Bachmannpreis 2012 –TDDL ‑Moster, Ramnek, Richner

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Der 36. Bachmannpreis 2012

Der ers­te Le­se­vor­mit­tag ist be­en­det. Es la­sen Ste­fan Mos­ter, no­mi­niert von Burk­hard Spin­nen, Hu­go Ram­nek, der Kan­di­dat von Hil­de­gard Kel­ler so­wie Mir­jam Rich­ner, die Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen hatte.

Ste­fan Mos­ter, der seit 10 Jah­ren in Finn­land lebt und laut In­tro schreibt, um die Welt zu ver­ste­hen, liest ei­nen Text mit dem Ti­tel „Der Hund von Sa­lo­ni­ki“, der ver­schie­de­ne Er­zähl­ebe­nen durch viel­fäl­ti­ge Ver­wei­se mit­ein­an­der ver­knüpft. Die Er­in­ne­rung an ei­nen Kampf mit ei­nem Hund, den der Prot­ago­nist als Acht­zehn­jäh­ri­ger auf sei­ner ers­ten Rei­se nach Grie­chen­land er­leb­te und ei­gent­lich schon ver­ges­sen glaub­te, taucht nach Jahr­zehn­ten wie­der auf. Aus­lö­ser ist die Be­ob­ach­tung in Is­tan­bul, dort wer­fen Män­ner zu ih­rer Be­lus­ti­gung Hun­de ins Was­ser. Sei­ner Toch­ter, die ihn be­glei­tet, tischt er ei­ne kin­di­sche Er­klä­rung für die­ses Tun auf. Die Zu­hö­re­rin ver­mu­te­te, daß die Toch­ter noch recht klein sei, und bil­ligt so die Not­lü­ge. Kur­ze Zeit spä­ter stellt sich her­aus, daß sie be­reits sech­zehn Jah­re alt ist. Zwi­schen die­se bei­den Er­zähl­strän­ge schiebt sich ein Tram­pen nach Grie­chen­land mit al­len denk­ba­ren Hindernissen.

Die Ju­ry ist frisch und sehr dis­kus­si­ons­be­reit. Win­kels lobt den Text Mos­ters als schö­ne Er­öff­nung der Bach­mann­ta­ge. Er emp­fin­det ihn ru­hig und gleich­zei­tig in­ten­siv, er bie­te zahl­rei­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten für den Le­ser. Trotz der sehr gu­ten Kon­struk­ti­on mit vie­len Ver­kno­tun­gen der Er­zähl­ebe­nen, scheint er ihm ein we­nig gleich­för­mig. Win­kels deu­tet ihn als Me­di­ta­ti­on über Er­in­nern und Ver­ges­sen am Bei­spiel ei­nes exis­ten­ti­el­len Ereignisses.

Kel­ler ver­weist auf die li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che Di­men­si­on des Hun­de­mo­tivs. Ihr ge­fällt die Ver­zah­nung der ein­zel­nen Ge­schich­ten. Mos­ter sei das Wie­der­fin­den der Er­in­ne­rung sehr schön ge­lun­gen, in­dem er ei­ne stark rea­lis­tisch er­zähl­te Ebe­ne als Traum ein­ge­scho­ben ha­be. Spä­ter er­gänzt sie, daß sich die Be­wusst­seins­ebe­nen der ver­schie­de­nen Fi­gu­ren kaum un­ter­schei­den würden.

Auch Ca­duff wür­digt den Hund als li­te­ra­ri­sches Mo­tiv, eben­so die fei­ne und ein­dring­li­che Wort­wahl. Die Tram­per­ge­schich­te im Mit­tel­teil klingt ihr je­doch zu sehr nach Freud und Leid der Interrailgeneration.

Die Spra­che Mos­ters hat auch Da­nie­la Stri­gl be­ein­druckt. Sie greift als Bei­spiel den „Hund der sich trau­rig troll­te“ auf. Al­ler­dings ver­spürt sie ei­ne ge­wis­se Harm­lo­sig­keit und stört sich auf der rea­len Ebe­ne an der nicht ein­tre­ten­den Toll­wut­angst nach dem Biss. Auch sie be­tont ihr Ver­ständ­nis des Hun­de­sym­bols, das sie psy­cho­ana­ly­tisch als un­heim­li­ches Tier des Eros interpretiert.

Zur Ver­tei­di­gung des Tex­tes ver­wirft Spin­nen zu­nächst die Ge­gen­ar­gu­men­te. Der Text sei nicht harm­los, son­dern von sub­ti­lem er­zäh­le­ri­schen Auf­wand. Er zeich­ne sich durch die Gleich­zei­tig­keit von Re­fle­xi­on und Er­le­ben aus. Spin­nen plau­dert ein we­nig aus dem ei­ge­nen bio­gra­phi­schen Näh­käst­chen, und schließt mit dem Fa­zit, dies sei ein un­end­lich me­lan­cho­lisch, trau­ri­ger Text.

Mei­ke Feß­mann sieht vor al­lem die sprach­li­chen Qua­li­tä­ten des Tex­tes, der al­ler­dings in­halt­lich des Gu­ten zu viel wol­le. Auch ihr fällt auf, daß die Toch­ter wie ein Klein­kind be­han­delt wird. Ihr miss­fiel das Hun­de­mo­tiv, wie ihr der ge­sam­te Text sym­bo­lisch zu über­frach­tet sei.

Mo­ti­vi­sche Aus­le­ge­wa­re“ ur­teilt Jandl, der Au­tor hät­te sich reich­lich am Mo­tiv­vor­rat der Li­te­ra­tur be­dient und die­se, wie am Bei­spiel Hund zu se­hen sei, exis­ten­zia­lis­tisch hoch­ge­ju­belt. Das Ver­ges­sen des Hun­de­bis­ses hält er für un­glaub­wür­dig, die zu­rück­blei­ben­de Nar­be hät­te die Fi­gur doch stets an das Er­eig­nis er­in­nern müs­sen. Die man­geln­de Dif­fe­ren­zie­rung der Er­zähl­stim­men ist in sei­nen Au­gen ein wei­te­rer Kritikpunkt.

Ziem­lich auf­ge­bracht wirft ihm Spin­nen die Stren­ge ei­nes „sta­li­nis­ti­schen Zoll­be­am­ten“ vor, was Jandl zu dem amü­san­ten Kon­ter ver­an­lasst, Spin­nen hät­te sein Ur­teil über den Text „auf­grund ei­ge­ner bio­gra­phi­scher Er­fah­rung pa­the­tisch aufgepimt“.

Viel­leicht geht es mir ja ähn­lich wie Spin­nen? Je­den­falls war Mos­ters Text, trotz ei­ni­ger Kri­tik­punk­te in der Er­zähl­lo­gik, für mich der an­ge­nehms­te des heu­ti­gen Ta­ges. Ins­ge­samt ist es ei­ne strin­gent und span­nend er­zähl­te Ge­schich­te. Be­son­ders ein­drucks­voll schil­dert Mos­ter den Kampf mit dem Hund. Angst und Ekel auf Sei­ten des jun­gen Man­nes sind eben­so gut nach­voll­zieh­bar, wie Schmerz und Elend des Hundes.

Es folg­te der aus Kärn­ten stam­men­de und in Zü­rich le­ben­de und un­ter­rich­ten­de Hu­go Ram­nek. Sein Text „Ket­ten­ka­rus­sell“ wur­de von Hil­de­gard Kel­ler vor­ge­schla­gen und schil­dert drei Ta­ge ei­nes länd­li­chen Jahr­mark­tes, im Text als Wie­sen­markt be­zeich­net. Hand­lungs­ort ist das Grenz­ge­biet zwi­schen Slo­we­ni­en und Kärn­ten. In den Er­in­ne­run­gen ei­nes Ju­gend­li­chen an die­sen Fest­rausch spie­len die eth­ni­schen und so­zia­len Kon­flik­te der Be­woh­ner ei­ne er­heb­li­che Rol­le. Die Ge­schich­te en­det mit ei­ner pa­the­ti­schen Ka­rus­sell­phan­ta­sie, sich über al­le Gren­zen hin­weg he­ben zu können.

Win­kels, der the­ma­tisch ei­ne Ähn­lich­keit mit der An­la­ge des Tex­tes von Mos­ter er­kennt, ist vom Sprach­stil Ramn­eks, der in kur­zen Sät­zen und Ex­kla­ma­tio­nen den In­halt die­ses Jahr­markt­trei­bens trans­por­tiert, an­ge­tan. Al­ler­dings ge­be der Au­tor manch­mal zu viel Gas und nei­ge zu Über­trei­bun­gen. Be­son­ders das Sym­bol der se­xu­el­len Er­re­gung, die Kel­ler­e­ch­se,  wer­de zu oft wie­der­holt. Zu­dem stel­le Ram­nek die so­zia­len Un­ter­schie­de in die­ser eth­nisch zwei­ge­teil­ten Welt zu dras­tisch und mas­siv dar.

Auch Stri­gl fin­det die Kel­ler­e­ch­se zu dick auf­ge­tra­gen. Hin­ge­gen sei der Aus­nah­me­zu­stand des Wie­sen­markts sehr gut in sprach­li­che Bil­der um­ge­setzt. Schau­keln, Krei­seln und Rausch wür­den auch in der Sprach­rhyth­mik gespiegelt.

Co­rin­na Ca­duff fragt, was Li­te­ra­tur zum stark dis­kur­si­ven The­ma Hei­mat und Frem­de noch bei­tra­gen kann. Sie sucht nach dem An­lie­gen, die­ses ih­rer Mei­nung nach sym­bo­lisch über­stra­pa­zier­ten Textes.

Jandl in­ter­pre­tiert die Kel­ler­e­ch­se nicht nur als se­xu­el­les Sym­bol. Der gan­ze Text sei für ihn ein li­te­ra­ri­scher Rum­mel, vol­ler En­thu­si­as­mie­run­gen, al­les dre­he und be­we­ge sich.

Ge­spal­ten in ih­rem Ur­teil ist Mei­ke Feß­mann. Ei­ner­seits be­sit­ze der Text schö­ne Bil­der und Aus­drü­cke, an­de­rer­seits er­zeu­ge der star­ke Sym­bol­cha­rak­ter ei­nen pa­ra­do­xen Ef­fekt. Die Se­xua­li­tät sprin­ge ei­nem ge­ra­de­zu an je­der Stel­le ins Gesicht.

Spin­nen kon­sta­tiert, dies sei ein Text, der schön sein wol­le, und er he­ge Vor­be­hal­te ge­gen ei­ne der­ar­ti­ge In­ten­ti­on. Zu vie­le ba­ro­cke Wort­schöp­fun­gen, lau­te und viel­stim­mi­ge Bil­der, die manch­mal ins Kli­schee ab­drif­ten, stö­ren ihn. Dem Kunst­werk als sprachim­pres­sio­nis­ti­sches Ge­bil­de zeu­ge er je­doch Re­spekt und Anerkennung.

Eher ex­pres­sio­nis­tisch als ba­rock wirkt auf Kel­ler die­ser Text. Sei­ne Be­son­der­heit sei die  Rhyth­mik, die sehr gut in der heu­ti­gen Per­for­mance zum Aus­druck ge­kom­men sei. Sie be­trach­tet ihn als poe­ti­sche Su­che nach der Kind­heit. Sie er­in­nert sich an ih­re ei­ge­nen kind­li­chen Jahr­markt­er­leb­nis­se und schaut durch Ramnecks Sät­ze „aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve auf den Jahrmarkt“.

Für mich war es kein nost­al­gi­scher Jahr­markts­gang, eher ein sehr rus­ti­ka­les Er­leb­nis, bei dem plötz­lich die Gren­ze zwi­schen zwei pe­ni­bel ge­trenn­ten Sphä­ren ver­wischt. In der Spra­che war es mir al­ler­dings zu derb.

Die letz­te Le­sung am Vor­mit­tag be­stritt die jun­ge Mir­jam Rich­ner. Die Kan­di­da­tin wur­de von Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen. Der Vor­stel­lungs­film ver­rät ih­re Nei­gung Träu­me und Ge­dich­te in ih­re Pro­sa ein­zu­bau­en, was sich an ih­rem Text mit dem Ti­tel „Bett­lä­ge­ri­ge Ge­heim­nis­se“ deut­lich ab­le­sen lässt. Er er­zählt die dra­ma­ti­sche Ge­schich­te zwei­er jun­ger Frau­en und Leh­rer­kol­le­gin­nen, die ver­su­chen sich aus ei­nem von ei­ner La­wi­ne ver­schüt­te­ten Haus zu befreien.

Ge­wis­se Nö­te mit dem Text“ mel­det Da­nie­la Stri­gl. Sie hat gra­vie­ren­de Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me mit dem Er­zähl­vor­gang und fin­det den Text nicht geglückt.

Win­kels hin­ter­fragt, ob es sich tat­säch­lich um ein rea­les La­wi­nen­un­glück han­de­le. Un­un­ter­bro­chen wür­den in­ne­re Vor­gän­ge dargestellt.

Als Text ei­nes Wahns wer­tet Jandl das Vor­ge­tra­ge­ne. Dass die La­wi­ne le­dig­lich Ein­bil­dung sei, ver­rie­ten die vie­len Selbst­aus­künf­te der Fi­gur. Ei­ner­seits kön­ne ein sol­cher Text al­les er­zäh­len und das tue er auch. An­de­rer­seits müs­se Wahn­sinn in der Li­te­ra­tur auch wie­der ver­nünf­tig wer­den und das tue er nicht. Jandl fragt, was von Text üb­rig bleibe.

Ca­duff be­zeich­net den Text als Hin- und Her­ge­wei­ne im Han­ni-und-Nan­ni-Stil, der auf ein erns­tes The­ma ap­pli­ziert sei. Die Spra­che sei sa­lopp, la­pi­dar, Main­stream säu­selnd. Sie ver­steht die Funk­ti­on der Ge­dich­te nicht und rät Rich­ner, de­ren Aus­sa­ge bes­ser in die Pro­sa zu integrieren.

Laut Kel­ler be­inhal­tet der Text ei­nen un­er­hör­ten, wu­chern­den Reich­tum, sei aber „ir­gend­wo auf dem Weg“. Sie emp­fiehlt ei­ne Be­ra­tung und über­nimmt die­se gleich selbst, wenn sie über die Be­zie­hung zwi­schen Au­toren und ih­ren Fi­gu­ren doziert.

Da er­greift Feß­mann die Ver­tei­di­gung mit der Er­öff­nung, die­ses sei ein sur­rea­ler Text, was kei­ner ih­rer Vor­red­ner er­kannt ha­be. Da­mit dür­fe die Au­torin al­les, je­de Kri­tik an un­lo­gi­scher Hand­lung sei ob­so­let. Es ent­wi­ckelt sich ein klei­ner Dis­put zwi­schen Feß­mann, Stri­gl und Jandl, den letz­te­rer mit „ich mach’s mal sur­re­al, dann darf ich al­les, geht nicht“ beendet.

Die kur­ze Zeit, die Spin­nen vor dem Be­ginn der Mit­tags­pau­se bleibt, nutzt er zur Sym­pa­thie­be­kun­dung für die gir­ly­haf­te Jung­leh­rer­all­tags­rea­li­tät mit sur­rea­len Gedankengängen.

Ich emp­fand den Text als sehr tem­po­reich. Beim In­halt soll­te man un­be­dingt das Al­ter der 1988 ge­bo­re­nen Au­torin und da­mit si­cher­lich auch das der Ziel­grup­pe be­rück­sich­ti­gen. Die an­ge­ris­se­nen phi­lo­so­phisch-ethi­schen Dis­kus­sio­nen schei­nen mir in der Hin­sicht angemessen.

Das war mein Rück­blick auf den Vor­mit­tag, al­le Zi­ta­te nach bes­tem Wis­sen und Hö­ren, al­so oh­ne Gewähr.

Die Ju­ry bil­den in die­sem Jahr Co­ri­na Ca­duff, Paul Jandl, Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, Mei­ke Feß­mann, Burk­hard Spin­nen, Cla­ris­sa Stad­ler, Da­nie­la Stri­gl und Hu­bert Win­kels. Ei­ne schö­ne Rang­lis­te hat die So­pra­nis­se parat.

Von al­len bis­he­ri­gen Le­sun­gen ist ein Vi­deo abrufbar.

3sat über­trägt Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen live:

5. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

6. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

7. Ju­li: 9.45 bis 14 .00 Uhr

8. Ju­li: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preisverleihung

Mit der Snip­py-App gibt es die Smartphonvariante.

Darauf einen Bitter!

Enttäuschte Erwartungen erzeugt James Hamilton-Paterson mit “Kochen mit Fernet-Branca

Dio mio, das wird Schlä­ge ge­ben. Ich zit­te­re vor mei­nem nächs­ten Li­te­ra­tur­kreis­tref­fen und be­fürch­te, daß selbst ei­ne gro­ße Men­ge des Ti­tel­ge­söffs den an­de­ren Teil­neh­mer nicht zur Ver­dau­ung die­ser Lek­tü­re rei­chen wird.

Da­bei hat­te ich es doch nur gut ge­meint. Dies­mal soll­te es et­was Amü­san­tes wer­den, kei­ne Pro­blem­wäl­ze­rei, kei­ne nor­di­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­te, kein In­zest, kein Mit­tel­al­ter und schon gar kein Be­zie­hungs­dra­ma. Zu­dem kam die Emp­feh­lung aus Tho­mas Böhms Le­se­kreis­buch, er wie­der­hol­te sie so­gar vor kur­zem noch­mals im Ra­dio.

Der Au­tor des Kat­zen­koch­bu­ches, und das ist hier wört­lich zu neh­men, Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, ist bri­ti­scher Jour­na­list und bis­her mit durch­aus Ernst­haf­tem über das Meer und fer­ne Län­der in Er­schei­nung ge­tre­ten. Für sei­nen ers­ten hu­mo­ri­gen Ro­man wur­de er ge­lobt. Bis über den grü­nen Klee so­gar, wenn man ei­ne No­mi­nie­rung für den Boo­ker Pri­ze so in­ter­pre­tie­ren darf. Trotz­dem las ich pro­be­hal­ber die ers­ten Sei­ten des Bu­ches, denn nach lang­jäh­ri­ger Le­se­kreis­er­fah­rung weiß ich, was Fehl­schlä­ge sind, und die­se soll­ten ge­ra­de bei stei­gen­dem Le­se- und Le­bens­al­ter un­be­dingt ver­mie­den wer­den. Tem­pus fugit!

Tat­säch­lich hat mich die­se Mi­schung aus Ita­li­en und Mon­ty Py­thon zu­nächst schwer be­geis­tert. Ich lag abends la­chend im Bett, was sel­ten vor­kommt, und den Mit­be­nut­zer die­ses Mö­bels zu ei­nem, Da wird sich der Le­se­kreis aber freu­en, hin­rei­ßen ließ. Der kom­men­de Kan­di­dat war ge­kürt, ich setz­te so­gar die bei­den Nach­fol­ge­bän­de die­ses Ro­mans so­fort auf mei­ne Wunschliste.

Ver­gnügt las ich wei­ter, woll­te wei­ter mei­nen Spaß ha­ben an den kru­den Er­fah­run­gen die­ses Eng­län­ders in der tos­ka­ni­schen Pro­vinz. Dort hat Ge­rald Sam­per sich in der Berg­ein­sam­keit der apua­ni­schen Al­pen ein Häus­chen auf­schwat­zen las­sen, um un­ge­stört als Ghost­wri­ter für grenz­de­bi­le Spit­zen­sport­ler zu ar­bei­ten. In die­ser krea­ti­ven Stil­le taucht un­ver­mit­telt Mar­ta auf, die nicht wie der Mak­ler, Ita­lie­ner und ge­wer­be­be­ding­tes Schlitz­ohr, ver­si­chert hat nur sel­ten, son­dern ste­tig sei­ne neue Nach­ba­rin sein wird. Sie ar­bei­tet an Mu­sik­ar­ran­ge­ments für die Film­bran­che. Der Kon­flikt zwi­schen Ru­he­be­dürf­nis und Mu­sik, al­so Krach, ist ge­legt. Ge­löst wird er in 47 Ka­pi­teln auf 359 Sei­ten, auf­ge­lo­ckert von Re­zep­ten aus Sam­pers krea­ti­ver Kü­che. Dar­un­ter ver­lo­cken „Mu­scheln in Scho­ko­la­de” so­wie der „Fisch­ku­chen” zum Ex­pe­ri­men­tie­ren. (Bett­nach­bar: Du bist ver­rückt! Ata­lan­te: Und wenn wir den Zu­cker­guß weglassen?)

Ge­nüss­lich las ich al­so wei­ter, da tauch­ten ers­te Un­ap­pe­tit­lich­kei­ten auf. Es wa­ren al­ler­dings nicht, wie die Ken­ner des Bu­ches ver­mu­ten mö­gen, die bis ins Ab­son­der­li­che ge­stei­ger­ten Re­zep­te des gu­ten Sam­per. Nein, we­der Knob­lauch­eis noch Kat­zen­ku­chen, ge­mäß Ti­tel ge­hö­rig mit Ma­gen­bit­ter ge­sät­tigt, er­zeug­ten Le­se­übel­keit. Es war eher das Ab­glei­ten in die dunk­len Re­gio­nen des Ver­dau­ungs­wit­zes, die mich beim Plumps­klo noch zum La­chen reiz­ten, bei den fla­tu­len­ten Ne­ben­wir­kun­gen der Koch­küns­te merk­li­ches Des­in­ter­es­se und beim Pups­bär nur noch Mit­leid er­zeug­ten. Ehr­lich, wer fin­det jen­seits der Pu­ber­tät ei­nen Pups­bär auf dem Klo lustig?

Na­tür­lich ist der vom Au­tor ge­schil­der­te Ger­ry Sam­per ein eit­ler Ego­zen­tri­ker, gründ­lich von sich selbst ge­blen­det, was zu ei­ner kunst­ge­rech­ten An­wen­dung von Sar­kas­mus un­ab­ding­bar ist. Aber war­um hat er sei­nen bri­ti­schen Hu­mor in­ner­halb we­ni­ger Sei­ten ver­lo­ren? Da­zu kommt die Fi­gur sei­ner Nach­ba­rin und Ge­gen­spie­le­rin Mar­ta. Na­tür­lich wur­de sie ge­wählt, um so ein her­vor­ra­gen­des Ex­em­pel zu der Dif­fe­renz von Ei­gen- und Fremd­bild durch zu spie­len. Auch tre­ten die we­ni­gen Ita­lie­ner vor al­lem des­halb als gut­aus­se­hend, ge­ris­sen, be­stech­lich oder ar­ro­gant auf, um den Le­ser un­miss­ver­ständ­lich mit sei­nen ei­ge­nen Kli­schees zu kon­fron­tie­ren. Aber war­um ist das al­les nur so lang­wei­lig ge­ra­ten? Die Fi­gur der Mar­ta und ih­re mu­si­ka­li­schen Tä­tig­kei­ten ha­ben mich nicht die Boh­ne in­ter­es­sie­ren. Der Auf­tritt be­rühm­ter ita­lie­ni­scher Re­gis­seu­re eben­so we­nig. Die Idee ein Feu­er­werk­s­in­fer­no zu ent­zün­den war we­nig über­ra­schend. Die ab­stru­se Kon­struk­ti­on von Mar­tas ma­fia­ähn­li­chem ost­eu­ro­päi­schen Her­kunsfts­hin­ter­grund tat kaum et­was zur Sache.

Da­zu kom­men sti­lis­ti­sche Män­gel. Ha­mil­ton-Pa­ter­son kon­stru­iert den Ro­man in al­ter­nie­ren­der Er­zähl­per­spek­ti­ve. Das kann bei ge­konn­ter Aus­füh­rung durch­aus den Le­se­genuß stei­gern. Wenn aber die un­ter­schied­li­chen Er­zähl­fi­gu­ren kaum durch Sprach­stil und Ge­dan­ken­gän­ge von­ein­an­der zu un­ter­schei­den sind, er­zeugt es mehr denn Ver­wir­rung Lan­ge­wei­le. Zum zwei­ten Mal ver­wen­de ich nun die­ses Wort in mei­nen Zei­len über die­sen ver­meint­lich so hu­mor­vol­len Ro­man. Da wird fol­gen­des Ge­ständ­nis kei­ne Über­ra­schung sein. Ich ha­be kaum noch ge­lacht und le­dig­lich aus Pflicht­be­wusst­sein mei­nen ei­ge­nen Buch­vor­schlag run­ter­ge­würgt. Und das oh­ne ei­nen ein­zi­gen Fer­net-Bran­ca, den be­nö­ti­ge ich noch für den Literaturkreis.

Al­ler­dings hat mich Sam­pers Koch­kunst doch noch ein­mal zum La­chen ge­reizt. Als ich un­längst auf ei­nem Au­to die Auf­schrift „Nor­we­gi­sche Wild­kat­zen aus dem Na­ab­tal” las, hät­te ich mich dort ger­ne er­kun­digt, ob sie auch räu­chern würden.

Viel­leicht war es ja doch gar nicht so ein schlech­tes Buch?

Trotz­dem su­che ich im­mer noch DEN amü­san­ten Ro­man. Hin­wei­se wer­den ger­ne ent­ge­gen genommen.

Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, Ko­chen mit Fer­net-Bran­ca, übers. von Hans-Ul­rich Möh­ring, Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2005

In cervisia amicitia

Männer-WG mit Trinkzwang” — Bier bringt Burschen zum Singen

Wel­ches Buch wä­re ge­eig­ne­ter bei ei­nem Ur­laub mit Amici und Mo­ret­ti am Fu­ße des Sas­so di Si­mo­ne ge­le­sen zu wer­den als das ei­nes Geo­lo­gen über Freund­schaft und Bier?  “Män­ner-WG mit Trink­zwang”, der neu er­schie­ne­ne Ro­man des von Ge­steins­for­ma­tio­nen in Soft­ware­sphä­ren ge­wech­sel­te und als Poet­ry Slam­mer be­kannt ge­wor­de­nen Kars­ten Ho­ha­ge ist dies al­le Mal.

Stellt euch al­so schon mal ei­ne Kis­te Bier kalt, die­se Lek­tü­re macht durs­tig. Nicht weil sie so tro­cken wä­re, son­dern weil sie Ap­pe­tit macht, Bier­ap­pe­tit. Ka­pi­tel um Ka­pi­tel lässt sich ei­ne Fla­sche lee­ren, auf Ex ver­steht sich. Wer auch zwi­schen­durch Durst ver­spürt, grei­fe ru­hig zu. Das Buch hat 45 kurz­wei­lig ver­fass­te Ka­pi­tel, die in au­then­ti­schem Set­ting ge­nos­sen wer­den wollen.

Au­ßer Un­men­gen an Bier, dem wir in Form des Ge­mäß be­geg­nen, tref­fen wir auf Müt­zen, Schär­pen, Fah­nen und Chor­damen. Ge­nau, wir be­fin­den uns in der Welt der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Be­wusst und durch die Lek­tü­re be­lehrt wäh­le ich nicht den Be­griff Bur­schen­schaft. Ho­ha­ge war Mit­glied ei­ner Sän­ger­schaft und schreibt als sol­cher ge­gen die im­mer­wäh­ren­de Ver­wechs­lung an. Dies un­ter­nimmt er in ei­ner Art fik­tio­na­li­sier­ten Bio­gra­phie. Der Ich-Er­zäh­ler trägt zwar den glei­chen Na­men wie der Au­tor, der Na­me der Sän­ger­schaft wur­de je­doch ver­klau­su­liert und der Stu­di­en­ort ver­birgt sich hin­ter der lie­be­vol­len Be­zeich­nung “schnu­cke­li­ge Uni­ver­si­täts­stadt”. Wir er­fah­ren von den ers­ten Stu­di­en­jah­ren ei­nes Ver­bin­dungs­stu­den­ten, der ei­gent­lich nur ein Zim­mer such­te und “auf dem Haus” doch viel mehr fand. Ei­nen Freund­schafts­bund, den er nach et­li­chen Mut­pro­ben und Räu­schen, eth­no­lo­gisch be­trach­tet ger­ma­nisch-ro­man­ti­sier­ten In­itia­ti­ons­ri­ten des frü­hen 18. Jahr­hun­derts, nicht mehr mis­sen möchte.

Die­ses Kon­glo­me­rat aus Ent­wick­lungs­ro­man und In­si­der­be­richt ist ei­ne durch­aus un­ter­halt­sa­me Lek­tü­re, ei­ne Er­in­ne­rung an die Stu­den­ten­zeit als vie­le Pro­ble­me noch so ge­ring wa­ren, daß sie in ei­ner hin­rei­chen­den Men­ge Bier er­tränkt wer­den konn­ten. Grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten hin­ge­gen be­wäl­tig­te man ge­mein­sam. Der Ro­man er­zählt Out­si­dern, al­so Frau­en und an­der­wei­tig Eman­zi­pier­ten, wie es so zu­geht auf dem Haus. Ver­spür­te man nicht die sym­pa­thisch wir­ken­de Nost­al­gie für den durch Gers­ten­saft ge­ne­rier­ten Grup­pen­zu­sam­men­halt, so könn­te man lei­se lä­chelnd den­ken, daß man es sich schon im­mer so ge­dacht ha­be. Oder hat­te man es sich nicht viel schlim­mer vor­ge­stellt? Das Kli­schee der na­tio­na­lis­tisch kon­ser­va­ti­ven Ver­bin­dungs­ty­pen be­stä­tigt Ho­ha­ges Ro­man nicht. Er wi­der­spricht ihm ve­he­ment, vor al­lem was die ge­schil­der­te Sän­ger­schaft be­trifft. Ho­ha­ge er­wähnt al­ler­dings, daß es durch­aus an­de­re Fäl­le gibt.

Sein Plä­doy­er für ein ver­al­te­tes WG-Mo­dell, das zwar mit­un­ter pu­ber­tär wirkt, aber auf Freund­schaft und Ver­trau­en ba­siert, ist ein neu­es, et­was an­de­res Cam­pus­buch über ein al­tes Phänomen.

Nunc est bibendum!

Auf der vom Au­tor ein­ge­rich­te­ten Sei­te zum Buch lässt sich die Re­zep­ti­on bei Pres­se, Buch­han­del und Be­trof­fe­nen verfolgen.

Kars­ten Ho­ha­ge, Män­ner-WG mit Trink­zwang: Wie ich in ei­ner Ver­bin­dung lan­de­te und war­um das gar nicht so schlimm war, rororo, 1. Aufl. 2012

Das Leben ein Glück?

Anna Katharina Hahn schildert in „Am Schwarzen Berg“ gegensätzliche Lebenserwartungen

War­um kann man nicht ein­fach nur da­sein? Bü­cher le­sen? Vö­gel be­ob­ach­ten und rum­spa­zie­ren?“(Pe­ter)

…sie haß­te die­se Ty­pen, ih­ren Ge­stank, aus dem sie all die Schreck­lich­kei­ten an­weh­ten, die pas­sie­ren konn­ten, wenn man sich nicht zu­sam­men riß, die schmut­zi­gen Ar­ten von Ar­mut und Ver­sa­ger­tum.“ (Mia)

Wie schon ihr vor­he­ri­ger Ro­man „Kür­ze­re Ta­ge“ spielt An­na Ka­tha­ri­na Hahns neu­es Buch in Stutt­gart. Zeit­ge­mäß spielt er zwi­schen gu­ten und schlech­te­ren Wohn­ge­gen­den, zwi­schen Baum­schüt­zern und Bi­blio­theks­be­nut­zern. Das be­son­de­re Au­gen­merk gilt drei Paa­ren, Mia und Pe­ter, Emil und Ve­ro­ni­ka, Cla­ra und Ha­jo. Sie sind durch den aus der Bahn ge­wor­fe­nen Pe­ter an­ein­an­der ge­bun­den und blei­ben trotz­dem auf sich al­lein ge­stell­te Ein­zel­we­sen. Je­der muss auf sei­ne Wei­se mit dem Le­ben zu­recht kommen.

Die Ein­gangs­sze­ne zeigt Pe­ter, die Kern­per­son des Ge­sche­hens, als ge­bro­che­nen Mann. Von Frau und Kin­dern ver­las­sen, macht ihn die De­pres­si­on er­neut zum Kind, das fol­ge­rich­tig ins el­ter­li­che Haus zu­rück ge­holt wird. Der Nach­bar und eins­ti­ge Zieh­va­ter Emil Bub be­ob­ach­tet dies und fühlt sich eben­so hilf­los wie Pe­ter. Auf die­sen be­saß er einst gro­ßen Ein­fluss. Emil präg­te Pe­ters ro­man­ti­sche Lie­be zur Na­tur und führ­te ihn an sein Idol Mö­ri­ke her­an, dem Hahn in viel­fäl­ti­ger Wei­se in ih­rem Ro­man Re­ve­renz er­weist. Auch Emil sieht trotz Leh­rer­kar­rie­re und Paar­be­zie­hung sei­ne Er­war­tun­gen an das Le­ben nicht er­füllt. Dar­auf deu­tet sei­ne Ab­hän­gig­keit vom Al­ko­hol, der auch von Ve­ro­ni­ka ge­schätzt wird. Die un­kon­ven­tio­nel­le, kin­der­los ge­blie­be­ne Bi­blio­the­ka­rin, kann so leicht nichts be­ein­dru­cken, le­dig­lich da­mals das Kind Pe­ter und heu­te die ge­bil­de­ten Pen­ner, die sich win­ters in der Bi­blio­thek zwi­schen und an den Bü­chern wärmen.

Ne­ben die­sem ei­gen­wil­li­gen Paar woh­nen die Raus, Pe­ters El­tern. Car­la, die für­sorg­li­che Über­mut­ter und der viel­be­schäf­tig­te Arzt Ha­jo, wel­cher sich kli­schee­ge­mäß mehr an­de­ren Men­schen als der ei­ge­ne Fa­mi­lie wid­met. Als Pe­ter selbst Va­ter wird be­schließt er, es an­ders zu ma­chen. Ganz das Ge­gen­bild sei­nes Va­ters ver­zich­tet er zu­guns­ten sei­ner klei­nen Söh­ne auf Kar­rie­re. Bei sei­ner Freun­din Mia, die ein gro­ßes fi­nan­zi­el­les Si­cher­heits­be­dürf­nis ver­spürt, er­zeugt dies je­doch Ängs­te. In Ar­mut auf­ge­wach­sen, wünscht sie sich von Pe­ter, dem Arzt­sohn, ge­re­gel­te fi­nan­zi­el­le Ver­hält­nis­se für die Fa­mi­lie. Pe­ter kann­te kei­ne ma­te­ri­el­len Nö­te, von vier Er­wach­se­nen ver­wöhnt, auch mit Lie­be und Ge­bor­gen­heit, scheint er nun die Chan­cen, die sich ihm bie­ten, nicht er­grei­fen zu wol­len. Mia hin­ge­gen wuchs oh­ne den tür­ki­schen Va­ter al­lei­ne bei ih­rer deut­schen Mut­ter auf, die mit Put­zen das Nö­tigs­te verdiente.

Wie die­se ver­schie­de­nen Ur­sprungs­wel­ten un­ter­schied­li­che Ent­wür­fen und In­ter­pre­ta­tio­nen des Le­bens be­din­gen, führt Hahn in ih­rem Ro­man ein­drück­lich aus. Sie stellt Fra­gen nach Schuld und Ver­ant­wor­tung und lässt sie rea­lis­tisch un­be­ant­wort­bar. Zu­gleich zeigt sie aber auch an klei­nen Bei­spie­len die un­über­brück­ba­ren Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten. So ist die Zweit­nut­zung ei­ner Eis­ver­pa­ckung als Brot­do­se für Mia ei­ne Er­in­ne­rung an die ar­men Ver­hält­nis­se der Mut­ter, für Pe­ter hin­ge­gen um­welt­be­wuss­tes Ver­hal­ten. Er, der mit Ra­gout fin auf­ge­wach­sen ist, legt kei­nen Wert auf Ma­te­ri­el­les, wäh­rend Mia, de­ren Ra­gout fin aus Wurst­gu­lasch be­stand, von be­schei­de­nem Wohl­stand träumt.

Hahn schil­dert in ih­rem Ro­man ver­schie­de­ne Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien ver­schie­de­ner Men­schen. Je­der ih­rer Prot­ago­nis­ten, die sie als Ein­zel­per­so­nen mit je­weils un­ter­schied­li­chem Glücks­an­spruch cha­rak­te­ri­siert, wird im Lau­fe der Ge­schich­te ein­mal zur Haupt­fi­gur. „Am schwar­zen Berg“ zeigt viel­schich­ti­ge Pro­ble­me und dies äu­ßerst kurz­wei­lig und bis­wei­len trotz der The­ma­tik auch amü­sant. Nicht zu­letzt dann, wenn sich die­ser Stutt­gar­t­ro­man in die Ca­fe­te­ri­en be­kann­ter Bi­blio­the­ken oder in die Zelt­städ­te der S21-Baum­schüt­zer wagt.

Edu­ard Mö­ri­ke taucht nicht nur als ro­man­ti­sches Dich­ter­idol von Emil Bub und des­sen Zög­ling Pe­ter auf. Er ist auch mit sei­nen Ge­dich­ten in die­sem Ro­man ge­gen­wär­tig. Den Bio­gra­phen Carl Fri­do­lin Wein­stei­ger wird man ver­geb­lich su­chen, von Her­mann Lenz las­sen sich je­doch ei­ni­ge Wer­ke fin­den, die sich auf Mö­ri­ke beziehen.

Die größ­te Ehr­erbie­tung an die­sen Dich­ter der Ro­man­tik hat Hahn je­doch durch die Fi­gur der Ma­ria Mia Mül­ler ge­schaf­fen. In Bio­gra­phie und Er­schei­nungs­bild ist sie ein Zi­tat der Ma­ria May­er, ei­ner dun­kel­haa­ri­gen Schön­heit mit brau­nen Au­gen und ei­nem Hang zum Steh­len, der Mö­ri­ke in sei­ner Ju­gend ver­fal­len war und die er in sei­nen Pe­re­gri­na Ge­dich­ten verewigte.

Literarisches Kuriositätenkabinett

Von „A.“ bis „Zylinder“ — Rainer Schmitz über Wissenswertes und Skurriles der literarischen Welt

So kann es ge­hen, man hört von ei­ner Neu­erschei­nung und wird da­durch auf ein längst er­schie­ne­nes Werk des­sel­ben Au­tors auf­merk­sam. Man hofft, die­ses sei ge­eig­net ei­ni­ge der un­zäh­li­gen Wis­sens­lü­cken zu stop­fen, be­sorgt es sich um­ge­hend und kommt dann nicht mehr los davon.

So ein Buch ist das Li­te­ra­tur­kom­pen­di­um von Rai­ner Schmitz „Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?“. Ein sol­cher Ti­tel pro­phe­zeit, daß man nach dem Le­sen nicht nur gut un­ter­hal­ten son­dern auch schlau­er sein wird. Der Un­ter­ti­tel „Al­les, was Sie über Li­te­ra­tur nicht wis­sen“ er­zwingt die so­for­ti­ge Probe.

Und tat­säch­lich, dach­te die ver­blüff­te Le­se­rin doch bis­her, daß der Sand­ku­chen we­gen sei­ner un­aus­weich­lich stau­bi­gen Kon­sis­tenz die­sen Na­men zu Recht tra­ge, so weiß sie nun, wel­che Schrift­stel­le­rin dem Tee­ge­bäck ih­ren Na­men lieh. Dass es sich bei die­sem ei­gent­lich um ein Pseud­onym han­delt, war auch der li­te­ra­risch hin­läng­lich Ge­bil­de­ten be­kannt. Wie die­se Ge­org ei­gent­lich hieß, er­fährt sie un­ter dem gleich­lau­ten­den Eintrag.

Über 1200 Stich­wör­ter hat der Jour­na­list und Au­tor Rai­ner Schmitz un­ter Mit­wir­kung von Nic­las De­witz und Wolf­gang Hoer­ner ge­sam­melt. Sie fül­len 1828 Ko­lum­nen, gut hun­dert da­von um­fasst al­lei­ne das um­fang­rei­che Re­gis­ter al­ler er­wähn­ten Autoren.

Un­wei­ger­lich ha­be ich mich fest­ge­le­sen. Mei­ne Neu­gier­de schwang sich von Stich­wort zu Ver­weis und blieb beim Blät­tern un­wei­ger­lich an Ku­rio­sem hän­gen. So könn­te ich nun ei­ni­ges er­zäh­len, über die er­dich­te­te Bi­li­tis, über ab­ge­lehn­te Best­sel­ler und sol­che, die nie­mand mehr kennt. Es fin­det sich Merk­wür­di­ges wie „Hun­de­fut­ter“ und Nach­denk­li­ches wie „Grab­in­schrif­ten“.

Am bes­ten macht man sich aber mit dem Buch be­kannt, in­dem man ei­nen Schrift­stel­ler her­aus­pickt und des­sen Ein­trä­ge ver­folgt. Mei­ne Wahl fiel auf Mar­cel Proust, für ihn weist das Re­gis­ter 33 Fund­stel­len aus. Sie rei­chen von „Ab­ge­lehnt“ bis „längs­ter Zeit­raum“. Un­ter „Ab­ge­lehnt“ er­fah­ren wir, daß nicht nur die „Re­cher­che“ von Ver­la­gen ei­ne Ab­fuhr be­kam, son­dern auch Ke­rou­acs „On the Road“, Süs­kinds „Das Par­fum“ und Row­lings „Har­ry Pot­ter“.

Nicht nur Proust dien­te das „Bett“ als li­te­ra­ri­sche Wirk­stät­te, auch Mark Twa­in zog sich ger­ne an die­sen Ort der In­spi­ra­ti­on zu­rück, meist mit ei­ner Zi­gar­re. Wir le­sen von ge­leb­tem und li­te­ra­ri­schem „Dan­dy­is­mus“ und wun­dern uns nur we­nig, daß die­ser in Deutsch­land sel­ten an­zu­tref­fen war. In­ter­es­siert ver­folgt man den poe­ti­schen Ein­fluss des „Darms“ bei Proust, Mann und Schil­ler, wäh­rend He­ming­way auch dies sei­nem Ruf ge­mäß lös­te. Un­ter „Du­ell­ver­wei­ge­rung“ le­sen wir von Prousts Är­ger mit ei­nem Pap­pa­raz­zo, des­sen Ver­däch­ti­gung un­ter „Schwul in 14 Ko­lum­nen er­läu­tert wird.

Na­tür­lich fin­det Mar­cel Proust mit sei­nem Werk Ein­gang in den  „Ka­non“, bei­spiels­wei­se in den der Pa­ri­ser Aka­de­mie Gon­court und in die ZEIT-Bi­blio­thek der 100 Bü­cher. Wie sei­ne Ka­non­kol­le­gen Kaf­ka, Joy­ce und Ke­rouac, fin­det sich auch ei­nes sei­ner Ma­nu­skrip­te, ge­nau­er die Kor­rek­tur­fah­nen des ers­ten Teils der Re­cher­che, un­ter den „teu­ers­ten Ma­nu­skrip­ten“ der Welt. Mit Kaf­ka teilt er au­ßer­dem noch den Ein­trag „Lun­ge“, wei­te­re be­rühm­te Lei­dens­ge­nos­sen sind Fjo­dor Dos­to­jew­ski und Tho­mas Bernhard.

Das Stich­wort „Lin­den­blü­ten­tee“ be­legt er ganz al­lei­ne, aber die ei­gent­lich un­be­dingt zu­ge­hö­ri­ge Made­lei­ne fehlt un­ver­ständ­li­cher­wei­se. Dar­über mag die Be­kannt­schaft mit dem Verb „prou­sti­fier“ hin­weg trös­ten, un­ter „Prousta­ta“ er­fah­ren wir vom chir­ur­gi­schen Ge­schick sei­nes Bruders.

Zwei­mal macht der ver­ehr­te Dich­ter den zwei­ten Platz, beim „längs­ten Ro­man“ und beim „längs­tens Satz“, die­ser ist je­doch in Ge­gen­satz zum Sie­ger voll­stän­dig ab­ge­druckt, na­tür­lich über zwei Ko­lum­nen. Mü­ßig zu sa­gen, daß Mar­cel Proust in ei­ner Le­ser­be­fra­gung von fünf gro­ßen eu­ro­päi­schen Zeit­schrif­ten an sieb­ter Stel­le stand. Wer sich für die üb­ri­gen Ge­nann­ten in­ter­es­siert, der schla­ge selbst nach.

Die­ses li­te­ra­ri­sche Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett sei je­dem Li­te­ra­tur­lieb­ha­ber emp­foh­len, es ist lehr­reich, amü­sant, span­nend und skurril.

Rai­ner Schmitz, Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?, Hey­ne Ver­lag, 12/2008

Mittelalterliches Mirakel oder wie Piper mir ein Zeichen sandte

Die Welfenkaiserin“ – Martina Kempffs mittelalterliche Frauenpower

Uuaaaahhhh, zu Be­ginn hat’s mich ganz ge­wal­tig ge­graust. Nicht vor der im­mer noch als fins­te­res Mit­tel­al­ter in den Köp­fen her­um­schwir­ren­den Epo­che, son­dern vor dem His­to­ri­schen Ro­man, der letz­ten Le­se­auf­ga­be un­se­res Literatur-Kreises.

Mit der Wel­fen­kai­se­rin soll­te ich nun al­so ins frü­he Mit­tel­al­ter hin­ab­tau­chen ge­nau­er an den Hof des Ka­ro­lin­gers Lud­wigs I., ge­nannt der From­me. Mir schwan­te nichts Gu­tes. Ein­ge­schla­ge­ne Köp­fe, ver­ge­wal­tig­te Frau­en, tot­ge­bo­re­ne Kin­der, meist in die­ser Chro­no­lo­gie, auf­ge­lo­ckert von ex­pli­zi­ten Gräu­el­ta­ten und def­ti­gen Sex­sze­nen, sind das Holz aus dem His­to­ri­sche Ro­ma­ne ge­schnitzt sind. So die Ein­sich­ten, die mich längst zu­rück lie­gen­de Le­se­er­fah­run­gen lehr­ten. Die Ti­tel­ge­bung weckt zu­dem Re­mi­nis­zen­zen an Bü­cher, von de­nen ich ei­gent­lich über­haupt nichts wis­sen will.

Nun denn, es ward be­stellt und auf­ge­blät­tert. Dies je­doch nicht auf der ers­ten Sei­te, son­dern an ei­ner Stel­le, die der Ver­lag mir mar­kiert hat­te. Ge­nau zwi­schen Sei­te 116 und 117 lag das als Post­kar­te ge­tarn­te Zei­chen an die vor­ur­teils­rei­che Historikerin.

Sprach­los blick­te der Kai­ser auf die nackt vor ihm ste­hen­de Frau. Nicht ein­mal der Schreck über den ho­hen Leib ver­hin­der­te das so­for­ti­ge Ein­set­zen sei­ner Begierde.“

Sprach­los auch ich, Wun­der und Zei­chen in ei­nem Mit­tel­al­ter­ro­man, wer hät­te das gedacht.

Auch im wei­te­ren Ver­lauf la­gen die Lei­ber hie und da bei­ein­an­der, doch die an­de­ren Er­schei­nun­gen blie­ben weit­ge­hend aus. Köp­fe wur­den dis­kret ab­ge­schla­gen, Fol­ter­rei­en ne­ben­her er­le­digt, Ver­ge­wal­ti­gun­gen so­fort wie­der ver­ges­sen und schwe­re Ge­bur­ten fan­den hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt. Uffa!

Mar­ti­na Kempff stellt Ju­dith, die Toch­ter des Gra­fen Welf aus dem schwä­bi­schen Alt­dorf, in den Mit­tel­punkt ih­res Ro­mans. Sie zeich­net das Le­ben der an­ge­hen­den Kai­se­rin von der Braut­schau bis zu ih­rem Tod. Ei­ne Wel­fen­kai­se­rin war und wur­de sie al­ler­dings nicht, son­dern ei­ne Fran­ken­kai­se­rin oder bes­ten­falls Ka­ro­lin­ger­kai­se­rin. Die Frau­en­ge­stal­ten ste­hen in die­sem Ro­man im Vor­der­grund. Die po­li­ti­schen Zeit­läuf­te, Lud­wigs Rin­gen um die Ein­heit des von Karl dem Gro­ßen auf ihn ge­kom­me­nen Groß­rei­ches, Ver­wal­tungs­re­for­men und Erb­fol­ge­re­ge­lun­gen ein­ge­schlos­sen, bil­den das Ge­rüst. In die­ses bet­tet Kempff das Schick­sal der jun­gen, schö­nen aber oft viel zu mo­dern wir­ken­den Kai­se­rin. Nicht die In­tri­gen um Macht und Ge­winn bil­den die Es­senz die­ses Ro­mans son­dern das Per­sön­li­che. Wie füg­te sich die zwar durch­set­zungs­fä­hi­ge, aber un­er­fah­re­ne Frau in die Ge­folg­schaft des Kai­sers? Wie er­trug sie Ma­ni­pu­la­ti­on, Lie­be und Leid?

Die­se Rol­len als Ge­lieb­te und als Mut­ter sind ty­pi­sche Frau­en­bil­der, die Kempff ihr je­doch in ei­ner viel zu eman­zi­pier­ten Wei­se auf den Leib schreibt. Das stört mich und das emp­fin­de ich als ahis­to­risch. Trotz al­ler Quel­len kön­nen wir nicht wis­sen, wie es da­mals zu­ge­gan­gen ist in den Kam­mern und Zel­ten des Pa­la­ti­ums. Aber Frau­en des frü­hen Mit­tel­al­ters, die wie toug­he Ver­tre­te­rin­nen der Ge­ne­ra­ti­on Face­book auf­tre­ten, wir­ken un­glaub­wür­dig. Das ist oft das größ­te Man­ko des His­to­ri­schen Ro­mans, des­sen Fans ger­ne die gu­te Re­cher­che ih­rer Au­toren anführen.

Die­se Au­torin hält sich an die Fak­ten aus Wi­ki­pe­dia und der äl­te­ren Se­kun­där­li­te­ra­tur, die sie als „Quel­len“ auf­führt. Ei­ne der pri­mä­ren Quel­len, der bio­gra­phi­sche Be­richt ei­nes an­ony­men Ver­fas­sers, des so­ge­nann­ten As­tro­no­mus, in­spi­rier­te sie wohl je­dem Ro­man­ka­pi­tel ei­ne Chro­nik vor­an­zu­stel­len. Die­se um­fasst die Er­eig­nis­se ei­ner an­ge­ge­be­nen Zeit­span­ne und setzt so das Ge­sche­hen in ei­nen his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang. Ver­fas­se­rin die­ser auf mit­tel­alt ge­mach­ten, aber doch mit mo­der­nen Be­grif­fen aus­ge­stat­te­ten Chro­nik ist ei­ne eben­falls an­ony­me As­tro­no­ma ali­as Mar­ti­na Kempff.

Doch was will mir die­ses Buch ver­mit­teln? Le­se ich es um mich der his­to­ri­schen Epo­che an­zu­nä­hern? Dem Le­bens­ge­fühl „Mit­tel­al­ter“, oder bes­ser dem, was man land­läu­fig dar­un­ter ver­steht dank der Hor­den ost­eu­ro­päi­scher Schau­spiel­sta­tis­ten un­ter der Fan­ta­sie ei­nes ge­wis­sen Fernsehhistorikers?

Für mein Emp­fin­den blei­ben die Per­so­nen des Ro­mans selt­sam blass, sie durch­le­ben kaum ei­ne Ent­wick­lung und die­nen nur als Fi­gu­ren um die Il­lus­tra­ti­on des Mit­tel­al­ters zu be­völ­kern. Mich ha­ben sie kalt ge­las­sen, so kalt wie zu­ge­fro­re­ne Tei­che, in die sie äu­ßerst ger­ne auf me­ta­pho­ri­sche Wei­se blicken.

Wem die­ser Ro­man ge­fal­len hat, mag noch „Die Beu­te­frau“ le­sen, der das Le­ben Gerswinds und da­mit die An­fän­ge der Ka­ro­lin­ger­herr­schaft schildert.

Wer wis­sen möch­te, war­um Karl der Kah­le wirk­lich so hieß, bli­cke in „War Karl der Kah­le wirk­lich kahl?“ von Rein­hard Lebe.

Wer sich his­to­risch für die­se Zeit in­ter­es­siert, dem sei die Bio­gra­phie „Lud­wig, der From­me“ des His­to­ri­kers Egon Bos­hof emp­foh­len. Sie setzt sich kri­tisch, aber gut les­bar mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Quel­len und For­schun­gen zu die­sem Ka­ro­lin­ger aus­ein­an­der. Ga­ran­tiert gut recherchiert.

Wer lie­ber hö­ren und se­hen und nicht le­sen möch­te, der sei auf die „Ein­füh­rungs­vor­le­sung Mit­tel­al­ter“ von Stuart Jenks ver­wie­sen, die die­ser an der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg ge­hal­ten hat. Sie ist in der Me­dia­thek der Uni­ver­si­tät als Au­dio- und Vi­deo­down­load abrufbar.

Jenks be­rich­tet fun­diert und kurz­wei­lig von der bun­ten Viel­falt der an­geb­lich so dunk­len Zei­ten und zieht zu­dem Ver­glei­che zu äu­ßerst mo­der­nen Vor­komm­nis­sen, sei­en es Ban­ken- oder Fußballkrisen.

Mar­ti­na Kempff, Die Wel­fen­kai­se­rin, Pi­per Ver­lag, 2009

Von Pans Arkadien zu Pans Labyrinth

Wie die Manipulation eines Einzelnen zur manipulierten Gesellschaft führt zeigt Benjamin Stein in „Replay

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te. Aber wor­auf, fra­ge ich Man­t­a­na, willst du ei­gent­lich hin­aus? Auf nichts, ant­wor­tet er prompt. Aber das ist na­tür­lich ge­lo­gen. Ich ha­be noch nie er­lebt, dass er so weit aus­ge­holt hät­te, oh­ne mir et­was Be­stimm­tes mit­tei­len zu wollen.“

Gleich zu Be­ginn be­geg­nen wir ihm schon, Pan, dem Wald­gott der grie­chi­schen My­tho­lo­gie, der in sei­ner Gier Zie­gen, Nym­phen und Kna­ben be­springt, al­so al­les, was nicht bei drei auf den Bäu­men ist. Ed Ro­sen, der Prot­ago­nist von Ben­ja­min Steins Uto­pie er­blickt ihn zum ers­ten Mal in ei­ner Kunst­aus­stel­lung. Viel­mehr er­in­nert er sich, wie er die Ab­bil­dung des trieb­haf­ten Na­tur­got­tes auf den Bil­dern des Künst­lers Hay­man be­wun­der­te. Ro­sen be­wegt sich wäh­rend des gan­zen Ge­sche­hens in sei­nen Er­in­ne­rungs­bil­dern und stat­tet dar­über Be­richt ab. Er­staunt über die Leich­tig­keit mit der sich selbst ein in­tel­li­gen­ter Mensch ma­ni­pu­lie­ren lässt, ver­fol­gen wir sei­ne Ver­wand­lung. Aus dem äu­ßer­lich ver­nach­läs­sig­ten, aber den­noch ge­nia­len Wis­sen­schaft­ler wird nach ei­nem Vor­her-Nach­her-Pro­gramm, das wahl­wei­se dem Mär­chen oder ei­ner Frau­en­zeit­schrift ent­stam­men könn­te, ein fit­ness­ge­stähl­ter Kör­per- oder bes­ser Fuß­fi­xier­ter. Auch sein Hirn, wel­ches sei­nem neu­en Chef und Ma­ni­pu­la­tor Man­t­a­na zu­nächst zur Ent­wick­lung der all­macht­ver­hei­ßen­den Tech­no­lo­gie Uni­Com ver­hilft, ver­än­dert sich all­mäh­lich. Als Trä­ger des Uni­Com, ei­nes Im­plan­tats, das so­wohl ei­ge­ne Er­in­ne­run­gen als auch die an­de­rer Trä­ger spei­chern und ver­net­zen kann, scheint Ro­sen all­mäh­lich die Kon­trol­le über sich und über die Un­ter­schei­dung zwi­schen rea­ler und vir­tu­el­ler Welt zu verlieren.

Ben­ja­min Stein schil­dert die Me­ta­mor­pho­sen sei­nes Hel­den auf sehr span­nen­de Wei­se. Be­son­ders die ers­ten bei­den Drit­tel der Ge­schich­te ha­ben mir gut ge­fal­len. Sie re­gen an sich mit ver­schie­de­nen For­men der Ma­ni­pu­la­ti­on aus­ein­an­der zu set­zen, die ge­ra­de auch in den neu­en Tech­no­lo­gien ver­bor­gen lie­gen. Al­ler­dings geht es nicht sehr in die Tie­fe. Über psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Wahr­neh­mungs­theo­rien hät­te ich ger­ne mehr er­fah­ren. Die um­ständ­li­chen tech­no­lo­gi­schen Er­klä­run­gen hin­ge­gen ha­ben mich et­was er­mü­det. Nerds und Ge­eks wer­den sie er­freu­en und die­se Spe­zi­es wird sich wohl auch wie wei­land bei Ro­bert A. Wil­sons und Ro­bert She­as Il­lu­mi­na­tus-Tri­lo­gie an den ero­ti­schen Sze­nen delektieren.

Al­te und neue My­then, Li­te­ra­tur- und Film­zi­ta­te so­wie zahl­rei­che phi­lo­so­phi­sche Ver­wei­se über­schwem­men die­sen schma­len Ro­man. Viel­leicht regt er zur wei­te­ren Lek­tü­re an, mei­net­we­gen auch in vir­tu­el­len Büchern.

Dem un­ter­halt­sa­men Ro­man fehlt es nicht an Iro­nie, wie die zahl­rei­chen Sei­ten­hie­be auf Life­sty­ler, Lat­te-Mac­chia­to-Kon­su­men­ten und Dis­li­ke-But­ton-Be­tä­ti­ger zeigen.

Nur ob das pul­sie­ren­de blaue Licht an den Schlä­fen der Uni­Com-Trä­ger ei­ne Hom­mage oder ei­ne Ve­r­appleung sein soll, bleibt un­klar. Mich er­in­nert es je­den­falls an mein klei­nes schla­fen­des MacBook.

Ben­ja­min Stein, Re­play, Beck Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Ehen eines Empfindsamen

Aufschlussreiche Beziehungsbiographie — „Hesses Frauen“ von Bärbel Reetz

Für den Künst­ler, über­haupt für den be­gab­ten Phan­ta­sie­men­schen, ist die Ehe bei­na­he im­mer ei­ne Ent­täu­schung. Im bes­ten Fall ist es ei­ne lang­sa­me, er­träg­li­che, mit der man sich halt ab­fin­det, aber es stirbt da­bei, oh­ne viel Schmer­zen, ein Stück See­le und Le­bens­kraft ab, und wir sind nach­her är­mer, wäh­rend wir nach dem Er­le­ben ei­nes ech­ten gro­ßen Schmer­zes eher rei­cher sind.“ Her­mann Hes­se, nach Reetz, S. 288.

Ei­ne Ju­gend oh­ne Her­mann Hes­se ist denk­bar aber un­wahr­schein­lich. Auch ich kann mich an die Lek­tü­re von „Nar­ziß und Gold­mund“ er­in­nern und ver­bin­de da­mit ge­gen­sei­ti­ges Vor­le­sen in ei­ner ei­gen­tüm­lich schwär­me­ri­schen Stim­mung, die mich seit­dem kaum noch be­fal­len hat. Vie­le Jah­re spä­ter be­geg­ne­te mir der Au­tor in sei­nem pie­tis­ti­schen Mi­lieu, das mich aus his­to­ri­schen Grün­den in­ter­es­sier­te. Zu die­ser Zeit las ich ei­ni­ge bio­gra­phi­sche Wer­ke und wun­der­te mich oft über die Dar­stel­lung von Hes­ses ers­ter Ehe­frau Mia. Dass die psy­chisch Kran­ke eher un­ter ih­rer Ehe als un­ter Neu­ro­sen oder Psy­cho­sen litt, schien sehr wahrscheinlich.

Bär­bel Reetz lie­fert nun die Fak­ten. In gründ­li­cher Re­cher­che und Quel­len­ar­beit hat sie Her­mann Hes­ses Be­zie­hun­gen zu sei­nen Frau­en durch­leuch­tet und legt mit „Hes­ses Frau­en“ ei­ne span­nend ge­schil­der­te Be­zie­hungs­bio­gra­phie vor. Der chro­no­lo­gi­sche Auf­bau folgt Hes­ses Ehen, 1904 mit Ma­ria Ber­noul­li, 1924 mit Ruth Wen­ger und 1931 mit Ni­non Dol­bin. Auch die nicht of­fi­zi­ell An­ge­trau­ten, den­noch kaum als Ge­lieb­te zu be­zeich­nen­den, fin­den Er­wäh­nung, Eli­se, Ju­lie Hell­mann, Eli­sa­beth La Ro­che, Eli­sa­beth Rupp.

Frü­he Bio­gra­phen spa­ren Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen aus oder las­sen le­dig­lich Maria/Mia, sei­ne ers­te Frau und Mut­ter der drei ge­mein­sa­men Söh­ne, in wenn auch frag­li­chem Licht er­schei­nen. Um vie­les prä­zi­ser ana­ly­siert Reetz ge­ra­de die­se ers­te Ehe Hes­ses. Ist man zu Be­ginn scho­ckiert über die an­schei­nen­de Ge­fühls­käl­te Hes­ses ge­gen­über sei­ner Frau und fast noch mehr ge­gen­über den von ihm als stö­rend oder zu­min­dest gleich­gül­tig emp­fun­den Kin­dern, so er­lebt man am En­de des Bu­ches, wie Hes­se sich im Al­ter um so stär­ker Mia und sei­nen Söh­nen zu­wen­det. Es war al­so wohl we­ni­ger ei­ne Ge­fühls­käl­te als ei­ne Ge­fühls­un­ter­drü­ckung. Letzt­lich mag sie dem pie­tis­ti­schen Mi­lieu sei­ner Kind­heit und Ju­gend ge­schul­det sein, das ihn nach­hal­tig prägte.

Die­se Schluss­fol­ge­rung klingt auch in Reetz’ Über­le­gun­gen zum Ver­hal­ten Her­mann Hes­ses an. Be­zie­hun­gen zu Frau­en un­ter­hielt er lie­ber aus der Di­stanz, zu viel Nä­he emp­fand er als stö­rend, von Ero­tik kaum ei­ne Spur. Ein as­ke­ti­sches, fast ein­sied­le­ri­sches Künst­ler­le­ben, in dem es durch­aus re­gen Aus­tausch mit Freun­den und Ge­sel­lig­keit gab. Aber im­mer wie­der auch Rück­zug und Flucht. Zu­viel Nä­he, auch ero­ti­sche, muss er als be­droh­lich emp­fun­den ha­ben. Um­so mehr er­staunt es, daß sich Frau­en von ihm an­ge­zo­gen fühl­ten. Viel­leicht wird dies ver­ständ­lich, wenn wir uns dar­an er­in­nern, daß Hes­ses Schrif­ten vor al­lem im ori­en­tie­rungs­su­chen­den Al­ter der Pu­ber­tät als Or­te des Ver­ste­hens emp­fun­den wer­den. Hes­se als Men­schen­ver­ste­her, der die­sen dann doch nicht all­zu na­he kom­men möchte?

Bär­bel Reetz schil­dert wie er sich von sei­nen bei­den spä­te­ren Frau­en Ruth und Ni­non, bei­de we­sent­lich jün­ger als er, ge­ra­de­zu ein­ge­fan­gen fühl­te. Ein ge­fan­ge­ner Vo­gel, der sich ei­nem Kä­fig der Zwei­sam­keit ver­wei­gert, um das un­ab­hän­gi­ge Le­ben ei­nes Ein­zel­nen zu füh­ren. Wor­auf auch beim Be­woh­nen ei­nes ge­mein­sa­men Hau­ses ge­ach­tet wird. War­um er sich trotz­dem hei­ra­ten ließ, lässt sich aus den viel­fäl­ti­gen An­ga­ben, die die Au­torin har­mo­nisch und schlüs­sig zu die­ser Be­zie­hungs­bio­gra­phie kom­po­niert, er­ah­nen. Al­len drei Frau­en war ge­mein­sam, daß sie, je­de auf ih­re Wei­se, dem Dich­ter den schnö­den All­tag und des­sen ba­na­le Sor­gen vom Leib hielten.

Be­reits Mia macht sehr vie­le, zu vie­le Zu­ge­ständ­nis­se. Ih­re Be­dürf­nis­se und die der Kin­der soll­ten sei­ner künst­le­ri­schen Krea­ti­vi­tät nicht im We­ge ste­hen. Der an Me­nin­gi­tis er­krank­te Mar­tin wird kur­zer­hand in Pfle­ge ge­ge­ben, da­mit er nicht die Dich­ter­ru­he stö­re. Dass Hes­se da­durch er­heb­lich die Ge­füh­le Mi­as und sei­nes Soh­nes ver­letzt, scheint ihn nicht zu hem­men. Dies em­pört be­son­ders, da er die meis­te Zeit un­ter­wegs ist. Er ent­zieht sich, lässt Mia al­lei­ne mit Ar­beit und Sor­gen und be­schreibt ihr auf Post­kar­ten, wie schön er es doch an sei­nen Rei­se­zie­len ha­be. Dass sei­ne Frau schließ­lich nach lang­jäh­ri­gem Er­tra­gen die­ser Zu­stän­de de­pres­si­ve Zu­sam­men­brü­che er­lei­det, ver­wun­dert nicht.

Ge­fan­ge­ner Vo­gel, be­mut­ter­tes Kind, emp­find­li­cher Hy­po­chon­der, ins­ge­samt ist der Dich­ter kein ein­fa­cher Mensch. Sucht er in sei­nen Ehe­frau­en sei­ne Mut­ter Ma­rie Hes­se? Die Toch­ter des Sprach­for­schers und Mis­sio­nars Her­mann Gun­dert und der von Cal­vi­nis­ten ab­stam­men­den Ju­lie Du­bo­is be­schreibt Hu­go Ball, der ers­ter Bio­graph Hes­ses, als stren­ge kon­trol­lier­te Pie­tis­tin, die ihr Ge­fühls­le­ben und ih­re Per­sön­lich­keit der Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums un­ter­ord­ne­te. Der schma­le Weg führt ins Him­mel­reich, Ge­nuss und Selbst­ver­wirk­li­chung lie­gen nicht an sei­ner Sei­te. Hes­se ver­sucht sich von die­sem pie­tis­ti­schen Ein­fluss zu be­frei­en, wir le­sen dies in sei­nen Ro­ma­nen. Un­ter­stüt­zung sucht er bei sei­nen The­ra­peu­ten Fraen­kel, Lang und Nohl. Als sei­ne Frau eben­falls die Hil­fe Nohls in An­spruch nimmt, zeigt er we­nig Ver­ständ­nis. Sie, die zur Be­wäl­ti­gung ih­rer Pro­ble­me ei­gent­lich sei­ne Un­ter­stüt­zung be­nö­tigt hät­te, be­zeich­net er auch Jah­re spä­ter als Wahn­sin­ni­ge, die durch ih­re Zu­stän­de die Ehe zer­stört habe.

Ruth Wen­ger, ei­ne rei­che Bür­gers­toch­ter wird Hes­ses zwei­te Frau. Sie schwärmt für ihn seit dem Ken­nen­ler­nen in Mon­tagno­la. Er ver­sucht im­mer wie­der sich ihr zu ent­zie­hen, bleibt aber schließ­lich in ih­ren Fän­gen haf­ten. Nur zäh­men lässt er sich kei­nes­wegs. Er wehrt sich ve­he­ment ge­gen al­le Bür­ger­lich­keit, ver­wei­gert sich aber­mals dem Fa­mi­li­en- und Zu­sam­men­le­ben. Ih­ren un­er­füll­ten Kin­der­wunsch kom­pen­siert Ruth mit ei­ner Me­na­ge­rie. Sie be­klagt sich, weil Hes­se sich wei­gert ein ge­mein­sa­mes Le­ben zu füh­ren, ei­ne rich­ti­ge Ehe. Und kon­sta­tiert, die idea­le Part­ne­rin müs­se sehr stark oder hün­disch sein.

Was Hes­se von der Fer­ne liebt, mei­det er in der Nä­he. Ver­wand­te oder Ehe­leu­te emp­fin­det er als stö­rend, zu Freun­den pflegt er bes­se­re Be­zie­hun­gen. Er sei „ein schlech­ter und un­ge­eig­ne­ter Ver­wand­ter, da­ge­gen ein gu­ter und treu­er Freund“. HH, nach Reetz, S. 234.

Ni­non Aus­län­der sen­det als jun­ges Mäd­chen nach der Lek­tü­re von „Pe­ter Ca­men­zind“ dem Au­tor ei­nen be­geis­ter­ten Brief. Hes­se lässt den Brief­kon­takt zu, ein Tref­fen lehnt er je­doch ab. Nach Hei­rat mit Do­b­lin und lan­gen Jah­ren War­te­zeit wird auch Ni­non Frau Hes­se. Sie hat ihr Idol er­obert, doch sei­ne Lau­nen und Wut­aus­brü­che wird auch sie er­tra­gen ler­nen. Sie woh­nen in den ers­ten Jah­ren ge­mein­sam in der Ca­sa Ca­muz­zi, aber in un­ter­schied­li­chen Zim­mern auf un­ter­schied­li­chen Stock­wer­ken in un­ter­schied­li­chen Flü­geln. Zet­tel­bot­schaf­ten re­geln die spär­li­che Zwei­sam­keit. Ein Ehe­le­ben lässt sich das kaum nen­nen. Auch Ni­non ent­zieht sich, folgt ih­ren kunst­his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen In­ter­es­sen auf Rei­sen rund ums Mit­tel­meer. Im­mer­hin liest sie je­den Abend vor, bis zu sei­nem Tod aus 1447 Büchern.

Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen bil­den den Schwer­punkt des Bu­ches, aber man er­fährt bei der Lek­tü­re vie­les mehr. Reetz ver­knüpft die bio­gra­phi­schen De­tails mit Schlüs­sel­sze­nen und –fi­gu­ren aus Hes­ses Ro­ma­nen und er­in­nert an sei­nen lo­cke­ren Um­gang mit Per­sön­lich­keits­rech­ten. Den Mensch Hes­se er­le­ben wir in sei­nen Selbst­zwei­feln und sei­nen Pro­ble­men. Im­mer wie­der bre­chen sei­ne jä­hen Ge­füh­le aus, de­nen die je­wei­li­gen Be­glei­te­rin­nen als Blitz­ab­lei­ter die­nen müs­sen. Ih­re un­ter­stüt­zen­de Wirk­sam­keit weiß er al­ler­dings oft nicht zu würdigen.

Und doch ist er ei­nem auch wie­der sym­pa­thisch, der ein­sa­me Dich­ter, der sich fremd fühlt, ge­ra­de dann, wenn er un­ter Men­schen ist, auf Le­se­rei­sen aus sei­nen Wer­ken vor­liest, um da­nach mit an­se­hen zu müs­sen „wie sie Schnit­zel und Blut­wurst fres­sen und sitzt so fremd und ent­behr­lich da­zwi­schen, daß ei­nem das in­ners­te Herz friert“, HH, nach Reetz, S. 286.

Mit „Hes­ses Frau­en“ hat Bär­bel Reetz ei­ne auf­schluß­rei­che Er­gän­zung zur Hes­se-Bio­gra­phie vor­ge­legt, die in Hes­ses 50. To­des­jahrs dar­an er­in­nert, daß auch no­bel­preis­tra­gen­de Dich­ter nur Men­schen sind.

Er­schie­nen ist der Ti­tel als In­sel Ta­schen­buch in be­son­de­rer Auf­ma­chung. Ori­gi­nal­zi­ta­te er­gän­zen als „Stim­men“ die Ka­pi­tel. Fo­tos, auch aus Pri­vat­ar­chi­ven der Hes­se Nach­fah­ren il­lus­trie­ren den Text­teil. Im An­hang bie­ten ne­ben ei­ner aus­führ­li­chen Zeit­ta­fel, Personen‑, Literatur‑, Quel­len- und In­halts­ver­zeich­nis, wei­te­re Er­läu­te­run­gen Ein­bli­cke in die Re­cher­che­ar­beit der Autorin.

Bär­bel Reetz, Hes­ses Frau­en, In­sel Ver­lag, 1. Aufl. 2012
 

Hin­ge­wie­sen sei noch auf ei­nen Auf­tritt der Au­torin Bär­bel Reetz in „Li­te­ra­tur im Foy­er”. Dort dis­ku­tiert sie un­ter der Lei­tung von Fe­li­ci­tas von Loven­berg mit Jo Bai­er, Pe­ter Härt­ling und Heimo Schwilk über Her­mann Hesse.

Wühlen im Gestrüpp der Vergangenheit

In „Das Liebesspiel“ schreibt Dawn Tripp vom Scrabblespielen und Origamifalten

Scrabble.“…„Fünf Be­deu­tun­gen als Verb,“ sag­te ich. „Vier, mei­ne ich, als Sub­stan­tiv. Krat­zen und wüh­len. Sich pla­gen, krab­beln und krit­zeln. Ge­strüpp kann es auch hei­ßen – als Sub­stan­tiv, wie ge­sagt. Aber das Spiel stand nicht als Be­deu­tung dabei.“

So wie man beim Scrabb­le vor ei­ner Men­ge Buch­sta­ben sitzt und an­ge­strengt über­legt, wie man aus die­sen ein ein­zi­ges Wort kom­po­nie­ren kann, war auch der Ver­such zum ver­wi­ckelt kon­stru­ier­ten neu­en Ro­mans von Dawn Tripp ei­ne Re­zen­si­on zu ver­fas­sen nicht unanstrengend.

Die­ses Buch er­zählt die Ge­schich­te der Frau­en Ada und Ju­ne, die sich auf­grund ver­gan­ge­ner Er­eig­nis­se ei­gent­lich has­sen müss­ten, sich je­doch sehr na­he sind. Ada war einst die Ge­lieb­te von Ju­nes Va­ter und der Grund, wes­halb die­ser sich von sei­ner Ehe­frau trenn­te. Sei­ne Toch­ter Ja­ne sah er je­doch nach wie vor re­gel­mä­ßig bis er 1957 ei­nes Ta­ges spur­los ver­schwand. Als fünf Jah­re spä­ter beim Bau der neu­en Stra­ße ein Schä­del mit Ein­schuss­loch ent­deckt wird ist klar, daß Luce nie mehr auf­tau­chen wird. Wer die­se Mord­tat ver­rich­tet hat, scheint den Be­woh­nern des klei­nen Or­tes eben­so klar, Si­las, der ge­walt­tä­ti­ge und ei­fer­süch­ti­ge Ehe­mann Adas.

Dies ist die Aus­gangs­la­ge der Ge­schich­te, de­ren Haupt­hand­lung im Jahr 2004 spielt. Ada und Ja­ne sind nun zwei al­te Da­men, die sich wö­chent­lich zum Scrabb­le­spiel tref­fen wäh­rend ih­re er­wach­se­nen Kin­der ei­ge­ne We­ge ge­hen. Die jüngs­te Toch­ter Ju­nes, Mar­ne, hat ihr Weg wie­der nach Hau­se in ei­ne klei­ne Pro­vinz­stadt Neu­eng­lands ge­führt, wi­der­wil­lig, strebt sie doch eher in die wei­te Welt. Aber das selt­sam, ver­rück­te Ver­hal­ten der Mut­ter weck­te ihr Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und den Wunsch für die­se da zu sein. Nun sitzt sie in dem Küs­ten­ort, kell­nert, rutscht in al­te Rol­len­mus­ter und ver­liebt sich. Aus­ge­rech­net in Ray, den Sohn Adas, für den sie schon als Teen­ager schwärmte.

Die bei­den an­de­ren Haupt­per­so­nen des Ro­mans, Ada und Ja­ne, ver­bin­det das Ver­schwin­den Luces, die Ver­liebt­heit ih­rer bei­den Kin­der und wei­te­re trau­ma­ti­sche Er­eig­nis­se. Viel­fäl­ti­ge Par­al­le­len, die stets von Lie­be und Ver­lust handeln.

Dies al­les ge­schieht im som­mer­li­chen Küs­ten­licht. Tripp er­zeugt in stim­mungs­vol­len Sät­zen die At­mo­sphä­re des Som­mers, sie schil­dert die Land­schaft, die Ve­ge­ta­ti­on, das Was­ser in bild­haf­ter Poe­sie. Die Hit­ze auf der Haut sitzt man so am Meer oder auf dem Pick-up, ist bei der Heu­ern­te oder har­pu­niert ei­nen Schwert­fisch, fal­tet Hun­der­te von Ori­ga­mi­vö­geln, spielt Mi­ni­golf oder doch meist Scrabb­le. Wo­bei man stets ver­sucht ist, aus den im Spiel ge­leg­ten Wor­ten die Grün­de des Ge­sche­hens zu deu­ten. Wei­te­re Hin­wei­se las­sen sich aus den li­te­ra­ri­schen Ein­spreng­seln le­sen. Zi­tiert wer­den Frag­men­te aus „Wind­ab­ge­wor­fe­nes Licht“ von Dy­lan Tho­mas, Ge­dich­te von T.S. Eli­ot und W. H. Au­den. Als Buch im Buch er­hält „Ge­heim­nis des Lich­tes“ von Wal­ter Rus­sell ei­ne be­son­de­re Rolle.

Das Lie­bes­spiel“, im Ori­gi­nal „Game of Se­crets“, des­sen Ti­tel mit „Scrabb­le“ doch viel tref­fen­der ge­wählt wä­re, weist ei­ne über­bor­den­de Fül­le von De­tails auf, die bis­wei­len ins Lee­re lau­fen. Trotz­dem ha­be ich die­sen span­nungs­rei­chen und gleich­zei­tig poe­tisch me­lan­cho­li­schen Ro­man sehr ger­ne gelesen.

Ein be­son­de­res Au­gen­merk sei auf sei­ne Kon­struk­ti­on ge­rich­tet. Die Au­torin kom­po­niert ihn aus meh­re­ren Stim­men. Wir ver­neh­men vor­wie­gend, in je­wei­li­gen Ka­pi­teln se­pa­riert, Ju­ne und Mar­ne, die im Jahr 2004 ih­re Sicht der Din­ge schil­dern. Ja­nes Ge­dan­ken ver­folgt der Le­ser stets beim Scrabb­le­spiel mit Ada. Mar­ne schil­dert ih­re An­nä­he­rung an Ray. Wei­te­re Ka­pi­tel spie­len 1962, dem Jahr in dem sich vie­les än­der­te. Die neue Stra­ße wird ge­baut, die sieb­zehn­jäh­ri­ge Ja­ne ver­liebt sich, und auch Huck, der vier­zehn­jäh­ri­ge Jun­ge Adas wird zum Ak­teur. Zwei Ka­pi­tel lässt Tripp im Jahr 1957 spie­len. Zu­dem ist der Ro­man in sie­ben ti­tel­tra­gen­de Tei­le ge­glie­dert. Die­sen Auf­bau er­wäh­ne ich hier so ex­pli­zit, weil auch die Au­torin Wert auf prä­zi­se An­ga­ben legt. Je­des Ka­pi­tel ver­zeich­net zu Be­ginn Prot­ago­nist und Zeit­raum, manch­mal so­gar die ge­naue Uhr­zeit. Dies mag zur Ori­en­tie­rung nütz­lich sein, wird al­ler­dings be­son­ders, wenn in die­sen Ka­pi­teln aber­mals Rück­bli­cke statt­fin­den, ob­so­let. Der Ro­man­auf­bau wirkt da­durch über­struk­tu­riert. Auch oh­ne die über­bor­den­de Zahl an Roman­tei­len, Ka­pi­tel­über­schrif­ten und Per­so­nen­an­ga­ben hät­te die Le­se­rin gut in die Ge­schich­te hin­ein­ge­fun­den, denn Dawn Tripp be­herrscht das span­nen­de Er­zäh­len. Sie lässt ih­re Prot­ago­nis­ten nicht nur beim Scrabb­le su­chen, son­dern sie wüh­len im Ge­strüpp der ver­gan­ge­nen Un­aus­sprech­lich­keit so­lan­ge bis al­le Wor­te auf dem Tisch sind.

 

Dawn Tripp, Das Lie­bes­spiel, übers. v. An­drea Fi­scher, Ar­che Li­te­ra­tur Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Skandinavisches Schweigen

Über einen Sommer des Abschieds schreibt Per Petterson in „Pferde stehlen

Ein­sa­me Spa­zier­gän­ge in der Na­tur be­för­dern oft den Ge­dan­ken­fluss und die dar­in auf­tau­chen­den Er­in­ne­run­gen. So auch bei Trond, des­sen Ta­ge durch re­gel­mä­ßi­ge Run­den mit dem Hund Ly­ra struk­tu­riert sind. Trond leb­te schon an vie­len Or­ten, nun hat er sich mit 67 Jah­ren in ei­ne al­te Hüt­te am See zu­rück­ge­zo­gen. Ein klei­ner Fluss, der manch­mal Fo­rel­len führt, mün­det in die­sen. Dort liegt ge­ra­de noch in Blick­wei­te die nächs­te Hüt­te die­ser ein­sa­men Ge­gend. Die bei­den Nach­barn ha­ben ei­ni­ges ge­mein, Al­ter, Hun­de, Na­tur und Ein­sam­keit. Und noch mehr.

Im Lauf der Ge­schich­te stellt sich her­aus, daß sie sich in ih­rer Kind­heit kann­ten. Som­me­r­erin­ne­run­gen an ein klei­nes nor­we­gi­sches Dorf an der schwe­di­schen Gren­ze und ih­re Be­zie­hun­gen zu den we­ni­gen Be­woh­ner ver­bin­den sie. Doch wol­len sie sich dar­an er­in­nern? Bis auf ei­ne knap­pe Ver­stän­di­gung über das ge­gen­sei­ti­ge Wie­der­erken­nen und dem Er­stau­nen aus­ge­rech­net in die­ser Ein­öde nun zu Nach­barn ge­wor­den zu sein, fin­det zu­nächst kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Ver­gan­ge­ne statt.

Trond bleibt mit sei­nen un­ge­such­ten Er­in­ne­run­gen al­lei­ne. Durch die­se er­lebt er noch ein­mal den Som­mer von einst, in dem sich so viel ver­än­der­te. Trond war fünf­zehn und ver­brach­te wie schon oft die Som­mer­fe­ri­en mit sei­nem Va­ter. Er streun­te mit dem Nach­bars­jun­gen durch die Ge­gend, half bei der Land­ar­beit und beim Holz­ma­chen. Doch es gibt auch schmerz­haf­te Er­in­ne­run­gen, zu de­nen be­son­ders das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit zählt.

Ver­lust und Ab­schied präg­ten den Som­mer des Fünf­zehn­jäh­ri­gen. Als Er­wach­se­ner lebt er ein er­folg­rei­ches Le­bens, nicht nur in wirt­schaft­li­cher und so­zia­ler Hin­sicht, son­dern auch er­folg­reich im Ver­such zu Ver­ges­sen. Erst die Be­geg­nung mit Lars führt ihn wie­der zu den un­ge­klär­ten Fragen.

Dem nor­we­gi­schen Au­tor Per Pet­ter­son ge­lin­gen bild­haf­te, ru­hi­ge Na­tur­dar­stel­lun­gen, die den Le­ser so­fort in den Som­mer Nor­we­gens ver­set­zen. Das Auf­ge­hen und die Be­frie­di­gung in land­wirt­schaft­li­cher Ar­bei­ten er­in­nert an ei­nes der schöns­ten Flow­er­leb­nis­se der Welt­li­te­ra­tur in „An­na Ka­re­ni­na”. Als wei­te­re li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der, ne­ben Tol­stoi, führt Pet­ter­son Di­ckens und Rim­baud an.

Durch die Er­in­ne­run­gen, die sich im Wech­sel zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ent­wi­ckeln, ent­steht ei­ne sich stän­dig stei­gern­de Span­nung. Aber ge­ra­de die­se Span­nung, die Pet­ter­son so sub­til auf­baut, löst der Au­tor nicht ein. So blei­ben vie­le Fra­gen of­fen. In­ne­re Vor­gän­ge wer­den kaum be­nannt, Mo­ti­ve und Ver­hält­nis­se blei­ben un­klar. Über al­lem liegt Schwei­gen, skan­di­na­vi­sches Schwei­gen. Stil­le, nach der Trond sich sein gan­zes Le­ben lang sehnte.

Per Pet­ter­son, Pfer­de steh­len,  über­setzt v. Ina Kro­nen­ber­ger, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 6. Aufl. 2008