Einseitige Verhältnisse

Lena Andersson analysiert in ihrem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ erneut das emotionale Ungleichgewicht eines Paares

-Gast­re­zen­si­on von Lea Pis­to­ri­us-

Es­ter hät­te sich sehr viel Zeit und Mü­he spa­ren kön­nen, wenn sie ihn beim Wort ge­nom­men hät­te, aber sie hät­te auch viel Wun­der­ba­res ver­passt.“

Wer Le­na An­ders­sons ers­ten Ro­man „Wi­der­recht­li­che In­be­sitz­nah­me“ ge­le­sen hat, dem ist die Haupt­fi­gur ih­res neu­en Wer­kes „Un­voll­kom­me­ne Ver­bind­lich­kei­ten“ be­reits be­kannt. Nicht nur die Wort­paa­re in den Ti­teln äh­neln ein­an­der. Er­neut stellt An­ders­son die kom­pro­miss­los lie­ben­de Es­ter Nils­son in den Mit­tel­punkt ih­rer Er­zäh­lung. Fünf Jah­re ge­al­tert, schei­nen sich Es­ters Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen nicht son­der­lich ge­än­dert zu ha­ben. Er­neut ver­liebt sie sich in ei­nen Künst­ler, dies­mal ei­nen Schau­spie­ler na­mens Olof Sten. Er­neut han­delt es sich um ei­nen be­reits ver­ge­be­nen, dies­mal ver­hei­ra­te­ten Mann. Und er­neut ist die­ser deut­lich äl­ter als die 37-jäh­ri­ge Es­ter. Ist al­so al­les schon ein­mal da­ge­we­sen?

Die Ge­schich­te um Es­ter Nils­sons Lie­be zeigt das Rin­gen ei­ner Frau um ei­nen Mann, den sie nie­mals wirk­lich be­sit­zen wird. Be­reits zu Be­ginn ih­res Ken­nen­ler­nens er­öff­net sie ihm, dass sie „Ein­sei­ti­ge Ver­hält­nis­se“ wei­ter­le­sen

Der Tod  und das Mädchen

Tomas Espedal verzeichnet in „Wider die Natur“ die Liebe zwischen Sehnsucht und Selbstzweifel

Ist das Un­glück ei­ne Vor­aus­set­zung für das Glück? Nein, das Glück kommt jäh und un­er­war­tet, es ist ei­ne ganz selbst­stän­di­ge, un­ab­hän­gi­ge Grö­ße, es tritt ein oh­ne Vor­bo­ten, wie ein Na­tur­er­eig­nis, ein Re­gen­bo­gen, ei­ne Stern­schnup­pe, ein Blitz­schlag oder ein Feu­er, furcht­ein­flö­ßend und schön; auch das Glück wirft al­les über den Hau­fen.“

 

Am En­de schließt sich der Kreis die­ses au­to­bio­gra­phi­schen Ro­mans, der die Lie­be des 48-jäh­ri­gen Au­tors zu der 24-jäh­ri­gen Jan­ne zum The­ma hat. Ge­nau­er, das Schei­tern die­ser Lie­be und das der vor­he­ri­gen Be­zie­hun­gen so­wie Es­pe­dals Lei­den dar­an.

Zu Be­ginn steht der Spon­tan-Sex der bei­den, die sich ge­ra­de erst auf ei­ner Par­ty er­blickt hat­ten, in der Bi­blio­thek des Gast­ge­bers.  Welch’ bes­se­rer Or­te könn­te ein Schrift­stel­ler für die In­itia­ti­on sei­ner Lie­bes­be­ses­sen­heit wäh­len? Doch sein Stau­nen über die Er­fül­lung küh­ner Mid­life-Män­ner-Sehn­süch­te be­glei­tet Es­pe­dal mit weh­mü­ti­ger Va­ni­tas. Die­se Paa­rung ei­nes ab­ge­kämpf­ten Al­ten mit der blü­hen­den „Der Tod  und das Mäd­chen“ wei­ter­le­sen

Voyeuristisches Putzen I.

Die Suche nach Nähe in Markus Orths’ Roman „Das Zimmermädchen“ — Literaturkreis 1/2011

Wer kennt dies nicht? Vor dem Ver­las­sen des Ho­tel­zim­mers noch schnell das Nacht­hemd wie­der in den Kof­fer stop­fen, da­mit we­nigs­tens die­ses in­ti­me Klei­dungs­stück nicht von den Hän­den ei­ner Frem­den be­rührt wird? Dass die­se Frau, denn im­mer noch han­delt es sich in den sel­tens­ten Fäl­len um ei­nen Mann, daß al­so die­se für Rei­ni­gung und Ord­nung des an­ge­mie­te­ten Zim­mers zu­stän­di­ge Per­son auch an­de­re In­ti­mi­tä­ten, näm­lich den ganz per­sön­li­chen Schmutz be­sei­tigt und die zer­wühl­ten Bett­la­ken glatt­zieht, nimmt man hin. Noch mehr, es freut ei­nen, wenn die­se im Preis in­be­grif­fe­ne Putz­ak­ti­on be­son­ders sorg­fäl­tig durch­ge­führt wur­de.

Un­über­treff­bar in die­ser Dis­zi­plin gibt sich Orths Zim­mer­mäd­chen im Ho­tel Eden sei­nen Auf­ga­ben hin. Sie putzt zu­erst das Bad, dann saugt sie die Bö­den, wischt mit ei­nem feuch­ten Tuch den kaum sicht­ba­ren Staub, wech­selt die Bett­wä­sche nach Tur­nus und die Hand­tü­cher nach Be­darf.

Doch Lynn ge­nügt dies nicht. „Wo an­de­re Zim­mer­mäd­chen nichts mehr se­hen, fängt es bei Lynn erst an.“ Mes­ser und Dau­men­nä­gel krat­zen den Schmutz aus Rit­zen und von Ar­ma­tu­ren, sie rei­nigt so­gar den Spalt zwi­schen Spie­gel und Ka­cheln. Sie putzt un­sicht­ba­re Fle­cken und wür­de am liebs­ten „Voy­eu­ris­ti­sches Put­zen I.“ wei­ter­le­sen