Alpha-Preis 2013

Literatur und Glücksspiel

Die ge­gen­sei­ti­ge Wahr­neh­mung li­te­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen scheint in­ner­halb der deutsch­spra­chi­gen Nach­bar­län­der noch im­mer dis­kre­pant zu sein. Dies stell­te jüngst die ös­ter­rei­chi­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl, die in die­sem Jahr den Al­fred-Kerr-Preis für Li­te­ra­tur­kri­tik er­hielt, in ei­nem In­ter­view her­aus. Auch im Bei­trag des ös­ter­rei­chi­schen Li­te­ra­tur­ge­flüs­ters zum Deut­schen Buch­preis kling die­ses an.

Der­art sen­si­bi­li­siert weck­te die Be­kannt­ga­be der Short­list des ös­ter­rei­chi­schen Buch­prei­ses Al­pha be­son­de­res In­ter­es­se bei mir. Es han­delt sich um neun Ti­tel von neun Au­toren, die mir zum Teil durch ih­re Le­sun­gen im Bach­mann­wett­be­werb be­kannt sind, dar­un­ter Isa­bel­la Fei­mer, Ju­lya Ra­bi­no­wich und Cor­du­la Si­mon. „Al­pha-Preis 2013“ wei­ter­le­sen

Chaim heißt Leben und das Leben stirbt nicht

Ralph Dutlis eindrucksreicher Künstlerroman Soutines letzte Fahrt

DBLSol sa­jn, as ich boj in der luft ma­j­ne schlesser.
Sol sa­jn, as ma­jn got is in gan­zen nischt do.
In trojm wet mir la­jch­ter, in trojm wet mir besser,
In trojm is der himl mir blo­jer wi blo.“ S. 87

Man­che Men­schen, die dem To­de na­he wa­ren, be­schrei­ben die über­stan­de­ne Si­tua­ti­on als ei­ne Fahrt ins wei­ße Licht, wäh­rend der Sta­tio­nen ih­res Le­bens in kür­zes­ter Zeit vor­über ziehen.

Das Ster­ben des jü­di­schen Ma­lers Cha­im Sou­ti­ne um­fass­te mehr als die 24 Stun­den des 6. Au­gusts 1943. Ver­steckt in ei­nem schwar­zen Ci­tro­ën Cor­bil­lard, ei­nem Lei­chen­wa­gen, ging an die­sem Tag die Fahrt ab­seits al­ler Kon­trol­len von der Loire nach Pa­ris. Dort soll­te in ei­nem Kran­ken­haus die le­bens­ret­ten­de Ope­ra­ti­on er­fol­gen. „Cha­im heißt Le­ben und das Le­ben stirbt nicht“ wei­ter­le­sen

Der Mythos vom Gaúcho

In Flut kämpft Daniel Galeras Held gegen Angst und Aberglauben

Ich weiß nur, dass wir uns nicht frei ent­schei­den kön­nen, aber trotz­dem so le­ben müs­sen als könn­ten wir es.“ S. 420

Be­stimmt das Schick­sal un­ser Le­ben oder hängt sein Ver­lauf von der ei­ge­nen Kraft und Mo­ti­va­ti­on ab? Die­se Fra­gen stellt Flut, der neue Ro­man des Bra­si­lia­ners Da­ni­el Ga­lera. Der in sei­ner Hei­mat an­ge­se­he­ne Au­tor hat be­reits meh­re­re Wer­ke ver­öf­fent­licht, pas­send zum Buch­mes­se-Auf­tritt Bra­si­li­ens wur­de Flut als sein ers­ter Ti­tel ins Deut­sche übertragen.

Der na­men­lo­se Held der Ge­schich­te ist um die Drei­ßig, Tri­ath­let und er­fah­re­ner Trai­ner. Er be­rei­tet sich und an­de­re dar­auf vor, die schwa­chen Mo­men­te zu durch­ste­hen und aus ei­nem Down wie­der auf­zu­tau­chen. Doch taugt die­ses Trai­ning auch für das Le­ben? Vor al­lem, wenn die­ses „Der My­thos vom Gaúcho“ wei­ter­le­sen

5 lesen 20 Romane der Longlist – Deutscher Buchpreis 2013

Longlist lesen

Logo_dbp_13_RGBWie be­reits in den Long­list-Spe­ku­la­tio­nen an­ge­deu­tet ist der dies­jäh­ri­ge Deut­sche Buch­preis für mich ein be­son­de­rer. Die Vor­auswah­len zum Deut­schen Buch­preis wer­de ich ge­mein­sam mit buzz­al­drins bü­cher, das graue So­fa, li­te­ra­tu­ren und Schö­ne­Sei­ten be­glei­ten. Wir fünf le­sen die 20 Ro­ma­ne der Long­list und wer­den je­den Ti­tel in ei­nem Blog­bei­trag vor­stel­len. Die Re­zen­sio­nen pos­ten wir auf un­se­ren Blogs, wo In­ter­es­sier­te zum Kom­men­tie­ren und Dis­ku­tie­ren ein­ge­la­den sind. Da bis zur Be­kannt­ga­be des Preis­trä­gers am 7. Ok­to­ber, na­tür­lich nicht je­de von uns je­de die­ser Sei­ten le­sen kann, tei­len wir die Ro­ma­ne un­ter uns auf.

Auf fol­gen­de Lek­tü­ren dür­fen wir uns freu­en. „5 le­sen 20 Ro­ma­ne der Long­list – Deut­scher Buch­preis 2013“ wei­ter­le­sen

Psychologenprobleme

In „Der gute Psychologe“ erzählt Noam Shpancer von sich und anderen

Ei­ne jun­ge Kli­en­tin sitzt vor Ih­nen und er­zählt Ih­nen ih­re Ge­schich­te, und beim Spre­chen hält sie sich im­mer wie­der die Hand vor den Mund. Was be­deu­tet die­se Ges­te?“ (…) Die Freu­dia­ner wer­den sa­gen, sie hat auf ei­ner un­be­wuss­ten Ebe­ne Angst da­vor, in­kri­mi­nie­ren­de In­for­ma­tio­nen preis­zu­ge­ben,“ sagt Jen­ni­fer. „Sie leis­tet Wi­der­stand; sie ist am­bi­va­lent.“ „Ja; und was wer­den die Ko­gni­ti­vis­ten sa­gen?“ „Sie wer­den sie fra­gen, was sie sich selbst er­zählt, was sie denkt.“ „Ja, und die Be­ha­vio­ris­ten?“ „Ei­ne an­ge­lern­te Ge­wohn­heit,“ ant­wor­te­te Jen­ni­fer, „viel­leicht hat sie frü­her beim Spre­chen ge­spuckt und wur­de des­we­gen aus­ge­lacht und hat da­her ge­lernt, ih­ren Mund zu be­de­cken.“ „Wirk­lich ei­ne hüb­sche An­wen­dung des be­ha­vio­ris­ti­schen Cre­dos. Je­mand hier hört zu. Hal­le­lu­ja, Jen­ni­fer; Sie ha­ben mein mü­des, al­tes Herz er­wärmt. Und à pro­pos Herz, was wer­den die Hu­ma­nis­ten sa­gen?“ „Ah, da bin ich mir nicht si­cher; ich ver­ste­he sie nicht be­son­ders gut.“ „Nein, na­tür­lich nicht,“ sagt der Psy­cho­lo­ge lä­chelnd. „Nie­mand ver­steht die Hu­ma­nis­ten, und das schließt die Hu­ma­nis­ten selbst mit ein (…)“ S. 235f.

In die­sem fast schon flap­si­gen Lehr­dia­log zwi­schen Pro­fes­sor und Stu­den­tin zei­gen sich zwei Merk­ma­le des Ro­mans „Der gu­te Psy­cho­lo­ge“. Die Psy­cho­lo­gie ist, wie die viel­fäl­ti­gen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze von Ver­hal­ten zei­gen, kei­ne Leh­re der ein­deu­ti­gen Hand­lungs­an­wei­sun­gen. Dies sorgt für Ir­ri­ta­tio­nen und kon­fron­tiert ih­re Ver­tre­ter bis­wei­len mit in­ne­ren Kon­flik­ten. Die Psy­cho­lo­gie hat kei­ne Pa­tent­re­zep­te, die­se Bot­schaft ver­mit­telt der Au­tor mit­un­ter ver­ein­facht und trotz Kli­schees in un­ter­halt­sa­mer, selbst­iro­ni­scher Weise.

Noam Sh­pan­cer, selbst Psy­cho­lo­ge, lehrt in Ohio als „Psy­cho­lo­gen­pro­ble­me“ wei­ter­le­sen

Buchpreisfieber — dbp 2013

Zum neunten Mal ganz neu

Logo_dbp_13_RGBIn ei­ner Wo­che jäh­ren sich die Prä­li­mi­na­ri­en zum Deut­schen Buch­preis und zum neun­ten Mal wird ei­ne Long­list mit zwan­zig Kan­di­da­ten  veröffentlicht.

Das Er­eig­nis konn­te im letz­ten Jahr be­son­ders we­gen der Ti­tel­aus­wahl nur zö­gern­de Be­geis­te­rung in mir aus­lö­sen. Dies­mal je­doch ent­facht die In­itia­ti­ve ei­ner Blog­ge­rin neu­es Feu­er. Auf Ma­ra Gie­se von buzz­al­drins bü­cher geht die Idee ei­nes ge­mein­sa­men Blog­pro­jekts zum Deut­schen Buch­preis zu­rück. Fünf Blog­ge­rin­nen wer­den über den Preis be­rich­ten und Re­zen­sio­nen zu den Ti­teln der Long­list ver­öf­fent­li­chen. Von den Or­ga­ni­sa­to­ren des Prei­ses durch Ma­te­ri­al und Ver­lin­kun­gen un­ter­stützt freu­en wir uns über vie­le Buch­preis­in­ter­es­sier­te, die au­ßer bei buzz­al­drins bü­cher und mir auf den Blogs das graue So­fa, Li­te­ra­tu­ren und Schö­ne Sei­ten mit­le­sen und dis­ku­tie­ren können.

Für al­le Buch­preis-Beg­in­ner sei hier kurz das Wich­tigs­te zu­sam­men­ge­fasst. „Buch­preis­fie­ber — dbp 2013“ wei­ter­le­sen

Coincidenza inverosimile – Die Proust-Sammlung des Jacques Guérin

In  „Il cappotto di Proust“ schildert Lorenza Foschini die Sammelleidenschaft eines Liebhabers

Manch­mal bringt uns der Zu­fall in den Be­sitz ei­nes ein­zig­ar­ti­gen Ge­gen­stands und manch­mal weckt er nicht nur In­ter­es­se, son­dern Lei­den­schaft, die bis­wei­len Spu­ren in Mu­se­en hinterlässt.

So prä­sen­tiert noch heu­te das Pa­ri­ser Mu­sée Car­na­va­let Mo­bi­li­ar aus dem Be­sitz von Mar­cel Proust. Schreib­tisch, Ses­sel und Mes­sing­bett sind dort in ei­nem se­pa­ra­ten Raum aus­ge­stellt. Ein wei­te­res Be­sitz­tum, der dunk­le Woll­man­tel mit Bi­ber­pelz­fut­ter, liegt hin­ge­gen we­gen sei­nes schlech­ten Er­hal­tungs­zu­stands im Ma­ga­zin. Jac­ques Gué­rin, Par­fu­meur und Samm­ler, ver­mach­te die­se Prous­tia­na kurz vor sei­nem Tod dem Museum.

Wie er vom Proust­ver­eh­rer durch zu­fäl­li­ge Be­ge­ben­hei­ten zum Samm­ler wur­de, er­zählt die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­tin Lo­ren­za Fo­schi­ni in ih­rer klei­nen Mo­no­gra­phie „Prousts Man­tel“. Auch ihr In­ter­es­se ent­stand eher ne­ben­bei. In ei­nem In­ter­view mit Pie­ro Tos­si, dem Kos­tüm­bild­ner von Luch­i­no Vis­con­ti, „Co­in­ci­den­za in­ver­o­si­mi­le – Die Proust-Samm­lung des Jac­ques Gué­rin“ wei­ter­le­sen

Metaebenen in Liebe und Literatur

Peter Stamm erzählt in „Agnes“ über die Schwierigkeit von Nähe

Das Ma­nu­skript die­ses Ro­mans reich­te Pe­ter Stamm bei meh­re­ren Ver­la­gen ver­geb­lich ein, be­vor es im Zü­ri­cher Ar­che Ver­lag zum er­folg­rei­chen De­büt wur­de. Viel­leicht war es so lan­ge ver­kannt, weil Stamm auf den ers­ten Blick ei­ne alt­be­kann­te Ge­schich­te er­zählt, die ei­ner Be­zie­hung, auf die ein gleich und gleich eben­so zu­trifft wie die sich an­zie­hen­den Gegensätze.

Stamm sie­delt sein Paar in Chi­ca­go an, wo es im Le­se­saal der Pu­blic Li­bra­ry ein­an­der be­geg­net. Un­gleich im Al­ter sind die bei­den, sie 25, er, der fast ihr Va­ter sein könn­te, um die 40, auch in ih­ren In­ter­es­sen ver­schie­den. Agnes pro­mo­viert in Phy­sik, der Schwei­zer Sach­buch­au­tor schreibt über Lu­xus­wa­gons von Pull­mann. Bei­de agie­ren scheu in ih­ren An­nä­he­run­gen, doch ei­ni­ge Zi­ga­ret­ten und Kaf­fees spä­ter wer­den sie ein Paar. Das Schüch­ter­ne und die Schwie­rig­keit über Ge­füh­le zu spre­chen bleiben.

Ein un­spek­ta­ku­lä­res Su­jet, das al­ler­dings durch das Spiel mit der Me­ta­ebe­ne „Me­ta­ebe­nen in Lie­be und Li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Old and Dreamy

Judith Kuckart schreibt über die Wunschbedrängnis in der Lebensmitte

Wer sich der Le­bens­mit­te nä­hert, dem rü­cken Wün­sche und Sehn­süch­te auf die Pel­le. Sie ent­ste­hen in der Ju­gend, wenn man sich fort fan­ta­siert aus dem El­tern­haus, aus dem Städt­chen, aus der gan­zen mie­fi­gen pie­fi­gen Pro­vinz. Doch dann mo­dern die Träu­me un­ter dem Laub, das Jahr um Jahr grö­ße­re Hü­gel bil­det, bis die Er­kennt­nis der End­lich­keit sie ausgräbt.

Auch die Fi­gu­ren in Ju­dith Kuckarts neu­em Ro­man „Wün­sche“ be­sit­zen sol­che Sehn­suchts­zie­le, de­nen sie sich auf ver­schie­de­ne Wei­sen nä­hern. Ih­re Stim­men po­si­tio­niert die Au­torin im Mit­tel­teil ih­rer drei­tei­li­gen Kon­struk­ti­on, die vom ers­ten und letz­ten Tag der neun­mo­na­ti­gen Hand­lung um­fasst wird.

Es ist Sil­ves­ter in ei­ner Stadt im Ber­gi­schen, als Ve­ra Con­rad die Ge­le­gen­heit „Old and Dre­a­my“ wei­ter­le­sen

Klischee-Kunst

Christine Fivians „Das Bild” erzählt vom Künstler und seinen Musen

Drei schma­le, fast zwei Me­ter ho­he, an­ein­an­der­ge­scho­be­ne Bil­der, dar­auf sche­men­haft er­kenn­bar ei­ne vor­über­ei­len­de wei­ße Ge­stalt, ein We­sen aus dem Nichts, das flüch­tig er­scheint und wie­der im Nichts verschwindet.“

Die­se kur­ze Be­schrei­bung ei­nes Tri­pty­chons steht zu Be­ginn des Ro­mans von Chris­ti­ne Fi­vi­an, des­sen Ti­tel schlicht Das Bildlau­tet. Der Ver­lag „Edi­ti­on Xan­thip­pe“ sieht in ihm „ei­ne Ge­schich­te, die im­mer wie­der zu­rück­kehrt zu ei­nem Bild mit dem Ti­tel „Die Göttin“, .…“

Nun war Xan­thip­pe, der Ver­lag nennt sie euf­e­mi­nis­tisch „Vor­den­ke­rin des So­kra­tes“, eher als des­sen streit­lus­ti­ges Weib be­kannt, und die­se Lust er­wacht auch in mir wäh­rend der Lek­tü­re, da der Ro­man, — der Klap­pen­text sie­delt ihn „zwi­schen Künst­ler­ro­man und Kri­mi­nal­ge­schich­te“ an‑, ei­ne Er­war­tung er­zeugt, die er nicht ein­zu­lö­sen vermag.

Er er­zählt von drei Frau­en über sech­zig, die sich je­doch nicht „Kli­schee-Kunst“ wei­ter­le­sen