Flaute in Florida

John Grishams solider Unterhaltungsroman „Das Original“ ist frei von Überraschungen

Schrift­stel­ler las­sen sich in der Re­gel in zwei Grup­pen ein­tei­len: Je­ne, die ih­re Ge­schich­ten von An­fang an kom­plett aus­ar­bei­ten und wis­sen, wie sie aus­ge­hen, noch be­vor sie über­haupt an­ge­fan­gen ha­ben. Und je­ne, die das nicht tun, weil sie da­von über­zeugt sind, dass Fi­gu­ren ein Ei­gen­le­ben ent­wi­ckeln und et­was In­ter­es­san­tes tun, nach­dem man sie an­ge­legt hat.“

Zu wel­cher Grup­pe John Gris­ham zählt, steht au­ßer Fra­ge. Der An­walt und Au­tor ist für sei­ne span­nen­den Sto­ries aus dem Rechts­mi­lieu be­kannt. Vie­le wur­den zu Best­sel­lern, meh­re­re er­folg­reich ver­filmt. Ich ha­be bis­her kei­nes die­ser Bü­cher ge­le­sen, noch als Film ge­se­hen und hät­te wohl auch Das Ori­gi­nal lie­gen las­sen, wenn mich nicht das The­ma neu­gie­rig ge­macht hätte.

Im Mit­tel­punkt des Ro­mans steht das Ver­schwin­den von fünf Fitz­ge­rald-Ma­nu­skrip­ten, Dies­seits vom Pa­ra­dies, Die Schö­nen und die Ver­damm­ten, Zärt­lich ist die Nacht, Der letz­te Ta­ikun und na­tür­lich Der gro­ße Gats­by. Si­cher ver­wahrt lie­gen sie in ei­nem Tre­sor­raum der Prince­ton Uni­ver­si­ty und sind nur aus­ge­wähl­ten An­trag­stel­lern, vor­wie­gend Wis­sen­schaft­lern, zugänglich.

Hier setzt Hand­lung ein. Mit ei­nem Plan, der für das aus­füh­ren­de Quin­tett fast schon zu raf­fi­niert ist, ge­lingt der Raub. Die Gangs­ter er­wei­sen sich je­doch als un­vor­sich­tig, gie­rig und dumm. Ein Teil „Flau­te in Flo­ri­da“ wei­ter­le­sen

Pinkelbaum und Schnarchmuseum

Was ein amerikanisches Journalisten-Trio beeindruckt

Groß­ar­tig las sich der An­kün­di­gungs­text des Ver­lags. Als dem Skur­ri­lem zu­ge­neig­te His­to­ri­ke­rin be­kam ich so­fort Lust, die­se Samm­lung der „selt­sams­ten, ab­ge­le­gens­ten (sic!) und son­der­bars­ten Or­te“ zu stu­die­ren.„Lie­be­voll aus­ge­stat­tet“ ver­sprach sie, die trü­be Jah­res­zeit un­ter­halt­sam und an­re­gend zu er­hel­len. Doch das Bun­te ist in Wirk­lich­keit meist grau, das er­kann­te schon der Er­zäh­ler in Mar­cel Prousts Er­in­ne­rungs­werk, so­bald er zu den Or­ten ge­lang­te, von de­nen er ge­träumt hatte.

So er­geht es mir auch im At­las Ob­scu­ra. Als Lehn­stuhl­rei­sen­de be­nö­ti­ge ich fast ei­ne Lu­pe, um die we­nig qua­li­tät­vol­len Fo­to­gra­fien zu er­kun­den, die oft in ge­rin­gem For­mat ab­ge­bil­det sind. Die schlech­te Pa­pier­qua­li­tät ver­geigt die Op­tik noch mehr und nicht nur das. Das beige Re­cy­cling­pa­pier ver­strömt ei­nen Ge­ruch, der das Blät­tern ver­lei­det. Nor­ma­ler­wei­se sind dies Kri­te­ri­en, die in mei­nen Re­zen­sio­nen kei­ne Rol­le spie­len. Ein groß­for­ma­ti­ges, auf Aus­stat­tung an­ge­leg­tes Hand­buch soll­te in sei­nem Auf­tritt je­doch auch olfak­to­risch ta­del­los sein, sonst gibt’s kei­nen Platz auf dem Coffeetable.

Das ro­te Le­se­bänd­chen des von den ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Jo­shua Foer, Dy­lan Thuras und El­la Mor­ton ver­fass­ten Werks, das Or­te jen­seits der „im­mer glei­chen Null­acht­fünf­zehn At­trak­tio­nen“ ent­deckt ha­ben will, mar­kiert Batt­le­ship Is­land (S. 205), ei­ne Be­ton­rui­nen­in­sel na­he Na­ga­sa­ki, die an ein „Pin­kel­baum und Schnarch­mu­se­um“ wei­ter­le­sen

We are all aliens“

In seinem Roman „Die Außerirdischen“ stellt Doron Rabinovici grundsätzliche Fragen menschlichen Zusammenlebens

Nicht die Au­ßer­ir­di­schen las­sen al­les ver­kom­men, um sich zu be­rei­chern. Das macht nur unsereins.“

An­ders als der Ti­tel des neu­en Ro­mans des in Tel Aviv ge­bo­re­nen und seit sei­nem drit­ten Le­bens­jahr in Wien le­ben­den Schrift­stel­lers Do­ron Ra­bi­no­vici ver­mu­ten lässt, han­delt es sich bei „Die Au­ßer­ir­di­schen“ nicht um Sci­ence Fic­tion. Auch wenn die Na­men der Fi­gu­ren, Sol, Stern, Kas­tor und Jup(iter) da­nach klin­gen, auch wenn der An­fang an H.G. Wells Ro­man „Krieg der Wel­ten“ er­in­nert, der als Ra­dio-Hör­spiel 1938 in den USA ei­ne Mas­sen­pa­nik aus­lös­te, we­nigs­tens bei den ver­spä­tet zu­ge­schal­te­ten Hö­rern, die die Fik­ti­on für ba­re Mün­ze nahmen.

Ähn­lich chao­ti­sche Zu­stän­de, wie Wells sie schil­dert, herr­schen in al­len Tei­len der von Ra­bi­no­vici er­son­ne­nen Welt. Die­sem Cha­os setzt er sei­ne bei­den Haupt­fi­gu­ren aus, Sol, der als Jour­na­list ei­nes On­line-Gour­met-Ma­ga­zins ar­bei­tet und sei­ne Frau As­trid. Me­di­en aus al­len Tei­len der Er­de be­zeu­gen den kom­plet­ten Strom­aus­fall, der Ver­kehr er­liegt, In­ter­net und Han­dys funk­tio­nie­ren nicht mehr. Die Ver­sor­gung bricht zu­sam­men und Pa­nik aus. Es kommt We are all ali­ens““ wei­ter­le­sen

Out-of-Body-Experience

John Williams psychologisch intensives  Debüt „Nichts als die Nacht“

Und er dach­te an die Din­ge, an die er nicht den­ken soll­te, er­in­ner­te sich an Sa­chen, an die er sich nicht er­in­nern soll­te. Manch­mal, wenn er sich so al­lein dort sit­zen und sich er­in­nern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der be­ob­ach­te­te, wie ei­ne Krank­heit auf­zog, aber nichts da­ge­gen un­ter­nahm. Man hat­te ihm ge­sagt, dass es Din­ge ge­be, die er ver­ges­sen soll­te, die er ver­ges­sen musste.“

Ei­ne Au­ßer­kör­per­li­che Er­fah­rung, das Ge­fühl sei­nen Kör­per zu ver­las­sen, über ihm zu schwe­ben und sich selbst als Ob­jekt ei­ner Sze­ne­rie von au­ßen zu be­trach­ten, spielt ei­ne gro­ße Rol­le in John Wil­liams De­büt „Nichts als die Nacht“. Jen­seits der Li­te­ra­tur schil­dern Men­schen in kör­per­li­chen wie psy­chi­schen Not­si­tua­ti­on, Un­fall- und Ge­walt­op­fer, der­ar­ti­ges. Neu­ro­wis­sen­schaft­ler füh­ren dies auf die Be­ein­träch­ti­gung ver­schie­de­ner Be­rei­che des Hirns zu­rück und zäh­len es als Sym­ptom ei­ner Post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, daß  John Wil­liams dies eben­falls aus Be­ob­ach­tung oder ei­ge­nem Er­le­ben kennt, denn die vor­lie­gen­de No­vel­le schrieb er als 22jähriger Kriegs­teil­neh­mer nach dem Ab­sturz sei­nes Flug­zeugs in ei­nem La­ger in Burma.

Gleich zu Be­ginn sei­nes Buchs schickt er sei­nen jun­gen Prot­ago­nis­ten Ar­thur in ei­ne Out-of-Bo­dy-Ex­pe­ri­ence. Es ist die ers­te, wei­te­re wer­den fol­gen. Ar­thur be­fin­det sich auf ei­ner Par­ty, sieht wohl­be­leib­te Smo­king­trä­ger und ih­re knapp be­klei­de­ten Frau­en, er­kennt die De­tails der Woh­nung des Gast­ge­bers und ent­deckt „Out-of-Bo­dy-Ex­pe­ri­ence“ wei­ter­le­sen

Vom Auswildern einer Familie

Andrea Hejlskov schildert in „Wir hier draussen“ die Bekämpfung einer Existenzkrise mit natürlichen Mitteln

Als wir weg­ge­gan­gen wa­ren, hat­ten wir das nicht ge­tan, um vor den Pro­ble­men oder Kon­flik­ten weg­zu­lau­fen. Es war ein Ka­mi­ka­ze­an­griff ge­we­sen, der mit­ten ins Herz der Fa­mi­lie ge­zielt hat­te, ins Pri­va­te, di­rekt in die Pro­ble­me – wir hat­ten die Pro­ble­me an der Gur­gel pa­cken wol­len, sie auf den Kopf stel­len und sie schüt­teln, bis sie zit­tern und ver­schwin­den wür­den. Uns war klar ge­we­sen, dass es hart wer­den wür­de, dass es schreck­lich wer­den wür­de, das hat­ten wir ge­wusst, aber das war es uns wert gewesen.“

Raus aus der Zi­vi­li­sa­ti­on, zu­rück zur Na­tur, zum Ur­sprüng­li­chen, die ei­ge­nen Res­sour­cen ent­de­cken, wie­der Ge­mein­schaft er­le­ben. Die­se Mo­ti­ve ha­ben vor der dä­ni­schen Au­torin An­drea He­jls­kov und ih­rer Fa­mi­lie schon an­de­re be­wegt. Zu Be­ginn des vor­letz­ten Jahr­hun­derts wa­ren es Na­tur­jün­ger, die auf Süd­see­inseln oder im Tes­sin ihr Le­bens­glück such­ten. Ih­nen folg­ten an­de­re, die sich vom Auf­ge­zwun­ge­nen ab­kehr­ten um sich selbst zu fin­den. Hen­ry Da­vid Tho­reau be­zog ei­ne ab­seits ge­le­ge­nen Hüt­te und schlug aus die­ser Er­fah­rung auch li­te­ra­risch Ka­pi­tal. Sein „Wal­den“ wur­de zum Kult­buch. Ähn­li­che Aben­teu­er, aus de­nen ein Buch her­vor­ging, gibt es noch in heu­ti­ger Zeit. Sie rei­chen von der Re­por­ta­ge des Jour­na­lis­ten Jür­gen Kö­nig, der gut vor­be­rei­tet ein Jahr auf ei­ner Schwei­zer Hoch­alm ver­bringt, bis zum ame­ri­ka­ni­schen Jung­au­tor und sei­nem Ver­such ein­sam die Ado­les­zenz aus­zu­sit­zen. Sprach­mäch­ti­ger sind „Vom Aus­wil­dern ei­ner Fa­mi­lie“ wei­ter­le­sen

Jardim de Pedras

Sabine Peters poetischer Künstlerroman „Alles Verwandte“

Das ist der Ge­sang der Spin­ne im Netz. Das ist das Wach­sen von Grä­sern und Moos auf den Steinen.“

In ih­rem Ro­man „Al­les Ver­wand­te“ nimmt Sa­bi­ne Pe­ters ih­re Le­ser mit auf ei­ne Rei­se. Sie führt nach Por­tu­gal in das Berg­dorf Fei­tal. In der kar­gen Pro­vinz ab­seits der Küs­te be­su­chen sich zwei Frau­en um ih­rer al­ten Freund­schaft wil­len. Dies führt bei­de zu­rück in die Ver­gan­gen­heit ge­mein­sa­mer wie sub­jek­ti­ver Erinnerungen.

Mit gro­ßer Em­pa­thie be­schreibt Sa­bi­ne Pe­ters die Frau­en und die Re­gi­on. Im stei­ni­gen Fei­tal, fern von Fort­schritt und Be­trieb, scheint die Zeit still zu ste­hen. Doch die Aus­wir­kun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che sind spür­bar. Die Fi­nanz­kri­se schwächt die ab­seits ge­le­ge­nen Klein­be­trie­be. Das In­ter­net ist er­reich­bar, wenn auch mit ab­ge­schwäch­ter Kraft.

Die por­tu­gie­si­sche Künst­le­rin Li­no lebt nach Jah­ren in Deutsch­land und der Tren­nung von ih­rem Mann wie­der in ih­rem Hei­mat­dorf. Dort er­war­tet sie Ma­rie, ih­re Freun­din aus „Jar­dim de Pe­dras“ wei­ter­le­sen

Die schauerliche Stille brechender Herzen“

Vom Grausamen im Krieg und in der Liebe erzählt Anna Baar in „Als ob sie träumend gingen“

Klee liegt im Kran­ken­bett oder eher im Ster­be­bett? In ei­ner An­stalt für Kran­ke oder eher für Ir­re? Sein Na­me lau­tet Paul oder eher Pablo?

Klee ist die Haupt­fi­gur in An­na Baars neu­em Ro­man „Als ob sie träu­mend gin­gen“. Von sei­nen Ge­dan­ken, Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen er­zählt Baars na­men­lo­ser Er­zäh­ler, der im Pro­log be­kennt: „Man­ches hat er mir er­zählt, man­ches bil­de ich mir ein, vie­les wird ge­träumt sein oder ausgedacht.“

Klees Er­in­ne­run­gen sind brü­chig, nicht nur sei­nes Zu­stands we­gen, son­dern auf­grund der grau­sa­men Ge­scheh­nis­se selbst, den er­leb­ten Kriegs­gräu­eln und den Ver­lus­ten, vor al­lem in der Liebe.

Klee kämpft ge­gen das Ver­ges­sen, wes­we­gen er al­les sei­nen Kas­set­ten an­ver­traut, vor al­lem die Sa­che mit Li­ly. Bei­de kom­men aus ei­nem Dorf, das nicht kon­kret ver­or­tet ist. Baar will, wie sie in ei­nem In­ter­view be­tont, al­le Ge­scheh­nis­se ih­res Ro­mans nicht kon­kre­ti­siert wis­sen. Doch lie­fert sie Hin­wei­se ge­nug, den Ort an der ju­go­sla­wi­schen Küs­te und die Zeit im zwei­ten Vier­tel des letz­ten Jahr­hun­derts zu lo­ka­li­sie­ren. Im­mer­hin wird im Die schau­er­li­che Stil­le bre­chen­der Her­zen““ wei­ter­le­sen

Der Tod  und das Mädchen

Tomas Espedal verzeichnet in „Wider die Natur“ die Liebe zwischen Sehnsucht und Selbstzweifel

Ist das Un­glück ei­ne Vor­aus­set­zung für das Glück? Nein, das Glück kommt jäh und un­er­war­tet, es ist ei­ne ganz selbst­stän­di­ge, un­ab­hän­gi­ge Grö­ße, es tritt ein oh­ne Vor­bo­ten, wie ein Na­tur­er­eig­nis, ein Re­gen­bo­gen, ei­ne Stern­schnup­pe, ein Blitz­schlag oder ein Feu­er, furcht­ein­flö­ßend und schön; auch das Glück wirft al­les über den Haufen.“

 

Am En­de schließt sich der Kreis die­ses au­to­bio­gra­phi­schen Ro­mans, der die Lie­be des 48-jäh­ri­gen Au­tors zu der 24-jäh­ri­gen Jan­ne zum The­ma hat. Ge­nau­er, das Schei­tern die­ser Lie­be und das der vor­he­ri­gen Be­zie­hun­gen so­wie Es­pe­dals Lei­den daran.

Zu Be­ginn steht der Spon­tan-Sex der bei­den, die sich ge­ra­de erst auf ei­ner Par­ty er­blickt hat­ten, in der Bi­blio­thek des Gast­ge­bers.  Welch’ bes­se­ren Ort könn­te ein Schrift­stel­ler für die In­itia­ti­on sei­ner Lie­bes­be­ses­sen­heit wäh­len? Doch sein Stau­nen über die Er­fül­lung küh­ner Mid­life-Män­ner-Sehn­süch­te be­glei­tet Es­pe­dal mit weh­mü­ti­ger Va­ni­tas. Die­se Paa­rung ei­nes ab­ge­kämpf­ten Al­ten mit der blü­hen­den „Der Tod  und das Mäd­chen“ wei­ter­le­sen

Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deut­sche Buch­preis wird am 9. Ok­to­ber zum 13. Mal ver­ge­ben. Die Re­gu­la­ri­en sind hin­rei­chend be­kannt und kön­nen im Zwei­fel auf der ei­gens ein­ge­rich­te­ten Buch­preis-Sei­te des Bör­sen­ver­eins nach­ge­le­sen wer­den. Pro­pa­giert als Preis für den bes­ten deutsch­spra­chi­gen Ro­man, ge­dacht als Mar­ke­ting­stra­te­gie für den deut­schen Buch­han­del und rea­li­siert von ei­ner jähr­lich wech­seln­den Ju­ry, be­sche­ren die No­mi­nie­run­gen mit­ten im Som­mer­loch Ge­sprächs­stoff für Blogs und Feuilleton.

Ich ver­fol­ge den Buch­preis von Be­ginn an. Auf mei­ner 2010 ge­grün­de­ten Sei­te er­schien 2011 der ers­te Buch­preis-Bei­trag. Im Jahr 2013 nahm ich als „of­fi­zi­el­le“ Buch­preis­blog­ge­rin teil. Mein bes­tes Buch­preis-Jahr war al­ler­dings 2009, da vie­le mei­ner Lieb­lings­schrift­stel­ler an­tra­ten. Mit In­ter­es­se las „Wer­wöl­fe und Fran­ken­stein­ex­per­ten — Die Long­list des Deut­schen Buch­prei­ses 2017“ wei­ter­le­sen

Hummel und Orchidee

Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ — Proust 4. Band, I.

Zu­dem be­griff ich jetzt, wie­so ich vor­hin, als ich Mon­sieur de Char­lus von Ma­dame de Vil­le­pa­ri­sis hat­te her­aus­kom­men se­hen, fin­den konn­te, er se­he aus wie ei­ne Frau: Er war ei­ne! Er ge­hör­te zu der Ras­se je­ner Men­schen (sie sind we­ni­ger wi­der­spruchs­voll, als es den An­schein hat), de­ren Ide­al männ­lich ist, ge­ra­de weil sie von weib­li­chem Tem­pe­ra­ment sind, und sie im Le­ben nur schein­bar den an­de­ren Män­nern glei­chen; (…) ei­ne Ras­se auf der ein Fluch liegt und die in Lü­ge und Mein­eid le­ben muß, da sie weiß, daß ihr Ver­lan­gen, das, was für je­des Ge­schöpf die höchs­te Be­see­li­gung im Da­sein aus­macht, für sträf­lich und schmach­voll, für ganz un­ein­ge­steh­bar gilt.“ (Kel­ler 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hät­te ge­dacht, daß Proust die­se Ent­hül­lung, ‑für die end­gü­li­ge Aus­ga­be ver­warf er den obi­gen Ti­tel des Ka­pi­tels, das auf den Es­says „Über die Päd­eras­tie“ zurückgeht‑, mit der be­kann­ten Me­ta­pher von Blü­te und Bien­chen be­bil­dern wür­de? Bei­des spe­zi­fi­ziert er, aus der Blü­te wird ei­ne Or­chi­dee, wenn nicht gar ein Kna­ben­kraut, und aus der Bie­ne ei­ne Hum­mel. Es ist klar, wor­um es geht. Um die Be­fruch­tung, oder um wie­der vom Spe­zi­fi­schen ins All­ge­mei­ne zu kom­men, um die Se­xua­li­tät. Wür­den wir uns hier über die fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be un­ter­hal­ten, wüss­ten wir, daß Proust ‑aber das wis­sen wir so­wie­so- auch im All­ge­mei­nen das Be­son­de­re sieht. So müs­sen die Kom­men­ta­re, den vier­ten Band der Re­cher­che le­se ich in der Re­clam- und in der Suhr­kamp-Aus­ga­be, helfen.

Mar­cel steht am Trep­pen­haus­fens­ter des Pa­lais, weil er die her­zög­li­che An­kunft ab­pas­sen will. Wir er­in­nern uns, er möch­te die Ein­la­dung bei der Fürs­tin son­die­ren. Wäh­rend er war­tet, schweift sein Blick im Hof um­her und fällt auf ei­ne Or­chi­dee, die ih­rer­seits auf ei­ne Hum­mel war­tet. Die­se Bou­don, das Wort be­zeich­net im Fran­zö­si­schen auch Pe­nis, er­scheint zu­nächst nicht, um ih­ren Rüs­sel in die Blü­ten­öff­nung zu ste­cken. Da­für taucht Ba­ron de Char­lus auf, des­sen hin­te­re Par­tie hum­mel­ar­tig aus­ragt. Mar­cel duckt sich, er möch­te auf kei­nen Fall von Char­lus auf­ge­spürt wer­den, hat­te der sich doch ihm ge­gen­über in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach selt­sam ver­hal­ten. Wie er­in­nern uns an sei­nen schon et­was län­ger zu­rück­lie­gen­den abend­li­chen Be­such in Mar­cels Zim­mer im Grand-Ho­tel so­wie an den kürz­lich er­folg­ten Be­such Mar­cels bei Char­lus.

Mar­cel späht er­neut durchs Fens­ter und sieht, daß sei­ne Vor­sicht gar nicht von Nö­ten ge­we­sen wä­re. Char­lus’ Auf­merk­sam­keit ist voll­kom­men von an­de­rem ge­fan­gen. Es ist Ju­pi­en, der auf dem Weg ins Bü­ro, vom Blick auf den Ba­ron in ei­nen balz­ähn­li­chen Zu­stand ver­setzt wur­de. Die bei­den, könn­te man sa­gen, „Hum­mel und Or­chi­dee“ wei­ter­le­sen