Episodenroman

In Karsten Flohrs Reigen ist der Dackel ein Beagle und Erich ein Hund

Herr Kam­mer­töns hört ihm gar nicht zu. „Und hier!” ruft er, stößt ein gur­geln­des LA­chen aus und we­delt mit der Zei­tung, als wol­le er Sand her­aus­schüt­teln, „Erich ist nur sein Ko­se­na­me! Er heißt Ran­dolph von dem Kne­se­beck. Ein ech­ter Rassehund!”

Wie alt ist er?”, fragt jemand.
„Elf.”
„Das kann doch nicht sein, dass man jetzt erst da­von er­fährt! Elf Jah­re lang hat die den schon?”“

 

Manch­mal las­se auch ich mich hin­rei­ßen. Mag es am Wet­ter lie­gen oder an an­de­ren Be­find­lich­kei­ten. Als mir „Erich oder: Der Tag, den An­ge­la M. nie ver­ges­sen wird“ des mir bis da­to un­be­kann­ten Au­tors Kars­ten Flohr an­ge­bo­ten wur­de, griff ich zu. Das laut Ver­lags­ver­spre­chen „schrä­ge Buch“, wel­ches noch da­zu vom Hund ei­ner ge­wis­sen An­ge­la M. han­deln soll­te, schür­te in mir die Er­war­tung ei­ner lus­tig-lau­ni­gen Lek­tü­re. Zu­dem, ich ge­be es zu, er­in­ner­te mich die Sil­hou­et­te des Vier­bei­ners an mei­nen schon längst im Hun­de­him­mel kra­kel­en­den Da­ckel. Dass der Co­ver­dog sich im Text dann als „Epi­so­den­ro­man“ wei­ter­le­sen

Über Manipulation

T.C. Boyle vereint in seinem neuen Roman „Terranauten“ Ökologie und Gruppendynamik

Nichts rein, nichts raus“ so lau­tet das Prin­zip, dem das Set­ting in T.C. Boyles neu­em Ro­man „Die Ter­ranau­ten“ zu­grun­de liegt. Als Pro­jekt Eco­s­phe­re 2 sol­len acht Men­schen aut­ark zwei Jah­re in ei­ner Ge­wächs­haus-Welt le­ben oder bes­ser über­le­ben. In­spi­riert hat Boyle ein ganz ähn­li­ches Un­ter­neh­men, das in den 90er Jah­re in der So­no­ra Wüs­te un­weit von Tuc­son ge­star­tet wur­de. Bio­s­phe­re 2 lief über die Plan­zeit von zwei Jah­ren, aber nicht in voll­kom­me­ner Ab­ge­schlos­sen­heit und da­mit ent­ge­gen den Vor­schrif­ten. Dies lag nicht an der exis­ten­ti­el­len Dring­lich­keit von Nah­rungs­be­schaf­fung oder Sauer­stoff­ver­sor­gung, son­dern an ei­nem simp­len me­di­zi­ni­schen Not­fall, der ei­ne, wenn auch nur kurz­zei­ti­ge, Öff­nung der Schleu­se ver­lang­te. Das 1994 ge­star­te­te Fol­ge­ex­pe­ri­ment war so­gar schon nach sechs Mo­na­ten zu En­de. Aus­schlag­ge­bend für den Ab­bruch die­ses Men­schen­ver­suchs war ein Mit­glied der Au­ßen­crew. Er ir­ri­tier­te sei­ne ein­ge­schlos­se­nen Kol­le­gen der­art, daß das Pro­jekt schei­ter­te. Sein Na­me ist Ste­ve Ban­non.

Auch oh­ne ei­nen sol­chen de­sas­trö­sen Pro­vo­ka­teur stellt dau­ern­des Zu­sam­men­le­ben ei­ne Grup­pe vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Die­ser psy­cho­lo­gi­sche Aspekt in­ter­es­siert mich sehr. Wie ver­hal­ten „Über Ma­ni­pu­la­ti­on“ wei­ter­le­sen

Amerika und Europa — Eitelkeit und Leidenschaft

Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ — fünf Erzählungen von Henry James

Auf je­den Fall war sie für mich das fes­selnds­te; es ist nicht mei­ne Schuld, wenn ich nun ein­mal so ver­an­lagt bin, dass ich an Si­tua­tio­nen, die zwei­fel­haft sind und der In­ter­pre­ta­ti­on be­dür­fen, viel­fach mehr Le­ben aus­ma­chen kann als am of­fen­kun­di­gen Ge­klap­per im Vor­der­grund. Und es steck­ten al­le mög­li­chen Din­ge, an­rüh­ren­de, amü­san­te, rät­sel­haf­te Din­ge – und vor al­lem ei­ne sol­che Ge­le­gen­heit, wie sie sich mir zu­vor noch nie ge­bo­ten hat­te – in die­sem lus­ti­gen klei­nen Schicksal (…).“

War­um man gu­te Li­te­ra­tur — und da­zu zäh­len zwei­fel­los die Wer­ke Hen­ry Ja­mes’ — le­sen soll­te, zeigt die­ses Zi­tat des Au­tors, des­sen hun­derts­ter To­des­tag im ver­gan­ge­nen Jahr vie­le Ver­la­ge mit Neu­aus­ga­ben ehr­ten. So hat­te ich mit Dai­sy Mil­ler und Ei­ne Da­me von Welt zum ers­ten Mal das Ver­gnü­gen, die­sem Au­tor zu be­geg­nen. Vor al­lem sei­ne iro­ni­schen, schnel­len Dia­lo­ge ga­ran­tie­ren ei­ne kurz­wei­li­ge Lek­tü­re. Sein Haupt­the­ma, die kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen zwi­schen den USA und Eu­ro­pa, scheint heu­te ak­tu­el­ler denn je. Die An­sich­ten des neun­jäh­ri­gen, neu­rei­chen Ame­ri­ka­ners über eu­ro­päi­sche Ver­hält­nis­se wür­de POTUS45 si­cher goutieren.

Der 1843 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner Hen­ry Ja­mes war ein aus­ge­zeich­ne­ter Eu­ro­pa-Ex­per­te. Seit sei­ner Ju­gend be­reis­te er den Kon­ti­nent, auf dem er bald sei­ne Wahl­hei­mat fand. Die ge­gen­sei­ti­gen „Ame­ri­ka und Eu­ro­pa — Ei­tel­keit und Lei­den­schaft“ wei­ter­le­sen

Konstrukt Weltliteratur

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ — Tim Parks über Literatur

Es ist ei­ne Wei­le her, da ha­be ich un­ter dem Ti­tel „Wor­über wir re­den, wenn wir über Bü­cher re­den“ ein Buch be­spro­chen, wel­ches nicht nur wie das vor­lie­gen­de im Kunst­mann Ver­lag er­scheint, son­dern des­sen Au­tor, Pierre Ba­y­ard wie Tim Parks auch wis­sen­schaft­lich der Li­te­ra­tur zu­ge­wandt ist. Wäh­rend Ba­y­ard zur Lü­cke an­lei­tet un­ter dem ori­gi­nal­ge­treu über­setz­ten Ti­tel „Wie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, er­läu­tert Parks in „Whe­re I’m Rea­ding from“ sei­ne Sicht aufs Le­sen. Sei­ne Es­says zu fast al­len Aspek­ten des Le­sens und Schrei­bens lie­gen nun in der Über­set­zung von Ul­ri­ke Be­cker und Ruth Keen als „Wor­über wir spre­chen, wenn wir über Bü­cher spre­chen“ vor. Ein wirk­lich schö­ner Titel.

Parks Buch ist nur un­we­sent­lich län­ger als die char­man­te Schum­mel­fi­bel sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Gut 230 Sei­ten, por­tio­niert in vier Tei­le mit 33 Ka­pi­teln, wid­men sich dem Buch und der Welt. Wie ist ein Ro­man ge­macht? Wie­so wird er ein Er­folg? Was macht uns auf ihn so auf­merk­sam, daß wir ihn le­sen und über ihn re­den wol­len? Parks Kern­the­ma wird bald klar. In der glo­ba­li­sier­ten Welt dro­he ei­ne „Kon­strukt Welt­li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

Erlebtes erfunden

Matthias Brandt erzählt in „Raumpatrouille“ von seiner Kanzlerkind-Kindheit

brandt-raumpatrouille-lowres-b8ce18d8d4687ff6b5eb1cada6eb4febAl­les, was ich er­zäh­le, ist er­fun­den. Ei­ni­ges da­von ha­be ich er­lebt, man­ches von dem, was ich er­lebt ha­be, hat stattgefunden.“

Wer soll die Ge­schich­ten le­sen, die in Mat­thi­as Brandts „Raum­pa­trouil­le“ ver­sam­melt sind? Al­le, die den Au­tor als Schau­spie­ler schät­zen? Le­ser von Bio­gra­phien, ge­schrie­ben von Schau­spie­lern — man den­ke an Mey­er­hoff — oder von Nach­kom­men der Po­li­tik­pro­mi­nenz? Oder die Al­ters­ge­nos­sen des Au­tors, die, so der Klap­pen­text, „li­te­ra­ri­sche Rei­sen in ei­nen Kos­mos, den je­der kennt, den Kos­mos der ei­ge­nen Kind­heit (…) in den Sieb­zi­ger­jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts“ un­ter­neh­men können?

Schnell wird klar, daß in die­sen 178 Sei­ten mehr steckt. Brandt mischt nicht nur Au­to­bio­gra­phi­sches mit Sym­bo­len der Sieb­zi­ger. Er wid­met die­se vier­zehn Ge­schich­ten der Phan­ta­sie, der des da­ma­li­gen Jun­gen und der des jet­zi­gen Schrift­stel­lers Mat­thi­as Brandt. Schließ­lich kennt Er­in­ne­rung kei­ne Authentizität.

Sein Va­ter, Wil­ly Brandt, Bun­des­kanz­ler von 1969 bis 1974 war ein viel­be­schäf­tig­ter, „Er­leb­tes er­fun­den“ wei­ter­le­sen

Für Heirat hatte er kein Talent

Thomas Lang blickt in „Immer nach Hause“ aus Männersicht auf Hesses erste Ehe

csm_produkt-10002744_9d4192946fNoch ei­nes: wür­den Sie mir ra­ten zu hei­ra­ten? Sie ken­nen mich ein we­nig, sind Di­plo­mat und ha­ben selbst ei­ne Frau. Ist es wirk­lich so schlimm, wie man im­mer hört, oder nicht?“
(Ba­sel, den 30.6.1903 an Dr. von Schaukal)

Dass gro­ße Schrift­stel­ler fa­mi­li­är eher un­be­gabt sind, ist ein Kli­schee. Und doch er­zeugt die­se Be­haup­tung so­fort das Bild von Tho­mas Mann, der in sei­nem Schreib­zim­mer nie ge­stört wer­den durf­te. Gut zu ver­ste­hen, Kin­der und das häus­li­che Klei­n­er­lei ma­chen Krach und sind der Krea­ti­vi­tät kaum förderlich.

Ähn­lich mag es wohl Her­mann Hes­se emp­fun­den ha­ben, nach­dem er mit 27 viel zu jung in die Ehe mit der um 8 Jah­re äl­te­ren Ma­ria Ber­noul­li ein­wil­lig­te und ein kin­der­rei­ches Fa­mi­li­en­le­ben hin­nahm. Aus­ge­rech­net im klei­nen Gai­en­ho­fen am Bo­den­see las­sen sie sich nie­der, vis-à-vis des „Für Hei­rat hat­te er kein Ta­lent“ wei­ter­le­sen

Für Genießer und Nostalgiker

Ein Kochbuch?!

Rom - Das Kochbuch von Katie Parla
Rom — Das Koch­buch von Ka­t­ie Parla

Ei­nem Rom-Koch­buch kann ich ein­fach nicht wi­der­ste­hen. Vor­al­lem nicht die­sem Ex­em­plar, das nicht nur ku­li­na­ri­sche Sehn­süch­te stil­len will, son­dern auch je­ne Nost­al­gia, die ei­nen in der Fer­ne befällt.

Ver­fasst wur­de es von Ka­t­ie Par­la und Kris­ti­na Gill. Die Jour­na­lis­tin Par­la lebt seit ei­ni­gen Jah­ren in Rom und stu­diert als Kul­tur­his­to­ri­ke­rin die Ess­kul­tur der Stadt. Sie be­rich­tet dar­über auf ih­rem Blog katieparla.com . Kris­ti­na Gill ar­bei­tet als Re­dak­teu­rin ku­li­na­ri­scher The­men und als Food-Fo­to­gra­fin. Bei­de re­cher­chier­ten in rö­mi­schen Kü­chen, um den ein­zig­ar­ti­gen Ge­schmack der Me­tro­po­le aufzuspüren.

Der­ar­ti­ge An­kün­di­gun­gen we­cken in mir die Er­war­tung, ne­ben Re­zep­ten und In­si­der­tipps auch Kul­tu­rel­les in Wort und Bild vor­zu­fin­den. An­sprü­che, die nicht ein­fach zu er­fül­len sind, schließ­lich fül­len Bü­cher über die Ewi­ge Stadt nicht nur vie­le Re­gal­me­ter, son­dern gan­ze Bibliotheken.

Der Auf­bau über­rascht an­ge­nehm. An­statt sich an der klas­si­schen Spei­se­fol­ge zu ori­en­tie­ren, bet­ten die Au­torin­nen die­se in Ka­pi­tel wie Jü­di­sche Kü­che, Quin­to Quar­to und „Für Ge­nie­ßer und Nost­al­gi­ker“ wei­ter­le­sen

Die universale Benetton-Farbe des Bluts“

Marie Darrieussecq hinterfragt in „Man muss die Männer sehr lieben“ den subtilen Rassismus

Darrieussecq_24902_MR.inddEr war ein Mann mit ei­ner Gro­ßen Idee. Die sah sie in sei­nen Au­gen leuch­ten. Sei­ne Pu­pil­le roll­te sich zum glü­hen­den Band zu­sam­men. Sie drang in sei­ne Au­gen ein, um mit ihm dem Fluss zu fol­gen (…) aber wer war der Mann auf dem Fo­to? Wer ist der Mann, des­sen Fo­tos in den Klatsch­blät­tern von Hol­ly­wood kur­sie­ren? Wer ist der Mann, der sie an­ge­blickt hat­te, der sie in ih­rer Er­in­ne­rung an­blickt? Ih­re Haut weist von ihm kei­ner­lei Spu­ren mehr auf, nur die Spu­ren der Zeit (…).“

Bleibt das Ge­gen­über nicht im­mer ein Rät­sel, egal wie nah man ihm kommt? Sein In­ners­tes ist un­zu­gäng­lich. Ge­pan­zert durch die Fas­sa­de des Kör­pers, mit der Haut als letz­tem Wall, als si­che­re Schutz­schicht, egal wel­che Far­be sie hat.

Far­be? Ei­ne Ka­te­go­rie, die in un­se­rer Zeit nichts mehr ver­lo­ren hat? Ver­lo­ren ha­ben soll­te? Erst recht im Be­wusst­sein ei­ner to­le­ran­ten, li­be­ra­len, ge­bil­de­ten, wei­ßen eu­ro­päi­schen Frau?

Ei­ne sol­che Frau, So­lan­ge, Mit­te 30 und Schau­spie­le­rin, macht die fran­zö­si­sche Au­torin Ma­rie Dar­ri­eus­s­ecq zur Haupt­fi­gur ih­res neus­ten Werks. Der Be­zie­hungs­ro­man trägt den pro­gram­ma­ti­schen Die uni­ver­sa­le Be­net­ton-Far­be des Bluts““ wei­ter­le­sen

Wie fiktiv alles ist!“

Gaito Gasdanows überkonstruierter Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“

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Wie fik­tiv al­les ist!“, sag­te Wolf. „Sie wa­ren über­zeugt, dass Sie mich ge­tö­tet hat­ten, ich war mir si­cher, dass Sie letzt­lich durch mei­ne Schuld um­ge­kom­men wa­ren, und wir hat­ten bei­de nicht recht. (…)“

Gas­danow be­ginnt sei­nen Ro­man Das Phan­tom des Alex­an­der Wolf mit der Schlüs­sel­sze­ne. In ei­nem Som­mer ge­gen En­de des Rus­si­schen Bür­ger­kriegs tref­fen zwei feind­li­che Kämp­fer auf­ein­an­der. Das Pferd des ei­nen wird von ei­nem Schuss nie­der­ge­streckt. Als sein Rei­ter un­ver­letzt auf­steht, sieht er wie der Schüt­ze er­neut das Ge­wehr an­legt. Er zückt sei­ne Pis­to­le zur Ge­gen­wehr und trifft den an­de­ren zu­erst. Töd­lich, wie ihm ein Blick ver­si­chert. We­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter hört er Wei­te­re her­an­na­hen und flieht auf dem Schim­mel des Getöteten.

 

Zu der Zeit, als das ge­schah, war ich 16 Jah­re –so­mit war die­ser Mord der Be­ginn mei­nes selb­stän­di­gen Le­bens, und ich bin mir nicht si­cher, ob er nicht un­will­kür­lich al­les ge­prägt hat, was zu er­fah­ren und zu er­bli­cken mir spä­ter be­schie­den war.

Jah­re spä­ter, er lebt in­zwi­schen in Pa­ris und schreibt für die Zei­tung, stößt der Er­zäh­ler auf ei­ne Ge­schich­te, die de­tail­liert die Schuss­sze­ne wie­der­gibt. Au­tors des Ban­des ist ein ge­wis­ser Alex­an­der Wolf, Wie fik­tiv al­les ist!““ wei­ter­le­sen

Der Teufel als Whistleblower

In „Die Unglückseligen“ stellt Thea Dorn die Frage nach der Machbarkeit des Möglichen

9783813505986_CoverWie sagt man hier­zu­lan­de? It ta­kes one to know one. Of­fen­sicht­lich hat­te sich der Ver­rück­te da drau­ßen für sein Wahn-Ich treff­si­cher ei­nen der ver­rück­tes­ten Phy­si­ker her­aus­ge­sucht, der sich in der deut­schen Ge­schich­te fin­den ließ.

Wäh­rend sie sich selbst noch la­chen hör­te, durch­fuhr es Jo­han­na wie ein Stich. Wie kam sie da­zu, auf ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der küh­ne Ge­dan­ken wag­te, eben­so bor­niert und selbst­ge­fäl­lig zu re­agie­ren, wie es das Pack der – wie hat­te er sie ge­nannt?-, das Pack der Phi­lis­ter tat? Litt sie selbst nicht im­mer noch un­ter je­nem Brief, mit dem die deut­sche Ethik­kom­mis­si­on vor we­ni­gen Wo­chen ihr wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt, ihr Le­bens­pro­jekt, ab­ge­kan­zelt hat­te? Die we­ni­gen – in ih­rer Knapp­heit dop­pelt ver­let­zen­den – Sät­ze hat­ten sich ihr so tief ins Ge­dächt­nis ein­ge­prägt, dass sie den un­säg­li­chen Schrieb gar nicht mehr brauch­te, um ihn Wort für Wort vor sich zu se­hen: „ (…) Ihr Pro­jekt, die phy­sio­lo­gi­sche Re­ge­ne­ra­ti­on weit über das gat­tungs­spe­zi­fi­sche Maß hin­aus zu ak­ti­vie­ren und gleich­zei­tig die Zell­se­nes­zenz zu re­tar­die­ren bzw. voll­stän­dig zu un­ter­bin­den, stellt kein ethisch ver­tret­ba­res For­schungs­ziel dar. Al­tern ge­hört zu den Grund­ge­ge­ben­hei­ten mensch­li­cher Exis­tenz und ist in die­sem Sin­ne nicht als Krank­heit zu betrachten…“

Die­ses Buch ist vie­les zu­gleich, ein Faust­stoff in sei­ner Su­che nach Un­sterb­lich­keit und ei­ne Zeit­rei­se, die ei­nen Wis­sen­schaft­ler des 17. Jahr­hun­derts ins Hier und Heu­te ver­setzt, ein His­to­ri­scher Ro­man, der mit Er­in­ne­run­gen und Schrift­quel­len in die Ver­gan­gen­heit führt, und ein „Der Teu­fel als Whist­leb­lower“ wei­ter­le­sen