Die Sicht der kleinen Schwester

Ab jetzt ist Ruhe“ — Marion Braschs Roman ihrer fabelhaften Familie

Das ist ein Ro­man, ein so­ge­nann­ter bio­gra­phi­scher. Ei­ne Au­to­bio­gra­phie soll er par­tout nicht sein, ob­wohl die Au­torin Ma­ri­on Brasch von sich und ih­rer Fa­mi­lie er­zählt. War­um? Zu vie­le Aus­las­sun­gen, Un­ge­nau­ig­kei­ten, Phan­ta­sie? Viel­leicht, weil nicht al­le und al­les ex­akt be­nannt wur­de? Viel­leicht, weil man­che, der knapp Ver­klau­su­lier­ten noch le­ben und Un­ge­nau­es be­kla­gen könn­ten? Wohl kaum.

Der Ro­man, der sei­ne Haupt­fi­gur Ma­ri­on Brasch in chro­no­lo­gi­scher Fol­ge von ih­ren El­tern, ih­ren Brü­dern und na­tür­lich von sich selbst er­zäh­len lässt, liest sich wie die Ge­schich­te ei­ner Ju­gend in den Sieb­zi­gern und Achtzigern.

Nur fand die­se Ju­gend in der DDR statt, dort wur­de Ma­ri­on Brasch 1961 ge­bo­ren. Ih­re El­tern, über­zeug­te Kom­mu­nis­ten, die sich im Lon­do­ner Exil ken­nen­ge­lernt hat­ten, emi­grier­ten 1946 in die DDR. Der Va­ter Horst Brasch mach­te po­li­ti­sche Kar­rie­re als stell­ver­tre­ten­der Kul­tur­mi­nis­ter, wäh­rend sei­ne drei her­an­wach­sen­den Söh­ne im­mer stär­ker ge­gen das Re­gime der SED re­bel­lier­ten. Die um et­li­che Jah­re jün­ge­re Ma­ri­on Brasch schil­dert die­se kon­flikt­rei­che Fa­mi­li­en­ent­wick­lung aus der Sicht der klei­nen Schwes­ter. Fast über die gan­ze Län­ge des Buchs spricht ein Kind, ei­ne Ju­gend­li­che, ei­ne jun­ge Er­wach­se­ne. Über Po­li­tik oder das Le­ben in der DDR wird folg­lich kaum re­flek­tiert. Eben­so we­nig ste­hen die Be­weg­grün­de des Va­ters, des­sen po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen im Vor­der­grund. Über die Brü­der, Tho­mas Brasch, den Schrift­stel­ler und Re­gis­seur, den Schau­spie­ler Klaus Brasch und den Dra­ma­ti­ker Pe­ter Brasch, die sie nicht beim Na­men nennt, son­dern als äl­te­rer, mitt­le­rer und jün­ge­rer Bru­der be­zeich­net, er­fah­ren wir nicht mehr als be­reits be­kannt. Im Vor­der­grund steht die Ent­wick­lung der jun­gen Frau, ih­re Pu­ber­tät, der Tod der Mut­ter und das Zu­sam­men­le­ben mit dem Va­ter nach­dem die Brü­der aus­ge­zo­gen wa­ren. Der Al­ko­hol- und Dro­gen­kon­sum der drei Künst­ler­brü­der nimmt im Buch grö­ße­ren Raum ein als po­li­ti­sche Ein­stel­lung oder be­ruf­li­che Er­fol­ge. Auch die Frau­en der Brü­der wer­den mit kind­li­chem Blick ge­schil­dert. Die Schau­spie­le­rin mit den wun­der­schö­nen, tie­fen Au­gen, die mit war­men Ar­men und ei­ner kind­li­chen Stim­me, die hel­le Tän­ze­rin und die mit vie­len dunk­len Lo­cken und schö­nem Ge­sicht, sie tau­chen nur am Ran­de auf. Die flüch­ti­gen Be­schrei­bun­gen, de­nen ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung fehlt, ma­chen sie aus­tausch­bar. Eben­so wie die vie­len Lieb­schaf­ten der jun­gen Prot­ago­nis­tin, de­ren En­de stets auf die glei­che Wei­se er­zählt wird. „Als das Jahr zu En­de ging, lie­ßen wir uns los.”

Ma­ri­on Braschs Ju­gend war kei­ne be­lie­bi­ge Ju­gend in den letz­ten Jahr­zehn­ten des letz­ten Jahr­hun­derts, kei­ne Ju­gend ist dies je. Aber sie war tra­gisch, denn das Schick­sal be­stimm­te sie zur Ein­zi­gen noch Le­ben­den ih­rer Familie.

Ih­re Schil­de­run­gen glei­chen ta­ge­buch­ar­ti­gen Er­in­ne­run­gen, sie mö­gen der Auf­ar­bei­tung die­nen, aber es fehlt an Tie­fe. Sie en­den da, wo man ger­ne mehr ge­wusst hät­te. Un­ver­ständ­lich wirkt die Be­zeich­nung Ro­man. In ei­nem In­ter­view be­zeich­net die Ra­dio­jour­na­lis­tin Ma­ri­on Brasch ih­re Angst vor der feh­len­den Ob­jek­ti­vi­tät als Grund kei­ne Bio­gra­phie ge­wagt zu ha­ben. Als ob ei­ne Au­to­bio­gra­phie ei­ne ob­jek­ti­ve An­ge­le­gen­heit wä­re. Mehr Sub­jek­ti­vi­tät hin­ge­gen hät­te nicht ge­scha­det, ein we­nig da­von fin­det man in ih­rem Web­log, der Bil­der und Na­men der im Buch er­wähn­ten Freun­de und Künst­ler nachliefert.

Ein leicht les­ba­rer Ro­man, der mich ent­fernt an die Bü­cher der von mir sehr ge­schätz­ten ös­ter­rei­chi­schen Au­torin Chris­ti­ne Nöst­lin­ger er­in­nert. Viel­leicht ist es aber auch die­ser Sound des Deutsch­pops, der in Sät­zen mit­schwingt wie „Wir lieb­ten uns im Dun­keln und dann ver­lieb­ten wir uns im Hel­len“ oder „Al­les war gut, bis es nicht mehr gut war“ und den Le­ser in die Zeit der Acht­zi­ger ver­setzt. Da der Gret­chen Sack­mei­er-Ho­ri­zont kaum über­schrit­ten wird, eig­net sich der Ro­man auch sehr gut als Lek­tü­re für Jugendliche.

 

Sieben — Deutscher Buchpreis 2012

Kaum Überraschendes in der Longlist

Im Jahr 2005 wur­de der Deut­sche Buch­preis ins Le­ben ge­ru­fen. Ich fand es da­mals sehr span­nend als mit­ten im Hoch­som­mer vor der Frank­fur­ter Buch­mes­se die Lis­te mit den 20 Kan­di­da­ten für den bes­ten deut­schen Ro­man ver­öf­fent­licht wur­de. Wir jag­ten nach dem Le­se­pro­ben­heft, tausch­ten Ti­tel und grün­de­ten Le­se­run­den, spe­ku­lier­ten und dis­ku­tier­ten. In­zwi­schen sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, in de­nen für mich die Luft raus und die Lust dar­an nicht mehr so groß ist.

Acht Mal wech­sel­te die Zu­sam­men­set­zung der Ju­ry. Ih­re jet­zi­gen sie­ben Mit­glie­der, An­dre­as Isen­schmid, Dirk Knipp­hals, Ste­phan Lohr, Jut­ta Per­son, Oli­ver Jun­gen, Chris­tia­ne Schmidt und Sil­ke Grund­mann-Schlei­cher ha­ben auf Face­book ih­re Ent­schei­dungs­fin­dung be­bil­dert. Das wirkt put­zig und mag zeit­ge­mäß sein. Das Re­sul­tat ih­rer Be­mü­hun­gen fällt je­doch we­nig über­ra­schend aus.

Die Hälf­te der Au­toren ist vor 1960 ge­bo­ren, zwar ver­birgt sich in die­ser Li­ga al­ter Li­te­ra­ten auch ein De­bü­tant, der aus Ös­ter­reich stam­men­de Ar­gen­ti­ni­er Ger­mán Kra­toch­wil, die üb­ri­gen sind längst be­rühmt. Auch un­ter den Jün­ge­ren fin­den sich et­li­che, die be­reits ein­mal für den Deut­schen Buch­preis oder sei­nen Zwil­ling aus Leip­zig no­mi­niert wa­ren oder ei­nen der bei­den gar ge­won­nen ha­ben, von an­de­ren re­nom­mier­ten Li­te­ra­tur­prei­sen nicht zu re­den. Ei­ne auf­fäl­li­ge Schnitt­men­ge er­gibt sich auch mit der SWR-Bes­ten­lis­te, auf der sie­ben der Ro­ma­ne im ent­spre­chen­den Zeit­raum ver­zeich­net waren.

Vie­le der Ro­ma­ne sind al­so in den Räu­cher­kam­mern der Li­te­ra­tur­bei­la­gen und Sen­dun­gen gut ab­ge­han­gen. So er­fuh­ren wir dank Wolf­gang Her­les wie es in Au­gus­tins blau­em Haus aus­sieht oder lie­ßen uns von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. ei­ni­ge der Bü­cher emp­feh­len. So­gar in der Blog­welt kur­sier­ten et­li­che der Neuerscheinungen.

Ne­ben die­ser satt­sam ge­lob­ten Feuil­le­ton­wa­re fin­det sich zum Glück auch we­ni­ger Be­kann­tes. Ger­mán Kra­toch­wills Scher­ben­ge­richt, Mi­cha­el Roes Die Lau­te und Ulf Erd­mann Zieg­ler Nichts Wei­ßes. An­ge­li­ka Mei­ers zwei­ter Ro­man Heim­lich, heim­lich mich ver­giss klingt für mich so in­ter­es­sant, daß ich ihn als Nächs­tes le­sen werde.

Ei­ne App mit al­len Le­se­pro­ben so­wie das aus den Vor­jah­ren be­kann­te Heft­chen sol­len En­de Au­gust er­schei­nen. Gu­te Buch­hand­lun­gen wer­den es im sieb­ten Jahr wohl end­lich vor­rä­tig ha­ben. Bei der Mu­se auf dem Best­sel­ler­berg ar­bei­tet man si­cher schon am dbp-Stapel.

Wel­chen der Ti­tel die Bü­cher­ab- oder bes­ser Be­stim­mer auf der Short­list be­las­sen, ver­öf­fent­li­chen sie am 12. Sep­tem­ber. Die Preis­ver­lei­hung er­folgt am 8. Oktober.

 

Long­list Deut­scher Buch­preis 2012:

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slo­wa­kei sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten li­te­ra­ri­scher Über­set­zer rar und schlecht. Dies treibt man­chen Jung­aka­de­mi­ker un­ter ein be­rufs­fer­nes, aber pe­ku­ni­är ein­träg­li­ches Joch jen­seits sei­nes geis­ti­gen Ni­veaus. Auch Mar­tin Roy, der Prot­ago­nist in Mi­ch­al Hvor­eckys Do­nau­ro­man, ist trotz be­ruf­li­cher Er­fol­ge ge­zwun­gen ei­nen der­ar­ti­gen Job an­zu­neh­men. Die­ser bringt Geld, ihn je­doch oft ge­nug an den Rand sei­ner Ge­duld. An­statt sich um Wor­te und In­ten­tio­nen von Dich­tern zu küm­mern, bin­det er nun Ba­nau­sen Bä­ren auf den Wohl­stands­bauch. Ist Mar­tin der Fähr­mann über den Ache­ron? Je­de Men­ge Tod­ge­weih­ter nimmt er in sei­nen Na­chen auf und lässt sich dies in Mün­ze und gu­ten Be­wer­tun­gen ver­gel­ten. Nur das si­chert sei­nen Pos­ten. Sei­ne wah­ren Pas­sio­nen ver­leug­net er pro­fes­sio­nell und ver­dingt sich als Kreuz­fahrt­knecht. Freund­lichst zu Diens­ten, je­der­zeit ein ex­zel­lent säu­selnd, or­ga­ni­siert und er­klärt er, hilft wei­ter, auch wo es kaum mehr geht, be­sorgt über­ge­wich­ti­gen Be­hin­der­ten hel­fen­de Hän­de für die Trieb­ab­fuhr und er­läu­tert den Ah­nungs­lo­sen ver­blüf­fen­de Fakten.

Mar­tin, bit­te, was ist Ba­rock? Die Frau Rei­se­füh­re­rin hat es ei­ni­ge Ma­le er­wähnt“, fragt Jef­frey und beugt sich über den Schalter.

Dar­über brauchst du dir nicht den Kopf zu zer­bre­chen. Das habt ihr in Ame­ri­ka nicht.“

Wirk­lich nicht?“

Ba­rock war ei­ne ita­lie­nisch-po­li­ti­sche Dik­ta­tur, die noch vor der Go­tik in Eu­ro­pa herrsch­te. Sehr bö­se, ob­skur und gefährlich!“

Gut, dass wir das in Ame­ri­ka nicht ha­ben! So was brau­chen wir auch nicht. Was wir jetzt brau­chen ist ei­ne gu­te Wirt­schafts­la­ge und Ordnung.“

Sein Sar­kas­mus scheint die ein­zi­ge Not­wehr ge­gen die ver­ord­ne­te zu­cker­sü­ße Freund­lich­keit. Die­se stößt ihm je­doch um­so bit­te­rer auf je län­ger die Rei­se von Re­gens­burg bis zum Schwar­zen Meer dau­ert. Auch un­ter der Be­sat­zung fühlt sich Mar­tin fremd.

An Bord leb­te Mar­tin in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Von mor­gens bis abends at­me­te er ei­ne Luft, die mit Män­ner­ge­rü­chen ge­sät­tigt war. Er ge­wöhn­te sich an ih­re Ges­ten, den schnel­len Gang, die ver­rauch­ten Stim­men und ver­sof­fe­nen Au­gen. Die meis­ten moch­te er auch auf ge­wis­se Art und Wei­se, al­ler­dings war dies mehr ei­ne Zweck­ge­mein­schaft, ihm blieb gar nichts an­de­res üb­rig, er woll­te nicht ver­rückt werden.“

Ein­zig der Fluss, die Do­nau, ent­schä­digt ihn. Sie ver­strömt ei­ne An­zie­hung, die er seit sei­ner Kind­heit in Bra­tis­la­va ge­spürt hat.

Die Do­nau er­in­ner­te an ei­ne lang ge­zo­ge­nen Schlan­ge, de­ren Kopf im Schwar­zen Meer lag, ihr Kör­per brei­te­te sich über den ge­sam­ten Kon­ti­nent aus, und die Schwanz­spit­ze ver­lor sich ir­gend­wo im Schwarz­wald. Der Fluss fas­zi­nier­te ihn. Dort­hin muss­te er mal fah­ren! Die Schlan­ge hat­te ihn fasziniert.“

Mar­tin taucht ein in die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit in Bra­tis­la­va, sein Ver­steck an der Ufer­bö­schung, sei­ne Lie­be zum Fluss und zu ei­ner Frau. Ge­nau die­se er­scheint plötz­lich an Bord, Mo­na, die Mar­tin noch mehr de­mü­tig­te als sei­ne Pas­sa­gie­re es je ver­mö­gen, und de­ren vi­ta­le Ero­tik auf die­sem Grei­sen­schiff kei­nen un­pas­sen­de­re Büh­ne hät­te fin­den kön­nen. Sie löst nicht nur in Mar­tin ein Cha­os aus. Ihr Han­deln führt ins Ab­sur­de, ist un­be­re­chen­bar und ge­fähr­lich wie die Stru­del der Donau.

Doch die MS Ame­ri­ca hält un­be­irr­bar ih­ren Kurs seit Re­gens­burg, der Stadt mit der Stei­ner­nen Brü­cke an den drei Flüs­sen, die sehr wohl weiß, was Ba­rock be­deu­tet. Auf all ih­rer schö­nen Ge­schich­te prangt je­doch ein Ma­kel, dem Hvor­ecky im Ver­lauf sei­nes Bu­ches nach­geht, die Ver­fol­gung der Ju­den. Die Do­nau spielt als Ret­te­rin wie als töd­li­ches Ver­häng­nis ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le. Es über­zeu­gen die stil­len his­to­ri­schen Me­men­ti. Er­schüt­tern­de Er­in­ne­run­gen von Ver­fol­gung und Angst, in de­nen die schö­ne, blaue Do­nau oft schwarz und häss­lich wirkt.

Viel­fäl­tig sind auch die li­te­ra­ri­schen Zi­ta­te, dar­un­ter sei vor al­lem Do­nau, Bio­gra­phie ei­nes Flus­ses von Clau­dio Magris genannt.

Al­ler­dings fragt man sich ge­gen En­de, ob die Mor­de nicht eher ein Ne­ben­bei sind. Schließ­lich lö­sen sie sich zwar nicht in Wohl­ge­fal­len aber in ele­men­ta­rer Wei­se auf. Er­freu­li­cher als die ver­ein­zel­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos wä­re ei­ne Do­nau­kar­te gewesen.

Doch das sind nur äu­ße­re Kri­tik­punk­te an die­sem er­fri­schend an­ders­ar­ti­gen Do­nau­ro­man, des­sen Lek­tü­re fast je­dem emp­foh­len sei.

Mit dem Buch­ti­tel, im Ori­gi­nal „Dunaj v Ame­ri­ke“, der nicht wie sei­ne deut­sche Ver­si­on auf den be­kann­ten Klas­si­ker Aga­tha Christies an­spielt, evo­ziert Hvor­ecky ei­nen Wett­kampf. Des­sen Ver­lauf, die Kon­tra­hen­ten, ih­re Auf und Ab, er­zählt er mit vie­len Ne­ben­strän­gen, nicht oh­ne ein ful­mi­nan­tes Show­down auszusparen.

Der von der Ro­bert Bosch Stif­tung Grenz­gän­ger ge­för­der­te Ro­man ist bei Tro­pen/Klett-Cot­ta er­schie­nen und von Mi­ch­al Sta­va­ric aus dem Slo­wa­ki­schen übersetzt.

In­ter­views und wei­te­re De­tails zum Ro­man fin­den sich auf dem Blog des Au­tors zum Buch.

Mi­ch­al Hvor­ecky, Tod auf der Do­nau, übers. v. Mi­ch­al Sta­va­ric, Tro­pen/Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2012

Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zu­ge­ge­ben we­der Sport­fi­schen noch Rad­ren­nen zäh­len zu den mich en­thu­si­as­mie­ren­den Be­schäf­ti­gun­gen, den­noch ha­be ich „Fi­sche füt­tern“ des ita­lie­ni­schen Au­tors Fa­bio Ge­no­ve­si ger­ne ge­le­sen. Auch die­ser Ro­man wid­met sich dem Lieb­lings­the­ma der dies­jäh­ri­gen Li­te­ra­tur, dem Erwachsenwerden.

Die gan­ze Ebe­ne ist von Ka­nä­len durch­zo­gen, Was­ser­grä­ben, die al­le mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie füh­ren mehr oder we­ni­ger das­sel­be Was­ser, sind schnur­ge­ra­de, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Da­zwi­schen die Fel­der, auf de­nen nichts Grü­nes wächst. Tat­säch­lich spre­chen man­che von den „Ka­nä­len”, an­de­re vom „Ka­nal”. Wenn man je­des Teil­stück für sich nimmt, sind es vie­le, aber von oben be­trach­tet ist es ein rie­si­ges dunk­les Netz, das wie ein schwar­zes Git­ter über dem Ort und der Land­schaft liegt.“

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem klei­nen Dorf in der von Ka­nä­len durch­zo­ge­nen Ebe­ne na­he Pi­sa. Ge­no­ve­si nennt sei­nen fik­ti­ven Hand­lungs­ort Mugli­o­ne, was wie er auf sei­nem Blog er­läu­tert mit Mur­meln, Brum­men, Rau­schen über­setzt wer­den kann. Mugli­o­ne exis­tiert al­so nicht, aber zahl­lo­se Or­te, die ihr Schick­sal mit ihm tei­len. Sie ha­ben we­der ih­ren Be­woh­nern noch Tou­ris­ten viel zu bie­ten, aber trotz­dem ei­nen spe­zi­el­len Reiz. Si­cher hat mir die­se Ge­schich­te auch ge­fal­len, weil ich das Buch in ei­nem ganz ähn­li­chen ita­lie­ni­schen Pro­vinz­nest ge­le­sen ha­be. Wäh­rend al­ler­dings dort noch zwei Bars als dörf­li­che Treff­punk­te dien­ten, so muss­te die ein­zi­ge Bar Mugli­o­nes schlie­ßen. Der Be­sit­zer war auf der Wild­schwein­jagd ver­un­glückt. Ein Trau­er­fall, be­son­ders für sei­ne vor­wie­gend äl­te­ren Stamm­kun­den. Sie fin­den je­doch bald ei­nen Er­satz­treff­punkt auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort hat vor kur­zem un­ter der Lei­tung von Ti­zia­na der Ju­gend­treff er­öff­net. Ti­zia­na ist nach dem En­de ih­res Stu­di­ums in ih­ren Ort zu­rück­ge­kehrt, sie möch­te et­was für ihn tun und vor al­lem den Ju­gend­li­chen ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben. Zu die­sen zählt der 19-jäh­ri­ge Fio­ren­zo und wie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen denkt er gar nicht dar­an den Ju­gend­treff zu be­tre­ten. Er trifft sich lie­ber mit den Jungs sei­ner Band, Me­tal De­vas­ta­ti­on. Ge­mein­sam träu­men sie vom gro­ßen Durch­bruch auf dem kom­men­den Rock­fes­ti­val in Pon­te­de­ra. Die rea­len Din­ge des Le­bens, Schu­le und Fa­mi­lie schei­nen Fio­ren­zo ab­han­den ge­kom­men. Vor al­lem die Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter, mit dem er seit dem Tod der Mut­ter al­lei­ne aus­kom­men muss. Die­ser be­sitzt den ein­zi­gen An­gel­la­den  in Mugli­o­ne, das Ma­gic Fi­shing. Sei­ne zwei­te Lei­den­schaft ge­hört dem Rad­sport. Als Ju­gend­trai­ner gilt sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit dem vier­zehn­jäh­ri­gen Mir­ko aus dem Mo­li­se. Un­ter skur­ri­len Um­stän­den hat­te er ihn dort ent­deckt und für sei­nen Ver­ein an­ge­wor­ben. Mir­ko wohnt nun in Fio­ren­zos Zim­mer, das die­ser un­ter Pro­test ge­gen das Hin­ter­zim­mer im Ma­gic Fi­shing ge­tauscht hat. Dort schläft er auf Sä­cken vol­ler Fisch­kö­der und träumt von der Zukunft.

Ich lag mit of­fe­nen Au­gen im Dun­keln, und es wur­de im­mer lau­ter. Zum Glück fing ab und zu der Kühl­schrank an zu brum­men, oder ein Au­to fuhr vor­bei und über­tön­te es kurz. Aber dann kam es wie­der, ein gleich­för­mi­ges Rau­schen, ver­mischt mit ei­nem leich­ten Krat­zen. Mil­lio­nen Wür­mer und Mil­li­ar­den Füß­chen schar­ren die gan­ze Nacht im Dun­keln in ih­ren klei­nen Kis­ten und su­chen nach ei­nem Aus­weg, den es nicht gibt.“

Was wie der un­spek­ta­ku­lä­re All­tag ei­ner Dorf­ju­gend klingt baut Ge­no­ve­si zu ei­ner span­nen­den Ge­schich­te aus, der es al­ler­dings nicht an nach­denk­li­chen Mo­men­ten fehlt. Er über­rascht mit un­er­war­te­ten Wen­dun­gen und amü­siert mit skur­ri­len De­tails. Wir er­fah­ren, wie die nächt­li­chen Ge­räu­sche von Fisch­fut­ter zu Ge­dan­ken an den To­de füh­ren kön­nen oder ge­fälsch­te Por­no­bil­der zu ei­nem Auf­trag für den Va­ti­kan. In sprit­zi­gen Dia­lo­gen ver­mag Ge­no­ve­si auf sehr ita­lie­ni­sche Art mit Iro­nie und Ge­fühl Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten sei­ner Fi­gu­ren zu schil­dern. Er be­glei­tet sie auf ih­rer Su­che nach den Din­gen, die sie wirk­lich tun möch­ten, selbst­be­stimmt oh­ne die Er­war­tun­gen der an­de­ren er­fül­len zu müssen.

Wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che The­men wie Mi­gra­ti­on, Spit­zen­sport und Jour­na­lis­mus wer­den kri­tisch an­ge­spro­chen. Ei­nen gro­ßen Raum nimmt die sehr le­ben­dig er­zähl­te Er­fah­rung der ers­ten Lie­be und Se­xua­li­tät ein.

Aber dies ist nicht nur ein Ro­man­zo di For­ma­zio­ne, der die Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on auf­greift. Ge­no­ve­si zeigt in ihm sei­ne Lie­be zur Hei­mat und sei­ne Lei­den­schaf­ten. Das Ge­dicht Der Re­gen im Pi­ni­en­hain des ita­lie­ni­schen Li­te­ra­ten Ga­brie­le D’Annunzio wird durch Fio­ren­zos In­ter­pre­ta­ti­on zum Lie­bes­bo­ten und kul­mi­niert in ei­ner ge­träum­ten Prophetie.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel Esche vi­ve, Le­ben­de Kö­der. Die spie­len ganz kon­kret als Schlaf­stät­te im Ma­gic Fi­shing, aber auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ei­ne Rol­le. Doch ich will nicht zu viel verraten.

Der Au­tor Fa­bio Ge­no­ve­si, der in sei­nem Blog Esche vi­ve viel von sich und sei­nem Buch be­rich­tet, macht sei­ne Pas­sio­nen zu den Ge­gen­stän­den des Ro­mans. Er schreibt nicht nur Bü­cher und Thea­ter­stü­cke, son­dern auch für Mu­sik­jour­na­le. Au­ßer­dem ist er  Sport­ang­ler, Rad­sport­trai­ner und in­ter­es­siert sich für Horrorfilme.

Er kennt sich al­so aus mit den The­men des Lebens.

Ein Un­ter­hal­tungs­ro­man mit Sub­stanz und viel Ita­lia­ni­tà, in dem nicht nur Ju­gend­li­che noch et­was ler­nen können.

Fa­bio Ge­no­ve­si, Fi­sche füt­tern (Esche vi­ve), über. v. Ri­ta Seuß u. Wal­ter Kög­ler, Lüb­be, 1. Aufl. 2012

Bachmannpreis 2012 — Rückschau

Kleine Kritik der Kritik

Der Wett­be­werb ist vor­bei, ge­won­nen hat ihn Ol­ga Mar­ty­n­o­va mit ih­rem Text „Ich wer­de sa­gen: Hi“. Wei­te­re Prei­se gin­gen an Nawrat, Kränz­ler und Mahl­ke. Trav­nicek er­hielt den Pu­bli­kums­preis, was we­nig überraschte.

Eben­so we­nig über­ra­schen konn­ten ei­ni­ge Mit­glie­der der Kri­ti­ker­run­de, sie neig­ten zu den im­mer glei­chen Aus­sa­gen und Ver­hal­tens­mus­tern. So kris­tal­li­sier­ten sich be­reits am Nach­mit­tag des ers­ten Ta­ges spe­zi­fi­sche Re­ak­tio­nen der ein­zel­nen Ju­ry­mit­glie­der her­aus. Co­ri­na Ca­duff be­müh­te ger­ne das Ar­gu­ment der Dis­kur­si­vi­tät. Sie hin­ter­frag­te die The­men­stel­lung der Tex­te und ob Li­te­ra­tur da­zu noch et­was bei­tra­gen kön­ne. Soll­te man dann das li­te­ra­ri­sche Schrei­ben nicht ganz auf­ge­ben, und sich auf Sprach­ex­pe­ri­men­te ver­le­gen, wie sie in die­sem Jahr Has­sin­ger ein­reich­te? Da­zu hat aber auch Ca­duff we­der Zeit noch Lust. Lieb­lings­wort: „dis­kur­siv“.

Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler prä­sen­tier­te sich und ih­ren Zu­hö­rern meist ei­ne klei­ne Nach­er­zäh­lung des Ge­hör­ten. An­statt Ver­ständ­nis er­zeug­te dies bei  mir eher das Ge­fühl hilf­los dem Re­de­schwall ei­ner Leh­re­rin aus­ge­lie­fert zu sein. Tref­fens­tes Wort: „Le­bens­plau­der­ton“.

Burk­hard Spin­nen führ­te viel Ge­re­de zu­nächst in sei­ne ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit be­vor er zum Kern der Sa­che ge­lang­te. Wenn über­haupt. Ei­ni­ge Ma­le zö­ger­te er sei­ne Mei­nung zu äu­ßern  oder er­in­ner­te wei­se dar­an, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text An­stren­gung er­for­de­re. Lieb­lings­satz: „Ich kann al­lem zu­stim­men, was bis­her ge­sagt wurde.“

Die an­de­ren Mit­glie­der ver­blüff­ten durch­aus, so Mei­ke Feß­mann mit ih­ren so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen und den Ver­wei­sen auf Sur­rea­les. Kri­tischs­tes Wort: „Du“

Hu­bert Win­kels er­klär­te mit ei­nem in­ter­pre­ta­to­ri­schen Pfau­en­rad die In­fla­ti­on wil­der Hun­de­na­men. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lichs­te Ana­ly­se: „Kon­tra­fak­tur des Dschungelbuchs“

Da­nie­la Stri­gl und Paul Jandl hör­te ich am liebs­ten zu, weil sie be­grün­det und klar ih­re Mei­nung äu­ßer­ten. Jandl ge­bührt der Preis für die amü­san­tes­ten Kurz­kri­ti­ken und Stri­gl für ih­ren Da­ckel Mowg­li und die Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­all­er­gie. Die­se Bei­den müs­sen auf je­den Fall blei­ben, falls es im kom­men­den Jahr Än­de­run­gen in der Ju­ry­zu­sam­men­set­zung ge­ben sollte.

Auch Än­de­run­gen am Re­gle­ment wür­de ich be­grü­ßen. War­um kön­nen die Tex­te nicht ei­ni­ge Stun­den vor der Le­sung on­line ge­stellt wer­den? So hät­ten Au­toren und Zu­hö­rer der Sprach­ex­pe­ri­men­te grö­ße­res Verständnis.

Die Vor­stel­lungs­fil­me der Au­toren wir­ken meist pein­lich und aus der Not ge­bo­ren. Die be­ab­sich­tig­te Aus­sa­ge­kraft ist eher ge­ring. Kön­nen sich die Au­toren über­haupt da­mit iden­ti­fi­zie­ren? Ein gu­tes In­ter­view wä­re ei­ne Alternative.

Ei­ne klei­ne Re­form wür­de auch der Ju­ry­ab­stim­mung nicht scha­den. Bis­her zieht sie sich um­ständ­lich in die Län­ge, weil je­der Ju­ror zu­nächst für seine(n) ei­ge­nen Kan­di­da­ten stimmt. Wä­re es nicht bes­ser die­se Op­ti­on auszuschließen?

Ich er­war­te ge­spannt das nächs­te Jahr und hof­fe, daß die­ses Li­te­ra­tur­er­eig­nis wei­ter­hin live über­tra­gen wird.

Bis da­hin kann man sich auf fol­gen­den Blogs noch mal der bes­ten TDDL-Mo­men­te 2012 erinnern:

Die Bü­cher­säu­fer

Denk­ding

Jo­han­nes Steinberg

Li­te­ra­tur­ca­fe

Vor­spei­sen­plat­te

walk-the-li­nes

Zei­len­ki­no

Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leo­pold Fe­der­mair, li­te­ra­ri­scher Über­setz­ter und seit 2006 in Hi­ro­shi­ma le­bend, er­öff­ne­te den Nach­mit­tag des letz­ten Ta­ges mit dem Text „Aki”. Vor­ge­schla­gen wur­de der Kan­di­dat von Da­nie­la Stri­gl. Fe­der­mair ver­blüff­te durch die An­kün­di­gung den mitt­le­ren Ab­satz auf Sei­te neun aus­zu­las­sen. Wei­sungs­ge­mäß ha­be ich mich des Le­sens ent­hal­ten. Es gab schon ge­nug fruch­ti­ge Ge­schlechts­tei­le in die­sem pu­ber­tä­ren Ak­ne­text, der mich bei je­der Nah­auf­nah­me zu ei­nem Blick auf Fe­der­mairs Ge­sicht zwang. Bob Dy­lan hat’s nicht leich­ter ge­macht. Wäh­rend der Ju­ry­run­de film­te Fe­der­mair die­se mit ei­ner klei­nen Di­gi­tal­ka­me­ra. Das wirk­te auf mich wie ver­schäm­tes Fan­ver­hal­ten. Soll­te es ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Per­for­mance wer­den, wä­re ein gro­ßer Cam­cor­der doch viel wir­kungs­vol­ler gewesen.

Al­so ei­ne wei­te­re Co­ming-of-Age-Ge­schich­te, be­ginnt Win­kels, be­tont einfach.

Nicht ge­lun­gen, fin­det sie Mei­ke Feß­mann, weil sie durch die Mas­ke ei­ner weib­li­chen Er­zäh­le­rin ge­schil­dert wer­de. Die­se Tarn­fi­gur, die die Ge­schich­te spren­ge, kön­ne nicht über männ­li­ches Kör­per­wis­sen verfügen.

Auf die Kel­ler­sche Nach­er­zäh­lung folg­te die Fra­ge nach dem Er­zähl­mo­tiv der Fi­gur. Ver­schie­de­nes funk­tio­nie­re nicht so ganz, aber die Spra­che mit ih­ren poe­ti­schen Be­schrei­bun­gen und wun­der­ba­ren Pas­sa­gen ge­fällt Kel­ler gut. Sie zwei­felt al­ler­dings, ob das zu ei­ner Kell­ne­rin passe.

Spin­nen ver­bie­tet, Gen­der­pro­ble­me bei Er­zäh­ler­stim­men an­zu­mel­den und er­in­nert sich an die ir­ren Ty­pen bei Ke­rouac und in sei­ner Jugend.

Dass es durch­aus er­zäh­len­de Kell­ne­rin­nen ge­be, die dies so­gar sehr in­ter­es­sant könn­ten, dar­über klärt Da­nie­la Stri­gl auf. Ihr ge­fällt die ver­gif­te­te Nost­al­gie die­ser Ge­schich­te, die so schlecht rie­che und stark über die sinn­li­che Ebe­ne arbeitete.

Feß­mann ar­gu­men­tiert aber­mals mit dem un­lo­gi­schen Körperwissen.

Dies sei, so Jandl, die Ge­schich­te ei­nes Span­nungs­ab­falls, trau­rig und mit zu we­nig Dramatik.

Ca­duff spricht end­lich den per­for­ma­ti­ven Akt des Au­tors an. Sie ge­steht sich ei­ne neu­tra­le Hal­tung zu, da sie an­fangs von ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­schich­te aus­ging, und die­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr aus dem Kopf bekäme.

Wie­der ein­mal holt Spin­nen weit aus be­vor er zum Text kam. Die letz­ten Zei­len ge­fal­len ihm gut, sie bers­ten vor Be­deu­tung, im üb­ri­gen Text hin­ge­gen ge­be es zu vie­le Leerstellen.

Stri­gl wen­det ein, dies sug­ge­rie­re den münd­li­chen Er­zähl­ton der Fi­gur, was auch die vie­len Red­un­dan­zen zeigen.

Nach Jandl sei der jun­ge Mann nicht mit Ta­lent, son­dern mit Ak­ne ge­schla­gen. Das sei kein Ir­rer-Ty­pen-Text, wie Spin­nen mei­ne, er spie­le im Pro­vinz­mi­lieu, weit weg von Kerouac.

Feß­mann kon­sta­tiert, die­se Kind­heits­ge­schich­te rei­ße al­le nicht vom Ho­cker. Sie hat­te, auf­grund der Aus­lands­er­fah­rung des Au­tors, et­was ganz er­war­tet, ähn­lich sei es ihr bei Mos­ter er­gan­gen. Die et­was ab­ge­stan­de­nen hei­mat­li­chen Er­in­ne­run­gen fin­de sie langweilig.

Dar­auf­hin kri­ti­siert Stri­gl, Feß­mann wol­le er­klä­ren, was sich der Au­tor ge­dacht ha­be. Au­ßer­dem sei ei­ne sti­cki­ge ja­pa­ni­sche Kind­heit kaum in­ter­es­san­ter als ei­ne sti­cki­ge ös­ter­rei­chi­sche Provinzkindheit.

Mit Ge­plau­der schloss Spin­nen die Diskussion.

Isa­bel­la Fei­mer be­en­de­te als Kan­di­da­tin von Co­rin­na Ca­duff den Wett­be­werb. Ihr Text „Ab­ge­trennt“ er­zählt vom Lie­bes­kum­mer ei­ner Frau.

Win­kels er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der auf­mun­tern­den Kri­tik, dies hät­te ein gu­ter Text wer­den kön­nen. Ihm schien die Dra­ma­tik in der Be­zie­hung je­doch zu stark in­stru­men­ta­li­siert. Die hö­ri­ge Frau iden­ti­fi­zie­re sich mit dem kopf­lo­sen Huhn. Vie­les kön­ne sub­ti­ler sein.

Mei­ke Feß­mann in­ter­pre­tiert den Text an­ders. Dies sei die Ge­schich­te ei­nes un­nö­ti­gen Ab­schieds ei­ner neu­ro­ti­schen Frau. Die Frau le­be ei­gent­lich in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung, fürch­te aber ver­las­sen zu wer­den, und tren­ne sich deshalb.

Ca­duff führt den Deu­tungs­rei­gen fort, die Frau sei schon ver­las­sen wor­den. Sie spre­che von der Ver­let­zung her­aus in das En­de hin­ein. Der Text sei ein Brief oder ei­ne Retrorede.

Kel­ler lobt die kon­zep­tu­el­le Klar­heit, da­durch wis­se sie, was er­zählt wird und war­um. Trotz­dem fin­de sie die Ge­schich­te nicht be­son­ders be­rüh­rend, die Ab­hän­gig­keit ha­be sie nicht wahrgenommen.

Da­nie­al Stri­gl fin­det das von Win­kels ein­ge­führ­te At­tri­but „hö­rig“ durch­aus pas­send. Ihr Haupt­pro­blem sei, daß der Text zu viel Ge­fühl zei­ge, der Vor­trag ha­be dies noch be­tont, und da­mit eher ge­scha­det. Au­ßer­dem ge­steht sie ih­re All­er­gie ge­gen die im­mer wie­der auf­tau­chen­den Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­ge­schich­ten in der Li­te­ra­tur. Es sei auch kei­ne glück­li­che Idee, die Ge­lieb­te mit ei­nem kopf­lo­sen Huhn gleich zu setzen.

Jandl kri­ti­siert den Text als kleb­ri­ge Schlagerpoesie.

Ca­duff er­klärt, die Ich-Er­zäh­le­rin su­che ih­re Ich-Stim­me, die sie erst in der Poe­sie der Schlus­ses wiedergewinne.

Nach­fra­ge Jandls, ob sie ge­le­sen ha­be, um wel­che Poe­sie es sich handele.

Win­kels be­zeich­net es als Masochismus-Poesie.

Kel­ler hat kei­ne Poe­sie ge­fun­den und bit­tet um Hinweise.

Spin­nen dankt Stri­gl we­gen der Hüh­ner-All­er­gie und gab zum Schluss der dies­jäh­ri­gen Le­sun­gen Jandl ein­mal recht, auch wenn er mit der har­ten Form der For­mu­lie­rung nicht ein­ver­stan­den sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach ei­ner sehr bier­phi­lo­so­phi­schen Film­vor­stel­lung er­öff­ne­te Mat­thi­as Nawrat den Vor­mit­tag des drit­ten Wett­be­werb­ta­ges. Der Kan­di­dat von Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler las den Text „Un­ter­neh­mer“. Ich-Er­zäh­le­rin ist die pu­ber­tie­ren­de Toch­ter ei­nes Elek­tro­schrott­aus­schlach­tungs­fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens im süd­li­chen Schwarz­wald. Zu­nächst schil­dert Nawrat die pre­kä­ren, le­bens­ge­fähr­li­chen Zu­stän­de die­ser Ar­beit mit vie­len me­tall­ur­gi­schen De­tails, dann kon­zen­triert sich der Text auf die früh­sexu­el­len Kör­per­er­fah­run­gen sei­ner Figur.

Stri­gl in­ter­pre­tiert die­se merk­wür­di­ge Fa­mi­lie, die ein Klein­un­ter­neh­men der spe­zi­el­len Art be­trei­be, als Par­odie auf das Fa­mi­li­en­idyll. Ele­men­te des Schel­men­ro­mans ent­de­cke sie, wenn selbst exis­ten­ti­el­le Nie­der­la­gen glo­ri­fi­ziert wer­den. Gleich­zei­tig sei es ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te. Sie wür­dig­te die be­son­de­re Spra­che die­ses süß­schmerz­haf­ten Tex­tes, der ihr gefalle.

Auch Jandl wer­tet den Text po­si­tiv. Die Spra­che sei zart, der Text ori­gi­nell, er kön­ne ans Herz gehen.

Al­len bis­he­ri­gen po­si­ti­ven Ur­tei­len kann Spin­nen fol­gen. Er fragt nach, ob es sich um ei­nen ab­ge­schlos­se­nen Text han­de­le. Denn die Dar­stel­lung der schlich­ten selt­sam be­hü­te­ten Welt von ka­put­ten Din­gen schwen­ke un­ver­mit­telt in ei­ne sehr schlich­te Pubertätsgeschichte.

Win­kels be­stä­tig­te die­sen Ein­druck. Er emp­fand Un­ein­heit­lich­keit, der Text sei ver­rutscht und zu disparat.

Kel­ler er­greift das Wort um ih­ren bei­den Kol­le­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. (Pu­bli­kums­ap­plaus) Es gin­ge um die Rol­le des Mäd­chens in­ner­halb der Fa­mi­lie, die für die­ses Un­ter­neh­men als Fir­men­spre­che­rin fun­gie­re. Sie iden­ti­fi­zie­re sich so stark mit die­ser Auf­ga­be, daß sie auch die tech­ni­sier­te Spra­che über­neh­me. Die­se Kin­der­per­spek­ti­ve wer­de fast bis zum En­de durch­ge­hal­ten. Erst die Lie­be öff­ne ihr ein Fens­ter aus der Trost­lo­sig­keit. Ver­gleich mit John Stein­beck, Von Mäu­sen und Men­schen.

Schwie­rig­kei­ten, die Ebe­nen aus­zu­lo­ten, hat Co­rin­na Ca­duff. Sie be­kennt che­mi­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, die sie durch Goog­le zu be­he­ben such­te. Toll fand sie die af­fir­ma­ti­ve Er­zähl­per­spek­ti­ve der Toch­ter. Sprach­lich sei der Text sehr in­ter­es­sant, nicht zu­letzt, weil der Au­tor ei­nen Lehr­gang in Biel be­legt ha­be. Sie be­grü­ße je­den Au­tor, der sich ei­ner li­te­ra­ri­schen Aus­bil­dung unterziehe.

Mei­ke Feß­mann hat in dem Text ei­ne mo­der­ne Va­ri­an­te von Hän­sel und Gre­tel ent­deckt. Sie wi­der­spricht der Par­odie­inter­pre­ta­ti­on Stri­gls. Als li­te­ra­ri­sche Par­al­le­le sieht sie ei­ne ins mär­chen­haft ge­wan­del­te Ago­ta Kristof.

Stri­gl weist dar­auf hin, daß die­se Fa­mi­lie, die ei­ne Ge­sund­heits­ge­fähr­dung ih­rer Mit­glie­der hin­nimmt, kei­nes­falls rea­lis­tisch ge­meint sein kön­ne. Ihr ge­fal­le die­ser Humor.

Paul Jandl kri­ti­siert Feß­manns Kris­tof-Ver­gleich. Auch Kel­lers In­ter­pre­ta­tio­nen miss­fal­len ihm.

Spin­nen kri­ti­siert zum En­de der Dis­kus­si­on noch ein mal, daß die Ge­schich­te der Fa­ve­la-Fa­mi­lie mit Kem­pow­ski-Sprü­chen nicht wei­ter ge­führt wird, son­dern in ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te übergeht.

Mat­thi­as Sen­kel stell­te mit „Auf­zeich­nun­gen aus der Kur­an­stalt“ die noch feh­len­de Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re die­ses Wett­be­werbs zur Dis­kus­si­on. No­mi­niert wur­de er von Paul Jandl.

Hu­bert Win­kels ge­fällt die klu­ge und wit­zi­ge Ge­schich­te. Die Li­te­ra­tur­be­trieb-Sa­ti­re der klas­si­schen Art sei wie ein Mö­bi­us­band kon­stru­iert. Al­les, was Au­ßen­welt sein könn­te, könn­te auch in der An­stalt ge­schrie­ben wor­den sein. So ent­ste­he die End­los­schlei­fe, in der Rea­li­tät und Phan­ta­sie ab­wech­seln. Der Pro­to­koll­stil je­doch hat Win­kels auf Dau­er ein we­nig ver­dros­sen. Er räumt al­ler­dings ein, daß die star­re Spra­che der Preis sei, da­mit die Sa­ti­re funktioniere.

Dies sei die ty­pi­sche Kla­gen­furt-Schreib­ge­schich­te, so Feß­mann. Sie ver­mis­se al­ler­dings den gu­ten Sprach­stil. Da der Sprach­witz feh­le, sei die Ge­schich­te langweilig.

Hin­ge­gen hät­te Ca­duff ger­ne mehr von Sen­kel ge­hört, aber in ei­nem 200-sei­ti­gen Ro­man. In der Idee lie­ge ganz viel Potential.

Jandl er­klärt, daß der Pro­to­koll­stil Mit­tel der Sa­ti­re sei. Dies ma­che den Witz erst deut­lich. Ge­schil­det wer­de ein pa­ra­nor­ma­ler Literaturbetrieb.

Mei­ke Feß­mann glaubt, Rein­hard Lettau hät­te ei­ne sol­che Ge­schich­te bes­ser geschrieben.

Jandl ver­wehrt sich über Rein­hard Lettau zu spre­chen. Der Stil ha­be sei­ne Be­rech­ti­gung, sei eben nur sehr subtil.

Feß­mann wirft ein, er sei sprach­lich arm. Ca­duff un­ter­stützt sie, Jandl ha­be ei­ne ganz an­de­re Lesart.

Stri­gl be­en­det den Dis­put mit der Fra­ge, war­um sie im­mer mehr von den Au­toren woll­ten als de­ren Tex­te be­inhal­ten. Die­ser sei sehr raf­fi­niert ge­macht. Die Spra­che kön­ne man dem Text nicht vor­wer­fen. Sie räumt ein, daß die Ge­schich­te al­ler­dings et­was an Fahrt verliere.

Der Text schenkt Kel­ler vie­le Aha-Ef­fek­te, ihr ge­fällt, daß er im­mer wie­der ei­ne neue Rich­tung einschlug.

In­ten­ti­on der Ge­schich­te sei es, die Künst­lich­keit von Li­te­ra­tur sicht­bar zu ma­chen und ein Nach­den­ken über die­se aus­zu­lö­sen, so Jandl.

Spin­nen hob zum Schluss­wort an, in­dem er sich wie­der ein­mal mit al­len Äu­ße­run­gen ein­ver­stan­den er­klär­te. Er lie­be zwar Tex­te über Schaf­fens­nö­te nicht, da sie sei­ne ei­ge­ne Si­tua­ti­on wie­der­spie­geln, le­se sie aber aus Be­rufs­in­ter­es­se den­noch. Es folgt ein lan­ger Ver­gleich mit ei­ner Zir­kus­vor­stel­lung, den Jandl mit der Aus­sa­ge „Ihr In­ter­es­se an In­tel­li­genz ist mir ge­läu­fig“ beendete.

Bis mor­gen die Preis­trä­ger ge­kürt wer­den, lohnt sich ein Blick auf die Au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik der Rie­sen­ma­schi­ne.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Li­sa Kränz­ler, die von Hu­bert Win­kels vor­ge­schla­ge­ne Kan­di­da­tin er­öff­ne­te die Le­sung am Nach­mit­tag. Sie über­zeug­te durch ei­nen sou­ve­rä­nen Vor­trag, in­dem sie die ver­schie­de­nen Hand­lungs­ebe­nen al­lei­ne durch die Mo­du­la­ti­on ih­rer Stim­me zu un­ter­schei­den wuss­te. Auch sprach­lich be­fin­det sich der Text auf höchs­tem Ni­veau. Dies passt al­ler­dings mei­ner An­sicht nach nicht zur Ich-Er­zäh­le­rin die­ser Ge­schich­te. Es han­delt sich um ein Mäd­chen im Kin­der­gar­ten­al­ter, das sich wohl kaum so elo­quent und re­fle­xi­ons­reich äu­ßern kann, wie ei­ne Kan­di­da­tin im Bach­mann-Wett­be­werb. Dass die­ses Kind im Al­ter zwi­schen drei und sechs auch noch sein se­xu­el­les Er­wa­chen er­lebt, macht die gan­ze Sa­che für mich um­so un­glaub­wür­di­ger. Scha­de, hät­te die Au­torin die Prot­ago­nis­tin nur um we­ni­ge Jah­re äl­ter ge­wählt, so daß wir viel­leicht ei­ner Fünft­kläss­le­rin oder ei­ner früh­rei­fen Grund­schü­le­rin fol­gen wür­den, wä­re die­se Ge­schich­te preisverdächtig.

Doch dies ist mei­ne Mei­nung, die Ju­ry äu­ßer­te Folgendes.

Spin­nen er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der Er­kennt­nis, daß kei­ner von uns in die Kind­heit zu­rück­keh­ren kön­ne. Man­che Schrift­stel­ler schaf­fen es, daß kind­li­che Be­wußt­sein in ih­rem Wer­ken dar­zu­stel­len. Aber es stün­de nun mal nicht mehr zur Ver­fü­gung.  Er lobt die gro­ße sprach­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Tex­tes, die Sät­ze ha­ben die Au­ra des Per­fek­ten. Dies sei­en Mit­tel, über die man al­ler­dings erst ver­fü­ge, wenn die Kind­heit vor­bei sei.

Als bö­se Mäd­chen­ge­schich­te über Miss­brauch und frü­he Se­xua­li­sie­rung, in der vor al­lem auch der von den Me­di­en aus­ge­hen­de Miss­brauch deut­lich wer­de, deu­tet Mei­ke Feß­mann den Text. Er sei li­te­ra­risch gut ge­macht und sehr unheimlich.

Ca­duff hegt ge­spal­te­ne Ge­füh­le, da sie ei­ne gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen Spra­che und In­halt sieht. Die Spra­che sei durch­ge­ar­bei­tet, sehr prä­zi­se und re­fle­xi­ons­ge­sät­tigt. Na­tür­lich sei auch die­ses The­ma sehr diskursiv.

Auch Kel­ler ver­weist auf die Schwie­rig­keit des Tex­tes das kind­li­che Be­wußt­sein glaub­wür­dig ab­zu­bil­den. Es wer­den Spie­le zwar so dar­ge­stellt, als sei die Fi­gur ein Kind, be­schrie­ben wer­den sie je­doch aus der Er­wach­se­nen­per­spek­ti­ve. Als Bei­spiel nann­te sie die Lö­sungs­mit­tel des Eddingstiftes.

Von der ero­ti­schen Ver­zü­ckung an­ge­tan zeigt sich Da­nie­la Stri­gl. Ihr ge­fällt, daß Na­men und Or­te als aus­tausch­bar dar­ge­stellt wur­den. Al­ler­dings hat der Text sie nicht an al­len Stel­len über­zeugt. So schei­ne das „Du“ un­ver­mu­tet aufzutauchen.

Win­kels wen­det ein, daß „Du“ tau­che auf als der Fi­gur klar wer­de, daß sie ver­liebt sei. Er sei auch ganz hin und weg ge­we­sen von dem Text, es ha­be ihn in den Ses­sel ge­drückt. Die Dis­kre­panz zwi­schen kind­li­cher Fi­gur und Spra­che dür­fe man ei­nem li­te­ra­ri­schen Text nicht vorwerfen.

Im wei­te­ren wird ein we­nig über die ver­schie­de­nen Tie­re ge­spro­chen, bis Feß­mann, zu Recht fin­de ich, ein­wirft, die Tie­re ver­wan­del­ten sich in die­sem Text al­le in Sexualobjekte.

Zum Schluss lobt Jandl das ho­he äs­the­ti­sche Re­fle­xi­ons­ni­veau, was über dem des Vor­mit­tags lie­ge. The­ma des Tex­tes sei das Chan­gie­ren zwi­schen Zärt­lich­keit und Ge­walt. Ein sprach­lich in­ten­siv durch­ge­ar­bei­te­ter Text.

Si­mon Froeh­ling las mit „Ich wer­de dich fin­den“ den Aus­zug aus ei­nem Ro­man, der die me­di­zi­nisch-tech­ni­schen und die ethisch-re­li­giö­sen Hin­ter­grün­de ei­ner Or­gan­spen­de zum The­ma hat. Er ist der Kan­di­dat von Co­rin­na Caduff.

Nach­dem Kel­ler ih­re Ver­si­on des Tex­tes nach­er­zählt hat, ge­steht die Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­le­rin, sie tei­le die Fas­zi­na­ti­on für Fi­gu­ren, die aus dem Jen­seits sprechen.

Stri­gl be­dau­ert, daß der Au­tor sich nicht an sein ei­ge­nes Sto­ry­l­ehr­buch ge­hal­ten ha­be, und zi­tiert: „Das Er­zäh­len von Sto­rys ist die schöp­fe­ri­sche De­mons­tra­ti­on von Wahr­heit. Ei­ne Sto­ry ist der le­ben­di­ge Be­weis ei­ner Idee, die Um­wand­lung ei­ner Idee in Hand­lung.“ Der Text dis­ku­tie­re die Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie, be­ant­wor­te je­doch die in­ter­es­san­ten Fra­gen nicht be­frie­di­gend. Ei­gent­lich sei es ei­ne bie­de­re, haus­ba­cke­ne und vor­her­sag­ba­re Phi­lo­so­phie. Stri­gl ver­weist auf: Sa­bi­ne Gru­ber, Über Nacht.

Hu­bert Win­kels stört die brä­si­ge Schil­de­rung des Nie­ren­pa­ti­en­ten im Krankenhaus.

Paul Jandl amü­siert sich über die er­zäh­len­de Nie­re und kri­ti­siert bei die­ser „See­len­wan­de­rung qua Nie­re“ sei die See­le be­reits aus­ge­trie­ben. Kran­ken­haus­tech­ni­sche Din­ge wer­den im Über­fluss ge­nannt und die kit­schi­ge Grab­sze­ne ma­che es auch nicht besser.

Spin­nen greift das Stich­wort Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie wie­der auf und über­legt, was E.T.A. Hoff­mann wohl dar­aus ge­macht hät­te. Der Text zei­ge die me­ta­phy­si­sche Her­aus­for­de­rung der Organspende.

Für Mei­ke Feß­mann funk­tio­niert der Text leid­lich gut. Ihr Li­te­ra­tur­hin­weis: Slaven­ka Dra­ku­lic, Le­ben spen­den.

Jetzt steu­ert auch Win­kels ei­nen Ti­tel bei: Da­vid Wag­ner, Für neue Le­ben, wo­für der Au­tor stan­te pe­de sei­nen Dank twit­tert (sprich­das­kind).

Die Text­ment­o­rin Co­rin­na Ca­duff be­grüßt leicht an­ge­säu­ert die zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Li­te­ra­tur­samm­lung der Kol­le­gen. Dann kri­ti­siert sie selbst ih­ren Kan­di­da­ten, in dem sie ih­ren Lieb­lings­ein­wand, das The­ma sei sehr dis­kur­siv, ein­wirft. Aber die phan­tas­ma­ti­sche Be­zie­hung zum ver­stor­be­nen Spen­der sei die li­te­ra­ri­sche Auf­ga­be, der sich der Text ge­stellt habe.

Mir hat der Text nicht ge­fal­len, zu­viel Kran­ken­haus­pro­sa, fast schon Arzt­ro­man. Ir­ri­tiert hat mich au­ßer­dem, daß der Au­tor ganz an­ders aus­sah als auf sei­nen Fo­tos, zu­ge­ge­ben bes­ser, aber fast schon zu schön. Typ­be­ra­tung? Und dann die­ser An­ker auf der In­nen­sei­te des Un­ter­arms, zum Glück trug er kein blau­ge­streif­tes Hemd. Ja, gut, man muss sich da­von frei­ma­chen und soll­te auch die Vor­stel­lungs­vi­de­os bes­ser nicht be­ach­ten. Ei­nen Li­te­ra­tur­hin­weis möch­te ich nicht beisteuern.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Mahlke, Travnicek, Martynova

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt – Zweiter Vormittag, 6.7.2012

In­ger-Ma­ria Mahl­ke er­öff­ne­te mit der Le­sung ih­res sehr ein­dring­li­chen Tex­tes den zwei­ten Tag des Be­werbs. Vor­ge­schla­gen wur­de die Kan­di­da­tin von Burk­hard Spin­nen. Im vor­ge­stell­ten Ro­man­aus­schnitt er­zählt die Prot­ago­nis­tin in der Du-Form von ih­rem Sohn Lu­kas, den sie ver­las­sen will, von ih­rem Job im Back-Shop und der neu­en Kar­rie­re als Do­mi­na. Der Text nimmt mich so­fort ge­fan­gen. Es stellt sich ein ähn­li­ches Ge­fühl ein wie bei der Ha­der­lap-Le­sung im letz­ten Jahr. Für mich ist In­ger-Ma­ria Mahl­ke die Fa­vo­ri­tin auf den Bachmannpreis.

Als ers­te Stim­me der Ju­ry mel­det sich Hil­de­gard Kel­ler zu Wort. Nach­dem sie ih­re Ver­si­on des Tex­tes er­klär­te, sprach sie von Ein- und Aus­peit­sche­rei und stör­te sich sehr an dem „Du“. Die Au­torin scheue sich ins In­ne­re zu ge­hen. Kel­ler ver­miss­te ein Herz in der Geschichte.

Die­se ge­fiel Hu­bert Win­kels hin­ge­gen sehr gut. Be­son­ders die Nah­auf­nah­men der ver­schie­de­nen Wel­ten, sei es Back-Shop, Mut­ter­welt oder Sa­do­welt be­ein­druck­ten ihn. Ei­ni­ges blei­be je­doch un­klar, so die Be­weg­grün­de der Frau, ih­ren Sohn zu verlassen.

Spin­nen macht dar­auf auf­merk­sam, daß es sich ja nur um ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem grö­ße­ren Text han­de­le. Die Frau tue Un­säg­li­ches und rin­ge darum.

Ca­duff wi­der­spricht Kel­lers Su­che nach dem Her­zen. Der Text zei­ge nur die Ober­flä­che, wol­le kei­ne Re­fle­xi­on und kei­ne Psy­cho­lo­gie. Sie fin­det ihn ganz toll. Ei­ne freud­lo­se Exis­tenz in Käl­te und Aus­weg­lo­sig­keit, die von Mahl­ke gna­den­los kon­se­quent dar­ge­stellt werde.

Mei­ke Feß­mann er­öff­net die „Du“-Interpretation. Sie be­zeich­net es als so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche An­spra­che, die Kon­trol­le be­ab­sich­tigt. Sie fin­det den Text sprach­lich öde.

Spin­nen wi­der­spricht, das „Du“ sei not­wen­dig, um in die­ser Si­tua­ti­on am Le­ben zu bleiben.

Stri­gl, die im „Du“ ei­ne Selbst­an­spra­che sieht, emp­fin­det den Text wohl­tu­end, da er dem Le­ser nichts auf­drän­ge, nichts er­klä­re. Er funk­tio­nie­re nur mit die­sem „Du“ und er über­ra­sche auf meh­re­ren Ebenen.

Auch Jandl wi­der­spricht Feß­manns Du-Deu­tung. Dies sei kein Ikea-Du, es sei mo­ra­lisch bedingt.

Ca­duff führt die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se an, die die­ses „Du“ dar­stel­le, sie wie­der­spricht Stri­gls Selbstansprache-Interpretation.

Die wei­te­re Du-De­bat­te lie­fert ein Karl-Marx-Du von Spin­nen und Kel­lers Web-Cam-Du. Feß­mann er­wei­tert ih­re Kri­tik an dem Text durch den Vor­wurf von Kli­schees und Un­ge­reimt­hei­ten. Sie bleibt aber die Ein­zi­ge in der Run­de, der die­se Le­sung nicht ge­fal­len hat.

Als zwei­te Kan­di­da­tin des Ta­ges trat die von Win­kels no­mi­nier­te Cor­ne­lia Trav­nicek auf. Ihr Text „Jun­ge Hun­de“ er­zählt vom Ab­schied ei­ner jun­gen Frau von ih­rer Kind­heit, die zu­gleich ein Ab­schied von El­tern, Haus­tie­ren und Hei­mat ist. Der Grund ist al­ler­dings kein Um­zug, son­dern der Tod. Gleich zu Be­ginn stirbt der Hund Bag­heera. Die­se Dschun­gel­buch­na­men, es taucht ein wei­te­rer Hund na­mens Ba­loo auf, ver­an­lass­te mich zu ei­ner über­flüs­si­gen Grü­be­lei über die Na­mens­fin­dung von Haus­tie­ren, die mich lei­der vom kon­zen­trier­ten Zu­hö­ren ab­lenk­te. Kur­ze Zeit spä­ter merk­te ich, daß ich nicht mehr rein­kam. Der Text ist mir fad.

Ganz an­ders er­geht es Mei­ke Feß­mann, sie zeigt gro­ßen Re­spekt für den war­men Prag­ma­tis­mus der Ge­schich­te, in der die Tie­re end­lich ein­fach Tie­re blei­ben dür­fen. (Mit Dschungelbuchnamen?)

Stri­gl fin­det ihn sym­pa­tisch, vor al­lem, weil sie einst den Da­ckel „Mowg­li“ be­saß. (Schlimm ist das ös­ter­rei­chi­scher Humor?)

Ca­duff be­män­gelt die Spra­che, sie ha­be sich ihr als Kunst­raum nicht er­schlos­sen. Der Text ha­be Po­ten­ti­al, müs­se aber über­ar­bei­tet wer­den. Das ein­ge­bau­te Mär­chen be­ur­teilt sie als in­ter­es­san­te Versuchsanlage.

Hu­bert Win­kels end­lich er­klärt die Psy­cho­lo­gie hin­ter der Dschun­gel­buch­me­ta­pher. Ernst sei wie Mowg­li ad­op­tiert. (Mowg­li war doch der Da­ckel von Da­nie­la Strigl.)

Paul Jandl ist nicht klar, wo im Text der Hund be­gra­ben lie­ge. Er fin­det die Spra­che ba­nal und sim­pel und kann die tie­fen Ge­heim­nis­se des Tex­tes nicht finden.

Hu­bert Win­kels deckt sie für ihn auf. Der Va­ter sei ab­trans­por­tiert, die Mut­ter tot, das Haus wer­de ver­kauft und der Hund auch schon verstorben.

Jandl ist mit der Er­klä­rung nicht zu­frie­den, die Ge­schich­te bil­de ein Kind­heits­kon­ti­nu­um ab, das der Li­te­ra­tur nicht nütz­lich sein muss.

Hier greift Hil­de­gard Kel­ler zur Ver­tei­di­gung ein. Die man­geln­de Tie­fe sei Pro­gramm, sie pas­se zum Le­bens­plau­der­ton. Au­ßer­dem ge­be es hier und da ei­ne schö­ne Metapher.

Auch Feß­mann tritt für Trav­nicek ein. Sie kri­ti­siert ih­re Kol­le­gen, die Sprach­ar­beit nur dann wahr­neh­men wür­den, wenn sie mar­kant wä­re. Der Text las­se sich sehr wohl my­tho­lo­gisch und iko­no­gra­phisch le­sen (Dschun­gel­buch!).

Spin­nen scheint sich am liebs­ten ei­nes Kom­men­tars zu ent­hal­ten. Er kön­ne al­lem, was ge­sagt wur­de, zu­stim­men. Der Text ha­be ihn nicht be­un­ru­higt. Wor­auf Win­kels fragt, ob Li­te­ra­tur denn heu­te noch be­un­ru­hi­gen müsse.

Die aus Russ­land stam­men­de Ol­ga Mar­ty­n­o­va las den Text „Ich wer­de sa­gen „Hi““. Vor­ge­schla­gen wur­de sie von Paul Jandl. Sie schil­dert die Er­leb­nis­se und Be­ob­ach­tun­gen des Ju­gend­li­chen Mo­ritz, der sich zö­ger­lich ver­liebt und sich Ge­dan­ken über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen macht. End­lich mal ein amü­san­ter Text, der mit un­ge­wöhn­li­chen Set­tings und Fi­gu­ren spielt und voll sub­ti­ler Iro­nie steckt.

Win­kels ge­fällt der Text sehr gut. Er fin­det es schön, wie Mo­ritz durch die Zei­ten mä­an­dert. Dies sei har­mo­nisch und ele­gant dargestellt.

Stri­gl er­freut der hin­ter­sin­ni­ge, la­ko­nisch-an­ar­chi­sche Witz. Sie er­in­nert an den ver­meint­lich harm­lo­sen Ho­lun­der­blü­ten­ge­ruch. Die An­häu­fung des Verbs „sag­te“ sei ein­deu­tig ein Stilmittel.

Auch Feß­mann be­wer­tet den Text po­si­tiv, er sei sou­ve­rän und luf­tig er­zählt. Mo­ritz be­ob­ach­te wie ein Spi­on das Ehe­le­ben von On­kel und Tan­te, was sie an die Fi­gur von Stich­mann erinnere.

Jandl ver­spürt durch den Text die ero­ti­sche Auf­la­dung des klei­nen Städt­chens. Die Ge­schich­te zei­ge die Lust am Schrei­ben in ver­schie­de­nen Varianten.

Ca­duff, die vor­ab wür­digt, daß die rus­si­sche Au­torin, die Deutsch nicht als Mut­ter­spra­che be­sit­ze, an dem Wett­be­werb teil­neh­me. Sie lobt die er­fri­schen­de Spra­che und  fin­det die Ge­schich­te au­ßer­or­dent­lich wit­zig, was sich ihr erst durch den Vor­trag er­schlos­sen ha­be. Sie kri­ti­siert je­doch die Ver­wen­dung von Versatzstücken.

Stri­gl stellt dar­auf­hin zur Fra­ge, ob wir ei­nen Text an­ders le­sen, wenn er von ei­nem Au­tor mit aus­län­di­schen Wur­zeln ver­fasst wor­den sei. Sie er­klärt, der Text ste­he in sla­wi­scher Tra­di­ti­on und er­in­ne­re sie an den leicht skur­ri­len tsche­chi­schen Witz.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Stichmann, Hassinger

5.7.2012 — Der Nachmittag des ersten Wettbewerbtages

Es la­sen An­dre­as Stich­mann, no­mi­niert von Mei­ke Feß­mann, und die von Da­nie­la Stri­gl vor­ge­schla­ge­ne Au­torin Sa­bi­ne Has­sin­ger.

An­dre­as Stich­mann, der am Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tut stu­dier­te, er­zählt in sei­nem Text „Der Ein­stei­ger“ von ei­nem Ein­bre­cher, der zum teil­neh­men­den Be­ob­ach­ter wird.

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te, wie Hu­bert Win­kels fin­det, mit Thril­ler­ele­men­ten ver­setzt. Ob die Fi­gur das Ge­sche­hen wirk­lich er­lebt oder nur ima­gi­niert blei­be of­fen. (An­schei­nend möch­te er sich nicht mehr dem Vor­wurf aus­setz­ten, ei­nen sur­rea­len Text nicht er­kannt zu ha­ben.) Win­kels fin­det viel Ge­fal­len an der Ge­schich­te und be­wun­dert den prä­zi­sen Ein­satz der Gram­ma­tik, um das Er­in­nern der Fi­gur an ih­re Ver­gan­gen­heit und die gleich­zei­ti­ge Zu­kunfts­phan­ta­sie mit­ein­an­der zu verknüpfen.

Paul Jandl weist sei­nem Ein­druck den Kurz­ti­tel „ Ein­schleich­dieb ins bür­ger­li­che Glück“ zu, sei­ner Mei­nung nach sei es ein schö­ner, stim­mi­ger und stich­hal­tig er­zähl­ter Text.

Dem Lob schließt sich Kel­ler an, mit der Ein­schrän­kung, daß sich der Hand­lungs­im­puls ver­flüs­si­ge. Da­durch ge­win­ne die Fi­gur kein Pro­fil, man kom­me ihr nicht nahe.

Ei­ne tem­po­rei­che Er­zäh­lung mit in­ter­es­san­ten Stel­len, die sie je­doch kaum wei­ter be­schäf­ti­gen wird, wer­tet Caduff.

Da­nie­la Stri­gl hin­ge­gen fühlt sich an Hans-Chris­ti­an An­der­sen er­in­nert, an sei­ne Be­wun­de­rung der war­men Stu­be, und über­legt, ob es sich nur um ei­nen Tag­traum han­de­le. (s.o. surreal)

Die Ein­fach­heit täu­sche, er­klärt Feß­mann, die Men­to­rin des Tex­tes, die rea­lis­ti­sche Si­tua­ti­on des Ein­bruchs ver­mi­sche sich mit den Wunsch­träu­men der Fi­gur (sur­rea­le Dro­hung). Dar­auf­hin ent­wi­ckel­te sich ei­ne Dis­kus­si­on zwi­schen Jandl, Stri­gl und Ca­duff, in der Jandl den schö­nen Schein an­führt, Ca­duff die über­ge­ne­ra­tio­nel­le Fra­ge im ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text auf­ruft und Stri­gl den Text als haar­scharf an der Kli­sche­ei­dyl­le vor­bei phan­ta­siert bezeichnet.

Burk­hard Spin­nen ord­net Stich­manns Text als klas­sisch vam­pi­ris­tisch ein, da der Prot­ago­nist sich die Iden­ti­tät der An­de­ren an­eig­ne. Der­ar­ti­ge Tex­te ha­be er je­doch schon so vie­le ge­le­sen, daß ihm die Be­son­der­heit die­ses Werks un­klar bleibe.

Mein Fa­vo­rit ist der Text nicht, er lässt mich ziem­lich kalt.

Zum Ab­schluss des Nach­mit­tags las Sa­bi­ne Has­sin­ger, die als Bild­haue­rin und Mu­sik­the­ra­peu­tin in der Psych­ia­trie ar­bei­te­te. Ih­ren In­tro­film hat sie selbst ge­stal­tet, auf­fal­lend wa­ren die vie­len selt­sam skur­ri­len Pa­pier­bas­te­lei­en. Eben­so selt­sam wirk­te der Text „Die Ta­ten und Lau­te des Ta­ges“, der ei­nem Dra­ma gleich mit der Be­set­zungs­lis­te der Fi­gu­ren be­ginnt. Dass dies ein schwie­ri­ger Text wer­den wird, war klar. Da­nie­la Stri­gl hat die Au­torin vor­ge­schla­gen, mich er­in­ner­te der Text an Ra­bi­no­wichs Erd­fres­se­rin vom letz­ten Jahr. Als er on­line war, ver­such­te ich mit zu le­sen, was mich al­ler­dings noch mehr ver­wirr­te, da die In­ter­punk­ti­on wohl ei­ne Has­sin­ge­ri­sche war. Frau­en, ein to­ter Va­ter, Kno­chen in Schach­teln mit Sand, mehr kam nicht bei mir an. Auch im Pu­bli­kum mach­te sich Un­ru­he breit. Als die Le­sung be­en­det war, dräng­ten sich nicht wie sonst die Ju­ro­ren zu Wort, son­dern ein zö­ger­li­ches Zau­dern brei­te­te sich aus. Je­der schien je­dem ger­ne den Vor­tritt las­sen zu wollen.

Hu­bert Win­kels geht rit­ter­lich als ers­ter ins Tur­nier und ge­steht sein Pro­blem mit dem Text. Be­son­ders die Per­so­nal­pro­no­men ha­ben ihn so ge­nervt, daß er sich ihm nicht ent­spannt hin­ge­ben konnte.

Kel­ler er­in­nert an die Vi­ta der Au­torin, an ih­re Tä­tig­keit in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik. Sie ge­he an­ders mit der Spra­che um, ver­las­se die Ebe­ne der Se­man­tik, er­zeu­ge kei­nen Kon­sens. Als Sprech­par­ti­tur sei der schwer zu­gäng­li­che Text geeignet.

Der Text sei kom­pli­ziert, so Stri­gl, und müs­se eben mehr­mals ge­le­sen wer­den. Er hand­le von Glück und Un­glück, ei­ne Art To­ten­buch, ei­ne Kran­ken­ge­schich­te im Ir­ren­haus. Sie ha­be über die In­ter­pre­ta­ti­on nicht mit der Au­torin gesprochen.

Mei­ke Feß­mann ver­sucht dem Pu­bli­kum vor Ort und drau­ßen den In­halt zu ent­schlüs­seln. Er­klärt den et­was zer­rupf­ten Ton mit der stän­di­gen Zwi­schen­re­de­rei der Mut­ter. Die Ka­lau­er emp­fin­det sie als störend.

Co­rin­ne Ca­duff be­grüßt es zwar ei­nen sprach­ex­pe­ri­men­tel­len Text im Wett­be­werb zu ha­ben, aber sie hat kei­ne Lust da­zu. Das Le­sen sei zu zeit­auf­wen­dig. Ob Der­ar­ti­ges noch zeit­ge­mäß sei? Oder sei der Text gar ein An­griff auf das ak­tu­el­le Timemanagement?

Die­ses Fra­ge weist Jandl zu­rück. Es sei ein schö­ner poe­ti­scher Text, ‑Win­kels möch­te ger­ne die Poe­tik er­klärt haben‑, bei dem nicht al­les ver­stan­den wer­den muss. Man kön­ne ihn le­sen wie ei­nen Rohrschachtest.

Burk­hard Spin­nen weist dar­auf­hin, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text ei­ne An­stren­gung erfordere.

Mehr fällt mir da­zu auch nicht ein.

Da­mit ist der ers­te Tag sehr an­stren­gend zu En­de ge­gan­gen. Ei­nen po­ten­ti­el­len Preis­trä­ger ha­be ich noch nicht ver­spürt und bin ge­spannt auf morgen.