Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deut­sche Buch­preis wird am 9. Ok­to­ber zum 13. Mal ver­ge­ben. Die Re­gu­la­ri­en sind hin­rei­chend be­kannt und kön­nen im Zwei­fel auf der ei­gens ein­ge­rich­te­ten Buch­preis-Sei­te des Bör­sen­ver­eins nach­ge­le­sen wer­den. Pro­pa­giert als Preis für den bes­ten deutsch­spra­chi­gen Ro­man, ge­dacht als Mar­ke­ting­stra­te­gie für den deut­schen Buch­han­del und rea­li­siert von ei­ner jähr­lich wech­seln­den Ju­ry, be­sche­ren die No­mi­nie­run­gen mit­ten im Som­mer­loch Ge­sprächs­stoff für Blogs und Feuil­le­ton.

Ich ver­fol­ge den Buch­preis von Be­ginn an. Auf mei­ner 2010 ge­grün­de­ten Sei­te er­schien 2011 der ers­te Buch­preis-Bei­trag. Im Jahr 2013 nahm ich als „of­fi­zi­el­le“ Buch­preis­blog­ge­rin teil. Mein bes­tes Buch­preis-Jahr war al­ler­dings 2009, da vie­le mei­ner Lieb­lings­schrift­stel­ler an­tra­ten. Mit In­ter­es­se las ich die Ro­ma­ne von Si­byl­le Berg, Tho­mas Gla­vi­nic, Wolf Haas, An­na-Ka­tha­ri­na Hahn, Bri­git­te Kro­nau­er, Her­ta Mül­ler, An­ge­li­ka Over­rath, Nor­bert Scheu­er, Kath­rin Schmidt, Pe­ter Stamm, Ste­fan Thome und Da­vid Wag­ner. 12 Ti­tel, die­se Zahl soll­te ich in den kom­men­den Sai­sons nicht mehr schaf­fen. Im Pflicht­jahr 2013 wa­ren es im­mer­hin noch acht, im letz­ten nur vier. Ob es heu­er mehr wer­den?

Die Aus­wahl ge­fällt mir, ge­ra­de weil von den ver­däch­ti­gen hoch­ge­lob­ten nur Lü­schers Kraft auf­taucht. Na­tür­lich darf Feri­dun Zai­mo­g­lu mit Evan­ge­lio im Lu­ther­jahr nicht feh­len, zu­dem scheint Zai­mo­g­lu der Run­ning Can­di­da­te (2006 Ley­la, 2008 Lie­bes­brand, 2014 Isa­bel, 2015 Sie­ben Tür­me) zu sein, die dies­jäh­ri­ge Long­list be­schert ihm die fünf­te No­mi­nie­rung. Wenn er den Sieg da­von­tra­gen soll­te, kann er dann im über­nächs­ten Jahr wie­der auf der Lis­te ste­hen?

Auf den Lis­ten der ver­gan­ge­nen Jah­ren fand sich be­reits die Hälf­te der ak­tu­el­len Kan­di­da­ten. Mir­ko Bon­né trat 2009 mit Wie wir ver­schwin­den und 2013 mit Nie mehr Nacht, Ger­hard Falk­ner erst im letz­ten Jahr mit Apol­lo­ka­lyp­se an. Franz­o­bel leg­te im ers­ten Buch­preis­jahr den schö­nen Ti­tel Das Fest der Stei­ne oder die Wun­der­kam­mer der Ex­zen­trik vor. La­ko­ni­scher wirk­ten 42 und Fa­ta Mor­ga­na, die Tho­mas Lehr 2005 und 2010 die No­mi­nie­rung brach­ten. Lü­scher de­bü­tier­te 2013 mit Früh­ling der Bar­ba­ren als Kan­di­dat. Im Jahr 2007 schaff­te es Ro­bert Men­as­ses Don Juan de la Man­cha auf die Lis­te. Ma­ri­on Po­sch­mann, de­ren Die Son­nen­po­si­ti­on ich 2013 ger­ne ge­le­sen ha­be, ist zum drit­ten Mal da­bei, 2005 ging ihr Schwarz-Weiß-Ro­man ins Ren­nen. Eben­so vie­le Nen­nun­gen kann In­go Schul­ze auf­wei­sen, 2006 mit Neue Le­ben und 2008 mit Adam und Eve­lyn. Die Au­to­rin des skur­ri­len Ro­mans Ka­tie, Chris­ti­ne Wun­ni­cke, nahm im vor­letz­ten Jahr mit Der Fuchs und Dr. Shi­ma­mu­ra teil.

Die The­men der ak­tu­el­len Long­list-Ro­ma­ne sind viel­fäl­tig. Sie er­zäh­len von Män­nern und Frau­en, dys­funk­tio­na­len Fa­mi­li­en, Flucht und Mi­gra­ti­on, Sui­zid, Spi­ri­tis­mus und Got­tes­wahn. Nicht we­ni­ge wid­men sich gro­ßen Ge­sell­schafts­the­men im Rück­blick oder in der Zu­kunfts­schau.

 

Hier die Lis­te mit ei­ner knap­pen Ein­ord­nung:

Mir­ko Bon­né: Lich­ter als der Tag (Schöff­ling & Co, Ju­li 2017) 336 S.

-Zwei Män­ner, zwei Frau­en, Wahl­ver­wandt­schaf­ten re­l­oa­ded.-

 

Ger­hard Falk­ner: Ro­meo oder Ju­lia (Ber­lin Ver­lag, Sep­tem­ber 2017) 272 S.

-Mys­te­riö­se Er­eig­nis­se ent­lar­ven die Ge­heim­nis­se der Er­in­ne­rung und be­sche­ren dem Hel­den ei­ne To­te.-

 

Franz­o­bel: Das Floß der Me­du­sa (Paul Zsol­nay, Ja­nu­ar 2017) 592 S.

–Der Schiff­bruch vor der Küs­te Afri­kas im Jahr 1816. Das his­to­ri­sche Er­eig­nis als Fo­lie für das ak­tu­el­le Dra­ma?-

 

Mo­ni­ka Hel­fer: Schau mich an, wenn ich mit dir re­de! (Jung und Jung, März 2017) 186 S.

Schei­dungs­kind zwi­schen zwei Fa­mi­li­en. Hel­fer stellt die Fra­ge, was ei­ne Fa­mi­lie aus­macht.-

 

Chris­toph Höht­ker: Das Jahr der Frau­en (Weiss­books, Au­gust 2017) 256 S.

–Ei­nen Mann in der Kri­se be­glei­tet ein The­ra­peut und die fi­xe Idee von 12 Frau­en in 12 Mo­na­ten. Mid­life-Kri­sen-Kom­pen­sa­ti­on? Nein, Höht­ker er­zählt im letz­ten Band sei­ner Tri­lo­gie vom Ver­such ei­nes selbst­be­stimm­ten En­des.-

 

Tho­mas Lehr: Schla­fen­de Son­ne (Carl Han­ser, Au­gust 2017) 640 S.

-Drei Men­schen und ih­re Ver­or­tung in der Zeit­ge­schich­te. Ein Rück­blick auf hun­dert Jah­re Deutsch­land (1911–2011). –

 

Jo­nas Lü­scher: Kraft (C.H. Beck, März 2017) 237 S.

-Ein An­ti­held schwa­felt sar­kas­tisch scharf über Zu­fall und Sin­gu­la­ri­tät.-

 

Ro­bert Men­as­se: Die Haupt­stadt (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2017) 459 S.

-Fast ein Kri­mi um längst ver­gan­ge­ne aber nie zu ver­ges­sen­de Ver­bre­chen und den Ruf der EU-Kom­mis­si­on.-

 

Bir­git Mül­ler-Wie­land: Flug­schnee (Ot­to Mül­ler, Fe­bru­ar 2017) 343 S.

-Ein ver­schwun­de­ner Bru­der, ei­ne de­men­te Groß­mut­ter, Ge­heim­nis­se ei­ner un­glück­li­chen Fa­mi­lie. Va­ri­an­te des An­na-Ka­reni­na-Prin­zips?-

 

Ja­kob Nol­te: Schreck­li­che Ge­wal­ten (Mat­thes & Seitz Ber­lin, März 2017) 340 S.

-Das ist mal ei­ne an­de­re Art, läs­ti­ge Ehe­män­ner los­zu­wer­den. Die Hel­din in Nol­tes Ro­man ver­wan­delt sich in ei­ne Wer­wöl­fin mit töd­lich spit­zen Reiß­zäh­nen. Sohn und Toch­ter fra­gen sich, ob sie nach der Mut­ter kom­men und schla­gen ei­ge­ne We­ge ein, die bis nach Af­gha­ni­stan füh­ren. -

 

Ma­ri­on Po­sch­mann: Die Kie­fern­in­seln (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2017) 168 S.

-Be­tro­ge­ner Bart­for­scher sucht in Ja­pan nach Er­lö­sung.-

 

Kers­tin Prei­wuß: Nach On­ka­lo (Ber­lin Ver­lag, März 2017) 240 S.

-Mut­ter tot, Frau noch nicht da. Mann, der auf Tau­ben starrt al­lein im ein­sa­men Ost-Heim.-

 

Ro­bert Pros­ser: Phan­to­me (Ull­stein fünf, Sep­tem­ber 2017) 336 S.

-Die Ge­schich­te ei­ner Flucht im Ju­go­sla­wi­en­krieg und ei­ner spä­ten Spu­ren­su­che. Fa­mi­lie, Mi­gra­ti­on.-

 

Sven Re­ge­ner: Wie­ner Stra­ße (Ga­lia­ni Ber­lin, Sep­tem­ber 2017) 304 S.

-Ein Acht­zi­ger­jah­re Ber­lin-Ro­man. Was sonst?-

 

Sa­sha Ma­ri­an­na Salz­mann: Au­ßer sich (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2017) 366 S.

-Zwil­lin­ge, die ei­ne Hei­mat und ih­re Iden­ti­tät su­chen in Mos­kau, Ber­lin und Is­tan­bul. Fa­mi­lie und Mi­gra­ti­on.-

 

In­go Schul­ze: Pe­ter Holtz (S. Fi­scher, Sep­tem­ber 2017) 576 S.

-Ein christ­li­cher Kom­mu­nist will Glück und Ge­rech­tig­keit für al­le und kommt zu viel Geld. Was tun da­mit ?-

 

Mi­cha­el Wil­den­hain: Das Sin­gen der Si­re­nen (Klett-Cot­ta, Sep­tem­ber 2017) 320 S.

-Wo ein Wer­wolf sein darf, soll­te ein Fran­ken­stein­ex­per­te nicht ver­wun­dern. Zum Glück han­delt es sich nicht um ei­nen Chir­ur­gen, son­dern es ist ein Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, der ei­ne lei­den­schaft­li­che Af­fä­re mit ei­ner Fach­frau für Re­pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gie führt, wo­mit man doch wie­der bei Mons­tern wä­re.-

 

Ju­lia Wolf: Wal­ter No­wak bleibt lie­gen (Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt, März 2017) 200 S.

-ein al­tern­der Mann blickt ohn­mäch­tig auf sei­ne Ver­gan­gen­heit und sich selbst. Er­in­ne­rungs­su­che kann groß­ar­tig sein.-

 

Chris­ti­ne Wun­ni­cke: Ka­tie (Be­ren­berg, März 2017) 160 S.

-In die­ser Wis­sen­schafts­sa­ti­re tritt Em­pi­rie ge­gen Eso­te­rik an.-

 

Feri­dun Zai­mo­g­lu: Evan­ge­lio (Kie­pen­heu­er & Witsch, März 2017) 352 S.

-wir be­ge­ben uns mit Zai­mo­g­lus Lu­ther in die Wart­burg, wo die­ser 1521–1522 mit der Bi­bel-Über­set­zung kämpft, mit  dem ka­tho­li­schen Glau­ben sei­nes Bo­dy­guards Burk­hard und wie soll es an­ders sein bei ei­nem Schrift­stel­ler, des­sen Fin­ger To­ten­kopf­rin­ge schmü­cken, mit Tod und Teu­fel. Könn­te amü­sant sein!-

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2 Responses to Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

  1. Eva Jancak sagt:

    Fin­de ich schön und bin wie­der flei­ßig beim Le­sen, be­zie­hungs­wei­se wer­de ich bald da­mit be­gin­nen, lie­be Grü­ße aus Wien, Zai­mo­g­lu wür­de ich den Preis auch sehr wün­schen!
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/08/15/vier-und-zwei-aus-zwanzig/

  2. Atalante sagt:

    Lie­be Link-Drop­ping-Queen, was soll ich sa­gen? Don­na-Mer­rill hat die Ant­wort.
    Mit an­de­ren Wor­ten, Du bist be­reits über Dei­nen Na­men ver­linkt, wie je­der Kom­men­ta­tor, der ei­ne ei­ge­ne Web­sei­te be­treibt. Über die­se Ver­lin­kung Dei­ne Sei­te zu be­su­chen, da­zu könn­test Du die Le­ser durch ei­nen in­ter­es­san­ten Kom­men­tar mo­ti­vie­ren. Ganz ein­fach! Oder wohl doch nicht?

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