Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah“ an einen außergewöhnlichen historischen Fall

Garde„Ich schaue Narcisse an, der das Meer anschaut. Seit nunmehr vier Monaten verbringen wir gemeinsam unsere Tage. Aus dem einst stummen weißen Wilden, der Furcht einflößte und zugleich verängstigt war, ist ein freundlicher und diskreter Reisegefährte geworden, der keinerlei Aufmerksamkeit erregt.

Und was ist mit mir? Hat mich dieses Abenteuer verändert? Meine Beobachtungen haben einige meiner Gewissheiten erschüttert. Was ist ein Wilder? Und falls Narcisse wirklich durch und durch ein Wilder geworden war, an welchem Tag, zu welcher Stunde wird er wieder ein Mitglied unsere Zivilisation sein? Was lehrt uns seine Lehrzeit über das Lernen? Und wer von uns beiden ist der Lehrling?

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Ich weiß nur, dass die Geschichte von Narcisse keine schlichte Anekdote ist.“

Ein weißer Wilder muss in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Handlungszeit des vorliegenden Romans, wie ein Paradoxon geklungen haben. Wilde galten bestenfalls als edel und schön. Viele der so bezeichneten Menschen ferner Regionen wurden wie skurrile Souvenirs ihren Ursprungsländern entrissen und „Barbarische Zivilisierung“ weiterlesen

How did she come to this idea?

Sibylle Lewitscharoffs Killmousky, ein Krimi mit Kater

KillmouskyAuch wenn ich, was die häusliche Fauna betrifft, eher den Canidae denn den Felidae zuneige, erwartete ich mit Vorfreude das Erscheinen von Killmousky. Coverdesign und Klappentext künden unmissverständlich einen Krimi an, ein Genre, welches mir eben so selten begegnet wie die Mäusemörder. Bekannter ist mir da die Autorin des Romans, Sibylle Lewitscharoff, deren anspielungsreiche und vielschichtige Romane wie Blumenberg und Apostoloff mich beeindruckt haben.

Erfreut und geradezu erleichtert erkannte ich nach den ersten Seiten, daß der Kater keine Hauptrolle, schon gar nicht die eines wie auch immer vermenschlichten Katzenkommissars spielt. Zugleich war ich, da vollkommen ahnungslos, enttäuscht, daß der originelle Name für Tier und Buch nur eine Anleihe aus dem Fernsehen ist.

Der Kater Killmousky hat kurze, wenn auch spektakuläre Auftritte. Mit ihm lernt der Leser die eigentliche Hauptfigur des Geschehens kennen. Richard Ellwanger, ein „How did she come to this idea?“ weiterlesen

Pioniere für Palästina

In seinem neuen Roman Sommer in Brandenburg erinnert Urs Faes an eine unerzählte Geschichte

42419_FaesIn der Regel nutzt ein Autor Vor- und Nachwort, um darzulegen, wie er zum Thema seines Werks fand und auf welche Weise er sich ihm genähert hat. Urs Faes verlagert dies in seinen Roman hinein. Vier kurze Einschübe, die er Nacherzählen nennt und die sich im Schriftbild von der Romanhandlung abheben, berichten von Gesprächen mit Zeitzeugen, Ortsbegehungen und Archiv-Recherchen. Es scheint richtig, daß Faes diese Form gewählt hat. Er lenkt die Aufmerksamkeit während der Romanlektüre auf Informationen, die als Verständnisbrücken zwischen Fiktion und Realität dienen. Es gab sie wirklich, damals im Sommer 1938 in Brandenburg, die Liebe zwischen zwei jüdischen Jugendlichen und die Hachschara, die sie für Palästina vorbereitete. Wie beides geschehen sein mag, davon erzählt Faes in Sommer in Brandenburg.
Das Landwerk in Ahrensdorf war eine von über 30 Hachscharastätten, die jüdische Jugendliche auf die Besiedlung Palästinas vorbereiteten. In den Zwanziger Jahren gegründet erhielt die jüdische Siedlungsbewegung während der Nationalsozialistischen Machtergreifung immer stärkeren Zulauf. Das antisemitische Vorgehen der „Pioniere für Palästina“ weiterlesen

[Rebloggt] Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit|aus.gelesen

Wie Goethes Cornelia und Schillers Caroline zu zwei Biographien, zwei Rezensionen, einigen Kommentaren und einer sehr interessanten Zusammenarbeit inspirierten, schildert Flattersatz in seinem Blog aus.gelesen.

Vor kurzem stellte ich hier, bedingt durch die Lektüre meines Lesekreises, die von Sigrid Damm verfasste Biographie der Schwester Goethes, Cornelia Goethe, verh. Schlosser vor [2]. Dieses im Ganzen gesehen durch die Diskrepanz zwischen den inneren Möglichkeiten dieser jungen Frau und ihrer Unmöglichkeit, dies im Rahmen ihres Zeitalters zu realisieren, tragische Leben wollte ich jetzt gerne im Kontrast sehen zu einem anderen Frauenschicksal dieser Epoche, das bei weitem nicht so tragisch verlief, ja, man könnte sagen, das ein Musterbeispiel ist für das, was eine mutige, couragierte und intelligente Frau auch in einer männerdominierten Gesellschaft erreichen kann. Und so griff ich zu dem schon seit längerem in meinem Regal ausharrenden Roman Renate Feyls über die Schriftstellerin Caroline von Wolzogen.

“Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit” ist ein Roman, keine Biographie, es ist die Schilderung eines Lebens in der Ich-Form, in die die Autorin geschlüpft ist und die es für den Leser schwierig macht, die „[Rebloggt] Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit|aus.gelesen“ weiterlesen

Sushi Murakami – Resümee

Die Lesereise der verblüfften Frau Atalante

Murakami wählt für seinen Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ein tragisches Thema. Die Verbannung aus dem Freundeskreis verursacht durch eine Verleumdung. Ein derartiges Ereignis kann man ohne weiteres als Mobbing bezeichnen, ein universelles Problem also, was keinesfalls nur auf Japan beschränkt ist. Jeder hat solches in der ein oder anderen hoffentlich schwächeren Form schon erlebt, deshalb spricht der Roman viele an. Zudem wird von solchen Skandalen gerne gelesen. Mord und Totschlag bedienen den Voyeurismus und das schöne Gefühl, daß es schlimmere Schicksale als das eigene gibt.

Bei den Pilgerjahren handelt es sich um einen Anschlag auf die Psyche. (Ich meine jetzt natürlich das Erlebnis des Herrn Tazaki.) Eine unerklärliche Zurückweisung zu erleben ist eine traumatische Erfahrung. Leser wie Opfer rätseln in diesem Buch über die Ursache und dies von Anfang an. Diese „Sushi Murakami – Resümee“ weiterlesen

Sushi Murakami – Zugverspätung

Das 19. Kapitel

FotoDas letzte Kapitel birgt eine Überraschung. Nicht weil es die Fragen endlich beantwortet, sondern weil Murakami die japanische Gesellschaft analysiert. Schon im 11. Kapitel klang eine leichte Kritik an. Hier stellt er nun in einer Bahnhofsszene Stress und Anonymität der Massengesellschaft eindrücklich dar. Wir erleben getriebene, gehetzte Menschen. Pendler, die es täglich mehrere Stunden kostet, ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Nah aneinander gepresst wahren sie die Distanz durch einen inneren Schutzschild, den sie auch in freien Momenten kaum ablegen können. Einsamkeit in der Masse wird so gleichermaßen Schutz wie Schaden. Welche Gefahr eine solche Gesellschaft birgt, zeigt sich am Bahnhof, der Schleuse für „ein wogendes Menschenmeer“. „Keinem noch so mächtigen Propheten würde es gelingen, diese wild brandenden Wogen zu teilen.“

Auch Tsukuru sieht sich als verlorenes Individuum, dessen Bestimmung im „Sushi Murakami – Zugverspätung“ weiterlesen

Sushi Murakami – Die Lebenspartitur

Das 18. Kapitel

Vor seiner Rückreise will Tsukuru „Ordnung in seine Gefühle bringen“. Er bummelt ziellos durch Helsinki und landet schließlich am Bahnhof, wo er den Zügen zuschaut.

Zurück in Tokio zögert er zunächst Sara anzurufen. Schließlich meldet er sich am folgenden Tag, erreicht aber nur ihren Anrufbeantworter. Er versucht seine Eifersucht mit Alltagspflichten zu verdecken, doch seine Gedanken kreisen um Sara und den Fremden. Alleine im Schwimmen findet er Ablenkung.

Abends erhält er Saras Anruf und einen Rüffel, weil er keine Nachricht hinterlassen hat. Auch Sara hat den Sonntag sinnvoll verbracht, mit Putzen, Waschen, Einkaufen. Interessanter als die Erwähnung solcher Belanglosigkeiten ist Tsukurus Wunsch die Katze nun endlich aus dem Sack zu lassen. Na ja, genau genommen bleibt sie halb „Sushi Murakami – Die Lebenspartitur“ weiterlesen

Sushi Murakami – Absolution

Das 17. Kapitel

Foto„Die beiden setzten sich wieder an den Tisch und erzählten einander, was sie auf dem Herzen hatten. Das meiste davon staute sich seit Langem (sic!) unausgesprochen irgendwo in den Tiefen ihrer Seelen. Sie hoben die Deckel, die ihre Herzen verschlossen, stießen die Türen der Erinnerung auf und öffneten sich einer dem anderen.“

Mit erbaulicher Bekenntnisprosa kündet sich die Aufdeckung der letzten Geheimnisse an.

Eri gesteht, daß der Wunsch vor Yuzu zu fliehen, sie zur Töpferei und in die Arme eines Finnen getrieben hatte. Obwohl sie dadurch Japan als Ort des traumatischen Geschehens den Rücken kehren konnte, bleibt das Gefühl der Schuld am Tod Yuzus wie an der Verdammung des Freunds bestehen. Tsukuru „Sushi Murakami – Absolution“ weiterlesen

Sushi Murakami – Das Feuer für das eiskalte Meer in ihm

Das 16. Kapitel

Als Kuro eintrifft, sie ihn endlich wiedererkennt und ihr Mann mit den Kindern in die Stadt fährt, naht der Augenblick der Aufklärung. Tsukuru und die Leser erfahren, wie sehr Shiro durch die Vergewaltigung traumatisiert war und wie Kuro sich nahe der Selbstaufgabe um die Freundin kümmerte. Kuro oder besser Eri -sie möchte nicht mehr bei ihrem Spitznamen genannt werden- erzählt aber auch, daß sie immer von der Unschuld Tsukurus, in den sie damals noch dazu sehr verliebt gewesen sei, überzeugt war.

Seltsamerweise ist sie erstaunt, daß er jetzt nach 16 Jahren eine Erklärung verlangt und –zu Recht- belustigt darüber, daß seine neue Freundin dies angeordnet hat. Tsukurus Angst vor dem Zusammentreffen versteht sie nicht, sie seien doch Freunde. Erst als er ihr seine existentielle Not, die die Abkehr der Freunde in ihm verursacht hatte, mit der Kafkaanleihe eines eiskalten Meers ausmalt, versteht Eri. Es „Sushi Murakami – Das Feuer für das eiskalte Meer in ihm“ weiterlesen

Sushi Murakami – Finnische Wälder (hätte Kuro doch einen Norweger geheiratet)

Das 15. Kapitel

FotoTsukurus Ausflug in die Finnischen Wälder beschert mir die bisher besten Kapitel des Romans. Gut, daß Kuro den Herrn Haatainen geheiratet hat und noch besser, daß dieser ein Sommerhaus an einem kleinen See bei Hämeenlinna besitzt. Die Fahrt im Mietwagen führt Tsukuru unter prachtvollen Trompetenklängen zunächst mitten durch die Finnischen Wälder mit Kiefern, Fichten, Ahorn, Birken, natürlich auch Rotkiefern. „Die Rotkiefern ragten bis hoch in den Himmel hinauf, und auch die Birken waren riesig mit tief hängenden Zweigen.“ Trotz solch’ subtiler Symbolik, verwundert der nächste Satz. „Keine dieser Arten gab es in Japan.“ Tatsächlich? Auch nicht die Rotkiefer? Wie kam es dann zu Akas Namen? Keine Ahnung und keine Lust japanische Baumbestände zu ergoogeln. Vermutlich liegt es an der Satzreihenfolge, die durch die Übersetzung verändert wurde und die Aussage bezieht sich nur auf die zuvor genannten Baumarten? Leider „Sushi Murakami – Finnische Wälder (hätte Kuro doch einen Norweger geheiratet)“ weiterlesen