Literaturkreis 9/2010 — Plädoyer für Toleranz

Rassismus als Reaktion in „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Die­ses Buch in sei­nem ver­blass­ten blau­en Ein­band steht schon seit Jahr­zehn­ten im Buch­re­gal mei­ner El­tern. Über die Zeit sind sei­ne Sei­ten fle­ckig ge­wor­den, sein In­halt, der für Frei­heit, To­le­ranz und Ge­rech­tig­keit steht, scheint je­doch an­ge­sichts ak­tu­el­ler po­pu­lis­ti­scher Pa­ro­len le­sens­wer­ter denn je.

Die Ge­schich­te of­fen­bart zu­nächst ei­ne be­zau­bern­de Er­in­ne­rung an ein Kind­heits­idyll in May­comb, ei­nem klei­nen Ort in Ala­ba­ma. Dort le­ben zu Be­ginn der 30er Jah­re die Er­zäh­le­rin, die neun­jäh­ri­ge Scout, und ihr äl­te­rer Bru­der Jem. Mut­ter­los wer­den sie von ih­rem be­nei­dens­wert lie­be­vol­len und to­le­ran­ten Va­ter, dem Rechts­an­walt At­ti­cus Fink (im Ori­gi­nal Finch), zu Mit­mensch­lich­keit und Auf­ge­schlos­sen­heit er­zo­gen. Sie spie­len um­sorgt von der schwar­zen Haus­häl­te­rin und der Nach­bar­schaft mit „Li­te­ra­tur­kreis 9/2010 — Plä­doy­er für To­le­ranz“ weiterlesen

Dichtung und Wahrheit

Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Die Er­fin­dung des Le­bens er­zählt Ort­heil die Ent­wick­lungs­ge­schich­te ei­nes Künst­lers, vom wort­los auf­ge­wach­se­nen Kind über das Wer­den ei­nes Pia­nis­ten bis hin zu sei­nen schrift­stel­le­ri­schen An­fän­gen. In die­sen Hand­lungs­strang fü­gen sich Pas­sa­gen ein, die das Le­ben des ge­al­ter­ten Er­zäh­lers in Rom und sei­ne Ar­beit an die­sem Buch schildern.

Trotz des ho­hen An­teils von Selbst­er­leb­tem wird die Ro­man­haf­tig­keit die­ses Bu­ches nicht nur durch sei­ne Gen­re­bezeich­nung, son­dern vor al­lem durch den Ti­tel sug­ge­riert. Auf Le­sun­gen, ich hat­te das Ver­gnü­gen sei­ne Buch­vor­stel­lung auf der letzt­jäh­ri­gen Karls­ru­her Bü­cher­schau mit zu er­le­ben, und in In­ter­views of­fen­bart Ort­heil je­doch die ho­he Au­then­ti­zi­tät des Dargestellten.

Von den Sta­tio­nen sei­ner Bio­gra­phie, die der Le­ser chro­no­lo­gisch mit­er­lebt, be­ein­druck­ten mich die ers­ten Ka­pi­tel am stärks­ten. Zu Be­ginn steht die Mut­ter-Kind-Sym­bio­se zwi­schen der „Dich­tung und Wahr­heit“ weiterlesen

Frisch durchgedreht – Slam Poetry to go

GRObgeHACKtEs — das Debüt des Slampoeten Grohacke, alias Karsten Hohage

Poet­ry Slams?

Sind das nicht die­se Events, bei de­nen rei­men­de Jüng­lin­ge von der Büh­ne her­ab die Auf­merk­sam­keit des Pu­bli­kums und bes­ten­falls des­sen Gunst er­rin­gen wollen?

Ganz in der Tra­di­ti­on von Bar­den oder Buch­sta­bier­wett­be­wer­ben?

Un­wei­ger­lich as­so­zi­iert man We­sen mit dem künst­le­ri­schen Sen­dungs­be­wusst­sein ei­nes Trou­ba­dix und der Chuz­pe ei­nes Bart Simpson. So aus­ge­stat­tet drän­gen sie auf die Büh­ne um ih­re „Frisch durch­ge­dreht – Slam Poet­ry to go“ weiterlesen

Proust — Sehnsuchtsorte

Balbec, Venedig, Florenz, Champs-Élysées, Bois de Boulogne — (Bd. 1, 3)

An stür­mi­schen Ta­gen be­fällt den jun­gen Mar­cel Fern­weh nach Bal­bec, ei­nem Küs­ten­ort in der Nor­man­die, der in al­ler her­auf­be­schwo­re­nen Phan­ta­sie bi­zar­rer er­scheint als er sich in Wirk­lich­keit er­wei­sen soll­te. Ein Phä­no­men, wel­ches er auch beim Klang der ita­lie­ni­schen Städ­te­na­men Ve­ne­dig und Flo­renz emp­fin­det. Die Er­war­tung stellt ihm die­se Or­te „schö­ner und an­ders dar, als nor­man­ni­sche oder tos­ka­ni­sche Städ­te es in Wirk­lich­keit sein kön­nen“. Mit der Lek­tü­re von Kunst- und Rei­se­füh­rern taucht er ein in die­se Welt fern der Rea­li­tät. „Selbst un­ter ei­nem ganz rea­len Ge­sichts­punkt neh­men die Ge­gen­den, nach de­nen wir uns seh­nen, in je­dem Au­gen­blick un­se­res wirk­li­chen Le­bens sehr viel mehr Raum ein als das Land, in dem wir uns be­fin­den.“ Doch sei­ne Krank­heit ver­hin­dert die Reise.

An­statt ita­lie­ni­scher Re­nais­sance­bau­ten muss er mit den Gar­ten­an­la­gen der Champs-Ély­sées vor­lieb neh­men. Es scheint ihm un­er­träg­lich. Man könn­te in Er­in­ne­rung an be­reits „Proust — Sehn­suchtsor­te“ weiterlesen

Frauenliebe – Apfeltriebe

Literaturkreis 07/2010 — Spielarten des Vergessens in Katharina Hagenas Der Geschmack von Apfelkernen

Er­in­nern und Ver­ges­sen sind die Haupt­mo­ti­ve die­ser Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die in dem idyl­li­schen, aber fik­ti­ven Ort Boots­ha­ven, in ei­nem al­ten ver­win­kel­ten Bau­ern­haus, un­ter Ap­fel­bäu­men und an ei­nem schwar­zen See spielt.

Am An­fang steht der Tod, der ak­tu­el­le der Groß­mutter Ber­tha, den die Prot­ago­nis­tin Iris in den Hei­mat­ort ih­rer Vor­fah­ren führt, der zu frü­he Tod von Bert­has Schwes­ter An­na und der erst zwölf Jah­re zu­rück­lie­gen­de ih­rer Cou­si­ne, des­sen Ur­sa­che sich dem Le­ser erst am En­de des Ro­mans erschließt.

Die Tes­ta­ments­er­öff­nung of­fen­bart Iris über­ra­schen­der­wei­se die Erb­schaft des Haus. Spon­tan be­schließt sie ei­ni­ge Ta­ge im Ort zu blei­ben. Sie quar­tiert sich not­dürf­tig in das seit ei­ni­gen Jah­ren leer ste­hen­de Haus ein und er­in­nert sich. An ih­re dor­ti­gen Fe­ri­en­auf­ent­hal­te als Kind, an die Spie­le mit ih­ren Cou­si­nen, an den Gar­ten, an des­sen Früch­te und Ge­heim­nis­se, an die vie­len Tü­ren des Hau­ses und „Frau­en­lie­be – Ap­fel­trie­be“ weiterlesen

Literarischer Leuchtturm im Nebelmeer des Lebens

Proust Pharao“ von Michael Maar

Für Prou­sta­dep­ten wie für Proust­neu­lin­ge glei­cher­ma­ßen in­ter­es­sant ist die 2009 im Be­ren­berg-Ver­lag un­ter dem Ti­tel Proust Pha­rao er­schie­ne­ne Es­say-Samm­lung. In sie­ben zum Teil re­vi­dier­ten und er­wei­ter­ten Tex­ten, dar­un­ter zwei Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen, setzt sich Mi­cha­el Maar auf kennt­nis­rei­che und un­ter­halt­sa­me Wei­se mit Mar­cel Proust und der Re­cher­che aus­ein­an­der. An­ge­rei­chert ist der schön ge­stal­te­te Band mit Por­trät­photo­gra­phien, die den Schrift­stel­ler in ver­schie­de­nen Le­bens­pha­sen zeigen.

Be­reits der ers­te ti­tel­ge­ben­de Text  ist ei­ne Elo­ge an Proust, dem es wie kei­nem an­de­ren ge­lang „der in­ne­ren Wahr­heit bis in die letz­te Ver­äs­te­lung nach” zu for­schen. In­dem Proust auf­zeigt wie die Ge­füh­le funk­tio­nie­ren, bie­tet er sei­nem Le­ser ein In­stru­men­ta­ri­um zur Selbst­er­for­schung. Gleich­zei­tig er­weist er sich als gro­ßer Po­et in der Be­schrei­bung von Na­tur und Land­schaft, so­wie als Ge­sell­schafts­ko­mö­di­ant, der das Trei­ben der Pa­ri­ser Sa­lons mit viel Iro­nie schil­dert, wo­durch er nicht zu­letzt „Li­te­ra­ri­scher Leucht­turm im Ne­bel­meer des Le­bens“ weiterlesen

Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher

Schöne Wörter, schöne Sätze” — Das verborgene Wort von Ulla Hahn

Wie es ist die Lie­be zur Spra­che in ei­nem bil­dungs­fer­nen El­tern­haus zu fin­den und durch­zu­set­zen und sich in den fünf­zi­ger Jah­ren von Ar­bei­ter­mi­lieu und ka­tho­li­schem Pro­vin­zia­lis­mus zu eman­zi­pie­ren, zeigt Ul­la Hahn ein­drucks­voll in ih­rem Ro­man Das ver­bor­ge­ne Wort. In die­sem ers­ten Teil ei­ner Tri­lo­gie, er­le­ben wir die be­we­gend emo­tio­na­le Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Hil­de­gard Palm, dem wort- und satz­be­geis­ter­ten Mäd­chen, das in frü­her Kind­heit durch die Phan­ta­sie des Groß­va­ters die trös­ten­de Kraft von Buch- und Wut­stei­nen ent­deckt. In der ge­gen den Wil­len der El­tern durch­ge­setz­ten Re­al­schu­le lernt Hil­de­gard die Li­te­ra­tur der Klas­si­ker lie­ben. In de­ren Spra­che fin­det sie oft neue Hoff­nung nach den Schlä­gen des Va­ters. Die Pas­sa­gen im rhei­ni­schen Dia­lekt, der von Fa­mi­lie und Nach­barn, aber im­mer we­ni­ger von „Li­te­ra­tur­kreis 6/2010 — Hel­de­jaads hel­li­je Bö­cher“ weiterlesen

Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal

Ein liebender Swann

Wer hat nicht schon ein­mal wie er­starrt und zu ei­nem ver­nünf­ti­gen Ge­dan­ken un­fä­hig sein Te­le­fon hyp­no­ti­siert, da­mit es end­lich klin­geln mö­ge, viel­mehr da­mit der An­ge­be­te­te end­lich spü­ren mö­ge, daß sein An­ruf sehn­lich er­war­tet wird, oder bes­ser, da­mit die­ser sich seh­ne an­zu­ru­fen. Heut­zu­ta­ge ist dank des mo­bi­len Te­le­fo­nie­rens ei­ne stun­den- oder gar ta­ge­lan­ge Qua­ran­tä­ne ob­so­let. Auch wenn Odet­te ‑über­flüs­sig es zu er­wäh­nen- na­tür­lich noch nicht mal ei­nen Fest­netz­an­schluss hat­te, so hät­te sie sich doch auch zur Zeit der ste­ten und all­ge­gen­wär­ti­gen Er­reich­bar­keit für Swann un­er­reich­bar zu ma­chen ge­wusst. Ein­fach weg­ge­drückt oder am bes­ten das Teil di­rekt im Bo­is ver­lo­ren, an ei­nem Re­gen­tag natürlich.

Die mo­der­ne Tech­nik hät­te das Lie­bes­leid des Mon­sieur Swann al­so sehr wahr­schein­lich auch nicht lin­dern kön­nen. Doch hät­te er dies über­haupt ge­wünscht? Was gibt es Schö­ne­res als „Proust — Ent­flammt, er­obert, ei­fer­süch­tig, egal“ weiterlesen

Dino fliegt ins All

Vorliebe, der neue Roman von Ulrike Draesner

Ei­ne Ju­gend­lie­be, sei es nun ei­ne un­aus­ge­leb­te oder gar ei­ne gro­ße, wie­der zu tref­fen nach­dem man sein gan­zes Er­wach­se­nen­le­ben an­der­wei­tig ge­liebt hat, mag pas­sie­ren, in Ro­ma­nen so­gar nicht selten.

Auch Ul­ri­ke Draes­ner baut in ih­rem neu­en, und mit dem So­lo­thur­ner Li­te­ra­tur­preis aus­ge­lob­ten Ro­man Vor­lie­be, auf eben die­se Idee. Ge­spannt ver­folgt die Le­se­rin, wie ei­ne Un­acht­sam­keit im Stra­ßen­ver­kehr ei­nen Un­fall ver­ur­sacht, des­sen Spät­fol­gen fa­tal um nicht zu sa­gen töd­lich sind.

Ein Stoff aus dem Pilch­er­träu­me er­wach­sen? Mit­nich­ten. Zwar gibt es auch hier exo­ti­sche Na­men, Sa­ra­man­di­pur und Ol­vaeus, und so­gar ei­nen rot­haa­ri­gen Eng­län­der, Ash­ley. Es gibt ei­fer­süch­ti­ge „Di­no fliegt ins All“ weiterlesen

Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes

Promenaden

Nach ei­nem trä­nen­rei­chen Ab­schied vom Weiß­dorn schil­dert uns der Er­zäh­ler  die bei­den Haupt­spa­zier­we­ge von Com­bray (S. 194–248). Der Ers­te führt ihn in Rich­tung des Swann­schen Be­sit­zes und dehnt sich wei­ter zur Sei­te von Mé­ség­li­se-la-Vi­neu­se hin aus. Das Spa­zie­ren­ge­hen in der Na­tur ist ihm not­wen­di­ger Aus­gleich zur  Lek­tü­re und gleich­zei­tig ei­ne nie ver­sie­gen­de In­spi­ra­ti­ons­quel­le. Na­tur­er­schei­nun­gen wie der Wind tre­ten als Lo­kal­geist von Com­bray auf, die gran­dio­sen Auf­trit­te der Schau­spie­le­rin „La lu­ne“ wer­den er­leb­bar, vor Re­gen bie­tet das Wäld­chen von Rous­sain­ville Schutz. Die­sen Un­ter­schlupf nutz­te man wohl oft, da sich die­ser Weg we­gen sei­ner Kür­ze bei auf­zie­hen­den Re­gen­wol­ken an­bot. Vor­bei an Tan­son­ville, dem von ei­nem Park um­ge­be­nen schloss­ar­ti­gen An­we­sen Swanns, führt er zur Feld­kir­che von Saint-An­dré-des-Champs, in des­sen go­ti­schen Skulp­tu­ren der Kna­be die Ge­stal­ten der nai­ven Phan­ta­sie Fran­çoi­ses und „Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guer­man­tes“ weiterlesen