Sushi Murakami — Finnische Wälder (hätte Kuro doch einen Norweger geheiratet)

Das 15. Kapitel

FotoTsuku­rus Aus­flug in die Fin­ni­schen Wäl­der be­schert mir die bis­her bes­ten Ka­pi­tel des Ro­mans. Gut, daß Kuro den Herrn Haa­tai­nen ge­hei­ra­tet hat und noch bes­ser, daß die­ser ein Som­mer­haus an ei­nem klei­nen See bei Hä­me­en­lin­na be­sitzt. Die Fahrt im Miet­wa­gen führt Tsuku­ru un­ter pracht­vol­len Trom­pe­ten­klän­gen zu­nächst mit­ten durch die Fin­ni­schen Wäl­der mit Kie­fern, Fich­ten, Ahorn, Bir­ken, na­tür­lich auch Rot­kie­fern. „Die Rot­kie­fern rag­ten bis hoch in den Him­mel hin­auf, und auch die Bir­ken wa­ren rie­sig mit tief hän­gen­den Zwei­gen.“ Trotz solch’ sub­ti­ler Sym­bo­lik, ver­wun­dert der nächs­te Satz. „Kei­ne die­ser Ar­ten gab es in Ja­pan.“ Tat­säch­lich? Auch nicht die Rot­kie­fer? Wie kam es dann zu Akas Na­men? Kei­ne Ah­nung und kei­ne Lust ja­pa­ni­sche Baum­be­stän­de zu er­g­oogeln. Ver­mut­lich liegt es an der Satz­rei­hen­fol­ge, die durch die Über­set­zung ver­än­dert wur­de und die Aus­sa­ge be­zieht sich nur auf die zu­vor ge­nann­ten Baum­ar­ten? Lei­der sind mei­ne Ja­pa­nisch-Kennt­nis­se äu­ßerst be­grenzt, so daß ich auch Un­klar­hei­ten, wie „wir tref­fen uns noch im­mer viel“ nicht am Ori­gi­nal klä­ren kann.

In Hä­me­en­li­na be­ob­ach­tet Tsuku­ru bei ei­nem Kaf­fee das ört­li­che Trei­ben. Un­ter rau­nen­der Farb­sym­bo­lik, dies­mal in Oran­ge, Grün, Schwarz und Weiß, „(eil­ten) nur Ein­hei­mi­sche in all­täg­li­cher Klei­dung“ vor­bei. Zwei Mäd­chen blei­ben schließ­lich vor ihm ste­hen, es folgt ei­ner der bes­ten Dia­lo­ge des Ro­mans.

Sind Sie Chi­ne­se?“ frag­te die Grö­ße­re auf Eng­lisch.
Nein, Ja­pa­ner“, sag­te Tsuku­ru. „Wir äh­neln uns, sind aber an­ders.“
Die bei­den mach­ten ver­ständ­nis­lo­se Ge­sich­ter.
Seid ihr aus Russ­land?“, frag­te Tsuku­ru.
Die bei­den schüt­tel­ten mehr­mals die Köp­fe.
Nein, aus Finn­land“, sag­te die Som­mer­spros­si­ge mit erns­ter Mie­ne.
Seht ihr, das ist ge­nau­so“, sag­te Tsuku­ru. „Ähn­lich, aber doch an­ders.“

Der­art hu­mor­vol­le Schlag­fer­tig­keit hät­te ich Tsuku­ru nicht zu­ge­traut, der je­doch kurz dar­auf er­leich­tert ver­merkt, daß die klei­nen Fin­nin­nen we­der Sen­tenz noch Le­bens­weis­heit von sich ge­ge­ben hat­ten. Wahr­schein­lich ein Scherz auf der Me­ta­ebe­ne.

Tsuku­ru setzt sei­ne Fahrt fort und er­reicht sein Ziel mit der Hil­fe ei­nes al­ten Man­nes, der wort- und gruß­los ver­schwin­det, „wie der Gott des To­des, nach­dem er ei­nem Ver­stor­be­nen den Weg in die Un­ter­welt ge­zeigt hat“. Ei­ne für die­se Si­tua­ti­on reich­lich auf­ge­la­de­ne Me­ta­pher. Es wür­de mich al­ler­dings in­ter­es­sie­ren, an wel­chen Gott er hier denkt? Ei­ne Fi­gur aus der ja­pa­ni­schen My­tho­lo­gie? Oder han­delt es sich um ei­ne An­spie­lung auf das Kul­tur­gut des al­ten Eu­ro­pas? Falls er sich auf die grie­chi­sche My­tho­lo­gie be­zie­hen will, stellt sich die Fra­ge, wer ge­meint ist. Ha­des, der als Herr­scher über die Un­ter­welt auch dort wohnt? Cha­ron, der als Fähr­mann die To­ten über den Styx ge­lei­tet? Her­mes Psy­cho­pom­pos? Al­le dür­fen sich um­dre­hen und win­ken so­viel sie wol­len. Nur Or­pheus war dies bei sei­nem Ver­such Eu­ry­di­ke aus der Un­ter­welt zu ret­ten nicht ge­stat­tet. Es gibt ja ei­ne sehr be­kann­te Opern­ver­si­on der Ge­schich­te, viel­leicht will Mu­ra­ka­mi dar­auf an­spie­len?

Zu­rück zu Tsuku­ru, der nun end­lich an die Hüt­te der Haa­tai­nen klopft und ei­nen rot­blon­den Mann mit Voll­bart und ver­filz­tem zu Ber­ge ste­hen­den Haar an­trifft. Ein Schelm, wer da­bei an die skan­di­na­vi­schen Troll­fi­gu­ren denkt. Die­ser Troll je­den­falls kann per­fekt Ja­pa­nisch, hat er doch in Ja­pan Töp­fer­kunst stu­diert und ei­ne Ja­pa­ne­rin ge­hei­ra­tet. Zu­dem heißt er Ed­vard. Hat­te nicht auch Ed­vard Munch, den si­cher je­der Ja­pa­ner kennt, ro­te Haa­re und Voll­bart? Ja, ja, ein Nor­we­ger, aber wir wis­sen doch, ähn­lich. Er lädt Tsuku­ru freund­lich ein bei ei­nem Kaf­fee auf sei­ne Frau zu war­ten und weiß ei­ni­ges zu er­zäh­len. Von dem Kom­po­nis­ten Jean Si­be­li­us, der hier ge­bo­ren wur­de und von der ers­ten Ei­sen­bahn­li­nie Finn­lands, die zwi­schen Hel­sin­ki und Hä­me­en­lin­na ver­lief. Bei so viel gu­ten Omi­na fühlt Tsuku­ru sich nicht un­wohl, be­son­ders da die Ke­ra­mi­ken der bei­den Künst­ler star­ke Be­zü­ge zu sei­ner Hei­mat ha­ben. Ed­vards Ob­jek­te wir­ken auf Tsuku­ru sehr ele­gant und kunst­fer­tig. In Kuros Stü­cken scheint sich ihr We­sen zu spie­geln, sie sind ein­fach, derb aber mit Schwung, warm und per­sön­lich. Ähn­lich cha­rak­te­ri­sier­te der Er­zäh­ler die jun­ge Kuro zu Be­ginn des Ro­mans. Auch Ed­vard spürt in den Werk­stü­cken sei­ner Frau ih­re Per­sön­lich­keit, „die Wei­te ih­res Her­zens und ih­res Ho­ri­zon­tes“.

Mu­sik: Trom­pe­ten­kon­zert, Jean Si­be­li­us, bei­nah Beat­les s.o.

Cliff­han­ger: Er blieb dort ste­hen und war­te­te dar­auf, dass Eri in der Tür er­schien.

Weis­heit: „Wir äh­neln uns, sind aber an­ders.“

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