu­te­rung ge­wünscht. Aber viel­leicht hät­te dies den Rah­men die­ser Bio­gra­phie ge­sprengt, die im­mer­hin noch ei­ne um­fang­rei­che Li­te­ra­tur­lis­te und ein Per­so­nen­re­gis­ter bie­tet. Ob al­ler­dings Ge­org Cloo­ney und so manch” an­de­re mo­der­ne Be­rühmt­heit et­was in ei­ner Bio­gra­phie über Do­ro­thy Par­ker zu su­chen ha­ben, sei bezweifelt.

Es ist si­cher­lich nicht ver­kehrt, die­se Bio­gra­phie zu le­sen. Voll­kom­men rich­tig ist aber die Lek­tü­re der Wer­ke Do­ro­thy Par­kers. Bei ih­ren Ge­dich­ten muss man zum Ori­gi­nal grei­fen. Die Kurz­ge­schich­ten sind bei Kein&Aber neu auf­ge­legt. Ei­ni­ge fin­den sich in ei­ner von El­ke Hei­den­reich ge­le­se­nen Hör­buch­fas­sung.

Last but not least, für al­le, die we­der le­sen noch hö­ren möch­ten, sei auf den 1994 er­schie­ne­nen Film von Alan Ru­dolph „Mrs. Par­ker and the Vicious Cir­cle“ ver­wie­sen.

 

Mi­chae­la Karl, Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber. Do­ro­thy Par­ker. Ei­ne Bio­gra­phie. Re­si­denz Ver­lag, 4. Aufl. 2011

Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwin­del be­fal­len weiß man nicht wo oben und un­ten. Ob links oder rechts, al­les dreht sich, die Ori­en­tie­rung ist ver­wirrt, manch­mal ganz und gar ver­lo­ren. Als Schwin­del wer­den auch Lü­gen be­zeich­net, harm­lo­se, läss­li­che. Sie of­fen­ba­ren nicht je­dem al­les, ber­gen min­des­tens ein Ge­heim­nis, sei es auch nur ein klei­ner Trick. Aber wer kann schon oh­ne die­se klei­nen Tricks le­ben?  Sie die­nen der Le­bens­be­wäl­ti­gung und nicht sel­ten sind sie ein wich­ti­ger Be­stand­teil des Me­tiers. Auch Schrift­stel­ler be­die­nen sich als Il­lu­si­ons­künst­ler krea­ti­ver Schwin­de­lei­en, die nicht nur ihr Werk son­dern auch ih­re Per­son be­tref­fen. Wenn auch der Groß­teil der Schreib­künst­ler in­zwi­schen ihr öf­fent­li­ches Ego als Be­stand­teil der Er­folgs­stra­te­gie be­greift, so gibt es im­mer noch Au­toren, die ih­re An­ony­mi­tät zu wah­ren wis­sen. Das Ge­heim­nis um ih­re Per­son scheint der Selbst­schutz, oh­ne den kei­ne Kunst ent­ste­hen kann.

So er­geht es auch Bab­ro An­ders­son, kurz Bab­ba, der Schrift­stel­le­rin in Kers­tin Ek­mans „Schwind­le­rin­nen“. Von un­at­trak­ti­vem Äu­ße­ren be­wegt sich die in ei­ner Ar­bei­ter­fa­mi­lie groß­ge­wor­de­ne Bab­ba un­si­cher zwi­schen Men­schen. Als stu­dier­te Phi­lo­lo­gin be­vor­zugt sie die Ge­gen­wart der Bü­cher. Sie ar­bei­tet als Bi­blio­the­ka­rin in der Stadt­bü­che­rei, auf de­ren Kar­tei­kar­ten sie ih­re Schreib­ideen no­tiert. Als sie ei­nes Ta­ges aus die­sen Ein­fäl­len ei­ne Ge­schich­te spinnt, schickt ihr Freund die­se oh­ne ihr Wis­sen an ei­ne Zeit­schrift. Das Ab­leh­nungs­schrei­ben of­fen­bart ihr nicht nur den Ver­rat, son­dern eben­so die Er­kennt­nis, daß sie, Bab­ba An­ders­son, so wie sie wirk­lich ist, nie­mals als Schrift­stel­le­rin zu Ruhm ge­lan­gen kön­ne. Da­zu sei sie nun mal ein­fach we­der flott noch at­trak­tiv ge­nug. „Leu­te, die schrift­stel­lern­de Frau­en rühm­ten, lieb­ten die­ses Wort. Frau­en soll­ten flott schrei­ben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die an­de­re Haupt­fi­gur des Ro­mans ins Spiel, Lil­lem­or Troj. Sie er­füllt die auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en, wes­halb Bab­ba sie zur Stell­ver­tre­te­rin wählt. Sie wird ihr öf­fent­li­ches Ali­as, un­ter ih­rem Na­men und mit ih­rem Ge­sicht er­scheint Bab­bas Li­te­ra­tur. Lil­lem­or ist nicht nur äu­ßerst vor­zeig­bar. Als Toch­ter aus gu­tem Haus weiß sie sich auf öf­fent­li­chem Par­kett zu be­we­gen. Per­fekt in Mo­de wie Ma­nie­ren be­wäl­tigt sie den schrift­stel­le­ri­schen Small­talk. Zu­dem tippt und re­di­giert sie, was Bab­ba auf die Sei­ten des Spi­ral­blocks schreibt. Lil­lem­or ach­tet auf Lo­gik und Struk­tur und spä­tes­tens, wenn bei­de Frau­en die Fe­ri­en­wo­chen in ei­ner ent­le­ge­nen Ka­te im Wald ver­brin­gen, wird Lil­lem­or zu Bab­bas Co-Autorin.

Al­ler­dings er­for­dert ih­re ge­mein­sa­me Au­tor­schaft im­mer stär­ke­re Ge­heim­hal­tung. Nicht nur die Män­ner der bei­den er­wei­sen sich als Ge­fahr, auch ih­re ei­ge­nen Müt­ter. Im­mer ver­deckt vor­der­grün­dig die Wahr­heits­lie­be die ei­gent­li­chen ego­is­ti­schen An­trie­be der Neu­gie­ri­gen. Den­noch ge­lingt es Bei­den die Preis­ga­be ih­res Tricks zu ver­hin­dern bis sie selbst zu Ver­rä­tern wer­den. In ih­rem neu­es­ten Ro­man­ent­wurf ent­hüllt Bab­ba die wah­re Ge­schich­te und sen­det sie un­ter ih­rem ei­ge­nen Na­men an ei­nen Ver­lag. Die­ser ver­mu­tet Lil­lem­or Troj hät­te un­ter Pseud­onym ih­re Bio­gra­phie ver­fasst und ver­mit­telt den Text an de­ren Ver­lag, der wie­der­rum die ver­meint­li­che Au­torin da­mit konfrontiert.

Hier setzt „Schwind­le­rin­nen“ ein. Wir le­sen mit Lil­lem­or Ka­pi­tel um Ka­pi­tel der un­ge­heu­er­li­chen Wahr­heit, die Bab­ba An­der­son in der Ich-Per­spek­ti­ve er­zählt. Da­zwi­schen er­fah­ren wir, was Lil­lem­or dar­über denkt. Ih­re Ver­si­on schil­dert der all­wis­sen­de Er­zäh­ler. Die Ge­gen­über­stel­lung die­ser bei­den Wahr­hei­ten er­zeugt nicht nur den gro­ßen Reiz der Kon­struk­ti­on, son­dern auch ei­ne Span­nung, die durch den im­mer­hin an die 500 Sei­ten star­ken Ro­man trägt. Kers­tin Ek­man, die in die­sem Jahr acht­zig Jah­re alt wird, und de­ren voll­stän­di­ger Na­me Kers­tin Lil­lem­or Hjorth Ek­man aus Grün­den der Wahr­heit nicht un­er­wähnt blei­ben soll, hat ei­nen um­fang­rei­chen Ro­man ge­schrie­ben. Im­mer­hin schil­dert sie über sech­zig Jah­re ei­nes er­folg­rei­chen Au­torin­nen­le­bens oder bes­ser drei­er er­folg­rei­cher Au­torin­nen­le­ben, Bab­bas, Lil­lem­ors, wie ihr ei­ge­nes, wel­ches in Fa­cet­ten in de­nen ih­rer Stell­ver­tre­te­rin­nen auf­scheint. Wie Lil­lem­or wur­de auch Ek­man zum Mit­glied der Schwe­di­schen Aka­de­mie er­ko­ren, be­sitzt al­so aus­rei­chen­de In­for­ma­ti­on um die­sen Aspekt in ih­rer Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re sub­til aus­zu­leuch­ten. Sie zeigt, wie nicht nur in die­sem Gre­mi­um Prei­se ver­ge­ben und an­hand wel­cher Kri­te­ri­en Preis­trä­ger ge­macht wer­den. In die­sem letzt­end­lich po­li­ti­schen Ge­schäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahr­lich kei­ne neue Er­kennt­nis, wird aber in die­sem Ro­man sehr schön in Sze­ne ge­setzt. Gleich­zei­tig ge­lingt Ek­man ein Ge­sell­schafts­pan­ora­ma, in dem sie ih­re Hel­din­nen von den re­strik­ti­ven Fünf­zi­gern über die Al­ter­na­tiv­kul­tur der nach­fol­gen­den Jahr­zehn­te bis in die heu­ti­ge Zeit be­glei­tet. In ei­ne Zeit, in der das Le­sen ei­nes rich­ti­gen Bu­ches zu ei­nem sub­ver­si­ven Akt wer­den kann, vor des­sen Fol­gen Bab­ba An­der­son warnt:

Li­te­ra­tur schä­digt das Ge­hirn und ver­min­dert die Fruchtbarkeit.“

Kers­tin Ek­man, Schwind­le­rin­nen, übers. v. Hed­wig Bin­der, Pi­per Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Ein Coffee-Table voller Madeleines

Marcel Proust in Bildern und Dokumenten

Im Herbst des letz­ten Jah­res leg­te die Edi­ti­on Olms mit Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten ei­nen opu­len­ten Bild­band zu Eh­ren des be­rühm­ten Schrift­stel­lers auf recht­zei­tig zu sei­nem 90. To­des­tag am 18. No­vem­ber und vor dem Jah­res­tag des Erst­aus­ga­be des ers­ten Ban­des der Re­cher­che im Jah­re 1913. Die­ser groß­for­ma­ti­ge mit Bild­ma­te­ri­al reich aus­ge­stat­te­te Band kann als Cof­fee-Ta­ble-Book ne­ben ei­ner Eta­ge­re vol­ler Made­lei­nes Bel­la Fi­gu­ra ma­chen und die Emp­find­sam­keit sei­nes Be­sit­zers zur Schau stel­len. Er kann aber noch viel bes­ser die Welt der Re­cher­che ver­an­schau­li­chen, je­nes Le­bens­werks in sie­ben Bän­den mit den vie­len Sei­ten schö­ner Sät­ze. Die­ses zu il­lus­trie­ren, so­weit über­haupt mög­lich, ver­sam­melt der Band Fo­to­gra­fien, Do­ku­men­te, Kunst und De­kor. Es fin­den sich Por­träts von Proust, sei­ner Fa­mi­lie und den Freun­den. Wir kön­nen Brie­fe, Ur­kun­den und die be­rühm­ten Fra­ge­bö­gen stu­die­ren, Ab­bil­dun­gen der in der Re­cher­che er­wähn­ten Kunst­wer­ke be­trach­ten. Gra­phik und Ge­gen­stän­de des Fin de Siè­cle ver­voll­stän­di­gen das Zeit­ko­lo­rit und Made­lei­ne Le­mai­re, ei­ne Freun­din Prousts, die sich in Mme de Vil­le­pa­ri­sis und Mme Ver­du­rin wie­der­fin­det, streut ih­re Aqua­rell­blü­ten über vie­le Seiten.

Als Her­aus­ge­be­rin die­ser Il­lus­tra­ti­on fun­giert Pa­tri­zia Man­te-Proust, die Ur­groß­nich­te des Dich­ters. Vol­ler Fa­mi­li­en­stolz be­rich­tet sie über den be­rühm­ten On­kel ih­rer Groß­mutter Su­zy, der ein­zi­gen Toch­ter von Mar­cels Bru­der Ro­bert. Pa­tri­zia Man­te-Proust war elf Jah­re alt als die­se starb, und die stärks­te ih­rer Er­in­ne­run­gen gilt ne­ben dem Por­trät Prousts von Jac­ques-Èmi­le Blan­che, das im Sa­lon der Groß­mutter hing be­vor es in die Samm­lung des Mu­sée d’Orsay über­ging, der Ent­de­ckung des Ty­po­skripts von „Al­ber­ti­ne disparue“ im Jahr 1986. Auch wenn sie al­le Er­war­tun­gen hin­sicht­lich er­erb­ter li­te­ra­ri­scher Tief­grün­dig­keit be­schei­den ab­lehnt, äu­ßert sie doch das Bon­mot „Proust ist kei­ne Fra­ge des Le­sens, son­dern des Wie­der­le­sens!“. Zum Ab­schluss des Vor­worts er­weist sie ihm auch phä­no­ty­pisch Re­ve­renz auf ei­nem Por­trät mit künst­lich ver­han­ge­nem Blick und auf ei­nem Aqua­rell, das Ahn und Er­bin als Rad­fah­rer auf der Pro­me­na­de von Ca­bourg zeigt.

Der Haupt­teil des Ban­des teilt sich in Ka­pi­tel, de­ren Tex­te die Proust-For­sche­rin Mi­reil­le Na­tu­rel ver­fass­te. Sie lehrt an der Pa­ri­ser Uni­ver­si­tät Sor­bon­ne Nou­vel­le und ist Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der So­cié­té des Amis de Mar­cel Proust. Ein wei­te­res Ele­ment bil­den Pas­sa­gen der Re­cher­che, die mit aus­ge­wähl­ten Ab­bil­dun­gen kor­re­spon­die­ren. In sechs Ka­pi­teln wirft Na­tu­rel Schlag­lich­te auf die Be­deu­tung die­ses Ge­sell­schafts­ro­mans und er­in­nert zu­gleich an den ak­ti­ven, viel­sei­tig in­ter­es­sier­ten Proust.

Das ers­te Ka­pi­tel taucht ein in das Idyll der Kind­heit in Il­liers-Com­bray. Fa­mi­li­en­mit­glie­der, Aus­schnit­te aus Schul- und Stu­di­en­zeit, das frei­wil­li­ge Jahr beim Mi­li­tär, aber auch die frü­hen Fe­ri­en­auf­ent­hal­te in Ca­bourg ent­fal­ten ein „Ka­lei­do­skop des Le­bens“. Im zwei­ten Ka­pi­tel er­fah­ren wir von Prousts Be­geg­nun­gen und Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Künst­lern, wie Jac­ques-Èmi­le Blan­che und Jean Coc­teau, aber auch von sei­nem Zu­sam­men­tref­fen mit dem Ver­le­ger Gas­ton Gal­li­mard. Das mon­dä­ne Le­ben des jun­gen Prousts in den Sa­lons be­ein­flusst un­mit­tel­bar das Ent­ste­hen sei­nes ers­ten li­te­ra­ri­schen Werks, Freu­den und Ta­ge. Die bei­den fol­gen­den Ka­pi­tel wid­men sich zwei ganz we­sent­li­chen Ele­men­ten, dem Le­sen und der Kunst. Zeigt das ei­ne, wie in Prousts Vor­wort zu sei­ner Über­set­zung von Rus­kins Sé­sam et les Lys, Grund­ge­dan­ken der Re­cher­che be­reits an­ge­legt sind, so be­rich­tet Na­tu­rel im fol­gen­den Ka­pi­tel von Prousts Kunst­ver­ständ­nis und sei­nem syn­äs­the­ti­schen Er­le­ben der Ein­drü­cke. Das Schluss­ka­pi­tel wid­met sich dem Ent­ste­hen des Ro­man­werks. Mit vie­len Ab­bil­dun­gen ver­folgt es die Aus­ar­bei­tung von No­ti­zen zum Ma­nu­skript. Die Über­ar­bei­tung des Ty­po­skripts mit den vie­len ein­ge­füg­ten Pa­pe­ro­les für die zahl­rei­chen Zu­sät­ze und Kor­rek­tu­ren könn­te fast als Kunst­werk für sich be­trach­tet wer­den. Ein kur­zer Ab­riss der Proust-Re­zep­ti­on be­en­det das Ka­pi­tel und Buch. Es schlie­ßen sich Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis wie Ab­bil­dungs­nach­weis und ei­ne Tran­skrip­ti­on und Über­set­zung der Text­do­ku­men­te an so­wie, was an­schei­nend nie feh­len darf, ein Re­zept für Madeleines.

Ins Deut­sche über­setzt wur­de die­ser ins­ge­samt sehr schö­ne Bild­band von Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne. Er bie­tet ei­ne gu­te Er­gän­zung zu Mar­cel Proust, sei­nem Werk und sei­ner Welt, der je­doch zwei klei­ne Aber hin­zu­fügt wer­den müs­sen. Nicht im­mer wirkt die Zu­sam­men­stel­lung der un­ter­schied­li­chen Ab­bil­dungs­for­ma­te ge­glückt. Klei­ne Fo­tos mit ab­ge­run­de­ten Ecken ne­ben ei­nem groß­for­ma­ti­gen Recht­eck oder al­te und neue Auf­nah­men auf ei­ner Blü­ten­ta­pis­se­rie er­in­nern an selbst­ge­mach­tes Fo­to­buch­sty­ling. Das mag Ge­schmacks­sa­che sein. Kei­ne Fra­ge des Ge­schmacks sind je­doch die ab­fär­ben­den Dru­cke, die auf den wei­ßen Flä­chen un­schö­ne Fle­cken hin­ter­las­sen. Das hät­te durch Sorg­falt bei der Her­stel­lung ver­mie­den wer­den können.

Nicht nur we­gen des Ti­tels darf die Re­zen­si­on von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. nicht un­er­wähnt blei­ben, Im Schat­ten spä­ter Nicht­en­blü­ten.

Man­te-Proust, Pa­tri­cia; Na­tu­rel, Mi­reil­le (Hg.), Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten, übers. v. Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne, Edi­ti­on Olms Zü­rich 2012.

Klamauk auf Skios

Verwechslungsklamotte mit guten Dialogen — „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Er­zäh­len Sie ihr, was Ih­nen ge­ra­de ein­fällt. Sie muss nur se­hen, dass je­mand sich be­müht. Sa­gen Sie ihr das klei­ne Ein­mal­eins auf. Sie wird es nicht ver­ste­hen. Ein Mund, der auf- und zu­geht. Mehr wol­len die meis­ten Leu­te hier nicht, wenn man es recht be­trach­tet. Und eins Ih­rer net­ten Lächeln. “

Auf ei­nem klei­nen, kar­gen In­sel­chen in der grie­chi­schen Ägä­is bahnt sich der Hö­he­punkt der Sai­son an. In ei­ner ex­klu­si­ven Kul­tur­stif­tung er­war­ten die nicht min­der ex­klu­si­ven Mit­glie­der aus Geld- und Bil­dungs­adel den Jah­res­vor­trag. Hal­ten wird ihn Dr. Nor­man Wil­fred, der als Vor­trags­rei­sen­der in Sa­chen Szi­en­to­me­trie sei­ne gut ge­reif­ten Er­kennt­nis­se schon seit Jah­ren welt­weit ver­wurs­tet. Sein Ant­ago­nist, der jun­ge, at­trak­ti­ve Oli­ver Fox will auf der In­sel ein Wo­chen­en­de mit sei­ner jüngs­ten Er­obe­rung ver­brin­gen, de­ren Freun­din Nik­ki wie­der­um als As­sis­ten­tin der Stif­tung den Vor­trag or­ga­ni­siert. Nik­ki war­tet am Flug­ha­fen als Wis­sen­schaft­ler und Nichts­nutz gleich­zei­tig dort ein­tref­fen. Von ih­rer adret­ten Net­tig­keit an­ge­zo­gen steu­ert der Nichts­nutz auf sie zu, gibt sich als er­war­te­ter Wis­sen­schaft­ler aus und die Ver­wick­lun­gen beginnen.

Ver­wechs­lungs­ko­mö­di­en ha­ben mich noch nie be­son­ders be­geis­tert. Zwei Per­so­nen rut­schen in die fal­schen Rol­len und dann dau­ert es we­gen et­li­cher Ka­prio­len quä­lend lan­ge bis ir­gend­ei­ner da­hin­ter kommt. Al­le An­we­sen­den sind ge­blen­det von ih­ren ei­ge­nen Er­war­tun­gen. Sie hal­ten den Fal­schen für den Rich­ti­gen und selbst ein­deu­ti­ge Hin­wei­se brin­gen sie nicht auf die Spur. Sie ver­har­ren in Schafs­star­re, un­kri­tisch, leicht­gläu­big, groß­äu­gig und ver­trau­ens­se­lig. Das Funk­ti­ons­prin­zip sol­cher Ge­schich­ten ist die Scha­den­freu­de der Zu­schau­er und Le­ser. Sie be­ob­ach­ten das Ge­sche­hen von au­ßen, wis­sen mehr als die in­vol­vier­ten Fi­gu­ren und amü­sie­ren sich über de­ren Ge­schick. Mei­nem Hu­mor ent­spricht dies nicht. An­fangs ver­spü­re ich Mit­leid mit dem Be­nach­tei­lig­ten, der ne­ben dem Glücks­pilz zum Zwangs­in­ven­tar der­ar­ti­gen Kla­mauks zählt. Doch bald be­fällt mich der Wunsch die Sa­che auf­zu­klä­ren. We­gen der Un­er­füll­bar­keit die­ses An­sin­nens wer­de ich schließ­lich so ner­vös, daß ich Film, Stück oder Ro­man verlasse.

Will­kom­men auf Ski­os“ ha­be ich zu En­de ge­le­sen. Ein frü­he­rer Ro­man des Au­tors, „Das Spio­na­ge­spiel“ hat­te mich be­ein­druckt. Auch der neue Ro­man Frayns ist sti­lis­tisch sehr gut ge­macht. Wort­spie­le und An­spie­lun­gen ent­lar­ven die nicht nur aka­de­mi­schen Ei­tel­kei­ten. Die ra­schen Wech­sel von Per­spek­ti­ve und Schau­plät­zen en­den stets mit ei­nem Cliff­han­ger, der ho­hes Le­se­tem­po er­zeugt. Trotz­dem ver­moch­te der In­halt der Sto­ry nicht mein In­ter­es­se zu we­cken. Der Hu­mor wirkt nicht schwarz und eng­lisch son­dern plump und dick auf­ge­tra­gen. Im­mer­hin bie­ten ei­ni­ge bril­lan­te Dia­lo­ge Ver­gnü­gen. Aber das war’s dann auch. Die in­tel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung ei­ner ei­ni­ger­ma­ßen plau­si­blen Auf­lö­sung die­ses Kud­del­mud­dels spart sich Frayn. Sei­ne Bou­le­vard­ko­mö­die mün­det in ei­ner Slap­stick-Ex­plo­si­on. Üb­rig blei­ben Trüm­mer und hei­ße Luft.

Mi­cha­el Frayn, Will­kom­men auf Ski­os, Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2012 

Proust — Liebesträume

Die Metamorphosen der Madame de Guermantes — (Bd. 3, 1)

GuermantesDie Er­in­ne­rung an ei­ne Per­son, die für uns von Be­deu­tung war, ver­än­dert sich im Lau­fe der Zeit. Je län­ger wir die­sem Men­schen nicht be­geg­nen um so stär­ker wan­delt er sich zum Ide­al, das mit der all­täg­li­chen Per­son kaum noch übereinstimmt.

So er­geht es auch dem Prot­ago­nis­ten, der im Pa­ri­ser Pa­lais der Guer­man­tes wohnt und da­mit in un­mit­tel­ba­rer Nä­he die­ses Adels­ge­schlech­tes, des­sen Na­me ihn schon in Com­bray mit Ehr­furcht er­füll­te. Als er Ma­dame de Guer­man­tes, der Frau des Her­zogs, zu­fäl­lig auf der Stra­ße be­geg­net, ist es ihm un­mög­lich, sein Bild von die­ser Frau mit dem Ide­al in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, wel­ches ihn seit ih­rem An­blick in der Kir­che von Com­bray be­setzt. Das Her­aus­ra­gen­de wird un­ver­se­hens zu et­was All­täg­li­chem, es voll­zieht sich ei­ne Des­il­lu­si­on, die er sich als Me­ta­mor­pho­se zu er­klä­ren ver­sucht. Wie bei Ovid aus ei­ner Nym­phe ei­ne Pflan­ze oder ei­ne Quel­le wer­den kann und die­se da­durch ih­ren ur­sprüng­li­chen Lieb­reiz ver­liert, so ver­wan­delt die rea­le All­tags­si­tua­ti­on den Zau­ber der Her­zo­gin. Die­ser stellt sich je­doch wie­der ein, so­bald nur noch Er­in­ne­rung die­ses Bild zu­sam­men­setzt. Ge­hirn und Ge­fühl re­kon­stru­ie­ren die be­gehr­te Pro­jek­ti­on. Und doch ver­ur­sacht je­de neue Be­geg­nung wie­der Ent­täu­schung. Die Ba­na­li­tät des All­tags zer­stört das Ide­al. Der Fas­zi­nier­te be­ob­ach­tet bei Ma­dame de Guer­man­tes ei­nen Hang zur mo­di­schen Klei­dung, die ihm si­gna­li­siert, daß sie auf das Ur­teil der Pas­san­ten Wert legt. „Die­se so tief un­ter ihr ste­hen­de Rol­le der ele­gan­ten Frau“, ent­spricht nicht sei­ner Vor­stel­lung von ih­rer her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­keit. Erst als er sie in der Oper er­blickt, nimmt die Klei­dung für ihn ei­nen an­de­ren Stel­len­wert ein. Er deu­tet sie als Zei­chen für die Auf­he­bung der Me­ta­mor­pho­se. Die Ro­be mit dem pai­let­ten­be­setz­ten Ober­teil of­fen­bart die wah­re Ge­stalt der Ma­dame de Guer­man­tes, die Ägis ver­rät die Mi­ner­va. Sie er­scheint als Göt­tin, die bei sei­nem An­blick al­ler­dings wie­der zur Frau wird und ihn lä­chelnd grüßt.

Der jun­ge Mar­cel ist ver­liebt und dies so­fort un­glück­lich, da er ahnt, daß die­se Göt­tin für ihn un­er­reich­bar blei­ben wird. „Ich hat­te mich, in Wirk­lich­keit lei­der, da­für ent­schie­den, die Frau zu lie­ben, die viel­leicht die größ­te Zahl von ver­schie­den­ar­ti­gen Vor­tei­len auf sich ver­ei­nig­te und in de­ren Au­gen ich des­we­gen nicht hof­fen konn­te, auch nur ir­gend­ein An­se­hen zu ge­nie­ßen; denn sie war eben­so reich wie der Reichs­te, der da­ne­ben nicht auch noch ad­lig war, ganz zu schwei­gen von ih­rem per­sön­li­chen Charme, durch den sie ton­an­ge­bend und un­ter al­len ge­wis­ser­ma­ßen die Kö­ni­gin war.“

Wie­der ein­mal hält ihn ei­ne me­lan­cho­li­sche Lie­be in Lie­bes­träu­men ge­fan­gen. Er ver­sucht die Her­zo­gin auf der Stra­ße ab­zu­pas­sen, un­ter­nimmt zur glei­chen Zeit sei­ne Spa­zier­gän­ge, war­tet an den Ecken, die sie pas­sie­ren wird, war­tet ver­geb­lich, muss sein War­ten ver­ber­gen, will nicht auf­fal­len und han­delt da­durch viel­leicht ver­kehrt, wenn er bei ei­ner der we­ni­gen Be­geg­nun­gen, ih­re Auf­merk­sam­keit er­regt, je­doch den Gruß nicht er­wi­dert. Sein Ver­such nicht auf­dring­lich zu er­schei­nen, könn­te sie als Un­höf­lich­keit deu­ten, was ihn be­drückt. „War­um ver­spür­te ich den glei­chen Schau­er, heu­chel­te ich die­sel­be Gleich­gül­tig­keit, wand­te ich die Au­gen auf die glei­che zer­streu­te Wei­se ab, wie am Vor­tag, wenn in ei­ner Sei­ten­stra­ße und un­ter ei­ner klei­nen ma­ri­ne­blau­en To­que ei­ne Vo­gel­na­se im Pro­fil auf­tauch­te, längs ei­ner ro­ten Wan­ge, die von ei­nem ste­chen­den Au­ge quer durch­schnit­ten wur­de, gleich­sam die Er­schei­nung ei­ner ägyp­ti­schen Gottheit?“

Sei­ne Angst durch­schaut zu wer­den wächst, Fran­çoi­se wis­sen­der Blick, wenn er mor­gens die Woh­nung ver­lässt, könn­te aus ei­ner Be­mer­kung der Be­diens­te­ten der Her­zo­gin re­sul­tie­ren, die sich ab­fäl­lig über den „Mis­se­tä­ter“ ge­äu­ßert ha­ben mag.

Hat­te er zu Be­ginn Ma­dame de Guer­man­tes noch ge­gen die bis­he­ri­gen Lie­ben, Al­ber­ti­ne, Gil­ber­te, gar ge­gen un­be­kann­te reiz­vol­le Mäd­chen ab­ge­wo­gen, ist die­ser Ver­gleich nun ganz sei­ner Über­zeu­gung un­ter­le­gen, daß die­se Guer­man­tes egal in wel­cher Form sie ihm auch er­scheint, sei­ne Göt­tin ist. „Was ich lieb­te, war die un­sicht­ba­re Per­son, die das al­les in Be­we­gung setz­te, war sie, de­ren Feind­se­lig­keit ich hät­te ver­ja­gen wol­len.“ Und doch scheint er aus­sichts­los in sei­nem un­er­füll­ba­ren Ver­lan­gen. „Ich lieb­te Ma­dame de Guer­man­tes wirk­lich. Das größ­te Glück, das ich von Gott hät­te er­bit­ten kön­nen, wä­re ge­we­sen, daß er al­le nur mög­li­chen Ka­ta­stro­phen auf sie nie­der­ge­hen las­se und daß sie, (…) , zu mir kom­me, um bei mir Zu­flucht zu suchen.“

Er be­schließt über ei­nen Um­weg, durch den Be­such bei ih­rem Nef­fen Ro­bert de Saint-Loup, in ih­re Nä­he zu ge­lan­gen. Viel­leicht er­wähnt ihn Saint-Loup bei sei­ner Tan­te, viel­leicht kann er so­gar ei­ne Be­geg­nung ar­ran­gie­ren? Auch wenn die­ser Be­such und die ent­ste­hen­de Freund­schaft zu Ro­bert ihn zu­nächst von sei­nem Ziel ab­zu­len­ken scheint, ist sei­ne Sehn­sucht stets ge­gen­wär­tig. „Es war, als ha­be ei­ne ge­schick­ter Ana­tom ei­nen Teil mei­ner Angst ent­fernt und ihn durch ei­nen glei­chen Teil un­kör­per­li­chen Schmer­zes er­setzt.“ Es stellt sich die glei­che Me­lan­cho­lie ein, die ihn schon frü­her be­setzt hielt, der ge­rings­te An­lass weckt sei­ne Er­in­ne­rung. „Ein wei­cher Luft­hauch, der vor­über strich, schien mit ei­ne Bot­schaft von ihr zu brin­gen wie einst von Gil­ber­te auf den Fel­dern von Méséglise.“

Saint-Loup ver­spricht ihn bei sei­ner Tan­te ein­zu­füh­ren, doch ein Zwi­schen­fall macht Saint-Loups bal­di­gen Be­such in Pa­ris un­wahr­schein­lich. Auch Mar­cels Zeit ist be­grenzt, da er zu ei­nem er­neu­ten Auf­ent­halt in Bal­bec auf­bre­chen wird. Um zu­vor von Ma­dame de Guer­man­tes emp­fan­gen zu wer­den, er­in­nert er Ro­bert an sei­ne Be­geis­te­rung für die Kunst Elstirs. Da drei sei­ner Wer­ke sich im Pa­lais Guer­man­tes be­fin­den, bit­tet er ihn ei­ne Be­sich­ti­gung zu arrangieren.

Wie­der in Pa­ris zö­gert un­ser Held sei­ne Spa­zier­gän­ge auf­zu­neh­men. Er fürch­tet Ma­dame de Guer­man­tes zu be­geg­nen, als ob sie ihm al­le sei­ne Be­mü­hun­gen an­se­hen könn­te. Doch er kann sei­nen Wunsch nicht be­zwin­gen und er­fin­det Recht­fer­ti­gun­gen, die ihn nö­ti­gen das Haus zu ver­las­sen. Wie­der weiß er bei den zu­fäl­li­gen Be­geg­nun­gen nicht, ob er grü­ßen soll. Sei­ne Hem­mun­gen schei­nen ge­wach­sen zu sein. Er­schien die Her­zo­gin ihm vor sei­ner Ab­rei­se nach Don­ciè­res als ei­ne Ge­stalt aus dem an­ti­ken Göt­ter­him­mel, so er­scheint sie ihm nun in ih­rem Kleid aus hell­ro­tem Samt gleich­sam im „mys­ti­schen Licht“ ei­ner „Hei­li­gen aus der ers­ten Zeit der Chris­ten­heit“ und da­mit un­er­reich­bar wie bei der ers­ten Be­geg­nung im Licht der Kir­che von Combray.

Die­se emp­fun­de­ne Un­er­reich­bar­keit be­stä­tigt sich auch in der Rea­li­tät. Saint-Loup kann ihm vor­erst kei­ne Ein­la­dung bei sei­ner Tan­te ver­schaf­fen, denn die­se sei „gar nicht mehr so nett“.